22.08.2017

Mut zum Fehler

Intelligenz heißt, die richtigen Antworten zu geben. Wichtiger aber ist es, die richtigen Fragen zu stellen. Das verlangt eine unterschätzte Kraft: Kreativität.
Wer die Grenzen des Wissens verschieben und in den Weltraum fliegen will, muss ein äußerst straffes Auswahlverfahren überstehen. Wer wüsste das besser als die zwölf Bewerber, die von der US-Weltraumbehörde Nasa im Juni aus über 18 000 Bewerbern selektiert wurden, um irgendwann die Erde zu verlassen. Nur die fittesten und intelligentesten Personen kommen dafür infrage. Doch Intelligenz ist nicht alles, wenn es darum geht, dorthin zu gehen, wo noch keiner war. Denn dafür muss man auch kreativ und anpassungsfähig sein.
Das weiß auch die Nasa, und so waren unter ihren ersten Tests zur Astronautenauswahl in den 1950er-Jahren nicht nur klassische IQ-Messungen, sondern auch Aufgaben zum kreativen Denken. Die potenziellen Astronauten sollten etwa möglichst viele ungewöhnliche Verwendungsmöglichkeiten für Alltagsobjekte wie Zeitungen oder Autoreifen finden. Überraschenderweise war dieser sogenannte Torrance-Test des kreativen Denkens eine große Hürde für Bewerber: Nur zwei Prozent erreichten das Level eines originellen Ideenfinders. Als man denselben Test spaßeshalber mit Kindergartenkindern durchführte, entpuppten sich scheinbar fast alle als talentiert: Mehr als 95 Prozent der Vier- bis Fünfjährigen erreichte angeblich das höchste Kreativitätsniveau, das die Nasa bei ihren Astronauten erwartet.
Nun war das eine Privatuntersuchung der Nasa und keine wissenschaftliche Studie, und aktuelle Forschungen zeigen klar, dass nicht jede Dimension kreativen Denkens mit dem Alter abnimmt. Schließlich mündet kindliche Fantasie nicht immer in eine innovative Idee. Mit Sicherheit ist auch ein gewisses Intelligenzmaß notwendig, um gute Ideen zu entwickeln. Doch der bloße IQ unterschlägt eine wichtige Komponente unseres Geistes: nämlich auch einmal verrückt und neuartig zu denken. Als untersucht wurde, was aus Kindern, die in den 1950ern die ersten Torrance-Tests absolviert hatten, 50 Jahre später geworden war, stellte sich heraus, dass die kreativsten von damals die innovativsten von heute waren. Unternehmensgründer, Softwareentwickler oder Spitzenwissenschaftler waren schon als Kinder besonders originell. Der IQ allein reichte dagegen nicht aus, um vorherzusagen, ob Kinder später in den innovativsten Berufen reüssieren würden: Erst als man die Ergebnisse der Kreativitätstests hinzuzog, ergab sich ein stimmiges Gesamtbild.
Dennoch gilt Intelligenz als Zeichen kognitiver Überlegenheit. Das bleibt auch für unser Abschneiden in IQ-Tests nicht ohne Folgen. Weil der Intelligenzquotient eine statistische Größe ist, müssen die Tests alle paar Jahre angepasst werden, damit der Durchschnitt der richtig beantworteten Testfragen einem IQ von 100 entspricht. Interessanterweise mussten die Aufgaben dafür in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend erschwert werden, denn Menschen schneiden in IQ-Tests immer besser ab. Mit einem Testergebnis, das 1960 noch zu einem Hochbegabten-IQ von 130 gereicht hätte, landete man heute nur noch im Mittelfeld bei etwa 110.
Was für IQ-Tests zutrifft (und was man Flynn-Effekt nennt, siehe Interview Seite 86), stimmt jedoch nicht für Kreativitätstests. Seit den ersten Torrance-Tests in den späten 1950ern wurden Kreativitätstests sechsmal angepasst. Es stellte sich dabei heraus, dass seit 1990 das Kreativitätsniveau sinkt, insbesondere die Ideenanzahl und deren Detailreichtum. Während wir also immer intelligenter werden, scheint unsere Kreativität gleichzeitig abzunehmen.
