26.04.2016

„Funkeln wie die Huren“

Warum wir das Alte nicht unterschätzen sollten
"Jede Generation lacht über Moden, aber folgt den neuen treu", beobachtete der amerikanische Philosoph Henry David Thoreau. Heute ist das Neue selbst die neueste Mode: Es muss auf jeden Fall das schöpferisch Gewagte sein, die Innovation um jeden Preis, neben der alles Bisherige überholt aussieht – vom einträglichen Patent bis zum bloß umgestylten Logo.
Aber ist Frische der Frische wegen nicht selbst schon Ideologie? Liegt das Heil wirklich in der Novität? Menschen vergangener Zeitalter hätte das heute geradezu hektische Neuerungstempo tief verstört: "Rerum novarum cupidus" (auf Neues begierig) zu sein, das war im alten Rom gleichbedeutend mit staatsgefährdendem Umstürzlertum. Noch im Mittelalter bemäntelte man einen philosophischen Geistesblitz nach Möglichkeit als Rückkehr zur ewigen, göttlich garantierten Weltordnung. Erst seit Beginn der Neuzeit haben Innovateure in den meisten Lebensbereichen freie Hand, vor allem infolge des wirtschaftlichen Wettbewerbs.
Natürlich melden sich immer mal Zweifler. So hat der Lyriker Rainer Maria Rilke schon um 1900 vor der Rastlosigkeit der großen Städte gewarnt: "Und ihre Menschen dienen in Kulturen / und fallen tief aus Gleichgewicht und Maß / und nennen Fortschritt ihre Schneckenspuren / und fahren rascher, wo sie langsam fuhren / und fühlen sich und funkeln wie die Huren / und lärmen lauter mit Metall und Glas." Bis hin zur ökologischen Wachstums- und Konsumkritik gab und gibt es etliche solcher Stimmen, doch fast immer bilden sie eine Minderheit.
Wer vom Reiz des Neuen mit seinen angeblichen Vorzügen unbeeindruckt bleibt, gilt als Spielverderber, Reformbremse und törichter Antimodernist. Stillstand, so heißt es dann, behindert das Wachstum; Rückwege können nur Rückschritte sein.
Oder liegt es am Ton? Vielleicht sollten Anhänger des Bestehenden ihre Argumente bloß ein bisschen weniger larmoyant, eher spöttisch vortragen. "Überhaupt hat der Fortschritt das an sich, dass er viel größer ausschaut, als er wirklich ist", stichelte schon 1847 der Bühnensatiriker Johann Nepomuk Nestroy. Nicht minder launig hat der Philosoph Odo Marquard in seinen Essays vorgeführt, wie Machbarkeit – zumal des Neuen – regelmäßig an dem scheitert, was man altmodisch Schicksal nennen könnte. Für das verflixt kurze Leben des Menschen seien "Üblichkeiten" nicht nur unvermeidlich, sondern ein Segen. Zukunft brauche immer Herkunft, Zufriedenheit trainiere man am besten durch konservative Skepsis, und für Neues gelte: "Die Beweislast hat der Veränderer."
Natürlich war das nicht als Freibrief für einfallslose Faulpelze gemeint. Aber mit dem netten alten Sprichwort "If it ain't broke, don't fix it" – frei übersetzt: Was funktioniert, brauchen wir doch nicht zu reparieren – lässt sich Neuerungssüchtigen schon recht gut entgegentreten. Alles weitere Beharrungsvermögen, in Fachkreisen als Trägheit bekannt, hat eigentlich gar kein Plädoyer mehr nötig: Physisch wie moralisch kann man, was schon da ist, gewöhnlich nur recht mühsam aus der Welt schaffen; im Universum steht folglich das Neue prinzipiell unter Bewährungsdruck, nicht erst seit Darwin.
Und für alle, die glauben, beim Wissen sei das anders, ist da noch die Anekdote vom Chef der Bonner Sternwarte. Als Preußens König Friedrich Wilhelm IV. ihn bei einer Visite 1845 fragte: "Na, Argelander, was gibt es Neues am Himmel?", erwiderte der Astronom: "Kennen Majestät schon das Alte?"
Johannes Saltzwedel hat besondere Freude daran, sich unerwartet bei einem Einfall zu ertappen – und sei es bloß ein flapsiger Kalauer.
Von Johannes Saltzwedel

SPIEGEL WISSEN 2/2016
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