28.06.2016

Der abgeschossene Pfeil

Wie lang ist eine Stunde? Das hängt ganz davon ab, wie wir sie verbringen.
Es ist unfassbar, wie viel Zeit wir haben. Wir leben jeden Tag so, wie sich die Menschen vor uns das Paradies vorgestellt haben: Die Beschaffung von Kleidung, Nahrung, Wärme und Wasser erfordert kaum noch unsere Aufmerksamkeit. Einige Fingerzüge auf einer Glasscheibe, und kurze Zeit später wird mir, wo immer ich bin, eine Mahlzeit serviert. Wir können mit Menschen sprechen, die sich auf der anderen Seite der Erde befinden, kostenlos. Und nahezu jede Frage des praktischen Lebens per Internetrecherche klären, ohne uns auch nur erheben zu müssen. Und dabei lieben wir den Gedanken, überfordert zu sein, und tagträumen uns landlustig in ein imaginäres Früher, in dem wir vom Zeitmangel genesen wie Heidis Freundin Clara auf der Alm von ihrer Lähmung.
Aber die alte Zeit ist nur im "Manufactum"-Katalog schön. In Wahrheit hatten die Menschen kaum Zeit zur freien Verfügung. Der Weg zum Feld oder auf den Markt, die Zubereitung einer Mahlzeit, das Versorgen der Tiere, die Instandhaltung von Möbeln und Material – das alles verschlang nahezu die gesamte Zeit eines Tages, der auch nicht ewig verlängert werden konnte. War die Sonne einmal untergegangen, war es mühsam und teuer, das Haus oder auch nur ein Zimmer zu erhellen. Jede Reise dauerte Tage, Arbeit war langwierig, ihre Erträge waren meist mager. Der Wechsel von Wetter und Jahreszeiten hielt die Menschen auf Trab. Eine Hausfrau des 19. Jahrhunderts etwa stellte alles selbst her, was wir in Sekundenschnelle kaufen können: Seife, Federbetten, Kleidung, Marmelade, Brot und Kuchen. Die Männer bauten ihre Arbeitsgeräte, die Möbel, schlachteten und brauten. Jede Art von Bedarf musste mit großem Aufwand versorgt werden, nichts war schnell oder einfach.
Und nun erkennen wir einen Widerspruch: In Zeiten und Gegenden, in denen die Mühe des Lebens nahezu alle Stunden des Tages beansprucht, finden wir kaum Klagen darüber, dass die Zeit zu knapp ist. Doch in unserem irdischen Nirwana, mit all den Feiertagen, Ferien und geregelten Arbeitszeiten, ist das Stöhnen über die Knappheit der Zeit, das Leiden daran, schon fast eine eigene Folkloregattung. Ein Widerspruch, dessen Lösung uns mitten hinein führt in das Selbstverständnis unserer Kultur.
Wie wir Zeit empfinden, hängt davon ab, wie wir die Welt wahrnehmen, was wir über sie zu wissen glauben. Das wiederum ist ein Produkt von Erfahrungen. Wenn eine Kultur ganz auf der zyklischen Wiederkehr der Phänomene basiert, etwa der Jahreszeiten, die die Arbeiten der Landwirtschaft bestimmen, kann sie auf die Idee kommen, dass sich die Zeit erneuert wie das Wasser. Es wäre dann übertrieben, auf Uhren zu schauen und sich zu sorgen. Denn der Tag morgen wird genauso lang wie der heutige, die Zeit geht nicht aus, solange man lebt. Die Kinder werden weiter so leben. Und wenn man das irdische Leben hinter sich lässt, ist unklar, was geschieht. Sicher aber scheint, dass man keine Uhr mehr braucht.
Solch eine zyklische Auffassung der vergehenden, dann aber wiederkehrenden Zeit ist uns fremd. Nach unserem Verständnis ist die Zeit eher einem Pfeil vergleichbar: Einmal abgeschossen, fliegt er nur in eine Richtung und kehrt nicht zurück. Diese Zeit soll auf etwas hin zielen. Man möchte in dieser Zeit etwas erreichen.
"Time is money", die Einsicht von Benjamin Franklin hat sich längst zu einer Art Naturgesetz gewandelt. Geld hat aber einen Wert nur dann, wenn es knapp ist. Das führt uns heute zu einer Obsession mit diesen Themen. Der amerikanische Wirtschaftsautor Michael Lewis hat sehr eindrucksvoll beschrieben, wie Investoren sich um neueste Glasfasertechnologie kümmern, um bei der Übermittlung ihrer Kauf- und Verkaufssignale an der Börse noch minimale Bruchteile von Sekunden schneller zu werden. Bei einem entsprechend hohen Volumen schafft selbst solcher Wahnsinn noch Gewinne.