Ist es vielleicht so, dass unsere zunehmende IQ-Punktzahl zulasten unseres Einfallsreichtums geht? Schließlich geht es in IQ-Tests eben gerade nicht ums kreative Ausprobieren, sondern darum, möglichst keine Fehler zu machen. Intelligenz ist ein Maß für unsere geistige Effizienz: Wer am schnellsten zur vorher festgelegten richtigen Antwort kommt, kriegt am Ende die höchste Punktzahl. Konzentriert und makellos befolgen die Intelligenten ihre Rechenregeln und haken schnörkellos ihre Aufgaben ab. Das passt ideal zu einer auf Perfektion und Fehlerfreiheit ausgerichteten Welt von heute. Denn wer hierzulande einen Fehler macht, gilt nicht als schöpferisches Genie, sondern als Depp.
Natürlich ist nicht jeder Fehler etwas Gutes: Wer Auto fährt, sollte keine Fehler machen und die Verkehrsregeln beachten. Wer aber ein Auto erfinden will, muss mit bekannten Regeln brechen. Sprich: Man muss den Mut haben, einen Fehler zu machen.
Auch wenn wir gern in Mustern und Regeln denken, legt es unser Gehirn manchmal genau auf diesen Fehler an: nämlich etwas Neues auszuprobieren und Regeln zu brechen. Ob das gut geht oder schiefläuft, weiß man vorher nicht. Die Try-and-error-Methode gilt deswegen eher nicht als besonders intelligent – wie viel besser scheint es doch, keine Denkfehler zu machen. Sosehr wir aber Intelligenz bejubeln und fördern: Menschliches Denken ist weit mehr als das. Denn nur dadurch, dass wir Regeln infrage stellen, können wir die Welt verändern und Grenzen überschreiten.
Auch wenn die Idee eines perfekten Gehirns verlockend erscheint, hat unser Denkorgan den Fehler im Denken quasi systematisiert. Es kalkuliert geradezu ein, dass nicht immer alles hundertprozentig korrekt sein muss. Das liegt daran, dass das Gehirn anders vorgeht, als wir das aus unserer auf Perfektion getrimmten Welt kennen.
Viele stellen sich vor, dass das Gehirn, vor ein Problem gestellt, zunächst einen Plan entwickelt, um die Aufgabe zu lösen, und dass es dann Schritt für Schritt eine Handlung entwirft. Wenn am Ende ein Fehler passiert, muss man bloß im Ablaufplan vorher suchen, was schiefgelaufen ist.
Doch das Gehirn folgt keiner linearen Logik. Stattdessen erzeugt es viele unterschiedliche Lösungswege, Gedanken und Handlungsmuster, die alle mehr oder weniger gut zur Aufgabe passen. Viele Ideen laufen durcheinander, manchmal setzt sich auch eine weniger gute durch. Das mögen wir nicht und bekämpfen solche Fehler radikal. Dieses Denken ist allerdings die einzige Möglichkeit, um auf neue Ideen zu kommen. Wer permanent Fehler vermeiden will, wird nie die Chance ergreifen, etwas Neues zu probieren. Während Intelligenz bedeutet, dass man seine Denkressourcen optimal einsetzt, um schnell auf die richtige Lösung zu kommen, setzt kreatives Denken auch voraus, dass man manchmal so denkt wie noch nie zuvor – und dabei riskiert, auf die Nase zu fallen.
Untersucht man, wo im Gehirn neue Ideen entstehen, stellt man fest, dass ein Nervennetzwerk eine besondere Rolle spielt: das "Default Mode Network", das Grundeinstellungsnetzwerk. Es umfasst viele Hirnregionen, die beim geistigen Umherwandern mitspielen: seitliche Regionen für Sprach- und Erinnerungsverarbeitung, zentrale Areale, die Gedanken auf unser Inneres richten, sowie Netzwerke, die unsere eigenen Gedanken reflektieren – kurz gesagt, das Grundeinstellungsnetzwerk springt immer auch an, wenn wir abwegige Ideen entwickeln, umherspinnen, den Gedanken freien Lauf lassen.
