Von Broder, Henryk M.
Fährt man von Boston auf der Interstate 90 ("Massachusetts Turnpike") Richtung Westen, kommt man nach 130 Meilen oder etwa zweieinhalb Stunden nach Stockbridge, einer Gemeinde in Berkshire County, kurz vor der Grenze zum Bundesstaat New York.
Stockbridge ist so klein, dass man den Ort mit der Lupe auf der Landkarte suchen muss. Dennoch regieren sich die etwa 2500 Einwohner, wie es der Verfassung von Massachusetts entspricht, selbst: "Live free or die!" Einmal im Jahr, immer am dritten Montag im Mai, kommen die erwachsenen Bürger von Stockbridge zu einem "open town meeting" zusammen, um über alle Angelegenheiten der Kommune zu beraten und abzustimmen. Die Entscheidungen der Vollversammlung werden von einem dreiköpfigen gewählten "Board of Selectmen" umgesetzt.
Nicht nur politisch ist Stockbridge - 1734 von Missionaren gegründet, um die örtlichen Indianer zum Christentum zu bekehren - eine Bilderbuchgemeinde. Der Ort ist so schön, dass es dem Besucher den Atem verschlägt, eine amerikanische Idylle, wie sie amerikanischer und idyllischer nicht sein könnte. Die Hauptstraße heißt, wie es sich gehört, Main Street, das öffentliche Leben findet zwischen der "Public Library" und dem "Red Lion Inn" statt, einem Gasthof, der 1773 als Postkutschenstation etabliert wurde; unter den Souvenirs, die man an der Rezeption des Inns kaufen kann, ist auch eine Postkarte, auf der die Straße zur Weihnachtszeit zu sehen ist.
"Main Street at Christmas" hat Norman Rockwell für die Dezember-1967-Ausgabe von "McCall's Magazine" gemalt, ganz Amerika in einer bunten Nussschale. Genau die Art von Bild, in das man sich verguckt, bevor einem bewusst wird, dass es sich um ein Stück Kitsch handelt, das man von der Wirklichkeit kaum unterscheiden kann. Schwer zu sagen, was anmutiger und anrührender ist: das Original oder die Abbildung.
"Main Street at Christmas" ist gewiss nicht Rockwells bestes Bild, aber es gehört zu den Werken, die für seinen Ruf als der Maler des einfachen, ländlichen, unverdorbenen Amerika verantwortlich sind.
Kritiker streiten sich darüber, ob man seine Werke überhaupt als Kunst bezeichnen und Rockwell in einem Atemzug mit "richtigen" Künstlern wie Jackson Pollock oder Andy Warhol nennen kann. Es ist, als würde man darüber debattieren, ob eine in Oberammergau geschnitzte Mutter Gottes neben einer aus Petersburg stammenden Ikone stehen darf.
Denn Norman Rockwell, 1894 in New York geboren, ist für Stockbridge das, was Goethe für Weimar, Dürer für Nürnberg und Beethoven für Bonn bedeuten. Er ist der berühmteste Sohn des Ortes, obwohl er nur einen Teil seines Lebens in Stockbridge verbracht hat, aber: Es war eben der entscheidende Teil.
Und deswegen wurde schon 1969, neun Jahre vor Rockwells Tod, in Stockbridge das Norman Rockwell Museum gegründet. Es beherbergt heute rund 700 Originalwerke des Künstlers, dazu dessen Archiv mit über 150 000 "Items" aus seinem Leben: Fotos, Briefen, Skizzen und persönlichen Memorabilia. Wer mehr über die Seele von Amerika erfahren möchte, als ihm von "New York Times", CNN und Madonna vermittelt wird, der kommt an Rockwell und Stockbridge nicht vorbei.
Norman Percevel Rockwell war noch nicht einmal 16 Jahre alt, als er seinen ersten Auftrag bekam: vier Entwürfe für Weihnachtskarten. Mit knapp zwanzig wurde er Art Director bei "Boys' Life", dem offiziellen Magazin der Boy Scouts of America. Er meldete sich im Ersten Weltkrieg freiwillig zur Navy, wurde aber nicht genommen, weil er untergewichtig war. Mit 21 machte er sich selbständig und belieferte Magazine wie "Life" und "Country Gentleman" mit Illustrationen. Ein Jahr später zeichnete er sein erstes Titelblatt für "The Saturday Evening Post", die größte und beliebteste Familienzeitschrift der USA.
