13.05.2014

Der Zufluchtsort

Menschen wie Christian Schifferle vertragen ihre Umwelt nicht mehr: Parfum, Waschmittel oder auch Handy-Strahlen machen sie krank. In Zürich gibt es jetzt für sie ein ganz besonderes Haus.
Von Weitem ist es ein Neubau wie viele andere. Ockergelb, klare Linien, große Balkone und große Fenster. Ruhig ist es. An der Haustür kleben vier Schilder: Rauchen verboten, Duftstoffe verboten, Handy verboten. Und: Die Türe bitte sanft schließen. Man traut sich kaum zu klingeln. Das Mehrfamilienhaus im Rebenweg 100 in Zürich-Leimbach ist ein europaweit einzigartiges Projekt, eine Trutzburg für Menschen mit einer Multiplen Chemikalien-Unverträglichkeit.
MCS-Kranke (die Abkürzung steht für die englische Bezeichnung "Multiple Chemical Sensitivity") reagieren auf Duftstoffe in Kosmetika und Waschpulver, auf Zigarettenrauch, Lösungsmittel oder Abgase, sie zeigen Symptome wie Herzrhythmusstörungen, Übelkeit, Kopfweh, Atemnot, Angst, Schwellungen, Ausschlag, Konzentrationsschwäche, Wortfindungsstörungen, Schlaflosigkeit oder extreme Erschöpfung. Und das selbst dann, wenn die Chemikalien in sehr niedriger Konzentration vorkommen.
Ärzte stehen dem Phänomen hilflos gegenüber und verweisen die Patienten oft an Psychiater. Dennoch hat die Stadt Zürich 2008 den Bau eines MCS-gerechten Hauses für 15 Mietparteien beschlossen. Nach fünf Jahren Planung war das Haus im Dezember 2013 einzugsbereit. Politiker sprachen von der Verpflichtung einer Stadt, für alle Bevölkerungsgruppen Wohnraum anzubieten. Baubiologen betonten, dass die hier gewonnenen Erkenntnisse auch für den normalen Wohnungsbau von Interesse seien. Und Christian Schifferle sprach von einem historischen Moment.
Das Haus ist Schifferles Lebenswerk, sein Baby. Für ihn bedeutet es nicht nur ein Zuhause - nach einer fast 50-jährigen Odyssee. Sondern auch Rehabilitation, späte Anerkennung seiner Glaubwürdigkeit, seines Leids. Schifferle ist 59 Jahre alt, er leidet seit seiner Kindheit an MCS, doch es gab für das, was ihn quälte, lange keinen Namen.
Seine Eltern hatten eine Tisch- und Stuhlfabrik. "Schon als kleiner Junge habe ich mich gewundert, dass die Arbeiter es in der Halle aushielten", sagt er. Formaldehyd, Lack und Lösungsmittel lösten bei ihm Schwindel und Übelkeit aus. Er litt unter chronischer Erschöpfung, die rätselhaft blieb. Kein Arzt konnte ihm helfen.
Selbst ihm nahestehende Menschen hielten ihn für einen Simulanten, einen Hypochonder, ein Mimöschen, das mal wieder "Theater mache". Später wandten sie sich von ihm ab. Schifferle schlug sich jahrelang als Hilfsarbeiter durch. Doch es gab keinen Arbeitsplatz, an dem er es aushielt. Keine Wohnung, die er vertrug.
Sprühte ein Nachbar sich bei geöffnetem Fenster Parfum auf die Haut oder strich die Wände an, verbarrikadierte Schifferle sich im gekachelten Bad. Oder er floh in den Wald. Hunderte von Nächten habe er dort verbracht, sagt er, auf einem Liegestuhl, im Winter bei minus zehn Grad unter zwei Daunendecken. Mit Sternenzelt und Romantik hatte das nichts zu tun, "es ging ums blanke Überleben".
Als er Mitte zwanzig war, lag er drei Jahre im Bett, allein in einer Zürcher Einzimmerwohnung. "Es war, als hätte ich Blei in den Adern, als könnte ich aus einer Narkose nicht mehr richtig aufwachen." Auf allen vieren sei er herumgekrochen, eine Bekannte habe das Nötigste für ihn eingekauft und den Briefkasten geleert.