Aber die Zeit, auch wenn sie Geld bringen kann und auf einschüchternd komplexen Displays ganz genau dargestellt und berechnet werden kann, ist kein eindeutiges Element unserer Welt, keine objektive Größe. Sie wird von Menschen konzipiert, berechnet und interpretiert und erhält erst so ihre Bedeutung.
Immer wieder haben Wissenschaftler die Frage untersucht, wie uns die Zeit vorkommt, und ihre Antwort überrascht eigentlich nicht: Sie kommt uns immer anders vor, je nach Kontext. In einer Studie erwarteten Probanden ein bestimmtes Geräuschsignal. Wussten sie nicht, wie viel Zeit vergehen würde, bis das Geräusch ertönte, dann kam ihnen die Wartezeit sehr lang vor. Sagte man ihnen hingegen vorher schon, wie lang es dauern würde, dann empfanden sie die Wartezeit nicht als besonders lang. Dabei handelte es sich immer um dieselbe Dauer. Unser Gehirn macht sich auf alles einen Reim und findet es angenehmer, wenn es sich zuverlässig orientieren kann.
Wir geben der Zeit immer auch einen sozialen, kulturellen oder moralischen Sinn. Man denke an den traurigen Satz von Hannelore Kohl: "Nach vier Stunden echten Wartens freut sich nur noch ein Hund." Sie hat recht: Obwohl ein Tier diese Zeit ja ebenso durchlebt, genauso lange wartet, hat es einen völlig anderen Begriff davon. Die Wartezeit kann ihm nicht zu lang oder gar auf beleidigende Weise zu lang sein. Der Mensch hingegen inszeniert ein mentales Drama, für das die vergehende Zeit die Bühne bietet.
Ob das Drama dann zur Komödie oder Tragödie wird, hängt wiederum vom spezifischen Kontext unseres Wartens ab. Auch eine lange, quälende Wartezeit kann sich dann noch in große Freude wandeln, wenn man zuvor in Sorge war: Ein Glück, da bist du ja endlich! Fühlt man sich umgekehrt von einem Termin genervt, empfindet man die paar Minuten, die sich die Sache verschiebt, weil der ohnehin ungeliebte Gesprächspartner nicht kommt, als reine Frechheit.
Wir machen uns unsere Zeit weitgehend selbst. Einige Grundsätze der Zeitempfindung gibt es dabei natürlich schon. So kommt es uns immer länger vor, wenn wir etwas zum ersten Mal machen, also jede Menge neue Eindrücke gewinnen. Bewegen wir uns hingegen auf bekanntem Terrain – sowohl im wörtlichen wie im übertragenen Sinne –, merkt sich das Hirn wenig, und die Erinnerung reduziert die erlebte Zeit. Darum sind die Nachmittage der Kindheit in der Erinnerung länger: Man war ziemlich gut beschäftigt damit, die Welt zu erkunden, auch wenn es nur die Reihe der Garagentore neben dem Haus war. Demgegenüber sind typische Büronachmittage kurz.
Die Empfindung, keine oder zu wenig frei verfügbare Zeit zu haben, ist ein Produkt unserer sozial und kulturell konstruierten Zuschreibungen. Im modernen Familiendiskurs ist der Begriff von der "Quality Time" ein Standard, wonach es also weniger auf die absolut gemeinsam verbrachte Zeit ankommt als vielmehr auf ihren spezifischen Wert, gemessen an der Zuwendung der Eltern. Unklar ist dabei, ob Kinder das ebenso empfinden, denn der Qualitätsbegriff ist ja völlig unterschiedlich. Meine liebste Kindheitserinnerung ist der Gang zur Bäckerei an der Hand meines Großvaters. Große Ausflüge, selbst die Reisen waren schön, hätten mir aber auch nicht gefehlt. Das völlig Normale ist Kindern wichtig. Erwachsene aber registrieren so etwas kaum noch und mühen sich folglich damit ab, den Kindern etwas bieten zu wollen, denken sich Inszenierungen aus, wo doch der Alltag schon genügen mag. Hier kommt es gar nicht auf die Güte dessen an, was gemacht wird, sondern allein auf die Gemeinsamkeit und Verlässlichkeit. Am besten ist es, man schaut gar nicht auf die Uhr.
