23.02.2010

Rolf, ich und Alzheimer

Von THIMM, KATJA

Wie ein Feind schleicht sich Demenz in das Leben einer Familie: Alle Spielregeln des Alltags, alle Gefühle ändern sich. Die meisten Erkrankten werden von ihren Angehörigen gepflegt, deren Kräfte oft nicht ausreichen. Die Geschichte zweier Paare.

Diese Reportage erschien erstmals in der SPIEGEL-Ausgabe 26/2008. Im vergangenen Jahr erhielt die Autorin dafür den Egon-Erwin-Kisch-Preis.

Vor dem Haus für alte demente Menschen steigt im Januar 2007 eine Dame aus einem silberfarbenen Audi. Der Fahrer, ein Herr mit Hut und Einstecktuch, reicht ihr den Arm. Sie blickt kurz auf; dann schiebt sie seinen Arm zur Seite. Die Dame lässt sich nicht gern helfen, schon gar nicht von ihrem Mann.

Ein halbes Jahrhundert lang führte Marita Lang die Familie an; ihr Gesicht, 82 Jahre alt, spiegelt noch immer Tatkraft und Eigensinn, Spott, manchmal Freude. Seit einiger Zeit, die Abstände werden kürzer, tauchen auch verstörende Zweifel und Verzweiflung auf. Doch Frau Lang will von ihren Zweifeln nichts wissen.

"Das Alter", sagt sie, wenn ihr Worte oder Taten fehlen.

Einmal nur hat sie das unheimliche Wort benutzt, es ist erst drei Wochen her. Sie hatte ihr weißgraues Haar frisiert und eine Brosche an den Kragen des Pullovers gesteckt. So saß sie beim Arzt, voller Furcht. "Alzheimer", fragte sie ihn, "wird es doch wohl nicht sein?"

Die Angst der Patientin wirkte so gewaltig, dass der Arzt die Diagnose erklärte, ohne das gefürchtete Wort zu benutzen. Die kommenden Monate schienen ihm bitter genug. Sie werde sich, sagte er ihr, weniger und weniger in sich selbst und in der Welt zurechtfinden. Er verordnete ihr, sich für das Chaos zu wappnen.

Täglich, von 9 bis 16 Uhr, übt sie nun, mit ihren Nöten zu leben; probiert Eselsbrücken aus, trainiert Fertigkeiten und das Gedächtnis. Schreibt Einkaufslisten. Schmeckt das Gemüsebett zum Fisch ab. Packt in Gedanken Koffer.

Niemand kritisiert ihre Fehler in diesem Haus für demente Menschen, das "gerontopsychiatrische Tagesklinik" heißt; eine Station des Alexianer-Krankenhauses in Köln. Marita Lang sei verunsichert genug, jetzt, da ihr Ich sie verlasse.

"Was gehöre ich zu diesen Omis?", murmelt sie an diesem Nachmittag. Sie hat sich in einen Korbsessel zurückgezogen und beäugt ihre Mitpatienten. "Ich lehne diese Krankheit ab." Eine Frau trippelt durch den Raum, minutenlang. "Suchen Sie etwas?", fragt Frau Lang sie schließlich.

"Meinen Kamm."

"Denken Sie mal nach", sagt Frau Lang. "Wo haben Sie ihn zuletzt benutzt? Am besten, Sie notieren sich so etwas auf Zettelchen."

Plötzlich schreckt sie selbst hoch, tastet ihren Persianermantel ab, "wo ist mein Portemonnaie?", sie nestelt, "da, ein Glück! Man verliert ja nicht gern etwas. Man möchte nicht dastehen, als habe man von nichts eine Ahnung. Suchen Sie Ihr Ding noch? Was suchen Sie?"

"Meinen Kamm."

"Ach, einen Kamm. Da würde ich nicht so ein Theater machen."

Hans Lang ist erleichtert, dass seine Frau einen der raren Plätze in einer Tagesklinik für Alzheimer-Kranke bekommen hat. 53 Ehejahre lang verwaltete sie alles Geld und die Behördenpost. Bis ihr die Geburtstage der drei Söhne nicht mehr einfielen. Sie weinte plötzlich viel; sie schien so unduldsam, so sprunghaft. Nun werde sich die Frau berappeln, hofft der 81-Jährige; er hofft, obwohl er weiß, dass sich diese Krankheit von Hoffnung noch nie hat aufhalten lassen.

