15.12.2015

Ganz bei dir

Vom Glück, ein Gegenüber zu finden
TIZIANA FABI / AFP
Paare
Der ehemalige Vatikan-Funktionär, Priester und Theologe Krzystof Charamsa, 43, wurde all seiner kirchlichen Ämter enthoben, als er sich im Oktober als homosexuell outete und seinen Lebensgefährten vorstellte.
SPIEGEL: Seit wann leben Sie mit Ihrem Partner zusammen?
Charamsa: Nicht lang genug, dass die Kirche uns ein Doppelleben vorwerfen könnte. Aber lang genug, dass ich sagen kann, es ist Liebe, und ich wünsche mir, dass diese Liebe für immer hält.
SPIEGEL: Wann haben Sie gemerkt, dass die Beziehung zu Ihrem Partner wichtiger ist als der Zölibat und das Verbot der Homosexualität?
Charamsa: Die Verdammung der Homosexualität und der obligatorische Zölibat sind existenzielle Probleme – für die Kirche, nicht für mich. Meine Bindung an meinen Partner ist stärker als die Obsessionen der katholischen Kirche im Hinblick auf Sexualität. Als ich merkte, dass meine Gefühle für diesen Mann keine vorübergehende Faszination sind, dass mein Leben leer wäre ohne ihn, wurde mir klar: Diesen Mann zu lieben macht mich zu einem besseren Menschen, es gibt mir Energie, ich werde glaubhafter als Priester.
SPIEGEL: Haben Sie in Erwägung gezogen, die Beziehung heimlich zu leben?
Charamsa: Mein Bekenntnis zu ihm war auch für mein Verhältnis zur Kirche wichtig, um Veränderung einzufordern. Die Institution darf mein Leben und das vieler anderer Menschen nicht zerstören. Ein Zusammenleben in Heimlichkeit hätte bedeutet, dass ich mich mit einer asexuellen Doktrin, der Verdammnis der Sexualität, einverstanden erkläre. Ich hätte diese unmenschliche Willkür sogar noch unterstützt. Aber ich bin sicher, dass es ungesund ist, auf höheren Befehl so zu leben. Es kann nur eine freiwillige Entscheidung sein, auf Sexualität zu verzichten. Der verbindliche Zölibat ist nicht gesund. Es gibt keine Autorität der Welt, die diese Lebensweise bei Strafe fordern darf. Und es ist nicht Gottes Wille, dass wir ohne eine solche Liebe leben sollen.
SPIEGEL: Wie sinnstiftend sind Liebe und Partnerschaft für Ihr Leben?
Charamsa: Sie sind wie die Notwendigkeit zu atmen. Heute bin ich überzeugt: Alles bekommt nur dann Bedeutung, Richtung und Sinn, wenn wir gute Beziehungen mit anderen Menschen haben. Ich habe herausgefunden, dass Liebe das Leben komplett verwandelt, als ich anfing, meinen Partner zu lieben.
SPIEGEL: Wie meinen Sie das?
Charamsa: Ich war in der Kirche ein offizieller Experte für das Thema Liebe, wie so viele Priester, die den ganzen Tag über Liebe reden – aber keine Ahnung haben, wovon sie sprechen. Sie haben eine idealistische, keine realistische Idee vom Leben. Liebe verbindet sich mit der Entdeckung des Ichs. Alles in meinem Leben ergab auf einmal Sinn. Es ist wie ein Vulkanausbruch, aber kein zerstörerischer. Eine ungestüme Energie. Es ist wundervoll, aufregend. Ich bin jetzt ein besserer Priester. Nur leider einer ohne Arbeit.
SPIEGEL: Kann man die Liebe zu Gott und die Liebe zu einem Menschen vergleichen?
Charamsa: Das ist gar nicht schwer. Wir müssen zuerst die Liebe zwischen Menschen erfahren und verstehen, bevor wir über die Liebe zu Gott überhaupt nachdenken können. Es gibt keine Liebe zu Gott ohne die Erfahrung von Liebe zu einem Partner, zu Bruder, Schwester, Eltern, Freunden. Die katholische Kirche fordert bedingungslose Liebe zu Gott, versteht aber nicht das Geringste von der menschlichen Liebe.
SPIEGEL: Sie waren im Vatikan Zweiter Sekretär der Internationalen Theologischen Kommission und Mitarbeiter der Glaubenskongregation – ein hohes, ehrenvolles Amt. Ist es Ihnen leichtgefallen, das aufzugeben?
Charamsa: Es ist schwer, die Strafe hinzunehmen, dass ich mein Priesteramt nicht mehr ausüben darf. Ich liebe den Dienst am Menschen, den Dialog, die Glaubenspraxis. Und ich glaube, ich bin gut darin. Auch die theologische Lehre bedeutet mir viel. Aber wenn Sie fragen, ob es einfach war, den Vatikan zu verlassen, kann ich Ihnen sagen: Ja. Das ist mir leichtgefallen. Es ist eine unmenschliche, pharisäerhafte Institution, der es an vielen Stellen an wahrhaft christlichen Werten fehlt. Es geht nur um politische und finanzielle Macht. Sonst nichts.
