12.11.2013

Bärengalle in Schnaps

In Vietnam gilt Tierisches von alters her als heilsam - seien es Affenknochen oder Horn vom Rhinozeros. Immer mehr Menschen können sich den fragwürdigen Luxus leisten.
Der Lori hat wolliges, braunes Fell und riesige Augen. Der Primat ist nicht größer als eine Ratte, trotzdem zahlt die junge Anwältin aus Hanoi 500 000 Dong, rund 18 Euro, für das Tier. Sie glaubt, seine kleinen Knochen - eingekocht zu einer zähen Masse - seien heilsam für ihre kranke Lunge.
Der Mann, der den Lori verkauft, ist Bergbauer im Nordwesten Vietnams, einer Gegend, in der die Wildnis noch bis an die Dörfer reicht. Er geht regelmäßig auf Jagd und fängt, was seine Kunden begehren: Affen, Stachelschweine, Schlangen, einmal sogar einen jungen Kragenbären. Die Tierwelt Vietnams ist ebenso vielfältig wie die heilenden Wirkungen, die man den Tieren nachsagt. Pulverisierte Stachelschweinstacheln helfen angeblich bei Brandwunden. Schlangenextrakte sollen Hautkrankheiten und Rückenschmerzen heilen; in Alkohol eingelegt fördere das Reptil die Potenz.
"Es heißt, gegen jedes Gebrechen hält unsere Natur ein Gegenmittel parat. Das können Pflanzen, Mineralien oder eben Tiere sein", sagt die 82-jährige Vu Thi Nho. Die Apothekerin entstammt einer Familie, in der das Wissen um die traditionelle Medizin von Generation zu Generation weitergegeben wird.
Während der tausendjährigen chinesischen Herrschaft über die Region des heutigen Nordvietnam wurde die Heilkunst stark von den Lehren Chinas beeinflusst. Heute sind die beiden Richtungen kaum voneinander zu trennen. Vietnamesische Ärzte sprechen oft ganz allgemein von der traditionellen Medizin, wenn sie den Puls fühlen, die Zunge auf Form, Farbe und Belag prüfen und sich so ein Bild von den Disharmonien im Körper machen. Krankheiten werden als Ungleichgewicht zwischen am und duong (Chinesisch: yin und yang) interpretiert, das die Lebensenergie hemmt. Um die Balance wiederherzustellen, verschreiben die Ärzte nach alten Rezepten hergestellte Medikamente und Praktiken wie Akupunktur oder trung gio, wörtlich "Wind fangen". Dabei wird eine Münze über die Haut gerieben, bis Blutergüsse entstehen. So sollen schlechte Winde ausgetrieben werden.
In der Lan-Ong-Gasse stehen Säcke mit Bocksdorn-Beeren, getrockneten Longan-Früchten und Weidenborke auf den Gehwegen. Tellergroße Linh-Chi-Pilze hängen in offenen Ladentüren. Ein süßlich-herber Geruch liegt in der Luft.
Die Lan Ong in der Altstadt von Hanoi ist die Gasse der traditionellen Medizin. Aber außer getrockneten Geckos, auf Schnüren aufgefädelt, sind hier keine Tiere im Angebot. Zumindest nicht sichtbar.
1994 hat Vietnam das Washingtoner Artenschutzübereinkommen unterschrieben. Der kommerzielle Handel mit unmittelbar vom Aussterben bedrohten Tieren und Pflanzen ist verboten. Verkäufern wie auch Konsumenten drohen bis zu sieben Jahre Haft und hohe Geldstrafen. Dennoch ist die Nachfrage größer denn je. Gelegenheitsjäger wie der Bergbauer mit dem Lori befriedigen den Markt nicht. Längst haben sich international organisierte kriminelle Gruppen in den Handel eingeschaltet. Das Gros der Tiere beziehen sie aus dem Ausland, nicht zuletzt, weil die heimischen Bestände extrem dezimiert worden sind. Zudem gilt in anderen südostasiatischen Ländern wie Laos oder Burma das Gesetz noch weniger als in Vietnam, was Jagd wie auch Zucht der Tiere vereinfacht.
"Die Nachfrage wird angeheizt vom neuen Wohlstand", sagt Vu Thi Quyen, Gründerin der Artenschutzorganisation Education for Nature Vietnam. Viele Menschen können sich heute Produkte wie Tigerknochenpaste leisten. "Die Leute sind schlecht oder falsch informiert." Bestes Beispiel, so Vu Thi Quyen: das Nashorn-Horn.