Jeden Morgen liefert er sie ab. Womöglich hilft der Aufenthalt Frau Lang, den Umzug in ein Heim hinauszuzögern. Herrn Lang verschafft er notwendige Ruhestunden.

Angehörige, die ihre Demenzkranken pflegen, schlafen kaum, ernähren sich schlecht, nehmen oft Psychopharmaka.

Angret Krimmling und Rolf Dünchem wohnen nur wenige hundert Meter von der Klinik entfernt, in der Frau Lang nun für den letzten Lebensabschnitt übt. Vor fünf Jahren begann Herr Dünchem, seltsame Fragen zu stellen. Es waren ähnliche Fragen, wie Frau Lang sie nun hat. Auch Angret Krimmling und Rolf Dünchem hofften einmal, es werde nicht die Krankheit mit dem unheimlichen Namen sein. Und mit jedem Monat, der verging, schwand diese Hoffnung. Das Paar Krimmling und Dünchem hat vieles hinter sich, was den Eheleuten Lang noch bevorsteht. Die Gegenwart der einen ist wie ein Blick in die Zukunft der anderen.

An einem sonnigen Februartag 2007 deckt Angret Krimmling den Kaffeetisch für sich und den Mann, den sie liebt. Sie stellt die Teller auf die Sets, genau in die Mitte. Alles in dieser Dreizimmerwohnung hat seinen Platz: die Taschenuhren, die Wandteller aus Holz, die Porzellanpuppen, deren Spitzenunterhosen sie jedes Jahr kurz vor Weihnachten wäscht. Der Platz im Sessel unter der Stehlampe gehört Rolf Dünchem.

"Wir hatten uns das recht schön ausgemalt mit dem Alter", sagt sie. Nun ist sie 69, er 79 - und für sie wird es immer schwieriger, Wohnung und Leben in Ordnung zu halten. "Seit fünf Jahren führen wir eine Art Ehe zu dritt. Rolf, ich und Alzheimer."

Rolf Dünchem hat mitbekommen, dass von ihm die Rede ist. "Ich hab das nicht verstanden", ruft er aus dem Sessel.

"Ist auch gut so", sagt sie.

Er wippt. "Fuzzi, wann haben wir uns kennengelernt?"

"1963. Und seit 25 Jahren sind wir ein Paar. Aber wir sind ja nicht verheiratet."

"Und ich halte es immer noch mit dir aus", er trällert. An die hundert Elefantenfiguren stehen im Regal. Südafrika war der Auftakt ihres Lebens zu zweit. Die Erinnerung ist ihr allein geblieben.

Es wird jeden Tag komplizierter. Siebenmal hat sie ihn an diesem Morgen gebeten, endlich die Schuhe anzuziehen; sie hatten einen Termin beim Arzt. Siebenmal hat er "Ist gut" geantwortet und dann mit dem Rasierapparat herumgespielt. Beim achten Mal schraubte sie ihm den Apparat aus der Faust. Herr Dünchem verstand die Eile nicht und sprach sinnlose Floskeln: Das müsse erst bewiesen werden. Er kenne kein Pardon.

Die Psychologin, bei der sie manchmal Hilfe sucht, meint, sie dürfe auch motzen. Aber wenn Frau Krimmling wirklich einmal laut wird, kommt Herr Dünchem angelaufen, streichelt ihre Wange und fleht: "Fuzzi, ach Stöpselchen, bitte, bitte nicht."

Sie weiß nicht, wie weit das Siechtum im Gehirn die Seele schon befallen hat. Es scheint so, als hielten Gefühle wie Geborgenheit und Vertrautheit dem schleichenden Abbau lange stand.

Zwei Jahre lang wussten die Freunde nichts; Scham und Fürsorge, "falsche Fürsorge", sagt sie heute. Irgendwann scherzte einer beim Bier: "Mensch, Rolf, das erzählst du das dritte Mal. Alzheimer, was?"

Als er die Wege nicht mehr fand, malte sie Skizzen, zum Zahnarzt, zur Reinigung, zum Optiker. Als er die Zettel falsch herum gehalten und sie ihn im Straßenverkehr gesucht hatte, heulend vor Angst, hängte sie ihm, dem ehemaligen Weltreisenden, Handelsvertreter für Spielwaren, einen Brustbeutel mit Adresse um.

Als die Herdplatte knallrot war und er gedankenverloren danebenstand, die Küchenluft flirrte vor Hitze, dachte Angret Krimmling erstmals an ein Heim. Sekunden nur.

