25.04.2017

Baum aus Baum aus Baum

Im Nationalpark Bayerischer Wald wird die Natur sich selbst überlassen. Der Schutz der Wildnis, so die Idee, ist auch Schutz des menschlichen Seelenheils.
Der Auerhahn, Tetrao urogallus, ist ein ziemlich bulliges Geflügel. Bis zu sechs Kilogramm schwer werden die Hähne, die von Schnabel bis Schwanz einen guten Meter messen können. Wenn sie sich aufplustern und ihre Schwanzfedern zum Rad aufstellen, erkennt man, was sie sind: Der Auerhahn ist ein sehr großer, massig gebauter Waldfasan.
Nicht, dass man ihn so leicht zu sehen bekäme. Der Biologe Christoph Heibl versucht sogar, ihm so weit wie möglich aus dem Weg zu gehen. Alles, was er Ende Februar im verharschten Schnee sucht, ist der Kot der Vögel. Mehr braucht er nicht, um ihre Zahl ziemlich exakt zu bestimmen: DNA-Untersuchung macht es möglich. Für den Vogel sei das so besser, sagt er, denn der brauche jetzt vor allem eines – Ruhe.
Der Auerhahn sei nämlich trotz seiner robusten Erscheinung "enorm empfindlich". Woran das liege, sehe man am Kot, den er gerade gefunden und mit den GPS-Daten der Fundstelle gesichert hat: eine hellbraune Wurst von der Länge und Dicke eines kleinen Fingers. Sie sieht aus, als sei sie aus kleinen Nadeln oder Haaren gepresst: "Riechen Sie doch mal!"
Ich lerne: Auerhahnkot riecht wie Latschenkieferextrakt. Das hat einen einfachen Grund. "Der frisst jetzt nichts anderes als Nadeln. Den ganzen Winter kommt der nur damit aus."
Das riecht zwar gut, ist für den Vogel aber nicht unproblematisch. Denn die Nadeln der Bäume sind ein ziemlich ärmliches Gemüse. Sie enthalten so wenig Nährstoffe, dass es gerade so eben reicht, den Vogel zu ernähren. Wird er aufgescheucht und muss sich bewegen, verbraucht er mehr Energie, als er in kurzer Zeit wieder aufnehmen kann. "Und wenn das mehrfach passiert", sagt Heibl leise, "kann es sein, dass er fressend verhungert."
Deshalb schleichen wir mit unseren Schneeschuhen so leise wie möglich durchs Geäst.
Deshalb gibt es keine Wege, weil Menschen hier eigentlich gar nicht hinkommen sollen.
Deshalb leben hier noch Auerhähne. Und aus diesen und anderen Gründen lässt es sich der Freistaat Bayern jährlich 15 Millionen Euro kosten, mit 200 Angestellten ein letztes Stückchen Urwald an der deutsch-tschechischen Grenze zu erhalten und wieder auszudehnen – den Nationalpark Bayerischer Wald.
Um uns ist nichts als Holz, ferne Tierlaute, irgendwo das Geräusch von Wasser und der Hauch eines leichten Windes. Es dauert eine halbe Stunde bis zum nächsten Weg, wenn man weiß, wo der liegt. "Aber Obacht!", unter verharschten Schneebrücken fließen Bäche. "Und Vorsicht!", hier hat der Biber spitze Stümpfe genagt, die aus dem Boden ragen, als sollten sie Vampire erlegen. Es ist, als sei man dem dicht besiedelten, urban geprägten Land, in dem wir Deutsche leben, auf märchenhafte Weise entstiegen.
Das hier ist kein parkähnlicher Gemeindeforst, kein gezähmtes Naherholungsgebiet in städtischer Nachbarschaft. Das hier ist wirklich Wald und eine Arche, wenn man so will: Ein Refugium für Artengemeinschaften, die sonst keinen Raum mehr haben. Ein im Vergleich winziger Rest von dem, was dieses Land einmal war, bevor wir Menschen in Massen kamen und ihm mit Axt und Egge zu Leibe rückten.
Der Bayerische Wald gehörte zu den letzten Gegenden des Landes, die sich der Mensch erschlossen hat. Vor dem Mittelalter reiste man hier allenfalls durch, aber anzufangen wusste keiner etwas mit dieser felsigen, dicht bewaldeten Ecke. Das ist einer der Gründe, warum sich hier letzte Reste mitteleuropäischen Urwalds erhalten haben.
