05.08.2014

Fuck you, Krebs!

Als Benjamin Wollmershäuser 2010 die Diagnose Darmtumor erhält, ist er 20 Jahre alt. Drei Jahre später stirbt seine Mutter an der gleichen Krankheit. Benjamin beginnt zu bloggen.
Er kann sich heute nicht mehr daran erinnern, sagt Benjamin Wollmershäuser, 25, was er nach der Diagnose gedacht hat, damals, vor vier Jahren. Alles ging so schnell: täglich ins Krankenhaus, Termine mit Ärzten, Gesundheitschecks. Der Tumor war bereits riesig, erzählt er, fast zehn Zentimeter im Durchmesser, im Enddarm. Aber er hatte noch nicht gestreut. Die Ärzte konnten weder Metastasen in der Lunge noch in der Leber finden. "Das war mein Glück", sagt der Hohenloher, den alle nur Benni nennen. Er bekam eine kombinierte Strahlen- und Chemotherapie, wurde operiert, die Ärzte legten einen künstlichen Darmausgang.
So begann Bennis Leidensweg, der ihn durch mehrere Chemotherapien und drei Operationen führen sollte. Nur: Den Tumor haben die Ärzte nicht vollständig entfernen können.
Die Ungewissheit ist das Schlimmste. Wie steht es gerade um mich? Ist der Tumor kleiner geworden, oder hat er gestreut? Sind neue Metastasen zu erkennen, oder wirkt die Chemotherapie?
Er hat mit dem Schreiben angefangen, sagt Benni, weil er anderen Menschen Mut machen wollte. Ja, es stimmt, sagt er, sein Krebs ist unheilbar. Aber er wächst nicht weiter. Zumindest nicht im Moment. "Ich wollte beweisen, dass es einem auch mit Krebs richtig gut gehen kann. Und ich wollte zeigen, wie wichtig es ist, optimistisch zu sein."
Als Erstes machte Benni seine Krankheit auf Facebook öffentlich. "Ich habe Krebs. Dies hier ist kein üblicher Post. Das hier postet man im besten Falle nie", schrieb er zwei Tage vor der dritten Operation. Und weiter: "Ich freue mich über jeden Gruß und kann jeden Zuspruch gut gebrauchen! Vielen Dank an alle, die mich bis hierher unterstützt haben!"
80 Menschen drückten auf "Gefällt mir", 59 hinterließen einen Kommentar, sie sprachen ihm Mut zu, wünschten ihm Kraft. Mit so vielen Reaktionen hatte er gar nicht gerechnet, sagt Benni. Aber vielleicht hatte er sich genau das gewünscht.
Sechs Monate später startet er seinen Blog. Er nennt ihn "Kein Weg zu weit", nach einem Song seiner Lieblingsband Schandmaul.
Ich bin ja überhaupt gar nicht abergläubisch, aber 2013 war echt das beschissenste Jahr meines Lebens. Anfang 2013 die Therapie in der HyRec Studie in Erlangen mit anschließender OP im April, nach der feststand, dass ich den Krebs so erst mal nicht loswerde, also Chemo auf unabsehbare Zeit. Mega-Beziehungskrise im ersten Halbjahr kam auch noch dazu. Und Mama ging's auf einmal immer schlechter ... tja ... hm und am Muttertag ist sie dann gestorben :-((((
Die Schicksale anderer Krebspatienten, der Tod seiner Mutter, all das sind Dinge, sagt Benni, die ihn abends im Bett nicht einschlafen lassen. So wie neulich, als er mal wieder auf der Internetseite einer anderen Bloggerin vorbeischaute und feststellen musste, dass sie den Kampf gegen den Krebs verloren hatte. Sie wurde nur 19 Jahre alt. "Da denkt man dann immer wieder über das eigene Leben nach, merkt irgendwie, egal wie stark man ist und wie sehr man kämpft, irgendwann kriegt der Krebs einen doch", bloggt Benni noch am selben Tag.
Er will über den Tod eigentlich nicht nachdenken, sagt Benni, noch nicht. Er habe keine Angst vorm Sterben. Eher vor den Schmerzen und der Zeit davor. Woher soll er wissen, ob es sich noch zu kämpfen lohnt oder ob der Ernstfall eingetreten ist? Woran soll er den Zeitpunkt erkennen, um sich zu verabschieden?
War ja klar... :-(
