20.08.2013

„Es gibt keine Schönheit“

Die französische Performance-Künstlerin ORLAN über erfundene Ideale, falsche Bauchmuskeln und die Freiheit, den eigenen Körper zu gestalten
SPIEGEL: War es für Sie einfach, einen Schönheitschirurgen zu finden, der bereit war, Ihnen Implantate in die Schläfen zu setzen?
ORLAN: Nein, die meisten lehnten auf Anhieb ab. Es gab einige, die sagten, ich würde am Ende wie eine Frau aussehen, mit der man nicht freiwillig ins Bett gehen möchte.
SPIEGEL: So haben die das formuliert?
ORLAN: Schönheitschirurgen haben extrem rigorose Vorstellungen davon, wie ein weibliches Gesicht auszusehen hat, und wollen allen ihr Schönheitsideal aufdrängen. Die Schönheitschirurgie ist der Bereich, wo der Mann seine Macht über den Körper der Frau am stärksten und vollkommen ungestraft ausüben kann. Am Ende habe ich eine Chirurgin in New York gefunden, die sofort begriffen hat, dass es mir nicht darum ging, "cute", also einfach nur hübsch auszusehen.
SPIEGEL: Wie würden Sie sich einem Blinden beschreiben?
ORLAN: Zuallererst würde ich mich vorstellen und sagen, dass ich ORLAN bin, unter anderem und im Rahmen des Möglichen. Dass ich Künstlerin bin, eine Frau also, was mein Name nicht auf Anhieb erkennen lässt. Außerdem habe ich schwarz-weißes Haar und zwei Beulen an den Schläfen, die ich meistens schminke und mit Pailletten verziere, weil ich das Echte und das Falsche mag. Wenn die Leute das hören, stellen sich die meisten ein Monster vor. Aber wenn man mich trifft, kann sich das ändern.
SPIEGEL: Warum haben Sie sich die Implantate damals einpflanzen lassen?
ORLAN: Bei allen meinen Arbeiten geht es mir darum, Besonderheit zu schaffen und Einzigartigkeit anzuerkennen. Das Ziel ist, von den Vorgaben abzuweichen, die Andersartigkeit anderer zu respektieren und seine eigene herzustellen. Sich also selbst zu entbinden, wie eines meiner Werke heißt.
SPIEGEL: Es ging also nicht darum, schöner oder hässlicher zu werden?
ORLAN: Es ist wirklich schwierig, das zu vermitteln, aber ich habe keinerlei Bedürfnis nach einer Schönheitsoperation gehabt. Ich mochte mein Gesicht und meinen Körper sehr und habe intensiv damit gearbeitet. Mein Äußeres war von Anfang an die Grundlage vieler Werke. Ich wollte neue Bilder von mir haben, um mit ihnen wieder neue Bilder zu machen. Es ging mir darum, meinem Gesicht eine zusätzliche Dimension zu geben, mit Bedeutung und Repräsentation zu spielen, die Grenzen verfließen zu lassen. In der Kunst würde man das Sfumato nennen.
SPIEGEL: Der Körper wird dabei Teil des Werkes?
ORLAN: Das ist in der Tat die Idee dabei: Sich selbst neu zu erfinden, neu zu formen und das, was uns die Natur als Körper und Gesicht gegeben hat, als Maske zu begreifen, die man uns aufgezwungen hat, egal, ob man sie angemessen findet oder nicht.
SPIEGEL: Sie haben das Gesicht, das Sie vorher im Spiegel sahen, also doch nicht so gemocht?
ORLAN: Was mich damals sehr verwunderte, war die Tatsache, dass ich ein junges Mädchen sah mit einem banal verführerischen Gesicht, das den Männern gefiel. Das war seltsam, weil ich eine rebellische Jugendliche war, die extrem kritisch gegenüber der Gesellschaft war. Ich hatte das Gefühl, anders als andere zu denken und zu sprechen, aber meine Selbstwahrnehmung entsprach so gar nicht dem Bild der hübschen jungen Frau, die ich im Spiegel sah. Beides klaffte auseinander. Mit den Operationen wollte ich die Lücke zwischen dem, was ich bin und dem, was ich hatte, überwinden.
SPIEGEL: Sie wollten Ihren Körper beherrschen?
ORLAN: Ja, ihn mir aneignen und gleichzeitig ein neues Bild schaffen, mit dem ich arbeiten konnte. Meine Arbeiten haben von Anfang an den Status des Körpers in unserer Gesellschaft in Frage gestellt. Unser Körper steht unter dem Druck der dominanten Ideologien, die kulturell, religiös oder politisch sein können. Sie hinterlassen ihre Spuren im Fleisch und sorgen dafür, dass unser Körperbild eines ist, das die Gesellschaft akzeptiert oder auch nicht.