Auf der anderen Seite stellen wir fest, dass die gesamte Arbeitswelt nach dem Konzept bezahlter Arbeitszeit organisiert ist. Einleuchtend ist das nicht unbedingt, denn so wird jener begünstigt, der für eine bestimmte Aufgabe sehr lange braucht. Jeder Angestellte kennt das Phänomen, dass Stunden im Büro verbracht werden, um Anwesenheit zu demonstrieren. Das kann eine Machtdemonstration sein: Der Chef kommt als Erster und geht als Letzter. Oder eine Botschaft an die Kollegenschaft: Diese Arbeit steht im Mittelpunkt meines Lebens. Die im Büro verbrachte Zeit muss nicht besonders produktiv sein, sie kann genau genommen auch ein Zeichen dafür sein, dass man mit dem Pensum nicht mehr klarkommt.
Aber auch hier ist das Zeitkonzept eben moralisch aufgeladen: Wer Zeit anders verbringt, ist faul, und das ist ein Makel, weil es eben als Tugend gilt, aus der Zeit etwas zu machen, produktiv zu sein. Wie schüchterte mich jener Kommilitone ein, der schon frühmorgens über den Büchern saß und bis in die Nacht büffelte. Bis ich in den Seminaren erkannte, dass er einfach für alles länger brauchte, auch um ganz offensichtliche Zusammenhänge zu kapieren. Er mühte sich mit schlechten Noten ab, obwohl es gute Noten fast geschenkt gab. Dass er so lange Zeit benötigte, war eine Folge von Leistungsschwäche, nicht von Fleiß. Ihm wurde allerdings auch keine Hilfe zuteil, weil sein Verhalten so mustergültig wirkte.
Wenn ein Soziologe wie Hartmut Rosa von der Notwendigkeit zur "Entschleunigung" unserer Gegenwart spricht und schreibt, dann bezeichnet er damit kein objektives Problem: Die Zeit vergeht ebenso schnell wie im Jahr 1583, und der Tag hat eben so viele Stunden. Was sich aber verändert hat, sind die Möglichkeiten, die Zeit zu verbringen und die damit verbundenen sozialen und moralischen Bewertungen und Erwartungen. Man muss dazu gar nicht mal auf das Klischee des gehetzten Managers rekurrieren, der einfach immer nur mehr Geld verdienen möchte. Auch Mitglieder kommunistischer Studentengruppierungen hatten nie Zeit.
Hilferufe aus der ganzen Welt werden bekannt, die Wissenschaft gräbt immer neue Verhaltensempfehlungen für besseres Zeitmanagement aus. Ob als Bürger, Eltern, Partner: Das Wissen darüber, wie es besser gehen könnte, hat sich dermaßen vervielfältigt, dass wir das Gefühl haben, zumindest Zeit zum Nachdenken zu brauchen, um sie zu verarbeiten.
Es ist aber noch ein anderes Phänomen am Werk, das uns eine Beschleunigung aller Lebensbereiche suggeriert: Verhalten, gerade in Bezug auf Familie und Beruf, wurde früher einfach habituell reproduziert. Man war ungefähr so verheiratet wie die eigenen Eltern, lebte ähnlich und übte verwandte Berufe aus. Man arbeitete, wo man aufgewachsen war, und bewegte sich über einen sehr kleinen lokalen Radius nicht hinaus. Die Reproduktion des Bestehenden war das Prinzip der Welt.
Heute gibt es solche Vorbilder immer weniger, jeder muss – oder möchte – seinen eigenen Lebens-, Berufs- und Familienweg entwerfen. Beispielsweise sind Kinder heute in der Regel Wunschkinder. Man möchte mit ihnen auf der Höhe sein, es womöglich anders machen als die eigenen Eltern. Die Elternrolle wird mit immer neuen Erwartungen und Standards belegt, nichts ist mehr selbstverständlich. Das Bewusstsein macht daraus ein Phänomen knapper Zeit. Es flüstert: Diesen Weg sind wir noch nie gegangen, achten wir besser auf alle Kleinigkeiten. Schon kommt einem alles zeitraubender vor. Aber eigentlich ist es besser, ein Zeichen unserer Autonomie.
Wenn wir uns gehetzt, überinformiert und zu häufig angesprochen fühlen, Stress beklagen und Achtsamkeit vermissen, dann sollten wir uns bewusst machen, dass dies ein Symptom unserer Freiheit ist. Wir können nur deswegen den Eindruck haben, keine Zeit zu haben, weil wir frei sind. Und dass wir diese Freiheit ebenso gut nutzen können, daran zu denken, dass alle Zeit der Welt immer für uns da ist.
Nils Minkmar nimmt sich Zeit, darüber nachzudenken, warum Zeitmangel toll ist.

Tempo, Tempo: Wenn Zeit Geld ist, hat sie nur dann Wert, wenn sie knapp ist.

Von Nils Minkmar

SPIEGEL WISSEN 3/2016
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