In all den Ratgebern, die sie gelesen hat, spielt der idealtypische Angehörige eine Heiligenrolle: Nehmen Sie sich zurück, loben Sie, erwarten Sie nichts - und wenn er auf dem Ausflug besteht, den er gerade hinter sich, aber wieder vergessen hat? Auf ein Neues! Frau Krimmling fragt sich, wie das gehen soll: Rolf schützen und sich selbst dabei nicht genieren. Sie hasst es, ihn auf öffentliche Herrentoiletten zu begleiten. Doch sperrt er sich ein, begreift er nicht, dass sich die Tür wieder öffnen lässt - auch wenn sie davorsteht und ihn anweist.

Er sei müde, sagt Herr Dünchem und wippt im Sessel. Frau Krimmling springt auf, "erst deinen Saft!" Sein Gefühl für Durst ist bereits verloschen, vier Gläser quatscht sie in ihn rein am Tag: "Rolf, trink doch bitte, bitte, trink doch."

Frau Lang hat eine Decke über die Knie gebreitet. Es ist schon März, und sie friert trotzdem viel. Der Abbau im Gehirn kostet Energie.

Die Zeit in der Tagesklinik ist vorüber, nun sollen die Eheleute Lang sich auf die Diagnose eingestellt haben. "Ich habe nichts mehr anzubieten", klagt sie. "Ich lege mich hin, ich stehe auf, ich gehe durch die Wohnung. Und die Würze für Frikadellen habe ich vergessen."

Herrn Lang verunsichern solche Sätze. Er hatte die Hoffnung, seine Frau in alter Form zurückzubekommen; nun kauert sie im Sessel, die Augenhöhlen rot vom Weinen. Das sei nicht normal, findet er, obwohl die Ärzte ihm erklären, diese Traurigkeit sei ganz normal, gerade am Anfang.

Jeder Tag bringt Marita Lang neue peinigende Zweifel, bedeutet Kapitulation. Ein Spiegelei: Zuerst die Butter! Oder doch erst das Ei? Frau Lang glaubt eher an Diebstahl als an eigene Schusseligkeit; vermisst sie Geld, beschuldigt sie Mann und Kinder. Anschließend weint sie, und der jüngste Sohn sagt, Mutti, Alter ist auch eine Frage von Würde. Keine Opernbesuche, klagt ihr Mann. Doch ihr ist peinlich, wenn Fremde etwas merken.

In seiner Hilflosigkeit hat Herr Lang sich eine eigene Therapie ausgedacht. "Die Frau stimulieren" nennt er seine Methode. "Deine Lebensunlust passt nicht zum Weltbild der Familie", sagt er. "Du hast ein sinnvolles Leben! Einen Ehemann, drei Söhne, vier Enkel!"

"Ich wollte keine Kinder", antwortet sie. "Aber das gehörte ja dazu damals."

Damals war sie Fräulein Marita Möller, 1945, im Nordwestdeutschen Rundfunk; Köln lag in Schutt; treppauf, treppab lief sie mit der Schreibmaschine, dem kriegsversehrten Chef richtete sie die Binde über dem Durchschuss am Kehlkopf, den britischen Besatzern brachte sie die Radiomanuskripte zum Abzeichnen: "All right."

"Der Funk war mein Leben." Als sie fortfährt, ist ihre Stimme brüchig. "Vielleicht geht dies hier nie mehr weg. Vielleicht bin ich ein alter Lumpen."

"Du bist kein Lumpen. Du bist Großmutter", entgegnet Hans Lang.

1950 lernten sie sich kennen; sie hatte am Tegernsee nach einem Platzregen mit tropfnassem Haar ein Café betreten, er forderte sie zum Tanz auf und steckte ihr beim Abschied einen Zettel zu: "Vergiss mich nicht." Sie heirateten, und in ihrem geliebten Funkhaus besorgte sie ihm einen Job. Doch seine Leidenschaft gehörte der Malerei.

Die Kinder kamen, er ging ins Büro, sie blieb in den vier Zimmern zu Hause und wünschte sich jeden Morgen an seine Stelle. Als er im lichtdurchfluteten Schlafzimmer die Staffelei aufbaute, schickte sie ihn in den Keller. Nur bei ihren Reisen, wenn er draußen malte, schaute sie ihm zu.

