22.08.2017

Der kleine Unterschied

Intelligenz garantiert keine Klugheit – darin sind sich die Philosophen weitgehend einig. TEXT Johannes Saltzwedel
Man nannte ihn den "Klugen Hans", und überall, wo er um 1900 auftrat, staunten die Leute nicht schlecht. Vor ihnen stand ein gewöhnliches Pferd. Aber sobald sein Besitzer ihm Aufgaben stellte, antwortete es korrekt: Mit Hufschlägen oder Kopfnicken meldete es die Lösung einfacher Rechenaufgaben oder die Anzahl von Gegenständen vor ihm; selbst wenn jemand anderes ihn befragte, lieferte Hans die richtigen Ergebnisse.
War der Gaul wirklich klug – oder wenigstens verblüffend intelligent? Erst 1907 wies ein junger Psychologe nach, dass das gut trainierte Pferd auf winzige Körpersignale reagiert hatte: Bei der "richtigen" Antwort etwa lockerten die zuvor gespannt Fragenden ihre Haltung.
Spätestens seit diesem Fall ist die Frage, zu welchen Denkleistungen Tiere fähig sind, nicht mehr verstummt. Viele Hundefreunde halten ihre Lieblinge ohnehin für ziemlich gescheit. Und raffinierte Nest- und Höhlenbauten, trickreiche Werkzeugnutzung, Täuschungsmanöver, auch sprachähnliche Mitteilungen – zum Beispiel zwischen Delfinen oder Walen – scheinen jenseits des instinktiv festgelegten Verhaltens auf etwas zu deuten, das man mit ein bisschen Wohlwollen durchaus Intelligenz nennen könnte.
Klug sind die Mitlebewesen darum allerdings noch nicht; das ergibt sich schon, wenn man dem Wort und seinen Verwandten ein wenig durch die Sprach- und Ideengeschichte folgt. Während das lateinische Wort "intellectus" recht neutral das erkennende Verstehen bezeichnet, also Gliederungsleistungen oberhalb bloßer Reiz-Reaktions-Muster, steckt im germanischen "klug" eine Wertung. Der Kluge ist – anders als Dumme oder Toren – einsichtsvoll, umsichtig und planerisch im Vorteil, er nimmt auf das Gegebene Rücksicht und kann sogar Szenarien entwerfen.
Ziemlich genau dies meint im biologischen Namen unserer Gattung, "homo sapiens", das zweite Wort. "Sapientia", ursprünglich mit dem feinen Geschmackssinn verknüpft, war bei den alten Römern der reflektierende Verstand, von einfacher Zurechnungsfähigkeit in Rechtsfragen bis zum politischen Weitblick oder auch zur Bildung eines Redners. Klugheit erstreckt sich, vereinfacht gesagt, gleichermaßen auf Kopf und Herz; Intelligenz meint messbare geistige Wendigkeit im Moment und im Nahbereich, während der Kluge Zusammenhänge erkennt, beurteilt und entsprechend zu handeln vermag. Für diese Art besonnener Übersicht verwendeten die Römer auch gern das Wort "prudentia".
Natürlich bietet die Wortgeschichte nur Hinweise. Wie sich das geistige Spektrum des Menschen zwischen Verstand und Vernunft, Seele und Geist gliedern ließe, darüber wird seit Jahrhunderten diskutiert. Geläufig ist immerhin die Überzeugung, dass Klugheit mit Anstand zu tun haben dürfte. Zwar rät Jesus seinen Jüngern, sie sollten als Boten des Glaubens "klug wie die Schlangen" sein, aber eben auch "ohne Falsch wie die Tauben", was Hinterlist sofort ausschließt. Ähnlich hatte schon Aristoteles, der wichtigste Systematiker antiker Begriffslehre, die Klugheit von bloßer Schläue abgesondert.
Von Aristoteles inspiriert, weitete dann im 13. Jahrhundert der Kirchenlehrer Thomas von Aquin die Definition erheblich aus: Jede menschliche Tugend enthalte eine Portion Klugheit, ja Klugheit bringe die Tugenden quasi erst hervor. Als "ratio practica" (praktischer Verstand) verbinde sie zudem Wirklichkeitserkenntnis mit Vorausschau. Vollkommen klug war letztlich nur Gott; der Mensch als sein Geschöpf durfte dem himmlischen Maßstab jedoch nacheifern und sollte dies auch gern.