Eine Wanderung durch den Nationalpark ist also eine kleine Zeitreise, und die führt durch keine leicht begehbare Idylle, wenn man die Wege verlässt. Holz liegt so kreuz und quer, als wollte es den Menschen draußen halten. Es knarrt im Gebälk, ein Sperlingskauz beschwert sich, von uns geweckt worden zu sein. Oder von dem Luchs, dessen Spuren wir nun folgen?
"Da sieht man", sagt Heibl, "wie so eine relativ kleine Raubkatze ein Reh reißen kann!" Neben der verblüffend großen Spur der Luchstatzen ist ein Reh mühsam durch den Schnee gepflügt: Das Schalenwild muss dabei bis zur Brust versunken sein. Die Katze dagegen lief leichtfüßig darüber. "Der Luchs hat Pfoten wie Schneeschuhe, der läuft ganz mühelos. Im Winter muss er das Reh nur finden, dann hat das keine Chance." Heibl spricht nicht viel, aber er beobachtet mit enormer Schärfe. Er entdeckt überall Dinge, wo ich den Wald vor Bäumen kaum sehe. Mit Schneeschuhen und Skistöcken laufen wir vorsichtig durchs Dickicht, das hier nicht nur steht, sondern auch liegt: Was fällt, das verrottet an Ort und Stelle.
Exotisch anmutende Pilze zersetzen das platzende, bröckelnde, vielfach überwachsene Holz. Manche sind von Algen überwuchert, deren sattes Grün mit dem der Moose konkurriert. Am schwersten ist die Bewegung im Totholz, wo nackte Baumstümpfe wie Finger in den Himmel zeigen. Am Boden aber liegt ein Labyrinth von Stämmen und Ästen wie ineinander verschachtelte Skelette und macht unseren Weg zu einem endlosen Umweg. Wenn es sprießt und grünt, wird das nicht besser, sondern nur noch dichter. Ich beginne zu begreifen, was das Wort "unwegsam" einmal bedeutet haben muss.
Egal, wo man hinsieht, stirbt etwas oder lebt auf. Etwa drei Jahre alt, sagt der Biologe, sei die mikroskopisch kleine Fichte, die da aus den verfallenden Resten einer anderen, toten Fichte wächst. Wenn man sie lasse, die Natur, dann wachse eben überall etwas: Baum aus Baum aus Baum. Manchmal verrotte der Altstamm unter dem sprießenden Neuen, erzählt Heibl: "Dann steht der neue Baum am Ende wie auf Stelzen." Manches überlebe, das meiste nicht. "Wir greifen da nicht ein."
Hätte der Nationalpark – so wie der Jurassic Park in Spielbergs Film – ein großes, mächtiges Tor mit schweren Flügeln, dann müsste man das als Motto darüberschreiben: Wir – greifen – nicht – ein!
Es ist das Credo eines jeden Nationalparks, der Kern der Idee an sich: der Natur ein Reservat zu schaffen, in dem sie von Menschen so unbehelligt sein kann wie heute nur irgendwie möglich. Ungezähmt wild, ungebändigt.
Das sind keine Eigenschaften, die man gemeinhin mit den ländlichen Räumen zwischen unseren Ballungszentren verbindet. Was fällt einem ein, wenn man das Wort Nationalpark hört? Yellowstone und Yosemite in den USA, die großen afrikanischen Naturreservate, der Regenwald vielleicht. Zonen, die Menschen nur strengen Regeln folgend betreten dürfen. Sehnsuchts-, aber auch Angstorte, an denen Menschen gänzlich unzivilisierte Dinge passieren können. An denen man Ranger braucht, um sowohl das Gebiet und seine eigentlichen Bewohner zu schützen als auch seine Besucher. Und Urwald, das weckt Assoziationen zu Dschungel, selbst wenn man im Fichtenwald steht.
All das ist richtig und dennoch falsch. Der Nationalparkcharakter macht sich nicht an Superlativen oder Gefahren fest. Der Nationalpark ist eine Erweiterung des Schutzgebietgedankens ins Extrem: der Versuch, Ursprünglichkeit zu erhalten oder wiederherzustellen. Um ihrer selbst willen, aber auch, damit der Mensch sie sehen, erleben und genießen kann.