Jetzt hock ich wieder mal mit Blasenkatheter im Krankenhaus, was ein Scheiß! 2 Wochen vorm eh vereinbarten Termin zum Wechsel meiner Harnleiterschienen musste ich gestern notfallmäßig (tolle Uhrzeit nach 22 Uhr) auf die Urologie wegen starker Bauch- und Flankenschmerzen. Mir war gleich klar, Niere gestaut.
Krankenhaustage sind schlechte Tage, sagt Benni. Eigentlich schränkt der Krebs ihn nicht ein. Er kann spazieren gehen, schwimmen, zelten, auf Konzerte gehen, Auto fahren. Doch dann sind da diese Momente, in denen sich die Krankheit mit voller Kraft bemerkbar macht. Wenn er alle zwei Wochen für die nächste Infusion ins Krankenhaus muss. Wenn ihm wegen der Chemo die Haare ausfallen. Oder wenn die Nieren einen halben Tag lang so sehr schmerzen, dass er den Notarzt anrufen muss.
Aber es gibt auch gute Tage, an denen er den Feind in seinem Darm vergisst. So wie neulich, als er mit seiner Freundin nach Hamburg gefahren ist, um sich das Musical "König der Löwen" anzusehen. Tage, an denen er mit seiner Liebsten in der Sonne am See sitzt. Oder an denen er Ausflüge mit den Pfadfindern macht. Das sind Momente, sagt Benni, in denen er das Leben einfach genießt. Doch solche Momente sind viel zu selten.
Kennt ihr das Gefühl, wenn man glaubt, für alle anderen läuft das Leben einfach immer weiter und man selbst bleibt irgendwie stehen? Ich mein', in Bezug auf meine Krankheit ist es ja ein toller Erfolg, wenn sich nichts tut. Deswegen geht's mir auch zurzeit sehr gut. Aber ich verbring immer so viel Zeit daheim, und ich hab immer das Gefühl, ich könnte irgendwie viel mehr aus meinem Leben machen ...
Was, fragt Benni, habe er bisher schon erreicht? Eigentlich gar nichts. Nichts, außer Krebs zu haben. Er musste sein Studium an der Hochschule Aalen abbrechen und ist als berufsunfähig eingestuft. Wenn die Freunde arbeiten, sitzt er in der Vierzimmerwohnung in Schwäbisch Hall, die er sich mit seiner Freundin und zwei Meerschweinchen teilt, schreibt Texte für seinen Blog oder die Website der Pfadfinder, tötet Zombies in Computerspielen, räumt auf, putzt, backt Muffins. Dabei hängt er Träumen nach. Er würde gern eine Weltreise machen, einmal mit dem Zeppelin fliegen, den er im vergangenen Jahr im Urlaub am Bodensee gesehen hat, vielleicht sogar Kinder haben. Aber niemand kann sagen, wie viel Zeit ihm noch bleibt.
Überhaupt Sex. Das ist so eine Sache. Durch die vielen Behandlungen ist Benni unfruchtbar geworden. Und impotent. Spontaner Sex? Undenkbar. Wenn er mit seiner Freundin schlafen will, muss er eine halbe Stunde vorher eine Viagra schlucken. Folgen der Bestrahlung und der Operationen, über die fast niemand spricht. Auch die Ärzte nicht.
Und dann ist da noch das Stoma, der künstliche Darmausgang. Am Anfang, sagt Benni, sei er sehr gehemmt gewesen. "Ich dachte, meine Freundin könnte mich abstoßend finden." Viele Menschen, die an Darmkrebs erkrankt sind, schämen sich dafür. Das weiß Benni aus Gesprächen mit anderen Betroffenen. Deshalb habe er sich bis jetzt auch nicht getraut, das Thema Stoma und Sex in seinem Blog anzusprechen. Bis jetzt.
Mit dem Stoma komm ich super zurecht. Klar war's am Anfang 'ne Umstellung, und es war nicht einfach. Aber jetzt ist alles super. Der künstliche Darmausgang beeinträchtigt meinen Alltag so gut wie nicht, und für viele Menschen mit anderen Darmkrankheiten ist ein Stoma oft ein wichtiger Schritt hin zu einem normalen Leben! Ja, schwimmen kann man auch damit. Ja, und beim Sex gibt's keine Probleme damit, das wolltet ihr doch alle wissen ;-)
Besser 'n Beutel am Bauch als 'nen Zettel am Zeh!
Von Isabelle Buckow

SPIEGEL WISSEN 3/2014
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