25.08.2015

Hohe Schule der Ekstase

Wenn kosmische Energie auf sexuelle Stimulation trifft, dann heißt das Tantra und führt zu fernöstlicher Gelassenheit. Möglicherweise.
Tantra, sagt die Freundin einer Freundin, ist weder eine Massage- noch eine Sextechnik. Das denken nur viele. Tantra hört sich ja auch ein bisschen an wie Kamasutra, die hohe Schule der indischen Liebeskunst in allen Stellungen und Variationen.
In Wahrheit, sagt Sophia, geht es bei Tantra um etwas ganz anderes. Der menschliche Körper kennt seine kosmische Energie. Und wenn der Mensch diese Kenntnis nutzt, kann er ein erfülltes und zufriedenes Leben führen. Der Weg zu dieser Erkenntnis kann über sexuelle Stimulation und Ekstase führen. Kann, muss aber nicht. Körperliche Arbeit, Meditation oder das Singen von Mantren erreichen das gleiche Ziel. Sagt Sophia.
Alice spricht von Friedensarbeit. Sie will den Menschen mit sich selbst aussöhnen. Alice ist Ende 30, rotblond, sphärisch-sinnlich und betreibt seit einem Jahr ihr eigenes Tantra-Studio im Berliner Distrikt Prenzlauer Berg.
Das Erfühlen des Menschen, der zu ihr kommt, das sei das Wichtigste, sagt sie. Manchmal werden die Kunden während der zweistündigen Massage von ihren Gefühlen überwältigt, sie weinen oder erzählen ihr ganzes Leben. "Ich mag Geschichten", sagt Alice.
Was erwarten die Menschen von dem Besuch eines Tantra-Studios? Selbstfindung, metaphysische Körper-Geist-Erfahrungen oder eine Bereicherung ihres Sex-lebens? Wohl von allem etwas. Aber vor allem versprechen sie sich eine Auszeit, eine Ruhezone in der Leistungsgesellschaft, in der es einem vergönnt ist, berührt, gestreichelt, umsorgt, liebkost und erregt zu werden – Freuden zu empfinden und zu empfangen in der Passivität.
Welche Sinneswahrnehmungen damit verbunden sein können, schildert ein 30-jähriger Computer-3-D-Animator in einem der zahlreichen Tantra-Internetforen: "Erlaube der Masseurin nicht nur deinen Körper, sondern deine Seele zu massieren." Während der Massage sehe er vor seinem "geistigen Auge immer glühend blau-weiße Energiebälle", schreibt er, und er spüre energetische Linien, "die von ihrem Becken hoch zum Herzen in die Arme zu den Händen fließen".
Derart aufgeladen, lasse sich dann auch der "Big Draw", der energetische Orgasmus, voll auskosten. Es ist der Höhepunkt der Tantra-Massage: bei Männern nach dem Streicheln und Reiben des Lingam, wie der Penis auf Sanskrit heißt, und der Massage des Anus und der Prostata. Bei Frauen wird die Yoni, die Vagina, innen und außen gefühlvoll massiert bis zum Orgasmus. Doch dabei müssen sich sowohl die Männer als auch die Frauen in Geduld üben. Denn der Tantra-Masseur oder die Masseurin salben mit warmem Öl und berühren sanft jeden Teil des Körpers mit der gleichen Aufmerksamkeit. Fernöstliche Gelassenheit ist es, was eintreffen soll, hinterher. Und vielleicht auch ein paar neue Ideen, wie das Sexleben interessanter werden kann, durch Entschleunigung.
Mit der über eintausendjährigen Tantra-Tradition aus dem Hinduismus und dem Buddhismus Asiens hat der lustvolle Zeitvertreib im Grunde wenig gemein. Die Ursprünge der westlichen Tantra-Kultur sind denn auch eher im New Age, der esoterischen Hippie-Variante der späten Sechzigerjahre, zu suchen und unter den Jüngern des indischen Gurus Bhagwan Shree Rajneesh.
Die Sannyasins verstörten Anfang der Achtzigerjahre mit freier Liebe und Gruppensex besonders süddeutsche Kleinstädter, in deren Heimat die Bhagwan-Jünger bevorzugt ihre Ashrams gründeten. Zum Lustgewinn trägt in Bhagwans Lehre eine Art Neotantra bei, das über Meditation die sexuelle Energie im Beckenbereich wecken und in ein "kosmisches Bewusstsein" transformieren soll.
Später hatte sich dieses Neotantra aus der Subkultur der Landkommunen emanzipiert und fand vor etwa zwei Jahrzehnten den Weg in die Mitte der Gesellschaft. Dabei spielen zwei Frauen eine Schlüsselrolle.
Die eine ist Annie Sprinkle aus den USA, eine Konzeptkünstlerin und ein ehemaliges Pornostarlet. Anfang der Neunzigerjahre entwickelte die Vertreterin des "sex-positive Feminism" gemeinsam mit einem Theologen und Sexualforscher ein erotisches Massageprogramm, das auf alte tantrische Grundlagen zurückgreift und in deren Zentrum das weibliche Genital steht.