Einmal noch möchte Hans Lang in der bayerischen Heimat ausstellen. "Immer dieselben Flausen", sagt sie; es quälen sie die unbeantworteten Fragen ihres Lebens. "Vielleicht hättest du eine andere Frau gebraucht", sagt sie. "Eine, die sich für deine Kunst interessiert." Sie habe doch die Ehe früher auch nicht in Frage gestellt, schimpft er.

Es schellt; er öffnet, sie richtet sich auf, Haltung bewahren. Jeden Tag kommt nun eine Schwester. Sie überwacht, dass die Patientin die richtigen Tabletten nimmt.

"Und Sie kommen jetzt wirklich immer?", fragt Frau Lang. "Sie brauchen keine Angst zu haben", sagt die Schwester. "Warum nicht?", fragt Frau Lang. "Diese Demenz geht doch nicht weg. Das steigert sich doch, diese komische Krankheit. Oder?"

Die Schwester lächelt verlegen. "Das Dumme ist", sagt sie, "ich habe jetzt keine Zeit. So etwas macht ja die APP." Die Kollegin von der Ambulanten Psychiatrischen Pflege kommt einmal in der Woche zum Reden. Doch oft mag Frau Lang dann nicht erzählen, was sie bedrückt.

"Natürlich. Die APP. Die macht das", sagt Frau Lang und sitzt nun aufrecht wie in ein Korsett geschnürt. "Schönen Tag. Arrivederci. Tschöö."

Herr Lang geleitet die Schwester zur Tür. "Bei Ihnen reißt sie sich immer zusammen", sagt er.

Während Herr Dünchem in seinem Sessel unter der Stehlampe schläft, stapelt Frau Krimmling auf dem Teppich Rezepte, Rechnungen, Anträge: Das Antidementivum soll die Zerstörung seines Gehirns eindämmen, das Antidepressivum seine Antriebslosigkeit. Die Ergotherapie belebt sein Körpergefühl.

Der Schriftwechsel mit der Pflegekasse liegt auf dem Tisch: Stufe II, zweimal abgelehnt. Herr Dünchem hatte sich als Herr von Welt präsentiert. Ausgeschlossen, meinten die Gutachter, dass dieser Mann jeden Tag zwei Stunden Hilfe beim Waschen und Anziehen brauche.

Verdrossen betrachtet Frau Krimmling den Boden; 16 Türmchen, Rezepte, Anträge, Rechnungen. Herr Dünchem wacht auf und stakst auf sie zu. "Willst du mich bei dir haben?" Sie berührt ihn am Arm. "Dicker, was bleibt mir anderes?" Und beiseite sagt sie: "Mit welchen Freuden ich früher mit ihm ins Bett gehüpft bin. Dass dieser Mann jetzt eine Hülle ist; eine total anlehnungsbedürftige Hülle. Wie ein Kind."

"Was hast du, Fuzzi?"

"Ach nichts. Vielleicht ein bisschen Angst."

"Hast du? Warum denn dieses?"

Sie lacht, verzweifelt. "Weil du so gut drauf bist."

Nach einer Pause antwortet er. "Ich erfreue mich immer noch meines Lebens."

Nur schlimmer dürfe es nicht werden, diese Hoffnung hat sie noch, und trotzdem hat sie vorgesorgt: eine Vollmacht für die Bank, für die Ärzte, für den Tod. Er soll nicht leben dank Magensonde und Betäubungsmitteln, wie viele, die Hunger, Durst und Schmerz nicht mehr spüren. Schon jetzt weiß sie nicht mehr, was ihm fehlt, wenn er unruhig wird. Ob nur ein Mückenstich juckt, das Hörgerät drückt oder doch das Herz rast?

Der ganze Körper gerät aus dem Gleichgewicht, wenn sich das Gehirn zersetzt; irgendwann sendet es lebensbedrohende falsche Signale: Körpertemperatur 41 Grad, Nahrung entbehrlich, Flüssigkeit unnötig. Alzheimer ist eine tödliche Krankheit.

"Morgen Abend", sagt sie zu ihm, "gehe ich turnen. Dann besucht dich wieder die nette Studentin."

"Dann lässt du mich wieder alleine."

2400 Euro im Jahr soll Herr Dünchem ab Juli nach der Reform der Pflegeversicherung erhalten, damit zwischendurch einer auf ihn aufpassen kann. Noch sind es 460 Euro; sie gewähren Frau Krimmling zwei Wochenstunden Freiheit im Turnverein. "Ich komme schon wieder", sagt sie. "Ich kriege das eh nicht hin, dich alleinzulassen."