Viele Jahre sei er dem Suizid nahe gewesen, sagt Schifferle, das gehe vielen MCS-Kranken so. Da sie arbeitsunfähig seien, aber keine krankheitsbedingte Rente erhielten, lebten viele in prekären Verhältnissen. Isoliert. Chronisch krank. Und an der Armutsgrenze. "Wie soll man da keinen Hau kriegen?"
Schließlich verbrachte er die meiste Zeit in einem Wohnwagen in den Bergen von Graubünden. Sein Refugium hat er innen komplett mit Aluminium ausgeschlagen, um Gerüche auszusperren; für den Computer gibt es einen Platz draußen vor dem Fenster. Von hier aus hat Schifferle eines Tages den Kampf aufgenommen, im Internet nach Leidensgenossen gesucht, eine Selbsthilfegruppe gegründet, den Schritt an die Öffentlichkeit gewagt.
Nachdem im Jahr 2000 ein Verbrauchermagazin über seine Situation berichtet hatte, meldeten sich Menschen aus dem ganzen Land. Darunter eine Frau, die sich todkrank fühlte, seit auf dem beheizbaren Fußboden ihres Schlafzimmers ein Teppich verleimt worden war. Eine junge Laborantin, die jahrelang mit Desinfektions- und Lösungsmitteln gearbeitet hatte und bei der nun Gesicht und Augen anschwollen, sobald sie auch nur einen Filzstift roch. Eine Frau, die Brechreiz und Darmkrämpfe hatte, sobald sie Haarspray oder Parfum wahrnahm.
Es sind Menschen, die auf dem Balkon schliefen, die durch die halbe Schweiz reisten auf der Suche nach einer erträglichen Wohnung, die in alten, seit Jahrzehnten nicht renovierten und somit schadstoffarmen Häusern Unterschlupf suchten oder in Blechcontainern hausten. Menschen, die an Hausmauern Halt suchen mussten, wenn jemand an ihnen vorbeiging, der ein kräftiges Waschmittel benutzt hatte. Und die alle immer wieder dieselbe Erfahrung machten: Niemand nahm sie ernst.
Die Umweltkrankheit MCS ist mittlerweile weltweit gut dokumentiert. Der Leidensdruck der Betroffenen steht außer Frage. Doch die Forschung steckt noch in den Anfängen. Bei MCS sind viele Disziplinen gefordert: Medizin, Chemie, Umweltpsychosomatik, Epidemiologie, Toxikologie, Immunologie. Einigkeit besteht allein darin, dass es sich nicht um eine Allergie handelt, denn MCS-Patienten bilden keine Antikörper, ihr Immunsystem schüttet nicht die typischen Immunglobuline aus.
Manche Studien heben hervor, dass häufig Berufsgruppen betroffen seien, die über längere Zeit einer gewissen Belastung ausgesetzt sind wie Laboranten, Drucker, Bodenleger. Oder aber Menschen, bei denen ein einmaliger toxischer Vorfall die Krankheit ausgelöst hat. Claudia Miller von der University of Texas, eine der führenden Forscherinnen auf dem Gebiet, hat die Kurzformel Tilt entwickelt: Toxicant-induced Loss of Tolerance, also durch Giftstoffe hervorgerufener Verlust der Verträglichkeit.
Miller stellt die Hypothese auf, dass Tilt in zwei Stufen verläuft: Zunächst erkrankt ein Mensch, weil er entweder über einen längeren Zeitraum einer bestimmten Chemikalie ausgesetzt ist oder im einmaligen Kontakt mit einer Chemikalie eine Vergiftung erleidet. Statt sich zu erholen, wie es normalerweise geschieht, komme es bei diesen Menschen zu einer dauerhaften Funktionsstörung im Gehirn.
Ein Forscherteam am Universitätskrankenhaus Gentofte bei Kopenhagen konnte zeigen, dass Menschen mit chemischer Intoleranz eine höhere Empfindsamkeit im zentralen Nervensystem aufweisen. Weitere Untersuchungen laufen.
Für Christian Schifferle klingt das plausibel: eine Fehlfunktion des Gehirns, ausgelöst durch olfaktorische Reize. Irgendwie so muss es sein. Denn Gerüche - selbst jene, die wir nicht bewusst wahrnehmen - wirken direkt auf das limbische System ein. Das könnte erklären, warum ein flüchtiger Duft bei Schifferle im ganzen Körper ein Brennen auslöst, als wäre er in Brennnesseln gefallen. "Es ist, als würde mein Körper ständig in Alarm versetzt. Dauerpanik. Danach ist man wie gerädert."