Die andere ist Margot Anand, eine Psychologin aus Paris, die Grande Dame der Tantra-Massage. Madame Anand unterhält nicht nur einen eigenen YouTube-Kanal, sondern verfasste auch mehrere Bücher zum Thema. Die Werke "Tantra oder die Kunst der sexuellen Ekstase" und "Magie des Tantra" avancierten in der Szene schnell zu Standardbüchern des spirituellen Orgasmustrainings.
In Deutschland trug Lilo Wanders in den Neunzigerjahren mit ihrem TV-Erotik-Magazin "Wa(h)re Liebe" zur Popularisierung des Neotantra bei. Die sanfte erotische Massage pries sie als entschleunigte, penetrationsfreie Sexvariante. Das Spirituelle, das kosmische Körpergefühl, spielte bei Wanders (Motto: Öffnet die Herzen, herzt die Öffnungen) eine eher kleine Rolle.
In jener Zeit öffneten in deutschen Großstädten verstärkt Tantra-Studios. Anfangs mussten sich deren Betreiber noch des Verdachts erwehren, nur eine Art Bordell unter dem fernöstlich-spirituellen Deckmantel betreiben zu wollen – eine Luxusvariante der schmuddeligen Thai-Erotik-Massagestudios. Doch je mehr die Wellnessangebote zum Bestandteil der bürgerlichen Regeneration avancierten, desto mehr änderte sich das Image der Tantra-Studios. Sie rangierten nun weniger zwischen Rotlicht und Straßenstrich, sondern eher zwischen Yoga, Ayurveda, veganem Essen und laktosefreiem Latte Macchiato.
Das Interieur der Studios gleicht denn auch oft Spa-Bereichen von Luxushotels. Es dominieren warme Töne, Rot, Orange, Violett, oder Erdtöne. Aus Duftlampen oder Räuchergefäßen verbreiten sich die Gerüche von Kräutern und Gewürzen. Das Mobiliar orientiert sich an streng-klarer Zen-Ästhetik. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen präsentieren sich im Internet als sensible Menschen mit heilenden Händen. Gern wird auf Zusatzqualifikationen verwiesen, beispielsweise als Traumtherapeutin, Heilpraktiker oder Schamanin.
Die Preise sind dementsprechend. Zwei Stunden Tantra-Massage schlagen in der Regel mit rund 200 Euro zu Buche. Da überrascht es wenig, dass ein Großteil der Kunden aus der Mittelschicht stammt und zwischen 35 und 55 Jahre alt ist. Es ist einfach "Lifestyle", sagt die Tantra-Kennerin Sophia, so wie die Teilnahme an Weinverkostungen, veganen Kochkursen oder Rebirthing-Seminaren. "Das ist alles entspannend oder anregend", sagt Sophia. Nur ein "tantrisches Erlebnis vermittelt das eigentlich nicht".
Mitunter mag sich nicht einmal die Gelassenheit danach einstellen, wie der Bericht einer erfahrenen Tantra-Masseurin zeigt, die sich in die Hände eines Kollegen begeben hat. Sie hatte sich auf die Yoni-Massage emotional eingestimmt und selbst eine "spezielle Yoni-Creme aus Biozutaten" mitgebracht, da sie silikonhaltiges Gleitgel "nicht so mag". Die Yoni-Creme kam nicht zum Einsatz. Der Masseur, so schimpfte die enttäuschte Kundin hernach im Internet, hatte es nach Strich und Faden vergeigt. Raucher-Atem und schweißnasse Hände ließen weder prickelnde noch tantrische Erotik aufkommen: "Er legte eine Hand auf meinen Intimbereich und eine aufs Herz. Ich lag irritiert da und wartete ab, was das werden soll."
Es wurde nichts mehr: "Keine Venuslippenverwöhnung, halbherzige Brustmassage". Ihr Fazit: "So privat sich eine TantraMassage anfühlen mag – es ist eine Dienstleistung." Und in diesem Fall sei sie die 190 Euro eben nicht wert gewesen.
Nach der Veröffentlichung des Tantra-Verrisses im Netz war das Massagestudio sichtlich um eine Verbesserung des Karmas bemüht. Man entschuldigte sich bei der enttäuschten Kundin für entgangene Freuden und erstattete das Geld anstandslos zurück.

Bücher

Margot Anand: "Tantra oder die Kunst der sexuellen Ekstase". Goldmann Verlag; 384 Seiten; 9 Euro.
Ajit Mookerjee, Madhu Khanna: "Die Welt des Tantra in Bild und Deutung". Gondrom Verlag; 256 Seiten; gebraucht erhältlich
Wenn er Entspannung sucht, dann versenkt sich der Autor in Bilder von Mark Rothko, kocht, hört "Tosca" oder sitzt rauchend und Whisky trinkend auf dem Balkon und blickt über Berlin.
Von Andreas Wassermann

SPIEGEL WISSEN 4/2015
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