SPIEGEL: Wie ist Ihr Verhältnis zu Gott?
Charamsa: Ich glaube an Gott. Er hilft mir in jeder Lebenslage, vor allem wenn es schwierig wird. Ich bin im Frieden mit Gott.
SPIEGEL: Wie stellen Sie sich die Zukunft Ihrer Liebe vor?
Charamsa: Ich wünsche mir, dass wir uns in dieser Beziehung entwickeln, jeder für sich und miteinander. Sicher, wir Menschen sehnen uns nach Glück. Aber wir müssen an diesem Glück auch jeden Tag bauen und es bewahren. Ich möchte meinen Lebenspartner jeden Tag an meiner Seite finden und mich an seiner.
Petra Gerster, 60, moderiert seit 17 Jahren die ZDF-Nachrichtensendung "Heute". Christian Nürnberger, 64, arbeitet als Autor. Er war 31, sie 27, als sie sich 1982 über eine Heiratsanzeige kennenlernten.
Nürnberger: Der Text meiner Anzeige ging folgendermaßen: "Der Engländer Patrick Moore hatte es satt, sich jeden Morgen an- und abends wieder auszuziehen. Darum nahm er einen Strick und erhängte sich. Mir geht es ähnlich, aber meine Konsequenz ist noch radikaler: Ich werde heiraten ...
Gerster: ... Dazu brauche ich ein gefühlvolles, sanftmütiges Weib." Das hat mich angesprochen.
Nürnberger: 400 Frauen haben geantwortet. Die Anzeige hat 1000 Mark gekostet. Aber sie war die beste Investition meines Lebens.
Gerster: Obwohl du nicht bekommen hast, was du wolltest.
Nürnberger: Von Sanftmut keine Rede. Aber ich hab viel Frau fürs Geld gekriegt. Wenn man das auf 33 Jahre verteilt!
Gerster: Dann stand da noch: "In der Ehe sehe ich nicht ein Mittel zur Selbstverwirklichung, sondern einen Dienst, den man einander erweist." Das gefiel mir.
Nürnberger: Was sie geschrieben hat, weiß ich gar nicht mehr, ich bin mehr aufs Foto abgefahren als auf den Text.
Gerster: Hast du den noch?
Nürnberger: Muss in der Garage stehen, in einem Karton.
Gerster: Es war von Anfang an toll, sich politisch miteinander auszutauschen.
Nürnberger: Wir sind beide unideologisch.
Gerster: Eine gute Voraussetzung. Die Ähnlichkeit in weltanschaulichen Fragen.
Nürnberger: Nicht, was die soziale Herkunft angeht, ich bin Bauernsohn, sie ist Arzttochter.
Gerster: Auch fürs Temperament sind Gegensätze gut, zwei Schweiger stelle ich mir ziemlich öde vor. Bei uns ist es klar verteilt: Ich rede, er schweigt.
Nürnberger: Ich höre dir aufmerksam zu.
Gerster: Du unterhältst mich auf deine Art.
Nürnberger: Wir wollten beide Kinder.
Gerster: Auf jeden Fall.
Nürnberger: Das finde ich sehr wichtig, dass sich darüber beide einig sind.
Gerster: Ich bin nicht religiös, der Sinn des Lebens liegt für mich in diesem irdischen Dasein. Möglichst gradlinig und anständig durchs Leben zu gehen, Liebe, Humor, Mitgefühl weiterzugeben.
Nürnberger: Ich hatte Theologie studiert, weil ich wissen wollte, ob es Gott gibt oder nicht. Als ich merkte, das werde ich in hundert Semestern nicht klären können, dachte ich, am besten gründe ich eine Familie, dann bin ich von diesen Fragen abgelenkt.
Gerster: Solange die Kinder einen brauchen, beantwortet sich die Sinnfrage von selbst.
Nürnberger: Man hat gar keine Zeit, sie sich zu stellen. Man muss den Alltag bewältigen.
Gerster: Dass ich arbeite, war von Anfang an klar. Ich bin Feministin. Hausfrau und Mutter kam nicht infrage. Ich suchte einen Mann, der das Familienleben mit mir zusammen trägt.
Nürnberger: Wir machen das, haben wir nach dem ersten Treffen gesagt. Als die Kinder dann kamen, habe ich von zu Hause gearbeitet, Petra war ja schon beim Fernsehen. Es war uns von Anfang unserer Beziehung an klar, dass wir künftig miteinander verzahnt sind. Nicht mehr frei.
Gerster: Wir hatten uns ja vorher ausprobiert. Flirten und so, das lag hinter mir.
Nürnberger: Wir haben uns absolut vertraut, lassen unsere Handys rumliegen, ich weiß, sie findet nichts darauf, was sie beunruhigt, und umgekehrt.
Gerster: Vielleicht verliebt man sich in jungen Jahren auch noch mal. Aber dem nachzugehen gefährdet halt die Ehe, und die war mir eben wichtiger.
Nürnberger: Brav. Dennoch würde ich nicht sagen, dass wir symbiotisch sind.
Gerster: Ich bin oft im Ausland unterwegs.
