25.04.2017

UNSER HANDELN

"Kaufen, schützen, nutzen"

In Remscheid haben engagierte Bürger eine Waldgenossenschaft gegründet. Der Förster Markus Wolff erklärt, was das bringt.
SPIEGEL: Herr Wolff, wie kamen Sie dazu, eine Genossenschaft für Waldflächen zu gründen?
Wolff: In Deutschland sind 50 Prozent der Wälder in Privatbesitz. Hier in Nordrhein-Westfalen sogar mehr. Die Privatwälder sind oft sehr klein, wir sprechen von Handtuchflächen – denn Grundbesitz wurde über Generationen auf immer mehr Erben verteilt und so zerstückelt. Viele Privatleute, denen Miniwälder gehören, pflegen diese nicht, überlassen sie sich selbst, was oft nicht vorteilhaft ist. Oder sie verkaufen Flächen an Investoren, die den Wald dann kahl schlagen. Hier in der Gegend ist das vor vier Jahren passiert – plötzlich waren im benachbarten Stadtwald große Areale gerodet. Ein Anlass zum Handeln. Ein paar Bürger kamen auf die Idee, kleine Waldstücke von Privatleuten als Genossenschaft anzukaufen, zu schützen, naturnah zu nutzen.
SPIEGEL: Sie haben 200 Genossen. Warum machen die Leute mit?
Wolff: Für eine Einlage von 500 Euro bekommt man einen Anteil Wald. Viele Menschen finden die Vorstellung ansprechend, selbst ein Stück Wald zu besitzen, mit ihm verbunden zu sein. Wir haben jedenfalls nicht nur Genossen hier vor Ort, sondern aus der ganzen Republik. Menschen, die hier leben und Anteile kaufen, tun das natürlich auch als Bürgerengagement für die Region. Darüber hinaus geht es aber auch um Rendite. Etwa ein bis drei Prozent können die Genossen erwarten. Mehr als aktuell auf dem Sparbuch. Es ist also kein purer Idealismus!
SPIEGEL: Sie wollen profitabel sein. Wie sehr können Sie noch ökologisch handeln?
Wolff: Zehn Prozent der Flächen lassen wir komplett in Ruhe, wollen, dass wieder eine Art Urwald entsteht, das ist auch Teil unserer Satzung. In den übrigen Teilen betreiben wir Holzwirtschaft, schlagen und verkaufen Holz. Allerdings arbeiten wir nach Maßstäben des ökologischen naturgemäßen Waldumbaus.
Das heißt, wir fällen nur alte Bäume, sorgen für eine Verjüngung des Waldes, beugen Monokulturen wie Fichtenwäldern vor. Klar ist aber: Wir greifen in die Natur ein, legen nicht die Käseglocke über den gesamten Genossenschaftswald. Das würde auch nicht funktionieren. Wälder werden nicht automatisch gesunde Ökosysteme, wenn man sie in Ruhe lässt. waldgenossenschaft-remscheid.de
Wer baut, verliert

Ein Planspiel hilft, die weitere Zersiedelung der Landschaft zu verhindern.
66 Hektar am Tag wurden 2015 in Deutschland in neue Siedlungen und Verkehrswege umgewandelt: Das entspricht 92 Fußballfeldern. Erklärtes Nachhaltigkeitsziel der Bundesregierung ist es, diesen Raubbau an der Natur bis 2030 auf deutlich unter 30 Hektar am Tag zu begrenzen. Wenn alles so weiterläuft wie bisher, dürften die Kommunen dieses Ziel allerdings verfehlen – etwa weil schrumpfende Gemeinden versuchen, mit neuen Baugebieten neue Einwohner zu gewinnen.
Das Umweltbundesamt hat daher mit 15 Städten und Gemeinden ein Planspiel durchgeführt, bei dem die Teilnehmer Zertifikate für die Bebauung von Flächen zugeteilt bekamen. Reichten einer Gemeinde die eigenen Zertifikate für eine geplante Bebauung nicht, konnte sie nicht benötigte Zertifikate von sparsamer planenden Kommunen hinzukaufen – was dort Gelder in die Kassen spülte. Ergebnis des Versuchs: Die 15 Planspieler verzichteten auf rund zwei Drittel aller Bauprojekte, weil sie erkannten, dass diese sich nicht rechnen würden.
Gutmensch am Grill

Holzkohle aus Tropenholz? Das muss nicht sein.
Die Deutschen sind Grillweltmeister. Deshalb brauchen sie jede Menge Kohle. Etwa 227 000 Tonnen Holzkohle werden mittlerweile jährlich importiert. Die Hälfte kommt aus Polen, ein Teil aber auch aus Paraguay, Nigeria und anderen Schwellenländern. Woher das Holz für die Importkohle genau stammt, lässt sich nicht gut nachvollziehen, denn oft wird Kohle hierzulande noch gestreckt. Bei Prüfungen wird jedenfalls in etwa einem Viertel der handelsüblichen Kohle Tropenholz gefunden. Fragt sich also, wie man seine Würstchen auf nachhaltige Weise brutzelt. Einen gewissen Schutz bietet das FSC-Logo, das Mindeststandards bei der Holzherkunft garantiert. Wer sichergehen will, kann auch auf Kohlen aus Oliventrester zurückgreifen. 2016 haben die Gründer Jakob Hemmers und Rolf Wagner nun auch eine biozertifizierte Alternative auf den Markt gebracht: "Nero Grillkohle" wird komplett aus heimischen Hölzern hergestellt.
Kein Etikettenschwindel

Das gemeinnützige Unternehmen "Innatura" sammelt fabrikneue Produkte für Bedürftige.
Spielsachen, Kosmetika , Baumaterialien: In Deutschland werden pro Jahr fabrikneue Produkte im Wert von etwa 7 Milliarden Euro von Unternehmen und Händlern weggeworfen, weil sie falsch etikettiert sind, für Promotionszwecke gefertigt wurden oder Schönheitsfehler aufweisen. Auf diesen Missstand wurde die Unternehmensberaterin Juliane Kronen aufmerksam, als ein befreundetes Unternehmen ihr 200 000 nagelneue, aber fehlbeschriftete Shampooflaschen zur Weitervermittlung anbot, die "auf seinem Hof herumstanden". Doch der gut vernetzten Betriebswirtin, damals bei der Boston Consulting Group beschäftigt, gelang es nicht, die Waren an ein soziales Pprojekt weiterzugeben. Kronen ließ das Thema nicht mehr los. Schließlich gründete sie ein Sozialunternehmen, das ausgemusterte Produkte in großem Stil an Hilfseinrichtungen vermittelt und verteilt. "Innatura" existiert mittlerweile seit vier Jahren. Im ersten Jahr wurden nach Angaben von Innatura Waren im Wert von 2,7 Millionen Euro gegen Vermittlungsgebühr an 300 gemeinnützige Organisationen weitergegeben – vom Projekt für Obdachlose bis zum Flüchtlingslager in Syrien. innatura.org

SPIEGEL WISSEN 2/2017
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