13.05.2014

Haut aus der Fabrik

Tierversuche für Kosmetika sind in der EU verboten. Die alternativen Tests erweisen sich noch als lückenhaft. Tierversuche für Kosmetika sind in der EU verboten. Die alternativen Tests erweisen sich noch als lückenhaft.
Kleopatra hatte einen wirklich stressigen Fulltimejob damals, im alten Ägypten. Tagaus, tagein mühte sich die ägyptische Pharaonin, ihr Reich zu vergrößern. Aber sie hatte ein Refugium: ihr Badezimmer. Tauchte sie dort ab und unter, hatten Sklaven die Wanne, so heißt es, mit Eselsmilch gefüllt und Honig hineinfließen lassen. Ein paar Jahrzehnte vor Christi Geburt wurde eines der bekanntesten Anti-Aging-Konzepte in der Kulturgeschichte der Kosmetik zur Legende.
Das Reich der Ptolemäer brach zusammen, das der Römer ebenso. Die Eselsmilch aber überlebte, sie wird bis heute von etlichen Herstellern zur Hautpflege angeboten. Kleopatras Rezept hat keine Nebenwirkungen: Weil die Milch frei von künstlichen Duftstoffen ist, löst sie in der Regel weder Rötungen oder gar Allergien aus.
Schon lange darf kein Kosmetikum in den Handel kommen, ohne in zahlreichen Versuchen überprüft worden zu sein. Nur: Seit Juli 2013 ist es EU-weit ausnahmslos verboten, Schönheitsmittel in Tierversuchen zu testen, um herauszufinden, ob sie gerötete Augen, Bläschen auf der Haut oder allergische Reaktionen hervorrufen.
Deshalb steht die Kosmetikindustrie vor einem Dilemma: Zwar wird die Verträglichkeit neuer Haarshampoos, Cremes und Parfums mit Versuchsreihen an einer Art künstlicher Haut getestet. So aber seien nur zuverlässige Prognosen über Hautirritationen möglich, die neue Stoffe hervorrufen können, sagt der Göttinger Allergologe Axel Schnuch, "ob sie Allergien verursachen, ist mit diesen Verfahren nicht feststellbar". Die Tests ließen eine Lücke für unangenehme Überraschungen.
Immerhin ist viel geschehen, seit Kleopatra ihr Bad nahm. Tanja Klein, Mitarbeiterin der Firma CellSystems in Troisdorf bei Bonn, füllt eine gelartige Masse in kleine Töpfchen. Die Gefäße enthalten Zellkulturen, die aus Hautzellen gewonnen wurden und in vier Wochen zu einer veritablen Oberhaut gewachsen sind. Nun sollen sie an einen Kunden aus der Kosmetikindustrie verschickt werden.
Die Hautfabrik im Rheinland stellt jährlich rund 10 000 solcher Gewebemodelle her, sie sind etwas kleiner als eine Ein-Cent-Münze und kosten pro Stück 52 Euro. CellSystems ist eine von weltweit vier Firmen, die aus kleinen Hautstücken, wie sie in Krankenhäusern etwa bei der Beschneidung der männlichen Vorhaut anfallen, Kunstgewebe herstellen. Abnehmer sind Kosmetikfirmen, die neue Produkte testen, vor allem aber staatlich anerkannte Laboratorien; dort wird die Haut mit neuen Cremes beschmiert, mit Lippenstiftfarben bekritzelt oder mit Parfum beträufelt, ehe die Freigabe für den Handel erfolgt.
Sterben im Versuch beispielsweise viele der Hautzellen durch den aufgetragenen Stoff ab, muss die Mixtur anders zusammengesetzt werden.
Viel haben die Kosmetikfirmen unternommen, um die Hautverträglichkeit ihrer Produkte ohne Tierversuche zu testen. Procter & Gamble (head & shoulders, Pantene, Olaz, Wella) investierte mehr als 330 Millionen US-Dollar für die Entwicklung und Validierung von Alternativen zu den einst üblichen Tierversuchen. Henkel (Schwarzkopf, Dial, Syoss) verzichtet schon seit den achtziger Jahren auf Tierversuche für Kosmetikprodukte - und zählt zu den Pionieren unter den Herstellern, die Alternativen erforschen.
Neben der künstlichen Haut werden beispielsweise auch Eier benutzt: Es gibt den sogenannten Hühnerei-Test zur Feststellung der Schleimhautverträglichkeit. Vor dem zehnten Bebrütungstag, wenn die Embryonen noch kein Schmerzempfinden haben, werden Testsubstanzen auf die Aderhaut des Eis aufgetragen, um Veränderungen der Blutgefäße oder des Eiklars zu prüfen. Früher wurden dafür Kaninchenaugen malträtiert.