Nürnberger: Und ich hab ein Jahr in Bayern Wahlkampf gemacht.
Gerster: Ich habe sein wunderbares Kochen sehr vermisst.
Nürnberger: Du warst völlig abgemagert.
Gerster: Aber es war gut zu merken, dass ich immer noch allein leben kann.
Nürnberger: Ich genieße es auch, wenn ich mal allein bin, weil ich weiß, sie kommt wieder.
Gerster: Als die Kinder aus dem Haus gingen, mussten wir uns als Partner neu finden. All die Jahre Jubel, Trubel ...
Nürnberger: ... und auf einmal sind sie weg, der Hund stirbt und der Kater auch, da hab ich mich gefragt: Was hält mich noch?
Gerster: Vielen Dank!
Nürnberger: Spaß. Es war kein Grund, zum Eheberater zu gehen.
Gerster: Es ist ja auch eine Erfahrung von Alter, die Kinder aus dem Haus, jetzt sind wir alt.
Nürnberger: Der nächste Hund wird unser letzter sein.
Gerster: Zum Glück haben wir beide gern Freunde im Haus. Und wir begeistern uns für amerikanische Serien.
Nürnberger: Breaking Bad, Homeland, Fargo, alles.
Gerster: Und dann drüber reden. Aber wir genießen es auch, einfach mal am Wochenende verreisen zu können.
Nürnberger: Ich würde gern mit dem Wohnmobil durch Osteuropa fahren.
Gerster: Mit dem Wohnmobil eher nicht, obwohl ...
Nürnberger: Und Enkel wären irgendwann schön.
Delia Olivi, 23, studiert in Stuttgart Sprecherziehung. Lukas Krombholz, 22, studiert Kommunikationswissenschaften in Berlin.
Lukas: Wir haben uns im Sommer 2008 im Konfirmandenunterricht kennengelernt. Mir ist an Delia zuerst ihre Offenheit anderen Menschen gegenüber aufgefallen und eine ganz schöne Ehrlichkeit. Und ihr Lachen. Klingt kitschig, ich weiß.
Delia: Als ich ihn das erste Mal sah, stellte er gerade einen Stuhlkreis auf. Ganz konzentriert und fürsorglich. Irgendwie hat mich das berührt, und ich dachte: Wow, das finde ich toll an ihm.
Lukas: Ich kam allerdings auch gerade aus den Ferien zurück, war braun gebrannt ...
Delia: ... und du hattest ein weißes Hemd an. Das hat sicher mit reingespielt.
Lukas: Ich fand sie von Anfang an toll, aber ich hätte mich nie getraut zu denken, dass ich eine Chance bei ihr haben könnte. Ich war 15, Delia wurde 17, das ist in dem Alter ein großer Unterschied. Anfangs haben wir uns eben freundschaftlich kennengelernt.
Delia: Wir haben eigentlich nie richtig ausgesprochen, dass wir jetzt zusammen sind.
Lukas: Erst im Nachhinein haben wir es auf den 27. Dezember 2008 datiert. Nachdem wir einen ganzen Tag spazieren gegangen waren, habe ich Delia abends zu einem Job im Theater gebracht.
Delia: Ich war Statistin, "Romeo und Julia".
Lukas: Vor dem Theater haben wir uns zum ersten Mal geküsst.
Delia: An Lukas gefällt mir, dass er bodenständig ist, mit einem nüchternen Blick auf die Wirklichkeit, und gleichzeitig total herzlich.
Lukas: Ob positive oder negative Gefühle, bei Delia kommt alles an die Oberfläche. Sie blockt nichts ab. Mit ihrem Aussehen und ihrem Können könnte sie arrogant durchs Leben marschieren. Tut sie aber überhaupt nicht. Das finde ich toll. Für eine Beziehung ist Spontaneität ganz wichtig. Es muss eine humorvolle Ebene geben, aber auch eine Ernsthaftigkeit. Und jeder sollte auch sein eigenes Leben führen. Ich kann mir nicht vorstellen, im Klammergriff zu sein.
Delia: Ein Mann muss Gefühle und Leidenschaft zeigen können. Ich finde es gefährlich zu sagen, die Liebe ist der Sinn des Lebens. So verliert man seine Autonomie. Trotzdem ist sie wie ein Motor, ein Antrieb. Die Wertschätzung, die man durch eine Beziehung erfahren kann, dafür bin ich dankbar.
Lukas: Die größte Herausforderung sehe ich darin, die Routine zu durchbrechen.
Delia: Routine ist für mich, wenn mir etwas irgendwann zum Hals heraushängt. Gewohnheit hat dagegen auch etwas Schönes. Wenn sie erfüllt ist mit Freude und Liebe, bedeutet sie Beständigkeit.
Lukas: Stimmt. Man muss sich fragen: Wann lohnt sich's wirklich, etwas anzusprechen?
Delia: Man muss immer schauen: Wo stehen wir? Wie geht es dem anderen? Aber so etwas wie ein Sinn muss sich auch ergeben. Es ist nicht gut, zu viel darüber zu reden.
Von Bettina Musall

SPIEGEL WISSEN 6/2015
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