Viele Ideen zu haben ist das eine. Die besten auszusortieren das andere. Deswegen gibt es noch eine zweite Region im Gehirn, die anschließend die Ideen auswählt: das Kontrollnetzwerk im Stirnhirnbereich. Dieses sichtet die vielen verrückten Ideen und lässt meist nur diejenigen durch, die auch zum Problem passen. Auf neue Ideen kommen wir also nur, wenn wir einerseits verrückt genug sind, auch mal unkonventionell zu denken, und gleichzeitig dafür sorgen, dass diese Ideen gefiltert werden.
Die Balance im Gehirn ist dabei alles andere als perfekt. Denn obwohl das Kontrollnetzwerk einen Großteil der abwegigsten Ideen herausfiltert, rutscht uns doch ab und zu ein schräger Gedanke durch. Daraufhin passt das Gehirn seine Filtermechanismen an, damit uns derselbe Fehler nicht noch mal unterläuft.
Am grundlegenden Denkverfahren ändert sich jedoch nichts: Wir probieren etwas aus, und manchmal klappt es eben nicht. In einem IQ-Test hätte man jetzt versagt. Im wahren Leben gilt das nicht zwangsläufig. Denn nur dadurch, dass wir uns zuweilen etwas trauen, ohne vorher zu wissen, ob es gut geht, sind wir in der Lage, wirklich Bahnbrechendes zu entwickeln.
Man stelle sich die Alternative vor: Würden wir nie abschweifen und mal etwas Verrücktes denken, wären wir lediglich intelligente Maschinen, die nach standardisiertem Schema ihre Aufgaben verarbeiten. Exakt, präzise und fehlerfrei – aber auch vorhersehbar, langweilig und austauschbar. Wer so vorgeht, ist vielleicht hochintelligent und effizient im Denken, braucht sich dann aber auch nicht zu wundern, wenn er irgendwann von einer noch intelligenteren Maschine ersetzt wird. Fehlerfreiheit ist kein Alleinstellungsmerkmal des Menschen.
So wichtig intelligentes Denken ist: Es reicht nicht. Denn es bedeutet, dass man Denkressourcen effizient einsetzt, um bekannte Probleme zu lösen. Es bedeutet jedoch nicht, neue Probleme überhaupt erst zu identifizieren. Intelligente Menschen geben schnell Antworten, doch kreative Menschen stellen die wichtigen Fragen, wechseln die Perspektive. Sie schweifen ab, denken unkonventionell – manchmal falsch, aber immer mutig. Letztendlich ist es genau diese Fähigkeit, auch mal einen Fehler zuzulassen, die neue Ideen generiert. Nur wer ausprobiert, bleibt anpassungsfähig.
Es ist die Kombination aus Intelligenz und Kreativität, die menschliches Denken so überlegen macht. Die Fehlerfreien erobern keine neuen Welten – dafür muss man auch dorthin gehen, wo noch niemand war, wo es noch keine Regeln gibt. Man muss Dinge ausprobieren und ins Risiko gehen. Es sind diese mutigen Menschen, die Pioniere, die neugierigen Entdecker und Wegbereiter, die mehr sind als nur intelligent – nämlich adaptiv, kreativ und furchtlos. Genau diese Menschen werden irgendwann auf dem Mars landen. Nicht weil sie die Intelligentesten sind, sondern weil sie das tun, was für Vierjährige selbstverständlich ist: manchmal verrückte Ideen zulassen.
Henning Beck, 33, ist Neurowissenschaftler und Science Slammer. In seinem Buch ("Irren ist nützlich. Warum die Schwächen des Gehirns unsere Stärken sind". Hanser; 320 Seiten; 20 Euro) erklärt er, warum uns gerade Fehler voranbringen.

"Die Fehlerfreien erobern keine neuen Welten."

Von Henning Beck

SPIEGEL WISSEN 4/2017
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