10.11.2009

Ritas kleine Helfer

Um noch wacher und schneller im Kopf zu werden, schlucken immer mehr Gesunde umstrittene Psychopillen. Neue Medikamente versprechen Höhenflüge für Gedächtnis, Lernen und Konzentration.
Der 22-jährige Student der Betriebswirtschaftslehre saß zitternd vor der Ärztin. Was der junge Mann erzählte, beeindruckte selbst Isabella Heuser, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité, obgleich sie in ihrer Praxis schon einiges Leid erlebt hatte.
Der Student hatte sechs Monate Doping und einen Nervenzusammenbruch hinter sich. Er hatte tagsüber Ephedrin geschluckt, um seine Bachelor-Prüfungen trotz eines Skiunfalls nach dem sechsten Semester abschließen zu können. Abends waren dann Alkohol und Schlafmittel nötig, um wieder runterzukommen. Seine Mutter, eine Allgemeinmedizinerin, habe ihm das Mittel verschrieben, berichtete Heuser.
Fälle wie der des Berliner Studenten haben deutsche Ärzte immer häufiger in ihrer Praxis. Hirndoping nimmt zu, besonders in den USA, aber auch in Deutschland. Männer schlucken verstärkt Psychostimulanzien, um fit und leistungsstark zu bleiben. Frauen greifen häufig zu Schmerzmitteln oder sie machen sich mit leichten Aufputschern wach. Immer beliebter wird aber auch eine Gruppe von Pharmaka: sogenannte Neuroenhancer. Das sind Medikamente, die den Kopf noch konzentrationsstärker und leistungsfähiger machen sollen.
Es sind Wirkstoffe wie Methylphenidat, Donepezil oder Modafinil, die für gewöhnlich Patienten helfen sollen, die unter dem "Zappelphilipp-Syndrom" ADHS, unter Demenz oder Tageschläfrigkeit leiden.
Besonders der Wirkstoff Methylphenidat ist in den USA ein Renner für Leistungssüchtige geworden. Erstmals wurde das Medikament 1944 von einem Chemiker in der Schweiz synthetisiert. Dessen Ehefrau Marguerite, Spitzname Rita, schluckte die Tabletten angeblich vor dem Tennis und stellte überrascht fest, dass sie besser spielte. Wissenschaftlich belegt ist das nicht, der Schweizer Pharma-Konzern Ciba benannte das Präparat trotzdem nach Rita, der ersten Testperson.
Ritalin verschwand für Jahrzehnte, erlebt aber seit rund 20 Jahren einen gigantischen Aufschwung. In den neunziger Jahren stieg der Ritalin-Verbrauch weltweit um 700 Prozent. In Deutschland hat sich der Methylphenidat-Konsum seit 1993 nahezu verfünfzigfacht. 1,6 Millionen Schachteln wurden verordnet, die Kassen gaben dafür über 80 Millionen Euro aus.
Vorwiegend behandeln Ärzte mit dem Präparat Kinder, die unter einer Aufmerksamkeitsstörung leiden. Inzwischen entdecken aber auch Erwachsene das Medikament, neugierig gemacht vom Versprechen der angeblich idealen Psychopille: kaufen, schlucken, besser sein.
Orchestermusiker, Journalisten, Wall-Street-Banker schlucken das Mittel. Das Experimentierfeld des Hirndopings liegt in den amerikanischen Universitäten. Methylphenidat und Amphetamin wird hier massenhaft von gesunden Studenten geschluckt. Mehr als vier Prozent von ihnen werfen sich die Tabletten routinemäßig ein, so eine Studie aus dem Jahr 2005. Auf einem Campus räumten sogar 25 Prozent aller jungen Frauen und Männer ein, das Gehirn pharmakologisch aufzumöbeln, um an der Uni mithalten zu können. Studenten dealen illegal mit den Substanzen, zermahlen die Tabletten und ziehen sich das Pulver in die Nase. Die auf den Packungsbeilagen angegebenen Nebenwirkungen sind Schlafstörungen, Herzbeschwerden bis hin zu Psychosen. Die Konsumenten blenden sie komplett aus.
Methylphenidat fällt in Deutschland unter das Betäubungsmittelgesetz und muss nach denselben strengen Richtlinien verschrieben werden wie beispielsweise Morphin, weshalb sich viele Erwachsene bei ihren Kindern bedienen müssen. Suchtmittelexperten warnen davor, dass der Wirkstoff, langfristig eingenommen, abhängig macht.