Aus der rauen Oberfläche des Rhino-Horns stechen splittrige, borstenartige Fasern. Stolz zeigt Frau Lan, 50 Jahre alt und Hochschullehrerin, ihr ingwerknollengroßes Hornstück, verschließt es dann aber schnell wieder in der Wohnzimmervitrine. Den Schlüssel behält sie bei sich. Nicht aus Angst vor der Polizei, denn von der Seite, da ist sie sich sicher, droht keine Gefahr. Aber sie traut ihrem Mann nicht. Seitdem sie aus Karrieregründen der Kommunistischen Partei Vietnams, der einzigen politischen Partei des Landes, beigetreten ist, hat er den Respekt vor ihr verloren und provoziert sie gern. Erst letztens hat er ein paar Gramm ihres Rhino-Horns an seine Fische verfüttert und behauptet, sie seien danach viel aktiver gewesen.
Die traditionelle Medizin kennt das pulverisierte Horn der Tiere aus Asien oder Afrika als Mittel zur Fiebersenkung; sonderlich gefragt war es jedoch nie. Es gab immer bessere und günstigere Alternativen. Doch dann kam das Gerücht auf, Nashorn-Horn helfe gegen den dicken Kopf nach einer Sauferei - und vor allem: Es könne Krebs heilen. Seitdem ist Vietnam zum weltweit größten Absatzmarkt geworden.
Was für die einen die "Modedroge gegen Kater" und mitunter ein Statussymbol ist, ist für die anderen die letzte Hoffnung, den Krebs zu überleben. In Vietnam erliegen sehr viele Kranke ihrem Krebsleiden. Der Grund ist nicht, dass sie keine westlichen Behandlungsformen in Anspruch nehmen wollten. Bei akuten Krankheiten wie Krebs suchen alle, die es sich irgendwie leisten können, ein reguläres Krankenhaus auf. Aber die Chance, dort rechtzeitig eine Therapie zu erhalten, ist gering. Die technischen Voraussetzungen fehlen. So stehen im ganzen Land mit seinen rund 90 Millionen Menschen gerade einmal 25 Geräte zur Strahlenbehandlung bereit.
Da wundert es nicht, dass auf dem Schwarzmarkt in Hanoi aktuell rund 6800 Euro pro 100 Gramm Rhino-Horn gezahlt werden, mehr als für Gold. "Und dabei ist Horn hauptsächlich Keratin, der Stoff, aus dem auch Haare und Nägel bestehen", sagt die Artenschützerin Vu Thi Quyen. "Da kann man genauso gut Fingernägel kauen."
Der Nachschub kommt vor allem aus Südafrika, wo im vergangenen Jahr 668 Nashörner von Wilderern getötet wurden und bereits 746 in den ersten zehn Monaten dieses Jahres. Zum Vergleich: von 2000 bis 2007 waren es insgesamt 120 Tiere. Auch durch Museen und zoologische Sammlungen ziehen die Diebe weltweit, um ausgestopften Exemplaren die Hörner abzuschlagen. Zuletzt haben maskierte Räuber in Dublin vier Nashornköpfe aus einem Museumsarchiv entwendet. Tiergärten bangen um ihre "Lebendware". Im Kölner Zoo wird der Nashornbulle Taco rund um die Uhr mit Videokameras bewacht. Vietnams letztes wildes Nashorn fiel schon 2010 Wilderern zum Opfer.
Ein dumpfes Brüllen, dann schmerzerfüllte, verzweifelte Schreie. So klingt es, wenn einem Bären eine Kanüle in die Gallenblase gebohrt wird. Früher wurden Bärengallenblasen toten Tieren entnommen, bis dann Anfang der achtziger Jahre in Nordkorea eine Technik entwickelt wurde, lebenden Bären die Galle abzuzapfen. Diese Methode bedeutet, dass ein Bär immer wieder "gemolken" werden kann.
Die grün-gelbliche, leicht schäumende Flüssigkeit ist ein beliebtes Hausmittelchen gegen Prellungen. Leberkranke trinken den Gallensaft in Schnaps verdünnt gegen ihr Leiden, zehn Milliliter auf einen Liter, dreimal täglich. In der westlichen Medizin wird die Gallensubstanz Ursodeoxycholsäure, die beim Asiatischen Schwarzbären in hoher Konzentration vorkommt, auch bei Lebererkrankungen eingesetzt. Allerdings wird sie da synthetisch hergestellt. In Vietnam dagegen schwören sehr viele weiterhin auf die Originalflüssigkeit.
"Die Menschen bevorzugen die althergebrachten Medikamente wegen ihrer geringen Nebenwirkungen", sagt Tran Quoc Binh, Leiter des Nationalen Krankenhauses für Traditionelle Medizin in Hanoi. "Zwar können auch die traditionellen Heilmittel Reaktionen hervorrufen, aber diese sind in der Regel weitaus geringer als bei chemischen Produkten." Vietnam ist eines der wenigen Länder, in deren Gesundheitssystem die überlieferten Methoden eine wesentliche Rolle spielen. Dabei geht es nicht zuletzt ums Geld. Mit den Worten einer bäuerlich geprägten Gesellschaft: Traditionelle Medizin kostet ein Huhn, westliche Medizin einen Büffel, ein Krankenhausaufenthalt eine ganze Büffelherde.