Im Laufe der folgenden 47 Jahre sollten es weitere 321 Cover werden, darunter viele, die zum Inbegriff des "American Way of Life" wurden.
Rockwells Markenzeichen wurden gezeichnete Momentaufnahmen aus dem Alltag der kleinen Leute, auf den ersten Blick belanglose Szenen, die er auf der Straße, im Restaurant oder bei einer Familienfeier beobachtet hatte.
Mit dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg verändert sich sein Blick und damit auch sein Repertoire, Rockwell wird politisch, nicht mehr die kleinen Leute, sondern die großen Helden haben es ihm angetan. Manche seiner Arbeiten aus jenen Jahren sehen aus, als hätte er sich den Sozialistischen Realismus zum Vorbild genommen. Rockwell macht Agitprop - für sein Amerika, für den Patriotismus, für eine bessere Welt.
1943, angeregt durch eine Rede von Präsident Franklin Roosevelt, malt er die "Vier Freiheiten", die nacheinander als Titelseite der "Saturday Evening Post" erscheinen: die Freiheit der Rede, die Freiheit des Glaubens, die Freiheit von der Not, die Freiheit von der Angst. Das US-Finanzministerium schickt die "Vier Freiheiten" auf Tournee durch das Land, um den Verkauf von Kriegsanleihen anzukurbeln. Auf diese Weise kommen über 130 Millionen Dollar zusammen.
1953 zieht Rockwell mit seiner Familie aus Arlington in Vermont nach Stockbridge in Massachusetts. Zu der Zeit kennt ihn jedes Kind in den USA, er könnte sich zur Ruhe setzen und die Früchte seiner Arbeit genießen. Aber das wäre unamerikanisch. Er schreibt seine Autobiografie ("Meine Abenteuer als Illustrator") und widmet sich nun anderen Themen: Armut, Bürgerrechten, Rassismus im reichsten und freiesten Land der Welt.
1960 schaut ganz Amerika nach Louisiana, wo die sechsjährige Ruby Bridges als erstes schwarzes Kind an einer weißen Schule eingeschult werden soll. Für die Bürgerrechtler ein Testfall, für die weißen Suprematisten eine ungeheure Provokation. Es kommt zu schweren Unruhen, die mit einer Niederlage des weißen Mobs enden. Vier Jahre später malt Rockwell sein wahrscheinlich bestes Bild. Ein schwarzes Mädchen in einem weißen Kleid, das von vier Marshalls eskortiert wird: "The Problem We All Live With". Es ist in der Tat ein Problem, mit dem alle Amerikaner etwas zu tun haben, egal ob sie zur weißen Mehrheit oder schwarzen Minderheit gehören. Rockwells Bild lässt keine Interpretation zu, auf wessen Seite er steht. Man spürt seine Wut, dennoch hält er sich zurück. An der Wand im Hintergrund steht "Nigger", daneben hat eine zerplatzte Tomate einen roten Abdruck hinterlassen. Mehr muss nicht sein.
Rockwell hat nicht nur über 4000 Bilder gemalt, von denen viele nicht mehr erhalten sind, er hat auch mehr als drei Dutzend Bücher illustriert, darunter amerikanische Klassiker wie "Tom Sawyer und Huckleberry Finn". Er hat die US-Präsidenten Eisenhower, Kennedy, Johnson und Nixon porträtiert, außerdem die Präsidenten Nasser, Ägypten, und Nehru, Indien.
Seine Arbeiten haben Steven Spielberg ("Das Reich der Sonne"), George Lucas ("Die Abenteuer des jungen Indiana Jones"), George Roy Hill ("Funny Farm"), Ridley Scott ("American Gangster") und Robert Zemeckis ("Forrest Gump") inspiriert, was seriöse Kunstkritiker noch in ihrer Überzeugung bestärkte, dass Rockwell kein ernstzunehmender Künstler, sondern nur ein "Illustrator" war, der den Massengeschmack bediente. Rockwell war die ganze Kritikasterei egal, er nannte sich ohnehin selbst nur Illustrator. F
SPIEGEL SPECIAL Geschichte 4/2008
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