"Ich verstehe nicht, Fuzzi."

"Na, dann gucken die im Heim nicht, dass du ordentlich angezogen bist." Die Opas mit ihren Filzpantoffeln und fleckigen Hosen, schrecklich findet Angret Krimmling das. "Wenn sich die inneren Defizite in diesem Kleckerkram widerspiegeln." Das seien so Gefühle, sagt sie.

Herr Dünchem blickt sie an. "Feelings, wie wir Lateiner sagen."

Frau Lang kommt zur Kontrolle. Bald ist der April vorbei; dreimal hat sie den Termin verstreichen lassen. Sie soll bei ihrem Arzt Wörter vorlesen.

"Ach du lieber Schreck", sagt sie. Verkäufer, Komet, Nachricht, Märchen, Abenteuer. "Warum muss ich das tun?"

Beim letzten "Test zur Früherkennung von Demenzen mit Depressionsabgrenzung" schnitt Marita Lang schlecht ab. Inzwischen erinnert sich Frau Lang manchmal nicht mal mehr an die erste Silbe eines Wortes, wenn die zweite beginnt. Ob den Test nicht ein anderer machen könne, fragt sie den Arzt; sie hat ihren Stuhl hinter die Zimmerpalme im Sprechzimmer geschoben, um sich zu verbergen. Er habe doch genug Patienten.

Welche Jahreszeit denn gerade sei, und wie viele es gebe?, erwidert er freundlich.

"Jahreszeiten? Januar, Februar ..."

Nein, er meine die Jahreszeiten.

Sie legt die Hand an die Stirn. "Sommer. Frühling. Herbst. Winter."

Welche Monate denn zum Frühling gehörten?

"Zum Frühling? April."

Und die Monate davor und danach?

"Davor und danach? Oktober!"

Zum Frühling, nicht zum Herbst.

"Vielleicht April."

Und davor, fragt der Arzt, sei das Winter?

"Davor, das ist Frühling."

Winter, korrigiert der Arzt. "Fehler", sagt Frau Lang. "Rückschritt. Null. Zero."

Ihr Mann hatte vor dem Test den Raum verlassen. "Du meinst, ich falle durch?", hatte sie ihm hinterhergerufen. Nun bittet der Arzt ihn ins Zimmer. "Komm", sagt Herr Lang. "Wir trinken noch einen Kaffee auf der 'Alten Liebe' im Rhein."

Angret Krimmling sehnt sich nach Gemeinschaft. Sie schätzt inzwischen sogar Pflegestatistiken, weil die ihr zeigen, dass sie nicht allein ist: Angehörige kümmern sich durchschnittlich 39,5 Wochenstunden um ihren alzheimerkranken Partner. Etwa 40 Prozent stehen zweimal nachts auf, jeder Dritte viermal.

Frau Krimmling führt Rolf Dünchem jede Nacht zweimal zur Toilette; sie weckt ihn um zwei, dann um vier, und immer liegt die Windel neben ihm. Herr Dünchem zieht Windeln im Bett aus. Er will sie schonen.

Einmal im Monat trifft Angret Krimmling in einem Raum des Alexianer-Krankenhauses andere Angehörige: eine Professorengattin, den Mann einer Steuerberaterin, die Frau eines Ingenieurs und die eines Kunstschmieds.

"Mein Mann spricht vor dem Spiegel mit sich selbst und hält mich für bekloppt."

"Mein Mann glaubt, ich vergifte ihn."

"Meine Frau redet immer mit unseren Gästen; dabei sind wir allein."

"Mein Mann lässt sich nur ruhigstellen, wenn Tanzmusik im Radio läuft."

"Mein Mann spricht draußen Kinder an und will dann Pipi machen."

Eine Sozialpädagogin leitet die Gruppe, derweil betreuen Ehrenamtliche im Nebenraum die Kranken. Sie hilft den Angehörigen auch an anderen Tagen; sie setzt Briefe auf, vermittelt Pflegedienste, sie weiß, welche Behörde zuständig ist.

Das Alexianer-Krankenhaus ist ein Modellprojekt, eines von elf "Demenz-Servicezentren" in Nordrhein-Westfalen. Noch scheuen die meisten Angehörigen solche Zentren. Oft wiegt die Scham schwerer als die Angst, den Kranken nicht länger allein kontrollieren zu können. In der Gruppe von Frau Krimmling haben die Angehörigen einander Diskretion gelobt.