So ausdrücklich theologisch mochten die Philosophen der folgenden Generationen den Begriff nicht mehr verankern. Auch ohne göttlichen Beistand, allein durch sinnvoll geordnete und gedeutete Erfahrungswerte seien kluge Entscheidungen möglich, befanden nüchterne Analytiker des Politischen wie Niccolò Machiavelli (1469 bis 1527) oder Francis Bacon (1561 bis 1626).
Seither hieß, was man für den höheren Erfolg im Leben lernen wollte, "Weltklugheit"; nach deren Prinzipien suchten Fürsten und Diplomaten, die ihre Aufgaben ernst nahmen, aber auch Gelehrte. Der spanische Barockliterat Baltasar Gracián brachte 1647 sogar ein extra schmal gedrucktes, für die Rocktasche geeignetes Büchlein namens "Hand-Orakel und Kunst der Weltklugheit" heraus, dessen zeitlose Spruchweisheiten der große Moralist Arthur Schopenhauer drei Jahrhunderte später in klassisches Deutsch übersetzte.
Denkbar weit blieb so die Intelligenz, die sich auf das Erfassen und Verarbeiten von Sinneseindrücken richtete, vom höheren, autoritativen, ja als segensreich verehrten Anspruch der Klugheit getrennt. Als im 19. Jahrhundert auch Psychologen und Biologen anfingen, die Ergebnisse ihrer Experimente und Beobachtungen in Zahlen auszudrücken, bot sich dafür nur die Intelligenz an, während Klugheit ein weicher, der Messbarkeit entzogener Begriff blieb.
Allerdings war daneben schon lange die Rede von einer menschlichen Eigenschaft mit noch höherem Prestige: der Weisheit. Leider ist sie mindestens ebenso schwer zu fassen. "O ich bin klug und weise, und mich betrügt man nicht", lässt Albert Lortzing in seiner Opernkomödie "Zar und Zimmermann" einen Bürgermeister schmettern – prompt wissen alle, dass der Kerl ein prahlerischer Tölpel ist. Jedenfalls hat er keinen Schimmer von der ehrwürdigen delphischen Mahnung "Erkenne Dich selbst", die einen fehlbaren Menschen bescheiden machen müsste. Ob Weisheit aber nun in der Einsicht offenbar wird, dass man letztlich nichts zu wissen meint – wie Sokrates zugab –, oder doch als "Wissen im höchsten Sinne" (Aristoteles) begriffen werden sollte, ist kaum zu entscheiden; vermutlich bilden beide Aussagen nur Kehrseiten derselben Medaille.
Darum haben viele, die als Philosophen (wörtlich: "Freunde der Weisheit") auftraten, keine festen Rezepte verschreiben mögen, sondern eher für Lebensformen plädiert, die einem selbst und den Mitmenschen klug, möglichst gar weise vorkommen.
Christliche Denker meinten sich so der göttlichen Positivität anzunähern: "Wir streben nach Weisheit, um unsterblich zu sein", behauptete etwa kühn der Renaissancedenker und Kardinal Nikolaus von Kues (1401 bis 1464) in seinem Traktat "Die Jagd nach der Weisheit". Aber auch weniger gläubige Köpfe sahen sie vorwiegend als geistiges Kapital über den punktuellen Kenntnissen und Erfahrungen, mit dessen Hilfe man den Alltag sinnvoll bewältigt. Selbst der Vernunfttheoretiker Immanuel Kant wollte aller Wissenschaft "einen innern wahren Wert nur als Organ der Weisheit" zubilligen.
Wer aber mag schon unablässig tiefe Einsichten anstreben? Es genügt wohl, sich ab und an etwas klüger zu fühlen. Reifere Menschen haben dazu mehr Chancen gehabt – darum gelten Klugheit und Weisheit als Vorzüge des Alters.
Johannes Saltzwedel erfreut sich, so oft er kann, an der gelassenen Weisheit von Johann Wolfgang von Goethe.
Von Johannes Saltzwedel

SPIEGEL WISSEN 4/2017
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