26.04.2016

Anders Arbeiten

"Wichtig ist Beharrlichkeit"

Der Berliner Wirtschaftswissenschaftler Günter Faltin findet, dass es viel zu wenige Unternehmer in Deutschland gibt.
SPIEGEL: Die Unternehmensgründungen in Deutschland gehen seit Jahren zurück. Warum?
Faltin: Das ist ein statistisches Artefakt: Viele sogenannte Notgründungen aus der Arbeitslosigkeit heraus sind tatsächlich weniger geworden. Entrepreneurs, die eigene Ideen verwirklichen und dafür Unternehmen aufbauen, werden dagegen mehr. Das begrüße ich.
SPIEGEL: Warum ist es Ihnen wichtig, viele Menschen fürs Gründen zu gewinnen?
Faltin: Wir leben ökonomisch und ökologisch über unsere Verhältnisse. Wir müssen aufpassen, dass uns die Probleme nicht über den Kopf wachsen. Wir brauchen mehr Menschen, die intelligente Lösungsbeiträge entwickeln und umsetzen.
SPIEGEL: Wie kommt man auf solche Ideen?
Faltin: Jedenfalls nicht im Kreativworkshop. Es ist ganz wichtig, vom Problem aus zu denken. Sich zu überlegen, welche bestehenden Schwierigkeiten man auf welchem Weg lösen könnte. Und dann anzufangen, daran zu arbeiten.
SPIEGEL: Tüfteln können viele. Aber Unternehmer sein?
Faltin: Es ist heute leichter, weil man viele Komponenten einkaufen kann, etwa die Buchhaltung, das Rechnungswesen oder die Logistik. Der Weg von der Idee zum tragfähigen Produkt ist allerdings oft lang. Es braucht Durchhaltevermögen. Dazu passt, dass laut Studien die einzige wirklich wichtige Fähigkeit für Gründer Beharrlichkeit ist.
GÜnter Faltin: "Wir sind das Kapital". Murmann-Verlag; 288 Seiten; 22 Euro.
Mehr zu Faltins Gründerprojekten unter www.entrepreneurship.de.

Wer war zuerst?

Wir klauen dauernd Einfälle von anderen.
Wenn der Kollege mit der Idee brilliert, die man selbst in der letzten Sitzung formuliert hatte, ist das ärgerlich. Aber wahrscheinlich hat er keine Ahnung, dass er geistiges Eigentum geklaut hat. Der niederländische Psychologe Douwe Draaisma hat in einem Übersichtsartikel dargelegt, dass unbewusster Ideendiebstahl – wissenschaftlich: "Kryptomnesie" – weitverbreitet ist. Schon vor Jahren konnte der US-Psychologe Alan Brown belegen, dass Versuchsteilnehmer, die in einer Gruppe Begriffe erfunden hatten, bereits kurze Zeit später glaubten, die Begriffe der anderen seien ihre eigenen gewesen. Dieses Phänomen der falschen Erinnerung wurde immer wieder nachgewiesen. Es wird stärker, wenn Menschen sich ähneln oder wenn alle durcheinanderreden, sprich: in Teams. Draaisma findet diese Art der Gedächtnislücke sinnvoll, jedenfalls evolutionär gesehen: Schließlich kann es nützlich sein, dass eine Gruppe sich eine gute Idee merkt – egal, von wem sie zuerst kam.

Das Leben kleben

Einfache hilfen für ziemlich schwierige Fragen.
Klebeband, Papier, bunte Filzstifte. Was Robert Kötter und Marius Kursawe in ihren Kurzfilmen zeigen, sieht eher nach Bastelstunde als nach Beratungssitzung aus. Doch die beiden Coaches haben nur besonders anschauliche Tools entwickelt, um Hilfesuchenden bei der Verwirklichung ihrer Ziele zu helfen. Etwa den "Life Equalizer": Um sich klarzumachen, wo man mit bestimmten Lebensthemen wie Familie, Geld und Fitness steht, malt man sich eine Art Regler und markiert mit Klebestreifen Soll- und Ist-Zustände. "Design Your Life" nennen die beiden ihren Ansatz. Ihre Website und das gleichnamige Buch sind eine Ideenfundgrube. Filme gibt es unter www.workliferomance.de.
"Keine Fans ohne Gegner"
Umfrage II: Wo fehlt es in unserer Gesellschaft an Innovation? Eine Antwort von Frank Schätzing, 58, Autor
"Es fehlt uns nicht an kreativen Köpfen. Es fehlt am Glaubensbekenntnis. Hier ein Vorschlag:
1. Kreativ darf sich nur nennen, wer bereit ist zu scheitern. Ob's funktioniert, erweist sich einzig in der Praxis, und die ist nichts für Feiglinge. Wer versucht, das Wenigste verkehrt zu machen statt das meiste richtig, verschenkt Potenzial.
2. Vorabtests sind der Tod jeder Innovation. Testgruppen sind nie visionär, sie wurzeln im Gewohnten. Alle großen Pionierleistungen wären in Vorabtests durchgefallen: Atlantik überqueren im Wikingerschiff? Flugzeuge? Sex Pistols? Viel zu gefährlich!
3. Kreativität braucht Chaos. Darum niemals einengen! Das Universum konnte nur entstehen aus der Verfügbarkeit sämtlicher Möglichkeiten. Erst wer die alte Ordnung gedanklich atomisiert, erhält eine neue.
4. Was nicht polarisiert, ist nicht relevant. Du gewinnst keine Fans ohne Gegner. Wer versucht, es jedem recht zu machen, endet in Beliebigkeit. Wer sich was traut, stellt fest: Das Verrückteste ist oft das Beste.
5. Innovation braucht Venture Capital in großem Stil. Die Erfolgsstory des Silicon Valley ist vor allem die seiner Investoren. Keine Rakete entkommt dem Schwerefeld ohne maximalen Anfangsschub. Deutschland leistet sich zu viele Fehlstarts mangels Risikoinvestment.
6. Wenn du es nicht machst, macht es ein anderer. Zögern, zaudern, aussitzen: Deutschland könnte Weltmarktführer zum Beispiel in grünen Technologien sein. Die Ideen sind da, die Umsetzung überlassen wir anderen.
7. Zu jeder guten Idee gehört das Wissen, dass sie irgendwann keine gute Idee mehr ist. Unternehmen gehen pleite, Künstler verschwinden in der Versenkung, weil sie versäumen, sich neu zu erfinden. Die beste Idee trägt ihr Ende schon in sich, also gilt, die nächstbessere gleich mit zu entwickeln.
8. Wer stagniert, stirbt aus. Kreativität ist ein Überlebensvorteil, basierend auf unserer evolutionär erworbenen Fähigkeit, uns das Morgen vorzustellen. Es liegt in unseren Genen, Grenzen zu überschreiten, Neues zu erproben, das Unmögliche zu probieren. Ohne Update keine Zukunft.
9. Innovation braucht Kommunikation. Sprich, Medienpower. Dann kann Innovation sogar global identitätsstiftend wirken – siehe Mondlandung.
10. Der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist, sie zu erfinden. Agieren statt reagieren. Die Zukunft ist nicht vorgefertigt. Jeder kann sie mitgestalten. Kreativität ist die Kraft der Veränderung."

"Kreativität kann man nicht aufbrauchen. Je mehr man sich ihrer bedient, desto mehr hat man."

Maya Angelou, US-Schriftstellerin (1928 bis 2014)

SPIEGEL WISSEN 2/2016
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