21.04.2009

„DER KUNDE KONTROLLIERT DIE BEZIEHUNG“

Die Psychotherapeutin Claudia Clasen-Holzberg über Nähe gegen Bezahlung, Kuschelpartys und die Frage, wie die Finanzkrise das Verhalten verändert
SPIEGEL: Berührungen holen sich viele Menschen bei Wildfremden. Im Wellnessbad etwa oder bei der Kosmetikerin. Selbst im Fußballstadion nehmen sich Männer, die einander nie vorher begegnet sind, inniglich in die Arme. Warum ist das so?
Clasen-Holzberg: Es scheint mittlerweile ein großes Bedürfnis nach einer öffentlichen Nähe zu geben. Das konnte man auch während der Fußballweltmeisterschaft 2006 beobachten. Da war Deutschland plötzlich das Land des Gruppenerlebens und der Offenheit.
SPIEGEL: Noch ein Phänomen ist relativ neu: In größeren Städten gibt es sogenannte Kuschelpartys. 20, 30 einander fremde Menschen kommen einmal, manchmal auch zweimal im Monat zusammen, um unter Anleitung einer Trainerin miteinander zu schmusen. Sex ist verboten und sich zu entkleiden auch. Ein Mittel, um Angst vor Nähe zu überwinden?
Clasen-Holzberg: Solche Zusammenkünfte befriedigen sicher das Bedürfnis, Nähe zu erleben, ohne dass dies gleich einen Beziehungseffekt hat. Das kann für viele Leute auch die positive Konsequenz haben, dass sie ihre Ängste abbauen.
SPIEGEL: Die Hamburger Psychologin Petra Dörre, die solche Kuschelpartys leitet, sagt sogar, Berührungen seien für Menschen so gesund, dass die Teilnahme daran genauso selbstverständlich sein sollte wie ein Restaurantbesuch.
Clasen-Holzberg: Durch den Restaurantbesuch wird man aber noch nicht unbedingt zu einem guten Koch.
SPIEGEL: Wie meinen Sie das?
Clasen-Holzberg: Es kann passieren, dass sich daraus etwas Positives entwickelt, was die Teilnehmer dann auch im Alltag umsetzen können. So muss es aber nicht sein. Diese Treffen haben einen bestimmten Rahmen und werden von Trainern begleitet. Damit wird dem Besucher vieles abgenommen. Im Alltag muss er selbst sehen, wie er mit anderen in Kontakt kommt, wie er eine Beziehung aufbaut. Wenn er das nicht hinbekommt, kann es sein, dass er die Kuschelparty immer wieder braucht, weil er in sein normales Leben Nähe nicht integrieren kann.
SPIEGEL: Ist es einfacher, sich vor fremden Menschen zu offenbaren, und welche Rolle spielt es, dass dafür Geld bezahlt wird?
Clasen-Holzberg: Als Kunde habe ich die Kontrolle über die Beziehung, ich kann Ansprüche stellen, ohne etwas geben zu müssen. Und wenn ich mich dann zeige mit meinen Schwächen und Gefühlen, kann ich immer damit rechnen, dass beispielsweise der Coach versuchen wird, mit mir gemeinsam Lösungen zu suchen. In einer Beziehung besteht die Möglichkeit, dass ich eine Schwäche offenbare und der andere haut da noch rein. Oder er tischt mir das bei nächster Gelegenheit wieder auf. Für eine stabile Beziehung ist es deshalb sehr wichtig, dass man lernt, bestimmte Dinge auch allein zu verarbeiten.
SPIEGEL: Haben sich die Beziehungen zu anderen Menschen in den letzten zwei Jahrzehnten verändert?
Clasen-Holzberg: Ja, die Suche nach Bedürfnisbefriedigung ist in Richtung Konsumhaltung gekippt. Es gibt im Umgang miteinander die Tendenz, was nicht gut genug ist, wird ausgetauscht.
SPIEGEL: Wird die Finanzkrise unser Verhalten verändern?
Clasen-Holzberg: Im Neoliberalismus lautet der Grundtenor für Wirtschaft und Gesellschaft: Jeder für sich. In der jetzigen Krise könnten Werte wie Solidarität, Loyalität und Gemeinschaft eine Renaissance erleben. Wenn es wieder wichtig würde, sich aufeinander zu verlassen und füreinander einzustehen, selbst wenn man dafür etwas aufgeben müsste, dann hätten die ökonomischen Verwerfungen auch einen positiven Effekt. Dem menschlichen Grundbedürfnis nach Nähe und Bindung käme so eine Wandlung sehr entgegen. INTERVIEW: KAREN ANDRESEN

CLAUDIA CLASEN-HOLZBERG
Die Diplom-Psychologin, 52, hat in Hamburg eine Praxis für Einzel-, Paar- und Sexualtherapie und ist Buchautorin ("Liebe gesucht").
Von KAREN ANDRESEN

SPIEGEL WISSEN 1/2009
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