Dass neue alternative Methoden allergen wirkende Stoffe nur unzureichend aufspüren, weiß die Industrie. Die Verfahren können "nicht alle Sicherheitsfragen beantworten", sagt Henkel-Sprecher Wulf Klüppelholz. "Mittel- bis langfristig" könnte die Entwicklung innovativer Kosmetikinhaltsstoffe in der EU "schwieriger werden". Das Unternehmen geht, etwa für neue Produkte der Marke Diadermine, den Weg der Vorsicht. Seit langem, so Klüppelholz, verzichte Henkel während der Entwicklungsphase auf gewisse Parfuminhalte, auf Farbstoffe und bestimmte Konservierungsmittel, die häufig zu Allergien führen.
Zusätzlich untersucht Henkel bei den Gesichtspflegeprodukten von Diadermine die Hautverträglichkeit ausführlich an gesunden Probanden. Allergien, die ja mehr sind als eine Reizung der Haut, werden dadurch ausgeschlossen. Diadermine-Produkte werden seit Jahren durch die Europäische Stiftung für Allergieforschung getestet und zertifiziert.
Auch die Zentralstelle zur Erfassung und Bewertung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch (Zebet), die dem Bundesinstitut für Risikobewertung angegliedert ist, wirbt mit ihren Erfolgen: Der von der Zebet mit entwickelte sogenannte In-vitro-3T3-NRU-Test zeige, ob Medikamente oder Kosmetika die Haut für Licht sensibilisieren und schon bei leichter Sonneneinstrahlung zu Rötungen oder Schuppenbildung führen. Dieser Test gilt im Vergleich zu früheren Versuchen mit Ratten, Mäusen, Meerschweinchen oder Kaninchen, die in enge, mit UV-Licht bestrahlte Röhren gepfercht wurden, sogar als zuverlässiger.
Kosmetika, die in China verkauft werden sollen, brauchen jedoch den Nachweis von Tierversuchen zur Verträglichkeitsprüfung. Europäische Firmen haben weder einen Einfluss auf die Auswahl der Testinstitute noch auf deren Methoden.
Allerdings gibt es auch dort Anzeichen für einen Wandel: Von Juni 2014 an sollen Tierversuche für bestimmte in China hergestellte Produkte wie Shampoos, Hautpflegeprodukte oder Parfums nicht mehr zwingend vorgeschrieben sein.
Kosmetikhersteller wie Beiersdorf (Nivea, Eucerin, La Prairie) versuchten immer wieder, sagt eine Sprecherin, "die chinesischen Behörden zu überzeugen, dass Tierversuche für kosmetische Produkte unnötig sind".
Allerdings: Auch nach Einschätzung der EU-Kommission ist die "vollständige Ersetzung" der Tierversuche durch Alternativmethoden "weiterhin noch nicht möglich".
Über die Brüsseler Politik regt sich der Göttinger Professor Schnuch ziemlich auf. Er ist Chef des Informationsverbunds Dermatologischer Kliniken, er wehrt sich nicht dagegen, wenn man seinem Institut eine Wächterfunktion über Deutschland hinaus zuschreibt.
Dass Tierversuche kategorisch verboten wurden, obwohl es für den wichtigen Bereich allergischer Reaktionen noch keine adäquaten Ersatztests gibt, findet Schnuch empörend. Der Dermatologe und Allergologe erkennt den Fortschritt an, den das in Deutschland bereits seit 1987 bestehende Verbot von Tierversuchen zur Entwicklung von Kosmetika für die Suche nach Alternativen gebracht hat.
Hautersatzgewebe lasse verlässliche Aussagen über sogenannte irritative Reaktionen nach dem Gebrauch von Kosmetika zu, etwa bei auftretenden Rötun-gen oder Reizungen, sagt Schnuch. Aber nicht einmal, ob kosmetische Stoffe zum Beispiel Krebs erzeugen, "lässt sich so feststellen". Dies sei nur mit Hilfe eines kompletten Immunsystems möglich, "und das konnte bisher nicht entwickelt werden".
Die Industrie sieht die Lage optimistischer. Einzelne Studien belegten bereits, dass künstlich erzeugte Haut zum Test von Kontaktallergien bei Kosmetika geeignet sei, sagt Oliver Engelking, Bereichsleiter von CellSystems. Es fehle die sogenannte Validierung, der Nachweis beliebiger Wiederholbarkeit. Es sei "absehbar", dass "hier noch ein großer Sprung bevorsteht".
Der Göttinger Professor Schnuch lässt sich nicht beirren: Der Gesetzgeber habe das Verbot von Tierversuchen voreilig ausgesprochen. Niemand wisse, welche Auswirkungen der Verzicht haben werde, es drohe ein "Humanexperiment im großen Stil".
Was Verbraucher dagegen tun könnten? "Nichts", sagt Schnuch. ■
Von Carsten Holm

SPIEGEL WISSEN 2/2014
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