DER SPIEGEL



Soße an Kopf-Salat

Selbstfindung ist das Ziel jeder Persönlichkeitsbildung. Alles Unsinn, sagt der Arzt und Humorist ECKART VON HIRSCHHAUSEN. "Schon am Ende dieses Textes werden Sie ein anderer sein."

Sei einfach du selbst" - der Schlüsselsatz jedes schlechten Selbsthilfebuchs. Sei einfach du selbst? Das kann man doch nicht jedem wünschen, noch nicht mal sich selbst. Wer bin ich, und wenn ja, wie viele? Was ist mein wahres Selbst? Das morgens, mittags oder nachts? Das sind in meinem Fall völlig verschiedene Persönlichkeiten. Die kennen sich untereinander nicht. Kein Wunder, sie begegnen sich ja nie.

Wann, lieber Leser auf dem Weg zur Selbst-Erkenntnis, kommt denn Ihr wahres Selbst zum Vorschein? Bei ein, zwei oder drei Promille? Wann sind Sie sich am nächsten?

Bei der Suche nach dem Selbst unterliegen wir großen Täuschungen, die die Psychologie erst in den letzten Jahren unter die Lupe nimmt. Nach allem, was ich darüber weiß, sollte man sich selbst nicht zu viel glauben und sich nicht zu wichtig nehmen. Genau das fällt so schwer, aber man kann es üben. Und das lohnt sich. Denn was hat man davon, wenn man sein Selbst gefunden hat, es einem aber nicht gefällt?

Die Grundidee, dass wir einen Kern haben, der wie ein Gral in uns ruht und, einmal gefunden, uns zeitlebens erhalten bleibt, ist romantisch, aber Unsinn. "Eigentlich bin ich ganz anders, aber ich komme so selten dazu" ist mein liebster Satz von Ödön von Horváth. Ich sage mir das immer, wenn ich auf der Waage stehe. Eigentlich bin ich sehr sportlich, ich habe nur die letzten 20 Jahre keine Gelegenheit gehabt, das unter Beweis zu stellen. Im Grunde meines Selbst halte ich mich immer noch für den Sportler, der ich vor 20 Jahren strenggenommen auch schon nicht war. So rennt man mit Illusionen über sich durchs Leben und merkt nicht, dass es nicht das eigene Leben ist.

Marc Aurel, der menschenfreundliche Kaiser Roms, war poetischer: "Auf die Dauer der Zeit nimmt die Seele die Farbe der Gedanken an." Die "Farbe" der Gedanken sind die Neurotransmitter, biochemische Stoffe, die zwischen den Hirnzellen Informationen austauschen. Sozusagen die Soße an unserem Kopf-Salat. Das Dressing, das den Geschmack der Gedanken bedingt, kann süß, bitter, versöhnlich oder paranoid sein. Je nachdem, welche Soße gerade vorherrscht, Serotonin oder Dopamin, erlebe ich mich und die Welt sehr anders. Dieser Unterschied ist größer, als ob ich Pommes mit Mayo oder Ketchup esse. Und damit wären wir wieder bei den Farben: Rot-Weiß beziehungsweise Schwarz-Weiß. Wenn Serotonin fehlt, wird es zu düster - wir werden depressiv. Bei zu viel Dopamin wird es uns zu bunt, dann bekommt man Halluzinationen.

Auch im grauen Alltag spielen die Farben eine entscheidende Rolle. Wie ich die Welt erlebe, hängt maßgeblich davon ab, wie ich gerade drauf bin. Die Farbe der Gedanken bestimmt nicht nur unsere Gegenwart, sondern auch die Vergangenheit und die Zukunft. Unser Hirn hat keine festen Schubladen, in denen alles verdrahtet und gespeichert wird, sondern besteht aus lebendigen Netzwerken, die sich ständig umbauen und anpassen. Die Farbe des aktuellen Gedankens bestimmt im Netz auch die Farbe des nächsten Gedankens. Und auch die Erinnerung wird in der gleichen Farbe erfolgen. Bin ich düster drauf, stelle ich mir die Zukunft genauso düster vor und finde für diese Annahme viel Bestätigung in der düsteren Vergangenheit. Denn Erinnerungen, die in der gleichen Stimmung abgelegt wurden wie unsere aktuelle Stimmung, kommen besonders leicht wieder ins Bewusstsein. Scheint gerade die Sonne in mein Zimmer, komme ich in Urlaubslaune und - schwupps - fallen mir lauter schöne Szenen aus dem letzten Urlaub ein. Und ich bin noch besser drauf als durch die Sonne allein und male mir gleich aus, dass der nächste Urlaub noch schöner wird.

Dann kommt die Kreditkartenabrechnung, mein Gemüt verdüstert sich, und ich erinnere mich, wie ich im letzten Urlaub in einem Restaurant um zwei Euro betrogen wurde, und beschließe, deshalb doch den nächsten Urlaub daheim zu verbringen, um es den Südländern mal richtig zu zeigen.

Jetzt habe ich das Bild mit den Farben eine Weile verwendet und darf davon ausgehen, dass Sie es kennen. Was ist dabei in Ihrem Hirn passiert? Wenn Sie öfter bestimmte Wörter in einem Zusammenhang gelesen und vor ihrem geistigen Ohr gehört haben, dann bringen Sie diese in eine neue Verbindung. Vorher hätten Sie bei Gedanke nicht an Farbe gedacht - jetzt gerade schon wieder. Und wieder was gelernt. "Sei einfach du selbst" ist deshalb Unsinn, weil Sie jetzt ja schon nicht mehr derselbe sind wie zu Beginn des Textes. Sie haben sich schon ein bisschen verändert, sind nicht nur ein paar Minuten älter, sondern vielleicht auch ein bisschen schlauer geworden.

