26.04.2016

Lieblingsbuch

Was der Schriftsteller Peter Henning als Lektüre zum Heftthema empfiehlt
Ich hatte Anfang der Neunzigerjahre begeistert Peter Stephan Jungks Roman "Tigor" über den gleichnamigen Chaosforscher gelesen. Dem Klappentext entnahm ich damals, dass Jungk drei Jahre lang am American Film Institute in Los Angeles studiert hatte – also wohl ziemlich filmaffin sein musste. Erst zehn Jahre später fiel mir zufällig ein weiteres Werk Jungks in die Hände, sein Roman "Der König von Amerika". Ich fand meine Annahme, der Mann müsse mehr als nur ein Faible fürs Kino haben, eindrucksvoll bestätigt. Denn sein großartiger Roman über den Begründer des modernen Trickfilms, Walt Disney, ist so lebendig, farbenprächtig und intensiv geschrieben, dass er sich wie ein Film liest.
Jungk gelingt in seinem Buch das Kunststück, Disney auf gerade mal 244 Seiten auf die ganz große Literaturleinwand zu holen. Er bedient sich dabei eines so einfachen wie genialen Tricks: Er beschreibt die letzte Schaffensphase im ruhelosen Leben des bereits tödlich an Lungenkrebs erkrankten Filmpioniers – und zwar aus der Sicht eines früheren, gleichwohl fiktiven Mitarbeiters namens Wilhelm Dantine. Dieser Dantine, so will es der Roman, schildert seinen ehemaligen Chef in der Tonlage eines zutiefst enttäuschten Mannes, getrieben von brennenden Rachegelüsten gegen den großen Walt, der ihn einst unter fadenscheinigen Gründen aus seinem aufstrebenden Zeichnerteam entfernt hatte.
Genau das gibt Jungks literarischem Disney-Close-up seinen großen zeitlosen Reiz. Denn die meisten Biografien jenes Mannes, der als Erster Zeichentrickfiguren Persönlichkeit verlieh, der als Erster einen abendfüllenden Zeichenfilm produzierte und unterm Strich 32 Oscars einheimste, beten unkritisch oder gar ehrfurchtsvoll die Erfolgsstory seines Lebens und seiner (immer noch fortwirkenden) Karriere herunter. Jungk dagegen treibt seine Sätze tiefer ins nicht selten knarrende Gebälk der Disney-Legende. Er gibt Dantine die Stimme eines Mannes, der im Hinblick auf sein einstiges großes Idol bis zuletzt gefangen bleibt in einer unauflöslichen Ambivalenz – schwankend zwischen Bewunderung für den großen Kreativen und Hass auf den großen Egomanen.
Dieser Blick des zerrissenen, enttäuschten Dantine auf den übermächtigen Disney ist großartig, denn so gelingt eine Nahaufnahme, die mir den Menschen durch das Detail verständlicher macht als sämtliche Bücher über die Zeichnerlegende. Und Jungk liefert mir mit seinem Roman einmal mehr einen Beweis für meine These, dass die Erfindung bisweilen näher an eine bestimmte Wahrheit heranzurücken vermag, als es noch so zahlreich aufgeführte und verbürgte Fakten in einem Sachbuch tun.
Nachdem ich "Der König von Amerika" nochmals gelesen hatte, habe ich aufs Neue das Gefühl gehabt, dabei gewesen zu sein auf den letzten Lebensmetern jenes Walter Elias Disney, der zeitlebens vor dem weglief, was er offenbar am meisten fürchtete: Stille und Stillstand – und darum bis zuletzt, bereits den eigenen Tod vor Augen, schuftete und schuftete. So klingt das bei Jungk:
"Ich bin tonangebend", dachte er, "ich bin einer der Glorreichen der Welt." Wie ein Echo hallen diese Worte in Walts Innerstem wider. "Mehr Menschen auf Erden haben meinen Namen im Ohr als den von Jesus Christus. Ich bin ein Mythos. Die Maus ist beliebter als das Christkind und der Weihnachtsmann zusammengenommen. Ich habe ein Universum geschaffen. Mein Ruhm wird Jahrhunderte andauern."

PETER HENNING

schwärmt für Peter Stephan Jungks 2001 erschienenen Walt-Disney-Roman "Der König von Amerika" (Klett Cotta). Henning, 57, veröffentlichte zuletzt den Roman "Die Chronik des verpassten Glücks" (Luchterhand).

SPIEGEL WISSEN 2/2016
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