In westlicher Medizin ausgebildete Ärzte wie Nguyen Ngoc Thanh betrachten die überkommenen Ansätze kritischer. "Die Herstellung traditioneller Medikamente entspricht nicht immer hygienischen Standards", sagt der Allgemeinmediziner. Nicht selten seien Pflanzen mit Schwermetallen oder Pestiziden belastet oder wegen falscher Lagerung von Pilzen befallen. Und Tierprodukte können von kranken Tieren stammen. Das ist besonders dann gefährlich, wenn sie, wie die Bärengalle, frisch getrunken werden.
Naturschutz ist in Vietnam nicht unbekannt. "Wald ist Gold", hat der legendäre Revolutionär Ho Chi Minh gepredigt. "Wenn wir ihn schützen und pflegen, ist er sehr wertvoll." Doch Ho Chi Minh ist tot, und die Zeiten, in denen opulente Wildbretgelage verpönt waren, sind vorbei.
"Hey, mehr Bier", brüllen die Männer im Chor. Sie sitzen in einem Gartenrestaurant im wohlhabenden Norden Hanois; ihre Gesichter sind vom Alkohol dunkelrot. Die Kontrolle über ihre Stimmen haben sie längst verloren. Eine Schleichkatze haben sie bereits verspeist. Der Boden ist übersät mit abgenagten Knochen.
Der Gastwirt bringt Bier und trägt dann einen Waran an den Tisch, ein meterlanges, dunkel geflecktes Tier, das unruhig seinen Schwanz hin und her schlägt. Auf das Nicken eines der Männer hin zückt der Wirt sein Messer, und innerhalb von Sekunden ist der Waran tot. Kleine Gläser werden mit Blut gefüllt und mit Schnaps aufgegossen. Die Männer prosten sich zu, johlend. Eine junge Kellnerin in viel zu kurzem Rock trägt das ausgeblutete Tier in die Küche, wo es zu einem Ragout verarbeitet wird.
Auch wenn das Fleisch eines Warans selbst in Vietnam nicht ausdrücklich als Medizin bezeichnet wird, sprechen ihm viele Menschen eine arzneiliche Wirkung zu. Essen gilt traditionell als Gesundheitspflege - ein möglicher Weg, die Balance im Körper zu halten. Nahrungsmitteln werden die Eigenschaften heiß und kalt zugeschrieben, was nichts mit der Temperatur oder der Würze zu tun hat, sondern mit der Wirkung des Essens auf den Körper. Schwere Speisen wie Hundefleisch und Frittiertes sind heiß; Lotossamen und Wasserschnecken kalt. Beim Waran ist sich keiner der Männer sicher, ob es nun heiß oder kalt ist. Aber sie sind überzeugt, dass es ihnen gut tun wird. Es geht hier auch um das mythische Einverleiben von Kraft. Je wilder und seltener ein Tier, desto größere Kräfte werden ihm zugesprochen.
Was sich dagegen die vielen ausländischen Touristen denken, wenn sie etwa im Dorf Le Mat bei Hanoi der Schlachtung von Schlangen beiwohnen, ist fraglich. Mit verzerrten Gesichtern und Gefeixe spülen sie noch pochende Schlangenherzen mit Schnaps hinunter, verspeisen das Fleisch in sieben Variationen und stellen von der Zeremonie ein Urlaubsvideo bei YouTube ein. Zwar werden in dem beliebten Ausflugsort seit Generationen Schlangen gezüchtet. Um allerdings die vielen Touristen satt zu bekommen, liegt es auf der Hand, dass wilde Tiere illegal zugekauft werden.
Verboten oder erlaubt, wen interessiert das schon? Touristen genießen in Vietnam einige Freiheiten, solange sie nur ihr Geld im Land lassen. Und die Justiz behandelt den Handel wilder Arten noch immer als Kavaliersdelikt, auch wenn die Gesetzgebung etwas anderes verlangt. So lange auch hohe Regierungsbeamte und einflussreiche Geschäftsleute zu den Verbrauchern gehören, ist ein Ende nicht abzusehen.
Die Hamburger Autorin Nora Luttmer, 40, hat Südostasienkunde in Passau, Paris und Hanoi studiert und reist regelmäßig nach Vietnam. Im Dezember erscheint im Aufbau Verlag "Der letzte Tiger", ihr zweiter Kriminalroman um den Hanoier Kommissar Ly. Darin geht es um ein Riesengeschäft: wilde Tiere als Medizin, Potenzmittel und Delikatesse.
Von Nora Luttmer

SPIEGEL WISSEN 4/2013
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