26.04.2016

Wie sind Sie kreativ?

Mascha Winkels, 25, Studentin, Köln
Privat lebe ich meine Kreativität aus, indem ich schreibe. Das mache ich seit meinem elften Lebensjahr. Ich habe bereits viele Kurzgeschichten geschrieben und auch einen Roman, der aber nicht veröffentlicht ist. Außerdem habe ich viele Jahre lang Tagebuch geschrieben, aber inzwischen habe ich damit aufgehört, weil ich im Journalismusstudium schon so viel schreiben muss, Reportagen beispielsweise. Wenn ich schlafen gehe, liegt immer ein Buch neben mir. Darin schreibe ich alles auf, was mir nachts einfällt.

Isabell Derenthal, 22, Studentin, Köln

In meinem Medien- und Kommunikationsdesignstudium bin ich jeden Tag kreativ. Aber ich liebe es auch, am Wochenende fotografieren zu gehen. Alles, was mir vor die Linse springt, fotografiere ich, Menschen und Objekte. Außerdem koche ich gern für Freunde und bin auch in der Küche kreativ: Ich schaue einfach in den Kühlschrank und mixe etwas zusammen. Dadurch, dass ich ein eher chaotischer Mensch bin, bin ich quasi gezwungen, kreativ zu sein, um mein Leben überhaupt auf die Reihe zu bekommen.
Gerold Muhr, 46, Hochschulgeschäftsführer, Berlin
Sicherlich bin ich auch kreativ, aber nicht im klassischen Sinn. Ich leite eine Designhochschule. Mein Job besteht darin, neue Geschäftsideen und Studiengänge zu entwickeln. Inspiration "finde" ich nicht, sie ist eine berufliche Notwendigkeit. Überhaupt, Inspiration? Die ist auch nur eine Arbeitstechnik, ein System. Man muss systematisch eine neue Idee entwickeln. Es ist nicht mehr wie in der deutschen Romantik vor 200 Jahren, dass man in den Wald geht und darauf wartet, dass einem eine Idee kommt, weil der Geist in einen hineinfährt.
Buyuan Liu, 26, ehemalige Architektin, Peking
Bis vor Kurzem war ich Architektin, da musste ich kreativ sein. Das hat mir gefallen, aber es war auch schwer, denn alle guten Ideen hat irgendwer irgendwann schon gehabt. In der Architektur kann man nichts völlig Neues mehr erfinden. Meine Inspiration habe ich bei großen Planern wie Rem Koolhaas gefunden und in der Natur: Für ein Einkaufszentrum habe ich mich von den Kurven des Grand Can-yons inspirieren lassen. Ich liebe Kunst und Architektur. Aber die Bezahlung ist so schlecht, das ich in die Finanzbranche wechseln musste, um mehr zu verdienen.
Antwan Lymore, 26, Coach und Choreograf, Norderstedt
Ich denke mir Choreografien für die Cheerleader-Mannschaft aus, die ich trainiere. Meiner Kreativität sind dabei kaum Grenzen gesetzt, denn das Spektrum der möglichen Bewegungen ist sehr breit: Es gibt Akrobatik, Hebefiguren, Bodenturnen. Eine neue Choreografie zu erfinden macht mir jedes Mal wieder Spaß, weil ich mich immer freue, sie genau auf das jeweilige Team abstimmen zu können. Meine Inspiration bekomme ich durch die Musik, manchmal auch aus Videos auf YouTube. Für mich ist Kreativität alles: Hobby, Leben, Alltag.
Helga Pfeiff, 69, Rentnerin, Hamburg
Ich dekoriere Schaufenster in einem Geschäft des Hilfsorganisationsverbundes Oxfam. Da arrangiere ich die Secondhandkleidung und andere gespendete Gegenstände so, dass es zum Kauf anregt. Alle zwei Wochen wird das Schaufenster nach einem anderen Motto gestaltet – Ostern, Skifahren oder Afrika. Zu Hause mache ich jetzt Origami, nur für mich. Das ist gar nicht so einfach.
Heinz Schröder, 63, Rentner, Wuppertal
Ich spiele seit 57 Jahren mit Modelleisenbahnen. Ich habe sogar noch die alten Sachen von damals, als ich sechs Jahre alt war. Jetzt, im Ruhestand, beschäftige ich mich zwei, drei Tage in der Woche damit, von morgens bis abends. Früher habe ich mein Hobby im Keller ausgeübt, aber inzwischen habe ich dafür einen großen Raum in der ersten Etage. Ich baue komplette Anlagen, die Technik, die Hintergrundbilder, die Beleuchtung und alles, was dazugehört. Ich denke mir Landschaften aus und ganze Fantasiestädte. Meine Inspiration hole ich mir im Miniaturwunderland und in der echten Welt, zum Beispiel bei der Rügenschen Bäderbahn. Die Technik hat sich sehr verändert, heute ist alles digital, es gibt Leuchtdioden, und man steuert die Anlage per Handy. Ich baue auf, ich baue um, ich baue ab. Es kommt immer wieder etwas Neues raus, das baut man dann ein.
Bärbel Behnke, 58, Buchhalterin, Meldorf
Beim Stricken, Häkeln, Nähen und Reparieren. Beispielsweise habe ich schon eine Hose in eine Tasche umgearbeitet. Ich stricke und häkele Pullover, Schals, Mützen, Socken, früher auch die klassischen Toilettenrollenüberzüge. Ich mache das, weil ich immer etwas zu tun haben muss. Wenn ich untätig vor dem Fernseher sitze, fange ich an, an meinen Fingern zu pulen, das habe ich von meiner Mutter. Häkeln und Stricken kann ich schon länger als Lesen und Schreiben.
Jens Vollbrecht, 54, Heilerzieher, Hamburg
Ich fotografiere Landschaften. Als Heilerzieher arbeite ich im Schichtdienst, sodass ich oft frei habe, wenn andere Menschen arbeiten müssen. Manchmal stehe ich um vier Uhr morgens auf, ziehe los und fotografiere den Wald oder die Stadt. Dann ist noch kein Mensch unterwegs, und die Welt sieht ganz anders aus.
Krischan Göttsch, 30, Matrose in der Binnenschifffahrt
Ich zeichne und male, ausschließlich Maritimes. Na ja, ab und zu auch mal ein paar kleine Skizzen von meinen Mitarbeitern. Und manchmal politische Karikaturen. Ich zeichne schon seit frühester Kindheit. Drei-, viermal in der Woche setze ich mich abends eine Dreiviertelstunde lang hin – das macht den Kopf frei, und das Kreative will ja raus. Ich zeige die Bilder eigentlich keinem, das ist überwiegend für mich. Aber manche sind so gut geworden, dass ich sie tatsächlich aufgehoben habe.
Von Texte: Charlotte Klein Fotos: Maria Feck

SPIEGEL WISSEN 2/2016
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