26.04.2016

Anders leben

"Heiterkeit im Raum"

Umfrage III: Wo fehlt es an Innovation? Eine Antwort von Margot Käßmann, 57, Botschafterin des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland
"In meinem Bereich wünsche ich mir mehr Innovation in Gottesdiensten. Menschen sollten spüren, dass sie willkommen sind, dass es Orte sind, an denen es nicht nur um Konsum und Geld geht, sondern um Sinn und Seele. Wenn viele sich beteiligen, die Musik das Herz anrührt und die Predigt die Gottesdienstbesucher konkret in ihrer Lebenssituation anspricht, auch wenn etwas Heiterkeit im Raum ist und anschließend Zeit ist für ein Gespräch bei Kaffee und Tee, dann kann das zum bestärkenden Erlebnis werden für den Alltag."

Angeknipst

Peter Badge Porträtiert Nobelpreisträger.
"Warum wollen Sie alte Männer fotografieren?", fragte der 82-jährige Atomphysiker Hans Georg Dehmelt den Fotografen Peter Badge, als dieser ihn in Los Angeles besuchte. Doch Badge hat gute Gründe: Seit 2001 macht er Bilder von Nobelpreisträgern, will die Menschen hinter der Wissenschaft sichtbar machen. Die meisten der Fototermine sind derart entspannt und informell abgelaufen, dass Badge nun auch ein Buch mit anekdotischen Berichten über seine "Weltreise" herausgebracht hat. Man erfährt, dass Desmond Tutu Football liebt, Doris Lessing eine launische Katze hatte und Jimmy Carter es hasst, wenn Technik nicht funktioniert. (Peter Badge, Sandra Zarrinabal: "Geniale Begegnungen: Weltreise zu Nobelpreisträgern". Daab; 576 Seiten; 29,95 Euro)

Soll das so?

Diese Hacker wildern im öffentlichen Raum.
Schon mal von "Cultural Hacking" gehört? Bei dieser Spielart der Street Art werden öffentliche Gegenstände, gern Schilder oder Werbeflächen, verfremdet und umgewidmet: Auf der Plakatwand eines Zoos wird etwa der Pinguin durch ein heimisches Tier ersetzt und eine Wildtier-Schutzparole zugefügt. Auf dem Poster eines konservativen Politikers wird ein Wahlversprechen klammheimlich umgetextet zu "Voller Einsatz für die gleichgeschlechtliche Ehe". Eine große Zahl solcher subversiven Aktionen haben Dozenten der Zürcher Hochschule der Künste und der HDK Bern in einem Blog zusammengestellt. Viele der Kunstprojekte stammen übrigens ganz offiziell aus studentischen Projekten der beiden Unis. cultural hacking.wordpress.com.

"Wissensrausch"

Gründerin Hannah Hurtzig über ihre "Mobile Academy", bei der weltweit Experten und Publikum in Dialog treten.
SPIEGEL: Frau Hurtzig, Sie haben eine Reihe von Performanceabenden erfunden als "Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen". Inszeniert werden 100 Zwiegespräche, Experte und Zuschauer sitzen sich gegenüber. Warum?
Hurtzig: Im Dialog entsteht ein anderer Austausch als bei Vorträgen oder Talkrunden. Man muss miteinander verhandeln, hofft auf Verständnis, es ist mehr Zeit, über Missverständnisse und Vorurteile zu sprechen. Wir beschreiben das oft mit einem Satz von Oswald Wiener: "Erst als ich hörte, wie du mich verstehst, wusste ich, was ich gesagt hatte." Dabei entstehen neue Erkenntnisse.
SPIEGEL: Passen die jeweiligen Themen eigentlich zu den Städten, in denen Sie gastieren?
Hurtzig: Wir wollen lokales Wissen sichtbar machen, deshalb suchen wir Experten vor Ort und entdecken spezifische Themen: In Liverpool, einer kämpferischen Stadt, die historisch viele Niederlagen ertragen musste, war das Thema "Müll".
SPIEGEL: Werden die Abende aufgezeichnet?
Hurtzig: Wir haben mittlerweile 1000 Gesprächsmitschnitte in einem Archiv gesammelt. Entscheidend ist aber, was Zuschauer erleben: Sie navigieren sich selbst durch den Abend, konstruieren quasi eine eigene Wissenserzählung.
SPIEGEL: Warum ist das reizvoll?
Hurtzig: Wahrscheinlich weil ein öffentlicher Raum bereitsteht, in dem das lokale Wissen sich mit Wissenschaft und Weltwissen trifft und vorübergehend ein kollektiver Wissensrausch entsteht.

Papiere, bitte!

Designer und Flüchtlinge gestalten zusammen Pässe.
"Wer sich Integration wünscht, sollte Geflüchtete legitimieren." Aus diesem Gedanken heraus entwickelten Designer der Münchner Agentur Kontrastmoment die Idee, zusammen mit Flüchtlingen in einem Kreativworkshop auf eigene Faust Reisepässe zu gestalten. Gemeinsam malten sie kleine Geschichten oder stempelten Parolen wie "SOS" in die gebastelten Reisedokumente. Das Projekt "Servus Refugee" soll nicht nur Kontakt und Kommunikation fördern, sondern auch symbolische Geste sein. Die hat offenbar Eindruck gemacht: Für das Projekt bekam das Team jetzt den German Design Award.

"Ich verstehe nicht, warum die Menschen Angst vor neuen Ideen haben. Ich habe Angst vor den alten." John Cage

Weitere Antworten aus unserer Umfrage finden Sie auf unserer Facebook-Seite unter www.facebook.com/spiegelwissendasheft .

SPIEGEL WISSEN 2/2016
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