Die Synapsen, die Kontaktflächen zwischen den Hirnzellen, werden immer kontaktfreudiger, je öfter sie miteinander zu tun haben. Nervenzellen, die gemeinsam feuern, bekommen einen Draht zueinander - und irgendwann ist es eine Standleitung. "Fire together, wire together", heißt das plastische Grundprinzip auf Englisch. Frei übersetzt: Mit wem ich zusammen gut feiern kann, den ruf ich auch später noch mal an.

Und so kommen wir nicht einem ominösen Selbst über die Lebenszeit näher, sondern wir werden immer mehr zu dem, was wir oft tun und denken. Das Prinzip heißt auf schlau "Neuroplastizität" und bedeutet nichts weiter, als dass unsere Gedanken und Handlungen die Struktur, mit der wir denken und handeln, plastisch und praktisch verformen. Etwas "schleift sich ein".

Am augenfälligsten verändern sich Menschen durch ihre Berufe. Einerseits sucht man sich einen Beruf, der den eigenen Neigungen und Macken entspricht. Andererseits werden bestimmte Charakterzüge und Macken durch den Beruf erst offenbar und dann massiv verstärkt. Die Zeit als Arzt hat mich natürlich verändert. Ich schaue anders auf die Welt, anders auf den menschlichen Körper. Wenn ich eine schöne Frau sehe, mit einem tiefen Dekolleté, wo schaue ich hin? Auf die Schilddrüse! Ich kann gar nicht anders. Und dann schaue ich so lange, bis sie schluckt - wegen der Größe. Das wird leider oft falsch verstanden. Aber gelernt ist gelernt.

Seit nunmehr 15 Jahren mache ich nicht mehr Dienst in der Klinik, sondern auf den Bühnen der Republik und in den Fernsehstudios. Das bedeutet viele Reisen und viele Nächte in Hotels. Und auch das schleift sich ein bis ins Unterbewusste. Neulich stehe ich zu Hause vor meinem eigenen Bett, starre auf mein Kopfkissen und wundere mich, dass da kein Schokoladentäfelchen liegt. Wenn Ihnen das auch passiert, seien Sie gewiss, dies ist ein ernstes Zeichen: Machen Sie Urlaub! Und zwar zu Hause.

Meine Schwester ist Mathematiklehrerin. Sie hat ihr Hirn anders trainiert. Ich war mit ihr einkaufen, da hörte ich, wie sie zur Kassiererin im Supermarkt sagte: "Das haben Sie sehr schön zusammengerechnet. Aber jetzt die Addition noch mal ohne den Hilfsapparat!"

Wer, glauben Sie, ist eine der reichsten und gleichzeitig miesepetrigsten Berufsgruppen auf diesem Planeten? Juristen! Ist kleinkariert eigentlich auch eine Farbe? Oder schon eine Struktur? Ein Jurist trainiert Pessimismus und Katastrophendenken. Vereinfacht gesagt, scannt er jeden harmlosen Satz mit einer Frage im Hinterkopf: "Wo ist der Haken?" Wer so 12 bis 14 Stunden am Tag denkt, verändert sich. Dummerweise geht er mit diesem Hirn auch nach Hause. Und mit sehr viel Glück wartet da noch jemand und sagt etwas Harmloses wie: "Schön, dass du da bist ..." Und der Jurist liegt noch nachts wach und kann nur an eines denken: Wo ist der Haken?

ECKART VON HIRSCHHAUSEN

Der studierte Mediziner, 42, wurde als Kabarettist bekannt und mit seinem Bestseller "Die Leber wächst mit ihren Aufgaben". Auch sein neues Buch "Glück kommt selten allein" steht oben auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Derzeit tourt er mit seinem "Glücksbringer"-Bühnenprogramm durch Deutschland.


1.

Gehört zur Idee der Selbstverbesserung nicht die zerstörerische Grundannahme, dass wir so, wie wir jetzt sind, nicht okay sind?


2.

Depressive sind in ihrer Selbst-Wahrnehmung realistischer als seelisch "Gesunde". Depression ist die Krankheit der Ent-Täuschung. Wenn die Selbsttäuschung Teil der eigenen Stabilität ist, wie viel wollen Sie noch darüber nachdenken?


3.

Das Zauberrezept: Verwirkliche deine Träume! Sind Sie nicht auch bei der Mehrzahl der Träume froh, dass sie sich nicht verwirklichen?


4.

Die Idee, unser Selbst zu finden, geht davon aus, dass wir fundamental anders sind als andere. Das ist der größte Irrtum, die "pluralistische Ignoranz". Wenn Sie wirklich anders sein wollen als andere, müssen Sie nur akzeptieren, dass Sie nicht anders sind. Das tut kaum jemand. 80 Prozent der Deutschen halten sich für überdurchschnittlich gute Autofahrer. Wie sehen Sie das?


5.

Warum gibt es die Medikamente, die das Selbst wirklich verändern, nicht als "Selbstmedikation"? Und worin besteht der ethische Unterschied, ob ich Kurzsichtigkeit mit einer Brille korrigiere oder Schwarzsichtigkeit mit einem Anti-Depressivum?


6.

Wer sich um andere Menschen kümmert, lebt selbst länger und glücklicher. Ist es dann egoistisch, altruistisch zu sein?


7.

Was ist das "Selbstloseste", was sie schon einmal im Leben gemacht haben? Was möchten Sie selbst tun, um ihr "Ego" loszuwerden? Und wenn Sie sich vornehmen, täglich darüber zu meditieren - wer nimmt sich da was vor? Lassen Sie sich nichts vormachen - machen Sie es selbst.



SPIEGEL WISSEN 1/2009
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SPIEGEL WISSEN 1/2009

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