26.04.2016

Was wäre die Welt ohne ... Brainstorming?

Ein Brainstorming, was ist das noch mal?
‣ "Da denken mehrere Leute gemeinsam über eine Sache nach, jeder sagt einfach, was ihm so in den Kopf kommt."
‣ "Ein wildes Sammeln von Einfällen, das helfen kann, neue Ideen zu entwickeln."
‣ "Eine aufgesetzte Diskussionsrunde, in der oft nur gelabert wird, nett, aber sinnlos."
‣ "Meist hat niemand Lust dazu, aber der Chef will es."
So, das war ein kleines Brainstorming zum Thema Brainstorming.
Aber wer hat's eigentlich erfunden? Der amerikanische Werbefachmann und Autor Alex Osborn. Der Partner der New Yorker Werbeagentur BBDO veröffentlichte 1948 das Buch "Your Creative Power", womit er berühmt wurde und die Idee des Brainstormings in die Welt setzte. Wie lassen sich aus einer Gruppe von Mitarbeitern möglichst viele Ideen herauskitzeln? Seiner Meinung nach ganz einfach: eine Fragestellung, eine Handvoll Menschen in einem Raum, jeder darf sagen, was er will, keinerlei Kritik. Und je mehr Vorschläge, desto besser. Zum Schluss werde sich in dem Wirrwarr aus Gedanken und Ideen stets auch ein Geniestreich finden.
Die Methode erschien so einleuchtend, dass sie mühelos die letzten 70 Jahre überstand. Der Siegeszug des Brainstormings als angeblicher Kreativitätsschleuder ist global, bei keinem Meeting eines Start-ups darf es fehlen, kein Volkshochschultreffen ohne.
Dumm nur, dass Dutzende empirischer Studien, die erste bereits 1958 an der berühmten US-Universität Yale, zu einem ernüchternden Ergebnis kommen: Brainstorming in Gruppen bringt nicht viel, je größer die Zahl der Teilnehmer ist, desto sinnloser wird es. Wolfgang Stroebe, einer der bedeutendsten deutschen Sozialpsychologen, notierte vor Jahren: "Gruppen generieren im Brainstorming insgesamt weniger und auch weniger erfolgreiche Ideen, als würden sich die Teilnehmer allein Gedanken machen."
Aber warum das denn? In Gruppen werden eher konventionelle Ideen entwickelt. Viele Teilnehmer sind gehemmt, weil sie Angst haben, sich vor den anderen lächerlich zu machen. Gleichzeitig will kaum jemand eine wirklich originelle Idee mit den anderen teilen, da er dann das Copyright daran verlieren würde. Der Geistesblitz wäre nicht mehr seiner. Und auch das Verbot jeglicher Kritik ist kontraproduktiv: Ohne Widerspruch entstehen kaum wegweisende Ideen, auch das zeigen wissenschaftliche Analysen.
Aber wieso ist Brainstorming trotzdem so beliebt? Es erfüllt das Harmoniebedürfnis der Menschen. Zusammen mit anderen irgendwie kreativ zu sein, das erfreut das Herz der meisten Büroarbeiter und fühlt sich gut an. Danach denkt jeder, dass man toll etwas geschafft habe, mag das Gesamtergebnis noch so klein sein.
Gehört das Brainstorming also ausgemustert, weg in die Ablage "Mythen von gestern"? Nein. Denn ein Brainstorming hilft durchaus: Es verbessert das soziale Klima in einer Gruppe. Auch das kann die Wissenschaft beweisen.
Wir müssen also nur ehrlich sagen, was wir mit einem Brainstorming erreichen wollen: Die Kreativität fördern? Welch ein Quatsch. Die Atmosphäre unter den Kollegen verbessern? Wunderbar.
Von Joachim Mohr

SPIEGEL WISSEN 2/2016
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