28.10.2014

MIR FEHLT NICHTS

Warum das Leben ohne Auto keinen Verzicht bedeutet.
Ich habe kein Auto. Und ich sage es gleich vorneweg: Es ist besser so. Außerdem gar nicht so ungewöhnlich. Auf der Welt gibt es etwas mehr als eine Milliarde Autos. Das heißt, nur einer von sechs Menschen hat eins. Warum also muss ausgerechnet ich eins haben?
Anders betrachtet bin ich Teil einer Minderheit: Ich habe kein Auto, obwohl ich in einem reichen Land lebe. Die meisten Menschen, die kein Auto besitzen, hätten wahrscheinlich gern eins, können es sich aber nicht leisten. Ich bin nicht arm. Streng genommen habe ich sogar ein Auto, einen Oldtimer. Er steht in meinem Leben herum wie ein altes Möbel. Ganz selten fahre ich damit - aus Spaß am Gestrigen.
Sie sehen, ich bin kein manischer Asket oder grüner Taliban. Es reicht ja ein wenig Vernunft, um nicht gutzuheißen, was das Auto da macht. Es frisst Jahr für Jahr einen Großteil des geförderten Erdöls, einen wertvollen Rohstoff und Bestandteil nützlicher Dinge wie Arzneien. Und es tötet jährlich mehr als eine Million Menschen bei Verkehrsunfällen. Vom Klima fange ich jetzt gar nicht an.
Und ich sage Ihnen noch was: Wenn es nur darum ginge, nur um diese schlimmen Begleiterscheinungen, es aber einfach unmöglich wäre, ohne Auto auszukommen - ich hätte eins. Ich würde jeden Tag damit fahren, vorsichtig, damit ich nicht einen von der Million armer Tröpfe erwische (oder am Ende einer von denen bin). Langsam und sparsam würde ich fahren, wahrscheinlich hätte ich so eine Urkunde von meiner Versicherung für tausend Jahre ohne Unfall. Aber es muss ja gar nicht sein. Mir fehlt doch nichts ohne Auto.
Ich wohne in einer deutschen Großstadt, und da bin ich so was von mobil, ein Auto stünde mir bloß im Weg. Zur Arbeit fahre ich mit dem Fahrrad. Sicher, die Radwege könnten besser sein. Aber es geht. Die Autofahrer tun mir leid. Sie stehen da immer rum neben mir.
Bei Platzregen und Glatteis nehme ich die U-Bahn. Die könnte kaum besser sein. Sie fährt alle fünf Minuten. Einkaufen geht gut ohne Auto; mein Getränkehändler liefert an - mit dem Lastenrad. Wenn ich mal acht Kartons Wein auf einmal transportieren muss, rufe ich ein Taxi. Carsharing lohnt sich für mich nicht. Dafür brauche ich zu selten ein Auto.
Ich verreise fast immer mit der Bahn. Meine Kinder fahren gratis mit. Die Bahn könnte manchmal besser funktionieren; aber es ist nicht so, dass sie gar nicht läuft. Wer dauernd Bahn fährt wie ich, erlebt meist, dass sie recht gut funktioniert; alles in allem wahrscheinlich zuverlässiger als der Autoverkehr. Jetzt können Sie sagen: Ja, Sie haben gut reden, Sie sind Großstädter. Und ich sage Ihnen: und wie ich gut reden habe! Das Merkwürdige ist nur: Es gibt irre viele Großstädter, sonst hätten wir ja keine Großstädte. Und trotzdem glauben die meisten, ein Auto zu brauchen. Ich möchte denen immer zurufen: Leute, ihr wohnt in der Stadt! Ihr kauft euch doch auch keinen Sitzrasenmäher. Aber ich sage nichts. Ich will kein Missionar sein.
Jetzt ohne Quatsch: Wenn Sie irgendwo in der Schorfheide wohnen, lassen Sie sich bitte nicht kirre machen, und behalten Sie ihr Auto. Wenn Sie in Köln, Berlin, Hamburg oder München wohnen und noch ein Auto haben, dann zählen Sie zu einer Mehrheit, die allerdings schrumpft. Die Zahl der Haushalte in deutschen Metropolen, die noch ein Auto besitzen, geht deutlich zurück; sie liegt nur noch bei 70 Prozent. "Hosianna!", könnte ich jetzt rufen. Aber das hatten wir ja schon: So bin ich gar nicht.
Natürlich ist Autoverzicht in Städten wie München oder Hamburg keine große Kunst. Sie könnten mir sagen: "Seien Sie mal froh, dass Sie nicht in Los Angeles leben." Und ich versichere Ihnen, ich freue mich aufrichtig, nicht da leben zu müssen. Dass ein Leben ohne Auto in Los Angeles kaum organisierbar wäre, spricht weder für Los Angeles noch für das Auto; es zeugt vom Versagen der dortigen Verkehrspolitik. Statt auf Elektroautos zu setzen, die am Ende genauso im Stau stehen, könnten die Behörden in Los Angeles wieder Straßenbahnnetze aufbauen. Die gab es da nämlich mal, ehe General Motors und Ford anfingen die amerikanischen Verkehrswegepläne zu bestimmen.
Das Auto ist weit mehr als ein Transportmittel. Es ist vor allem eine Jobmaschine. Wer weiß das besser als die Deutschen? Und jetzt kommt der wohl triftigste Einwand gegen meine PS-Enthaltsamkeit: Wie sähe Deutschland aus, wenn alle so leben würden wie ich? Der Wirtschaftsprimus der Eurozone wären wir kaum, jedenfalls nicht mit solchem Abstand. Vielleicht wären wir arm und beliebt: ein Volk kauziger Tüftler, die für chinesische Touristen Kuckucksuhren schnitzen.
Die ganze Welt sähe anders aus ohne Autos. Man muss sich das nur mal vorstellen, einfach annehmen, es hätte diese Erfindung nicht gegeben. Es gäbe sonst alles: Eisen- und Straßenbahnen, Fahrräder, eine perfekt organisierte Mobilität fast ohne Verkehrstote. Das Auto wäre einfach vergessen worden.
Und dann käme einer mit dieser Idee: einem Ding aus Blech, schnell wie ein ICE, das jeder nach einer kurzen, simplen Ausbildung selbst steuern darf. Das Ding, würde er sagen, werde uns viel Freude machen, nebenbei allerdings in wenigen Jahrzehnten die Ölreserven der Erde vertilgen und massenhaft Unfälle produzieren.
Dieses Auto - ich glaube, es würde keine Zulassung mehr bekommen. ■
Von Christian Wüst

SPIEGEL WISSEN 4/2014
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