2008 gründete er mit anderen die Wohnbaugenossenschaft Gesundes Wohnen MCS. Er verteilte Flugblätter, und einer, der im Gehör schenkte, war der damalige Zürcher Stadtpräsident Elmar Ledergerber. "Der hat zu mir gesagt: Wir werden Ihnen helfen, Herr Schifferle", und er hat Wort gehalten.
Die Stadt gab eine Machbarkeitsstudie in Auftrag, ließ Baubiologen ein taugliches Grundstück auswählen und stellte es der Genossenschaft zur Verfügung: Wenig belastet durch Elektrosmog, Lärm und Abgase - und ohne Wasseradern. In einem öffentlichen Wettbewerb wurde ein Entwurf für das neue Haus gewählt. Der Architekt lernte beim Bau, worauf es bei MCS ankommt. Und die künftigen Bewohner taten das Ihre, indem sie bei der Grundsteinlegung Segenssprüche verlasen und Rosenquarz vergruben - um schädliche Einflüsse zu "entstören".
In einem aufwendigen Verfahren prüften Baubiologen und Bewohner viele verwendete Materialien: Fugendichtungen, Fenster- und Zargenprofile, Bodenbeläge. Die Betondecken bleiben im Rohzustand, die Fensterrahmen sind aus alubeschichtetem Kunststoff, nicht aus Holz. Denn das dünstet noch Harz und ätherische Öle aus. Die Wände sind weiß verputzt mit einem Kalkzement, den Schifferle und seine Leidensgenossen aus verschiedenen Putzsystemen auswählten, indem sie ihn in diversen Trockenheitsgraden beschnupperten.
Nur mineralische Materialien sind jetzt verbaut, kein Holz, keine Montageschäume, keine Lösungsmittel, keine Weichmacher, keine Konservierungsmittel. Die Handwerker durften im Innern des Hauses weder rauchen noch schweißen noch Trennscheiben verwenden. Das Haus kostete sechs Millionen Franken, aufgrund seines Pilotcharakters etwa ein Fünftel mehr als ein herkömmliches Gebäude. Finanziert wurde es aus einem Solidaritätsfonds des Genossenschaftsverbandes, mit Hilfe der Wohnbauförderung von Stadt, Kanton und Bund sowie aus Spenden.
Und nun steht es also am Fuß des Ütlibergs, Hanglage, dort, wo die Häuser des Vororts Leimbach aufhören und der Wald beginnt. Jetzt im März sind die Gärtner da, um Pflanzen zu setzen. Nur auf drei oder vier Balkonen lassen Möbel auf Leben schließen, ansonsten wirkt das Haus noch unbewohnt. Aus der Gegensprechanlage kommt ein zögerliches "Ja?"
Eine ganze Weile später macht ein junger Mann die Haustür auf. Er ist so schmal und blass, dass er fast durchsichtig wirkt, und stellt sich als Uwe Winterberg(*) vor. Er sei als einer der Ersten schon im Januar eingezogen, sagt Winterberg. Die MCS-Kranken müssten warten, bis das Haus ausgelüftet sei. Auch Christian Schifferle lebt noch in seinem Wohnwagen in den Bergen. "Ich reagiere nicht auf Chemikalien", sagt Winterberg, "noch nicht." Lebenswichtig sei für ihn vor allem die Abschirmung von elektrischen, magnetischen sowie elektromagnetischen Strahlen. Auch für Menschen wie ihn ist das Haus eine Zuflucht.
Winterberg führt den Besucher in die Wohnung der "MCS-Stiftung Gesundes Wohnen und Leben". Sie gleicht allen anderen im Haus. Angelegt wurden sie nach dem Zwiebelprinzip: Im Gebäudekern befinden sich Treppenhaus, Lift und Haustechnik und somit die potentiell belastenden Areale. Je weiter man in die Wohnungen vordringt, desto "reiner" werden sie. Der Flur kann bei Bedarf als Schmutzschleuse dienen. Durch einen leichten Unterdruck wird die Luft über einen zuschaltbaren Aktivkohlefilter abgesaugt, so dass Duftstoffe, Umweltgifte und Staub draußen bleiben.