"Ich habe einen nagelneuen Zweitschlüssel für mein Auto gefunden. Den hat er machen lassen - trotz Alzheimer."

"Meine Frau stellt sich beim Windelnwechseln breitbeinig ins Zimmer: Flatsch, auf den Fußboden."

"Er zeigt mir hinterher immer das Klopapier. Mit großer Verbeugung."

"Seien Sie froh, dass er es benutzt. Meiner sammelt es in der Schublade."

Es sei eine Gratwanderung, meint die Sozialpädagogin. Einige liebten ihre Kranken bis zum Schluss. Aber manchmal verwandle sich Überforderung in Hass. Da sei ein Heim vielleicht die bessere Lösung.

Im Juni 2007 irrt Frau Lang nachts durch die psychiatrische Station im Alexianer-Krankenhaus und sucht den Ausgang. Als ihr Mann wegen einer Blasenoperation in eine Klinik eingeliefert wurde, musste sie auch irgendwo hin.

Am Sonntag hat Herr Lang Ausgang, um seine Frau zu besuchen. Sie spazieren durch den Park, Vögel zwitschern, die Juniluft drückt. Er hat sich feingemacht, Krawatte, Weste. Er trägt eine gelbe Stofftasche, darin einen Katheterbeutel. Ein Schlauch führt aus seinem Körper in die Tasche. Frau Lang hat Kölnisch Wasser aufgelegt, wie immer, wenn sie sich nicht wohl fühlt. Ihre Augenhöhlen liegen tiefer als im Winter.

Sie juchzt über die fetten Goldfische im Seerosenteich und erzählt ihrem Mann die alten Geschichten vom Nordwestdeutschen Rundfunk, immer wieder. "Ich konnte dir alles aus dem Kopf berichten", sagt sie nach einer halben Stunde. "Und deshalb gehöre ich nicht in so ein Ding hier."

"Aber du hast ja diese Krankheit."

"Mein Gott", erwidert sie, "ich bin uralt." Sie tritt ans Ufer und steckt die Hand ins Wasser. "Ist das nicht zauberhaft?"

Als Herr Lang in seine Klinik zurückfährt, packt Frau Lang. Sie legt Tasche und Plastiktüten auf ihr Bett, darin eine festliche Jacke, eine dicke Jacke, eine Bluse, zwei Schirme, drei Kulturbeutel. Dann setzt sie sich daneben und wartet auf ihre Entlassung. So hält sie es jeden Abend. Bis die Schwestern sie ins Bett schicken.

Frau Krimmling stellt mittlerweile dreimal nachts den Wecker. Sie hat die Teppiche im Flur entfernt, weil immer öfter geschieht, was sie "ein Malheur" nennt.

Sie weint viel in diesem Sommer. Sie kneift die Augen zusammen und hält den Oberkörper starr, als verwehre sie ihm lautes Schluchzen. Ein, zwei Minuten dauert es, in denen Herr Dünchem in seinem Sessel immer unruhiger fragt: "Fuzzi, nicht doch, Stöpselchen, was ist?" Es quält sie, dass er nicht mehr versteht, warum sie weint. Es quält sie die Angst, diesen Mann irgendwann nicht mehr zu ertragen. Ihn vollends zu verlieren. Bisweilen rechnet sie nach, wie lange er noch zu leben hat, statistisch. Nach Ausbruch der Krankheit sind es acht Jahre.

"Liebst du mich?", fragt er manchmal. "So viel, wie in den Atlantik passt und in den Ozean und in die Welt", sagt sie, wenn sie gut drauf ist, so wie früher. An einem Morgen hat er ihr ein Butterbrot geschmiert, so wie früher. Sie weinte los, eine Eruption, alles, was sie verloren hat, schien ihr auf diesem Butterbrot zu liegen.

Ihr fehlen die Gespräche und die Momente schweigenden Einvernehmens. Sieht sie einen Film mit ihm, hält sie das Video an, erklärt, fährt fort, stoppt, erklärt. Er verbringt Tage auf dem Sofa, stumm, zum Essen kommt er an den Tisch, sagt nichts, liegt wieder auf dem Sofa, schaut Tierfilme, die sieht er gern.

Ob er sie noch erkennt? "Ja, schon. Aber oft mit Siezen und so."

Noch duzt Marita Lang ihren Mann; und als sie am 20. August im Amtsgericht sitzt, traut sie ihm wie in all den Ehejahren weniger zu als sich selbst.