Mit 243 Quadratkilometern besitzt der Nationalpark Bayerischer Wald die größte Landfläche unter den 16 deutschen Nationalparks. Die Wattenmeerflächen nicht mitgezählt, bringen sie es insgesamt auf 2150 Quadratkilometer Fläche. Das klingt groß, ist es im direkten Vergleich zu anderen Weltregionen aber nicht: Der Yellowstone-Nationalpark allein misst 8987 Quadratkilometer – die Insel Korsika würde da knapp hineinpassen. Selbst wenn man den Nationalpark Šumava (Böhmerwald) auf tschechischer Seite hinzuzählt, mit dem der Bayerische Wald einen nahtlosen Verbund bildet, kommt Europas größtes zusammenhängendes Waldgebiet insgesamt "nur" auf knapp 920 Quadratkilometer. "Man kann deshalb fragen, ob unsere Nationalparks überhaupt die nötige Größe erreichen, um echte naturbelassene Biotope sein zu können", sagt Franz Leibl, studierter Biologe und Leiter des Nationalparks.
Er ist ein großer, im ersten Augenblick ein wenig grimmig erscheinender Mann – aber ein "Grantler", wie man in Bayern sagt, ist er absolut nicht. Wenn er 40 Meter hoch auf der Aussichtsplattform über dem Baumwipfelpfad des Nationalparks steht, glänzen seine Augen: Als Wissenschaftler sieht er da mehr als bewaldete Hügel mit Zonen höchst unterschiedli-chen Waldbewuchses. Er sieht "work in progress", ein Werk im Entstehen – einen Rest urtümlich-ursprünglichen mitteleuropäischen Waldes, der seit ein paar Jahrzehnten nicht mehr schrumpft, sondern sich allmählich ausdehnt. Irgendwann müssen 75 Prozent der Fläche als urtümlich gelten, um den Nationalpark-status dauerhaft zu begründen. Leibls Aufgabe ist es zu ermöglichen, dass auch dann noch Natur und Mensch zu ihrem Recht kommen.
Einfach war das nicht immer, erzählt Christian Binder, der Leiter des Besucherzentrums Lusen. Im Norden und Süden des Nationalparks liegt jeweils ein solches Zentrum, das über Ausstellungen, Veranstaltungen und dadurch, dass es auch Gastronomie zur Verfügung stellt, die begehbaren Teile des Parks zugänglich macht. "Vor allem in den Neunzigerjahren gab es viel Widerstand", sagt Binder, "nachdem das mit dem Borkenkäfer passierte. Da hatten die umliegenden Waldbauern einfach Angst, dass sich das auf ihre Wälder ausbreiten könnte."
Der Borkenkäfer. Mitte der Neunziger kam es im Bayerischen Wald zu einem massiven Käferbefall. Die Nationalparkleitung entschied, gemäß dem Parkmotto "Natur Natur sein lassen" nicht einzugreifen. Vor allem in den biologisch weniger diversen Höhenlagen wurden ganze Bergkuppen regelrecht rasiert. Auf riesigen Flächen starb der Nadelwald, bis nur noch verrottendes Totholz und zersplitterte Baumstumpfreste emporragten.
Es war eine Phase, in der die Nichteinmischungspolitik des Nationalparks auf vehemente Kritik stieß, erzählt Parkleiter Leibl. "Auch die Gastwirte hatten Angst, dass die Besucher wegbleiben würden. Die glaubten, die Leute würden das nur als hässlich, als Verwüstung wahrnehmen." Man kann das so sehen, aber es ist eine natürliche Verwüstung. "Und wir haben festgestellt, dass die Besucher das auch verstehen und akzeptieren, wenn man es erklärt", sagt Leibl. Alle Statistiken bewiesen schon bald, dass der Borkenkäfer zumindest dem Tourismus in keiner Weise schadete. Und dem Wald?
In den Randzonen bekämpft die Parkleitung die weitere Ausbreitung des Borkenkäfers, um die umliegenden Wirtschaftswälder zu schützen. In den Kernzonen aber ließ sie der Natur ihren Lauf. Es hat dazu geführt, dass dort heute in manchen Bereichen nicht hohe alte Bäume das Bild bestimmen, sondern kleine junge. "Das ist eine natürliche Verjüngung", sagt Leibl, "und heute sieht man schon, dass es dem Wald gutgetan hat."
Denn was da neu heranwächst, ist artenreicher als zuvor. Die Masse des Totholzes, glauben die Biologen, habe das Biotop regelrecht auf Trab gebracht: Erst der Verfall macht es möglich, dass dort heute Insekten und Vögel leben, die man sonst an kaum einem Ort im Lande noch finden kann.