Der Schweizer Arzneimittelkonzern Novartis setzte im vergangenen Jahr mit dem Verkauf von Ritalin 440 Millionen Dollar um. Der Konkurrent Johnson & Johnson machte allein im dritten Quartal dieses Jahres 284 Millionen Dollar Umsatz mit dem Präparat Concerta, das ebenfalls Methylphenidat enthält. Die Pharma-Lobby kämpft derzeit in Deutschland um die Zulassung von Ritalin für ADHS bei Erwachsenen.
Ritalin ist nur ein Mittel der neuen Neuroenhancement-Welt. Ähnliche Wunder versprechen sich Ermattete von dem Wirkstoff Modafinil. Obwohl das Präparat gegen Tagesschläfrigkeit vor allem bei Schichtarbeitern eingesetzt wird, schlucken es Geschäftsreisende nach Langstreckenflügen gegen den Jetlag so selbstverständlich wie Espresso. Unter den Jungunternehmern im Silicon Valley wie auch andernorts in den USA findet das Medikament reißenden Absatz: Während das Präparat 2002 rund 196 Millionen Dollar Umsatz machte, waren es vergangenes Jahr bereits 988 Millionen Dollar.
Der Wirkstoff Donepezil wurde ursprünglich gegen Alzheimer konzipiert und soll den geistigen Verfall bremsen. Nun wird das Mittel aus der Gruppe der Antidementiva ebenfalls als weiche Droge gehandelt, als chemischer Konzentrationshelfer. Inzwischen arbeiten Labore an noch viel feiner aufs Gehirn abgestimmten Chemiepillen. Wach und besser drauf zu sein genügt nicht mehr. Neue Wirkstoffe sollen die Gehirntätigkeit direkt anregen, indem sie Hirnzellen stimulieren.
Solche Fähigkeiten sind gefragt in einer Arbeitswelt, für die Mittelmaß und Durchschnitt Stillstand sind. Unternehmen können immer mehr Leistungen überall auf der Welt einkaufen, und deshalb werden die Jobs immer unsicherer und kaum noch planbar. Da ist es wenig erstaunlich, dass Medikamente, die den Geist schneller machen, die Stimmung aufhellen und die Belastbarkeit erhöhen, immer beliebter werden.
Im Rahmen einer Studie der Deutschen Angestellten Krankenkasse mit dem Schwerpunkt "Doping am Arbeitsplatz" gaben 18,5 Prozent der befragten Personen im Alter zwischen 20 und 30 Jahren an, mindestens eine Person zu kennen, die solche Medikamente eingenommen hat, ohne krank zu sein. Bei den Befragten zwischen 20 und 50 gaben immerhin fünf Prozent zu, sich selbst schon auf diese Weise gedopt zu haben. Hochgerechnet greifen damit etwa zwei Millionen Menschen zu einem Medikament, um ihre Leistung zu steigern.
"Die Gesellschaft hat ständig neue Möglichkeiten gefunden, sich zu verbessern, warum sollten wir auf diese verzichten?", fragt Reinhard Merkel, Professor für Rechtswissenschaften an der Universität Hamburg. "Spätestens wenn die Medikamente keine Nebenwirkungen mehr haben, werden wir nicht darauf verzichten." 8000 wissenschaftliche Aufsätze hat Merkel zu diesem Thema auf seinem Rechner gespeichert. Die Autoren kommen aus den USA, Großbritannien, Japan. Deutsche sind kaum dabei. Merkel gehört zu einem Team von Wissenschaftlern, die für die Bundesregierung die Folgen untersuchten und Anfang Oktober ein Memorandum über den Umgang mit den Neuroenhancern vorgelegt haben.
Vielen Konsumenten würden die Nebenwirkungen zunächst auch gering erscheinen. Aber jeder Lernprozess sei mit Anstrengung verbunden, erklärt Mathias Berger, Ärztlicher Direktor der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Freiburg, unter diesen Medikamenten verändere sich "die Verarbeitung der Informationen im Gehirn". Und die Auswirkungen für die Persönlichkeit eines Menschen, der sich für Erfolge nicht mehr so sehr anstrengen muss, sind "nicht absehbar", sagt der Psychiater.
Götz Mundle, Chefarzt der Oberberg-Klinik im Schwarzwald, hat bereits den ersten Fall einer Gehirngedopten behandeln müssen. Gewundert hat er sich nicht darüber. "Je mehr Gas der Mensch gibt, desto mehr Halt braucht er auch", sagt der Professor für Psychiatrie, "aber gerade enorm leistungsfähige Menschen vergessen leicht, dass sie diesen Ausgleich dringend nötig haben." Man könne auf der Autobahn problemlos 180 Stundenkilometer schnell fahren, sagt Mundle, aber "das Unfallrisiko ist eben wesentlich höher, als wenn ich nur 120 fahre".
Von UDO LUDWIG

SPIEGEL WISSEN 4/2009
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