SPIEGEL: Sind wir inzwischen nicht frei und selbstbestimmt und können auch mit unserem Körper tun, was wir wollen? Über Piercings und Tätowierungen etwa regt sich heute doch kaum noch jemand auf?
ORLAN: Nein, wir sind nicht frei. Es gibt immer noch brutale Diktate. Das sieht man an den Vorbildern, die uns in der Mode, in Filmen und Videospielen präsentiert werden. Überall zeigt man uns einen bestimmten Typus von Frauen mit einem bestimmten Körper und einer bestimmten Haltung. Die meisten jungen Mädchen versuchen, diesem Diktat zu folgen - und sehen alle gleich aus. Sie haben halblange Haare, viele sind magersüchtig oder versuchen, so wenig wie möglich zu essen, weil wir in einer Gesellschaft leben, die das Fleisch hasst.
SPIEGEL: Woher kommt diese Angst vor der Körperlichkeit, dem Fleisch?
ORLAN: Wenn ich das wüsste! Wir haben die ganze Ewigkeit Zeit, ein Skelett zu sein. Die meisten streben es schon zu Lebzeiten an. Zu Rubens' Zeiten war es jedenfalls anders, und in vielen Ländern Afrikas ist es das auch. Dort sind nur Frauen begehrenswert, die rundlich sind. Diese brutalen Diktate über den Körper sorgen dafür, dass wir permanent scheitern, weil wir nie auf der Höhe des Vorbilds sind. Vor allem wir Frauen sind nie jung genug. Es liegt deshalb immer ein Hauch von Demütigung in der Luft.
SPIEGEL: Warum propagieren Sie dann die Schönheitschirurgie? Die Operationen dienen doch dazu, dem herrschenden Schönheitsideal nahezukommen?
ORLAN: Die Freiheit, das Recht, den eigenen Körper zu gestalten, ist großartig. Niemand sagt doch, dass man mit einer Operation das herrschende Ideal anstreben muss. Der Stylist Charlie le Mindu zum Beispiel, der meine Arbeit sehr schätzt, hat mir erzählt, er würde sich gern in Brasilien ein Sixpack-Implantat einsetzen lassen. Aber eines mit zusätzlichen Muskelpaketen, um zu zeigen, dass sein Bauch nicht echt ist. Das ist phantastisch! Er beugt sich nicht der Norm, sondern er schafft etwas Neues daraus.
SPIEGEL: Aber das sind Operationen, Eingriffe an einem gesunden Körper!
ORLAN: Immer, wenn man den Körper antastet, scheint die Welt zusammenzubrechen. Mir kommt das wirklich seltsam vor, eine Frau zu verurteilen und es unerträglich zu finden, dass sie sich nicht selbst akzeptiert wie sie ist. Das ist anachronistisch. Es gibt doch auch Leute, die künstliche Zähne haben, künstliche Hüft- oder Kniegelenke oder einen Herzschrittmacher. Das ist gesellschaftlich akzeptiert.
SPIEGEL: Die vorsorgliche beidseitige Brustamputation von Angelina Jolie schockiert Sie dann vermutlich auch nicht?
ORLAN: Im Gegenteil. Das ist phantastisch, wenn sie dadurch der Krankheit und dem Tod entkommt.
SPIEGEL: Langfristig entkommt auch sie nicht dem Tod ...
ORLAN: Ich bin gegen den Tod. Vor einigen Jahren habe ich sogar eine Petition gegen den Tod lanciert. Das Alter allein ist eine schreckliche Tortur, über die man nicht sprechen darf, weil es weiterhin tabu ist. Wenn man sterben kann, ohne zu leiden, ist das schon ein Fortschritt.
SPIEGEL: Trotz der Fortschritte der Medizin und der ästhetischen Chirurgie beherrschen wir den Körper nicht komplett. Glauben Sie an die hundertprozentige Kontrolle?
ORLAN: Der Körper entwischt uns. Aber man kann einiges versuchen. Eine meiner Arbeiten heißt "Versuch, aus dem Rahmen zu treten". Ich war sehr jung, als ich sie gemacht habe. Ich bin zu sehen, wie ich versuche, aus einem großen Goldrahmen zu steigen. Und ich glaube, das ist es, was wir auch in unserem Leben versuchen sollten: aus dem Rahmen zu fallen.
SPIEGEL: Was genau ist dieser Rahmen?
ORLAN: Es sind die Normen, in die man uns einsperrt, die Formatierungen, die man uns in den Kopf setzt und die uns dieses oder jenes glauben lassen und anderes nicht. Wichtig ist, diese Begrenzungen wahrzunehmen, zu wissen, dass sie existieren. Erst dann kann man sie überwinden oder zerstören.
SPIEGEL: Die meisten Menschen fallen nicht gern aus dem Rahmen.
ORLAN: Es ist ja auch sehr schwierig. Sobald man anders ist, wird man auf mehr oder minder brutale Weise zurückgepfiffen. Aber noch schlimmer ist es, die Vorgaben nicht zu sehen. Es gibt ja tatsächlich Leute, die sich nicht klarmachen, dass ihre Überzeugungen vorgeformt und vollkommen formatiert sind.