Von hier gelangt man direkt ins Badezimmer, wo Waschmaschine und Trockner stehen, sowie in eine Garderobe, in der man sich der "belasteten" Kleider entledigen kann, bevor man in die Wohn- und Schlafräume geht. Für Winterberg spielt die Schleuse keine Rolle, für ihn zählt der Strahlenschutz.
Obwohl auch die Elektrosensibilität bisher von der Wissenschaft nicht anerkannt ist und Experten seit Jahrzehnten über die Auswirkung nichtionisierender Strahlung auf den menschlichen Körper streiten, wurden verschiedene Baumaßnahmen ergriffen: Ein Graphitnetz im Außenverputz soll das Haus gegen die Kraftfelder abschirmen. Die Wände bestehen aus mit Perlit - einem vulkanischen Gestein - gefüllten Backsteinen. Die Bodenplatte unter dem Wohnbereich wurde mit Glasfaserstäben armiert. Eisen, Stahl, Aluminium und Kupfer sind geerdet. Eine Erdwärmesonde heizt die klebefrei verlegten Keramikfliesen. Gekocht wird mit Strom und ohne Induktion. "Ich nutze zur Sicherheit nur die hinteren Herdplatten", sagt Winterberg. Und im Schlafzimmer gibt es einen Sicherungsschalter, mit dem man vor dem Einschlafen den Strom komplett ausschalten kann.
Seit er vor fünf Jahren erkrankte, war Winterbergs Leben eine einzige Flucht vor Funkstrahlung. Wenn er von jener Nacht erzählt, in der die eigenartigen Kopfschmerzen, die ihn damals plagten, so stark geworden waren, dass er nur noch geschrien habe, ist die Verzweiflung wieder da. "Ich lief in meiner Wohnung auf und ab, konnte spüren, wie der Schmerz wanderte - mal auf der einen Seite heftiger war, mal auf der anderen." Fluchtartig habe er das Haus verlassen. "Es war, als wenn man sich verbrennt. Ich spürte deutlich, dass die Ursache von außen kam." Er setzte sich in sein Auto und fuhr davon, ziellos, bis der Schmerz in einem Funkloch im Wald endlich nachließ.
Zuletzt wohnte er auf dem Land bei alten Leuten, aber dann gab es einen Mieterwechsel, und die Neuen mochten nicht auf Funktelefon und WLAN verzichten. Wie üblich. Zum Glück erfuhr er von diesem Haus.
Der 41-Jährige ist nicht mehr berufstätig und lebt völlig zurückgezogen. Sich unter Menschen zu mischen, ein Konzert zu besuchen, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen - all das geht kaum mehr. Und wenn es mal unvermeidlich ist, muss er sich danach wochenlang erholen. An Tagen, an denen die Kraft reicht, geht er schnell ein paar Lebensmittel einkaufen oder macht einen Spaziergang im Wald.
Er hoffe schon, hier im Haus ein paar Gleichgesinnte zu treffen, sagt er. Menschen, die einen nicht für einen Spinner hielten. Und die Rücksicht nehmen. Ihm gefällt die strenge Hausordnung. Auf Duftstoffe verzichte er gern. Mit der Stiftung hätten sie ja noch einiges vor. "Das Haus ist nur der Anfang", sagt Winterberg. "Vielleicht werden wir Sensiblen ja immer mehr. Und eines Tages gibt es ganze Dörfer dieser Art, in denen man herumlaufen und arbeiten kann." Denn eigentlich wünsche er sich ja schon ein Leben da draußen. ■

Erst in einem Funkloch im Wald ließ der schmerz

nach.

* Name von der Redaktion geändert.
Von Anja Jardine

SPIEGEL WISSEN 2/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


SPIEGEL WISSEN 2/2014
Titelbild
Abo-Angebote

SPIEGEL WISSEN lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

  • Wilderer in Kamtschatka: Jagd aufs rote Gold
  • Vermisster Fußballer: Mahnwachen für Emiliano Sala
  • Zugefrorener Baikalsee: Glasklar bis auf den Grund
  • Amateurvideo aus Russland: Betrunkener versucht, Flugzeug zu entführen