Aber was wäre denn, wenn wir keinen Pilz am Totholz, kein seltsames, seltenes Insekt, keinen Luchs und keinen Auerhahn mehr sehen könnten? Was wäre, wenn wir ohne Nationalparks wären? Warum versucht der Mensch im Kleinen zu retten, was im Großen vor dem Menschen nicht zu retten ist?
Es gibt auf diese Fragen viele Antworten: ökonomische, die mit der Attraktivität und dem Erholungswert des Freizeitraums oder dem pharmazeutischen Potenzial unerforschter Arten argumentieren. Historisierende, die auf unsere mythische, noch immer tief empfundene seelische Verbindung zu unseren Urlebensräumen verweisen. Ökologische, die die Schutzräume als Schritt zur notwendigen Renaturierung einer Welt sehen, deren Bestand durch den rasenden Verlust biologischer Vielfalt gefährdet ist.
Es gibt religiöse und esoterische Gründe, es gibt kulturelle Verwurzelungen: Ohne Frage ist der Wald ein fester, idealisierter Bestandteil deutscher Identität. Der Wald kann ohne uns, aber können wir ohne ihn sein?
Tatsächlich ist das der Gedanke, der der Idee des Nationalparks einst zugrunde lag. Die Vordenker des Naturschutzes wollten dem Menschen auch zeigen, was für Paradiese er verlor, als er den Wald rodete, den Acker pflügte, das Land formte. Das ist die nicht wissenschaftliche Seite des Nationalparkgedankens, und sie wurzelt in Aufklärung und Romantik und dem wachsenden Bewusstsein eines Verlusts, bei dem auch der Mensch verliert. So dichtete William Wordsworth Anfang des 19. Jahrhunderts schwärmerisch:
"Eine Anregung im frühlingshaften Wald empfangen
Vermag uns mehr vom Menschen zu lehren
Vom sittlichen Gut und Böse
Als alle Weisen könnten.
Süß ist die Kunde, die Natur uns bringt
Die Rechthaberei des Verstandes
Verdreht nur die schöne Form der Dinge
Wir töten, um zu verstehen."
Wordsworth und andere sangen der Natur ein Hohelied, das ihre Zerstörung selbst dann zum Sündenfall erklärte, wenn sie im Auftrag der Forschung geschah. Natur könne man nur durch stille Beobachtung verstehen lernen, nicht dadurch, dass man sie seziere. Klar, dass man das als Auftrag zum Erhalt und Schutz des Naturraums verstand: So war das auch gemeint. Schutzräume für die Natur dachte sich Wordsworth als eine "Art nationalen Besitz, an der jedermann Rechte hat, der Augen zum Sehen und ein zur Freude fähiges Herz besitzt". Er beschrieb damit Orte der Lehre und Erbauung. Das erklärt den Schutz der Natur zur Bewahrungsmaßnahme für das eigene Seelenheil, für das Gute im Menschen. Ist der Nationalpark also eine Tankstelle für seelisches Manna, an dem sich ausgedörrte Städter laben können? Und dient man damit einem höheren Zweck, wenn man sein Leben dem Wald widmet?
200 Menschen arbeiten im Nationalpark Bayerischer Wald, dem ältesten Deutschlands. Seit 1970 besitzt der Landstrich im äußersten Südosten diesen Status. Die meisten der Angestellten kommen aus der Region und sind mit dem Wald und seinem Sonderstatus aufgewachsen. Manche sind Kinder von Bauern und Waldbauern. Man findet unter ihnen Akademiker und einfache Forstarbeiter, ehemalige Glasmacher und Schreiner. Der Park braucht Kellner und Museumskundige, Pädagogen und Förster, Kassierer und Reisekaufleute. Für viele ist er schlicht einer der größten Arbeitgeber der Region.
Der gelernte Förster Stefan Vießmann ist Leiter des Servicezentrums Lusen, einer von zwei solchen Einrichtungen im Park. Er sorgt mit seinen Leuten dafür, dass die Beschilderung der Wege stets auf dem neuesten Stand ist, dass sich wandernde Touristen nur dort bewegen, wo sie sollen. Dass die Wölfe und Luchse im Freigehege gefüttert werden, dass es Bänke gibt, wo man sitzen und rasten kann, und auch die Toilettenhäuschen entlang der Wanderrouten intakt sind. Dass alte Straßen und Wege, die im langsam weiter verwildernden Wald der Erweiterungszonen nicht mehr gebraucht werden und unerwünscht sind, zurückgebaut werden – aufgerissen, zugeschüttet, renaturiert.