SPIEGEL: Welche Möglichkeiten haben wir, uns dagegen aufzulehnen, mit unserem Körper zu spielen?
ORLAN: In Japan gibt es Jugendliche, die sich, wenn sie abends ausgehen, Kochsalzlösung ins Gesicht spritzen lassen. Es entstehen enorme Beulen, auf denen sie herumdrücken, wodurch wieder neue Dellen entstehen. Auf diese Weise gelingt es ihnen, ihr Gesicht vollkommen zu verformen. Man nennt sie Bagelheads. Aber sie machen das nicht, um schöner zu sein. Es hat im Gegenteil eher mit Verzerrung und Entstellung zu tun. Ich empfinde das als eine Art Fortsetzung meiner Arbeit.
SPIEGEL: Agiert dann auch jemand, der sich komplett tätowieren lässt, in Ihrem Sinne?
ORLAN: Die Bagelheads sind viel interessanter als Leute, die sich tätowieren oder piercen lassen. Angeblich pierct man sich ja, um die Konventionen zu sprengen. In Wahrheit entspricht es nur den Regeln und Erwartungen einer bestimmten Gruppe, der man angehören will.
SPIEGEL: Ihre Kunst beleuchtet immer auch die Rolle des weiblichen Körpers in der Kultur. Wie setzen Sie das in Ihren aktuellen Arbeiten fort?
ORLAN: Zu Beginn meiner Arbeit habe ich mit Körperskulpturen thematisiert, wie der Frauenkörper in der Geschichte, der Kultur und der religiösen Ikonografie wahrgenommen wurde. Meine Operationen bildeten ein Scharnier zu meinen neueren Arbeiten, in denen ich mit Fotos, Skulpturen und anderen Plastiken die nichtwestlichen Kulturen untersuche. Mal tauche ich darin selbst auf, manchmal nicht.
SPIEGEL: Eine Ihrer jüngsten Arbeiten ist ein digital erzeugtes Video-Selbstporträt, bei dem Sie gehäutet zu sehen sind. Was hat es damit auf sich?
ORLAN: Der Schriftsteller Paul Valéry hat gesagt, das Tiefste des Menschen sei seine Haut. Das stelle ich mit dem Werk in Frage. Und gleichzeitig gehe ich noch weiter als mit meinem Operationen: Ich remodelliere meinen Körper nicht nur, ich erschaffe ihn mit dem Computerprogramm neu.
SPIEGEL: In Ihrer Arbeit haben Sie immer wieder thematisiert, was eigentlich Schönheit ist. Haben Sie eine Antwort gefunden?
ORLAN: Schönheit ist das, was von der dominanten Ideologie fabriziert wird. Alle Zivilisationen haben den Körper nach ihren Vorstellungen formen wollen. Man muss sich nur die Afrikanerinnen mit ihren enormen Lippen ansehen oder die Giraffenhalsfrauen mit ihren langgestreckten Hälsen. Das alles ist künstlich hergestellt.
SPIEGEL: Schönheit gibt es also nicht?
ORLAN: Es ist ein Konzept mit einem wechselnden Referenzpunkt, der sich immer wieder von einem Extrem zum anderen bewegt. Schönheit ist etwas Verfertigtes und ein Wort, an dem sich alle ergötzen.
SPIEGEL: Und immer vergänglich, sagt man ja. Auch die Beulen-Implantate auf Ihrer Stirn sind im Laufe der Zeit kleiner geworden. Täuscht der Eindruck?
ORLAN: Nein. Aber es sind nicht die Beulen, die sich verändert haben, sondern ihr Verhältnis zum Körper. Am Anfang wehrt er sich gegen das Fremde. Irgendwann beruhigt sich alles, der Körper gibt den Kampf auf.INTERVIEW: MARTINA MEISTER
ZUR PERSON
ORLAN
Die französische Künstlerin, 66, macht "carnal art", Kunst mit dem eigenen Körper. Ihren Künstlernamen schreibt sie stets in Großbuchstaben: ORLAN. In den frühen neunziger Jahren wurde sie weltweit bekannt mit einer Reihe von Schönheitsoperationen, die sie als Performance inszenierte und via Satellit in verschiedene Museen übertragen ließ. Damals ließ sie sich zwei Implantate in die Schläfen einsetzen, die sie bis heute trägt. Später folgten Serien, für die sie Fotos von bekannten Gemälden, präkolumbischen Skulpturen, afrikanischen und indianischen Frauen mit Selbstporträts mixte. Auf der jüngsten Biennale in Venedig präsentierte sie ein Video mit dem Titel "The Freedom and Two Skinned ORLAN-Bodies", das ihren Körper ohne Haut als medizinisches Modell zeigt.

"WER ANDERS IST, WIRD BRUTAL ZURÜCKGEPFIFFEN."

Von Martina Meister

SPIEGEL WISSEN 3/2013
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