23.08.2016

Gut vernetzt im Leben

Oliver Stones Thriller „Snowden“ feiert den Whistleblower. Traum vom digitalen Hofladen Peter Liggesmeyer vom Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering über das Forschungsprojekt „Digitale Dörfer“ Eine Software sucht nach Vorzeichen von Terroraktionen. Ein Pekinger Tempel hat einen elektronischen Novizen.
Ein Hoch auf den Verräter "PAKETE VOM NACHBARN" Feine AntennenRAT VOM ROBOTERMÖNCH
Selbst als Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) Sex mit seiner Freundin Lindsay Mills (Shailene Woodley) hat, ist er nicht bei der Sache. Er starrt quer durch den Raum, auf seinen Laptop, auf das Kameraauge über dem Bildschirm, und fragt sich: Wer kann jetzt wohl zuschauen? Oliver Stones Thriller "Snowden" (Start: 22. September) handelt von der Angst, jederzeit und überall beobachtet werden zu können und zum gläsernen Menschen zu werden. Stone macht aus Snowdens Biografie ein Heldenepos über einen Verräter. Er zeigt Snowden als Patrioten, der in den Irakkrieg ziehen will, aber nicht kann, nachdem er sich das Bein gebrochen hat. Er arbeitet für die CIA, dann für die NSA und erfährt von der Sammelwut der Geheimdienste. Stone und sein Hauptdarsteller ziehen den Zuschauer tief in die Gewissenskonflikte ihres Helden hinein, bis er nicht mehr anders kann, als zum Whistleblower zu werden. Ein packender Film über einen großen inneren Kampf.
SPIEGEL: Kommen nach den smarten Citys jetzt die smarten Dörfer?
Liggesmeyer: Im ländlichen Raum sind die Problemlagen anders. Stichwörter wie Landarztmangel, wenige Einkaufsmöglichkeiten, kein flächendeckendes Nahverkehrsnetz zeigen: Es geht fast immer um Versorgung und Logistik. Dafür haben wir technische Lösungen gesucht.
SPIEGEL: Welche haben Sie gefunden?
Liggesmeyer: Grundidee ist eine Software für einen "digitalen Hofladen". Ländliche Erzeuger und kleine Supermärkte können ihre Produkte einstellen, Menschen aus dem Einzugsgebiet bestellen per Klick, und die Sachen werden ihnen geliefert. Das funktioniert per Mitmachlogistik: Freiwillige, die bestimmte Strecken ohnehin fahren, transportieren Pakete von Dorf zu Dorf. Auch das wird per App koordiniert. Beim ersten Testlauf in den Projektdörfern haben sich 600 Freiwillige gemeldet. Das heißt, die Bevölkerung macht mit.
SPIEGEL: Haben Sie mit diesem Erfolg gerechnet?
Liggesmeyer: Diese Art Logistik, die ja auch ein wenig soziale Beteiligung erfordert, passt gut aufs Land. Wer eh fährt, hilft anderen. Und die alte Dame, die nicht mehr zu Fuß einkauft, bekommt dann ihr Warenpaket nicht von einem Lieferdienst, sondern vom Nachbarn. Es findet also auch eine soziale Vernetzung statt.
SPIEGEL: Können alleinstehende Senioren die App überhaupt bedienen?
Liggesmeyer: Wir konzipieren die Software so, dass auch Menschen, die nicht digital affin sind, sofort damit zurechtkommen. Genau da sehen wir unsere Expertise und Aufgabe. Die Rückmeldung bisher: Es klappt.
Projektdörfer sind die Kleinstadt Betzdorf bei Siegen und die Gemeinde Eisenberg/Göllheim bei Kaiserslautern. Mehr Infos unter digitale-doerfer.de
Ein Informatikerteam von der University of Miami versucht, Terroranschläge mithilfe von Daten aus den sozialen Netzwerken vorherzusagen. Die Forscher beobachten dazu Unterstützergruppen der Terrororganisation IS, sogenannte Aggregate. Diese bilden sich oft schnell und spontan, um dann genauso rasch von Moderatoren aufgelöst zu werden. In dem russischen vk.com, einem der größten europäischen Sozialnetze, fanden die Forscher 196 Gruppen, deren Aktivitäten sie täglich überwachten. "Vor größeren Aktionen messen wir oft eine Art Vorbeben in den sozialen Medien", sagt Informatiker Stefan Wuchty. Die entwickelten Algorithmen meldeten vor den Angriffen islamistischer Milizen auf die kurdische Stadt Kobane im Herbst 2014 viele Neugründungen solcher Gruppen in rascher Abfolge, allerdings ohne Hinweise auf den Ort des Geschehens. "Der Zeitpunkt eines Gewaltausbruchs ließ sich anhand der Daten eine Woche vorher voraussagen", so Wuchty.
Was ist der Sinn des Lebens? Was ist Liebe? Auf solche und ähnliche Fragen weiß ein 60 Zentimeter großer Plastikmönch in gelbem Gewand Antworten, der vor dem Longquan Temple in Peking steht. Tippt man seine Zweifel oder Fragen in ein Touchpad, das er in den Händen hält, bemüht er sich um Rat. Der Roboter wurde nicht etwa von Computer-nerds aufgestellt, sondern von den Mönchen selbst. "Wir wollten den Buddhismus damit auf zeitgemäße Art bekannt machen", erklärt Xian Fan, einer der Sprecher des Ordens, dessen Mönche ohnehin als technikaffin gelten. Ob der elektrische Mönch eine gute Werbung ist? Seine Antworten sind es nur zum Teil. Auf "Ich bin nicht glücklich" rät er seiner Rolle gemäß: "Wenn du es nicht bist, was kann jemand anderes tun?" Fragt man ihn auch danach, ob in China eine weitere Kulturrevolution stattfinden wird, lautet sein Statement sibyllinisch: "Warte, ich muss erst meinen Meister fragen."

"Im Internet finde ich ja meist nur, was ich suche. In der Zeitung finde ich Dinge, von denen ich gar nicht wusste, dass sie mich interessieren."

Michael Ringier, Schweizer Verleger

SPIEGEL WISSEN 4/2016
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