Vießmanns Aufgabe ist es, den Rückzug des Menschen zu organisieren und dafür zu sorgen, dass er aus den relevanten Zonen auch fortbleibt, ohne das Gefühl zu haben, ausgesperrt zu sein. Klingt ein bisschen seltsam, letztlich aber nach einem Job zwischen Management und Handwerk. Und dann sieht man Vießmanns Begeisterung, wenn er all das erzählt, und man begreift, dass man hier jemanden getroffen hat, der keinen Beruf hat, sondern eine Berufung: Walderhalter, Wildnisschützer, Bewahrer.
Es ist eine Spezies, die man hier häufig trifft. Vießmanns Kollege Reinhold Gaisbauer vom nördlichen Servicezentrum ist ein stiller, drahtiger und nüchtern wirkender Mann. Wenn er durch die Urwaldzonen führt, hält er hier und da an und breitet Karten, Schaubilder und andere Materialien auf dem Weg aus, um Bemerkenswertes sehr sachlich zu erklären: Artenzusammensetzung des Waldes, Wild, Geschichte, besondere Bäume. Es klingt amtlich. Und dann steigt der gelernte Förster querfeldein in den Wald, und es ist, als fiele das Korsett der Pflichten von ihm ab: Er kennt jeden Baum, jedes Gebäude in den Enklaven des Waldes. Er muss jeden Weg Tausende Male gegangen sein, und gleichzeitig läuft er die Wege, als entdeckte er sie immer wieder neu.
Viele dieser Wald-nicht-Bearbeiter hätten ihr Brot vor ein, zwei Generationen damit verdient, Bäume zu fällen, Tiere zu schießen und den Wald als Nutzraum zu erschließen. Jetzt tun sie das Gegenteil, und das zeigt Wirkung. Jeder, den man trifft, arbeitet zügig und ständig, aber keiner wirkt hektisch oder missmutig oder so, als mache er Dienst nach Vorschrift. Ein Job wie jeder andere?
Wenn man Heibl oder Leibl, Vießmann oder Gaisbauer zuhört, hat man mitunter das Gefühl, dass sie in einer anderen Welt, mit einer anderen Zeitrechnung leben. In ihren Jobs und ihrem Wesen spiegelt sich der Nationalpark: Sich mit den Ideen zu befassen, die diesem letztlich bewusst, willentlich und – wenn man so will – künstlich erhaltenen Naturraum zugrunde liegen, wirkt offensichtlich auf den Menschen zurück. "Glücklich allein ist die Seele, die liebt", schrieb einst Goethe, noch so ein Biologe und Baumliebhaber.
Wenn man sie fragt, ob sie es für wichtig halten, einen Nationalpark zu haben, sagen ihre Augen für Sekundenbruchteile: "Dumme Frage". Und dann sagen sie "natürlich!" und listen die bekannten sachlichen Argumente auf. Für die anderen, wichtigeren fehlen Vokabeln, die nicht pathetisch wirken. Nur Biologe Heibl hält einmal inne auf seiner Suche nach Auerhahnspuren, sieht sich um und sagt: "Ist das nicht ein unglaubliches Privileg, das hier erleben zu können?"
Recht hat er: Ohne Pathos kommt so ein Projekt nicht aus.
"Was ich am meisten bedauere", sagt Nationalparkchef Franz Leibl und schaut von der Aussichtsplattform über die Baumkronen hinweg hinauf zum Berg Lusen, "ist, dass es so lange dauert, bis man sieht, was wir tun."
Was auch immer man anstoße, plane, verwirkliche, zeige sich in seinen Konsequenzen vielleicht erst in 150 Jahren.
Er lächelt, der Gedanke gefällt ihm. Und dann schaut er wieder zum Lusen hinüber, folgt mit seinem Blick der Linie des Bergkamms, schaut auf die farblichen Absätze des Höhen-, des Hang- und des Mischwaldes am Fuß des Berges, auf die parkähnlich locker bestandenen Flächen des Moores.
Sagt leise: "Schade, dass ich das nicht mehr erleben kann."
frank.patalong@spiegel.de
SVEN ZELLNER / AGENTUR FOCUS
SVEN ZELLNER / AGENTUR FOCUS
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Bäume, schrieb der Philosoph Khalil Gibran, sind Gedichte, die die Erde an den Himmel schreibt. Frank Patalong liest leidenschaftlich gern.

"Der Park als Tankstelle für seelisches Manna, an dem sich ausgedörrte Städter laben?"

Von Frank Patalong

SPIEGEL WISSEN 2/2017
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