Ob sie wisse, warum sie hier sei?, fragt der Richter. "Du weißt schon", souffliert Hans Lang. "Damit dich jemand auch mal nach außen vertritt."

Wenige Wochen zuvor hatte eine Psychologin geklingelt. Sie wollte wissen, wie Frau Lang denn den Haushalt erledige und die Bankgeschäfte. Nach dem Aufenthalt in der psychiatrischen Station war die alte Dame nun auch amtlich ein Fall. Es stand bevor, was weder Mann noch Söhne je denken mochten: Marita Lang brauchte einen Betreuer. Jemanden, der ihre Angelegenheiten regelt, weil sie es nicht mehr kann.

Im Gericht erhält Frau Lang als Betreuer den Ehemann zugewiesen. Hans Lang hat um das Amt gekämpft. "Als Ehemann ist man sich schuldig, dass man die Ehefrau nicht noch mehr ins Abseits schiebt", sagt er.

Sie gewöhnt sich nicht an diesen Rollentausch; an manchen Tagen spricht sie von Scheidung. Dann muss er noch einmal ins Krankenhaus und sie wieder zur Kurzzeitpflege. "Nein!", brüllt sie, "wo bringt ihr mich hin?" 85 Euro am Tag kostet ihr Aufenthalt; Herr Lang rechnet sorgenvoll auf dem Krankenlager. Er wollte ihr jeden weiteren Nachweis ihrer Schwäche ersparen und hatte keine Pflegestufe beantragt. Nun kann er nicht mehr anders.

Die Eltern setzten sich nicht mit der Zukunft auseinander, klagen die Söhne.

Doch, Frau Lang setzt sich mit der Zukunft auseinander. Am liebsten will sie zurück ins Büro. "Arbeiten, das wär's!", erklärt sie wiederholt. "Aber heute ist es nicht einfach, einen Job zu bekommen."

Im Spätsommer ist Frau Krimmling so weit. Sie bringt den Mann, den sie liebt, in ein Heim. Jeden Dienstag soll er in der Tagespflege verbringen, erst einmal. "Die haben da alles, Tagespflege, Kurzzeitpflege und auch das andere, für immer." Sie heult und sammelt Argumente gegen das schlechte Gewissen: Ein super Essen gebe es, ein riesiges "Mensch ärgere Dich nicht"-Spiel, einen Garten, drei Pflegerinnen; und morgen kochten sie Apfelmus, das gefalle allen: etwas herstellen und es anschließend selbst essen.

Sie tröstet sich, er fühle sich wohl unter seinesgleichen, besser als mit ihr, die ständig mehr erwartet, als er noch leistet. Nur zögernd gesteht sie sich die Erleichterung ein, mal nicht die Gouvernante spielen zu müssen. Nicht jedes Stück Erdbeertörtchen auf seiner Gabel zu beäugen, immer sprungbereit, um die Serviette zu richten.

Am späten Nachmittag holt sie ihn ab. Herr Dünchem nimmt Platz im Sessel unter der Stehlampe. "Wie hat es dir gefallen?", fragt Angret Krimmling ihn. "Ja, Fuzzi, wie denn?", fragt er zurück.

Er habe mit Luftballons gespielt, erzählt sie ihm, Kirschkuchen gegessen und mittags geschlafen, da hat sie angerufen und die Pfleger gefragt, was er denn treibe. "Und du hast die netten Herren kennengelernt."

"Ja, die netten Herren", entgegnet er. "Man muss sich ja zu benehmen wissen. Ich habe denen gesagt, dass drei mal drei sieben ist. Ist ja ganz einfach."

Die Sonne scheint auf sein Gesicht, "Fuzzi", stammelt er, zeigt zum Fenster. "Dreh mal den Sessel", sagt sie, und sein Gesicht schiebt sich in den Schatten. "O Fuzzi, weg, danke", er springt auf, gibt ihr einen Kuss in den Nacken. "Letztens war auch ein schöner Moment", sagt sie. "Als ich die neue CD aufgelegt habe und du aus dem Bad gekommen bist, in Unterwäsche. Weißt du, wir haben ein Tänzchen hingelegt." Sie lacht, da lacht er auch.

