26.04.2016

„Licht und Luft“

Der Filmregisseur Detlev Buck über das Warten auf den guten Einfall
Das Tollste am Filmemachen ist für mich, den Stoff zu entwickeln. Und da ich mich selbst gut kenne und manchmal fad finde, mache ich das gern im Austausch mit anderen Menschen. Im Dialog entsteht ein Spiel, in dem sich Ideen entwickeln: Ah, das ist gut, das ist eine spannende Wendung. Man sieht den Film schon vor sich. Das macht mir Spaß, und ich möchte bei der Arbeit eine gute Zeit haben. Es heißt ja, wer glücklich ist, könne nicht kreativ sein oder Großes schaffen. Ich habe aber keine Lust, unglücklich zu sein und meinen Schmerz dann in Kunst umzuwandeln.
Ideen kann man nicht erzwingen, sie kommen einfach, wenn man um etwas kreist. Früher habe ich deshalb ein Notizbuch geführt, aber das mache ich nicht mehr. Nur manchmal schreibe ich einen Gedanken auf. Oder ich fotografiere, vor allem auf Reisen. Ich bewundere Woody Allen, der ganz strukturiert mit einem Zettelsystem arbeitet und deshalb jedes Jahr einen Film abliefert. Ich kann das überhaupt nicht.
Viele Autoren geben sich ein zeitliches Gerüst: Sie arbeiten frühmorgens oder spätabends, wenn es ruhig ist und keine Mails herumsausen. Als ich mit Ernst Kahl das Drehbuch für "Wir können auch anders" geschrieben habe, haben wir beide nach dem Mittagessen erst mal geschlafen, dann gab es abends den philosophischen Wein, und das Filmthema wurde unter diesem Einfluss etwas lockerer besprochen, das gab ganz andere Töne. Ernst Kahl ist ja Maler und muss eine große Disziplin haben, denn er steht allein vor der Staffelei. Da gibt es keinen Austausch mit Drehbuchschreibern, Redakteuren oder Produzenten. Da sind nur der Maler und sein Bild. Das ist auch nicht einfach.
Beim Einschlafen kann man sich sehr schön in seine eigene Welt träumen. Da fallen mir auch gute Sachen ein, die man in Deutschland leider aus finanziellen Gründen nicht realisieren kann, und nach dem Aufwachen landet man wieder in der Realität. Science-Fiction zum Beispiel, deshalb dreht Roland Emmerich ja lieber in Hollywood.
Wenn man so richtig feststeckt beim Schreiben, ist das nicht auszuhalten. Da geht einem der Hut hoch. Hitchcock hat mit seinen Schreibern angeblich eine Bootsfahrt auf der Themse gemacht, wenn sie nicht weiterkamen. Ich gehe spazieren. Bewegung, Licht, frische Luft, das ist gut. Das bringt eine Perspektivverschiebung.
An einem historischen Stoff, der in der Mongolei spielt, arbeiten wir schon seit 15 Jahren. Als ich 2002 in die Mongolei gereist bin, wusste ich, dass sich nichts so umsetzen lassen würde, wie ich es mir vorgestellt hatte. Wir haben uns in den 15 Jahren immer wieder in verschiedenen Konstellationen zusammengesetzt, um den Stoff weiterzuentwickeln. Am lustigsten war der Tag, als die anderen Haschkekse gegessen hatten, ohne es zu wissen. Nur ich nicht, weil ich keine Lust auf Kekse hatte. Ich war völlig irritiert, was mit den anderen los war; die Dramaturgin, die sonst immer Notizen machte, schlief ein, und was die anderen sagten, habe ich überhaupt nicht verstanden. Ich glaube, es ist trotzdem etwas dabei herausgekommen, auf jeden Fall habe ich nachhaltige Erinnerungen an diesen Tag.
Aber man kann nicht einfach Hilfsmittel wie Drogen oder Kaffee nehmen und erwarten, dass man einen guten Einfall hat. Wir haben zuletzt ein Jahr lang relativ kontinuierlich an dem Drehbuch gearbeitet. Nun müssen wir das Geld für die Produktion auftreiben. Auch da muss man sich wieder etwas einfallen lassen. Ich nenne solche Projekte "Nilpferde schieben".
Und dann ist man beim nächsten Film wieder ein Anfänger. Und manchmal kommt man im Verlauf des Projekts an einen Punkt, wo man noch mal von vorn anfangen muss. Man ist dauernd unsicher. Als ich zur Schule ging, dachte ich: Ich will später nie wieder eine Prüfung machen. Jetzt ist jeder Film eine Prüfung. Aber wenn ich keine Filme mehr machen würde, wäre mir langweilig.

Detlev BucK

wurde 1996 mit "Männerpension" bekannt. Seine "Bibi & Tina"-Filme gehören zu den erfolgreichsten deutschen Kinderproduktionen. Nächstes Jahr ist Buck, 54, als Schauspieler in der Sven-Regener-Verfilmung "Magical Mystery" im Kino zu sehen.

SPIEGEL WISSEN 2/2016
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