Wenige Tage später büxt Rolf Dünchem vormittags aus der Tagesklinik aus. Er bereitet Angret Krimmling einen Tag, den sie als "den schlimmsten in meinem Leben" bezeichnet. Der Besitzer eines Ladens um die Ecke ruft an und bittet, sie möge ihren Mann abholen. Sie findet ihn auf der Kundentoilette vor, in verzweiflungsvollem Zustand. Mehr will Frau Krimmling darüber nicht sagen, nur so viel: "Das Schlimmste war, da war bei mir gar kein Gefühl mehr. Nur körperlicher Ekel."

Abends auf dem Sofa weint sie. Unruhig erkundigt sich Herr Dünchem: "Fuzzi, was ist denn?" Und sie kann ihm nicht klarmachen, dass sie einmal, dieses eine Mal, fünf Minuten Ruhe braucht.

Am 16. Oktober wird Rolf Dünchem 80 Jahre alt. Die Schwester von Frau Krimmling kommt zur Feier und die Tochter; die beste Freundin und eine Freundin, die einmal Nonne war. "Das Nönnchen", sagt Frau Krimmling. Die Schwester bringt Kaffee und Käseplatte mit, das Nönnchen einen Priester, die Tochter eine Torte mit dunkelroten Marzipanrosen.

Als es draußen dämmert und das Kerzenlicht funkelt, gibt der Pfarrer Frau Angret Krimmling und Herrn Rolf Dünchem den Segen für ihren Bund. Die kleine Gesellschaft steht im Kreis um den Kaffeetisch, singt, betet, weint.

"Fuzzi, Fuzzi, was hast du; was ist los?"

Frau Krimmlings Schwester nimmt Herrn Dünchem in den Arm. "Lass mal, Rolf", sagt sie. "Es ist alles gut. Die Angret weint, weil sie sich so freut."

Es ist ein warmer Tag im Mai 2008, 17 Monate nach dem ersten schlimmen Gespräch beim Arzt, als Marita Lang in die geschlossene psychiatrische Station eines Altenheims umzieht. Sie lebt in einem Zimmer mit einer Frau, deren Namen sie nicht behält. Sie geht in einem vergitterten Gärtchen spazieren, auf einem kreisrunden Weg; niemand kann sich da verlaufen. Sie ist nun oft in Bewegung. Braucht sie ein Taschentuch, muss ein Pfleger kommen, ihr Schrank ist verschlossen. Merkwürdig, findet sie. Eine Frau wolle doch auch mal allein ihre Blusen ordnen.

Marita Lang hatte sich in ihrer Wohnung immer schlechter zurechtgefunden, immer wieder war sie gestolpert; sie verlegte Geld in der Unterwäsche, sie verwechselte Mann und Söhne, und wenn der Pflegedienst zum Waschen kam, fühlte sie sich bedrängt. Es waren Monate, in denen Herr Lang mittags Fertiggerichte auftischte und nachts grübelte, welchen schwarzen Fleck auf der Seele sie beide da eigentlich gerade büßten. Als sie wieder stolperte, aufschlug, Blessuren, Krankenhaus, entschieden Ärzte und Söhne, nun sei es so weit.

Jeden Tag besucht Herr Lang seine Frau. Wenn er sie ausführt, stehen die anderen Spalier; die Frau, die mit den Zähnen mahlt; der Mann, der schreit und schlägt, bis er fixiert wird. Sie zupfen an seiner Jacke, sie betteln, er möge sie auch mitnehmen. Dann zückt die Stationsschwester den Türschlüssel, hält sie zurück und entlässt die Eheleute in ein paar Stunden Freiheit. Sie essen Eis, Marita Lang plaudert, noch beherrscht sie die Floskeln rheinischer Konversa-tion: Es komme, wie es komme. Und diese herrlichen Rosen im Mai!

An diesem Nachmittag spricht sie ernst zu ihrem Mann: "Man muss aufpassen, wo man im Leben mal hingesteckt wird. Die sind hier komisch im Kopf. Ich habe vor, diese Kur spätestens übermorgen zu beenden." Sie packt ihn am Revers, schüttelt. "Und du musst mich hier rausholen!"

Ihr Mann steckt seine Waffel in ihre Portion Erdbeereis. Er hat schon eine Anwältin beauftragt. Doch das Amt des Betreuers übt inzwischen einer der Söh-ne aus.

Hans Lang wird im August 83. An manchen Tagen sucht er selbst in allen Ecken nach den Schuhen, die er an den Füßen trägt.

S. 80/81 UND OBEN: WALTER SCHELS

WALTER SCHELS



SPIEGEL WISSEN 1/2010
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