23.02.2010

RISIKO IM BLUT

Biomarker sollen auf die Spur von Demenzkrankheiten führen.
Wie jedes medizinische Leiden zeigen sich auch Demenzen durch eigene Kennungen im Organismus, sogenannte Biomarker. Das können Eiweiße oder Gen-Sequenzen sein, aber auch typische Gewebeveränderungen, zu erkennen auf Bildern aus dem Kernspintomografen. Diagnostischen Erfolg versprechen etwa biometrische Analysen, die belegen, dass bestimmte Areale im Hirn kleiner sind, als zu erwarten wäre. Dann allerdings ist der Verfall schon in vollem Gange.
Molekulare Biomarker hingegen könnten künftig helfen, die Krankheit in ihren frühesten Anfängen zu erkennen, ihren Verlauf zu verfolgen und die Wirkung von Therapien zu überprüfen. Im Blut von Betroffenen lassen sich solche Spuren am einfachsten nachweisen. Sucht man im Nervenwasser danach, muss man dafür den Patienten punktieren, ein schwererer Eingriff.
"Biomarker gehören zu unseren wichtigsten Werkzeugen", sagt Mathias Jucker vom Hertie-Institut für klinische Hirnforschung in Tübingen. "Aber was wir bisher zur Verfügung haben, ist ziemlich schlecht." Die Alzheimer-typischen Verklumpungen des Schlüsselmoleküls Beta-Amyloid beispielsweise können Gehirnscanner inzwischen zwar aufspüren, aber erst, wenn es in größeren Mengen im Gehirn abgelagert wird. "Ich bin jetzt 48", sagt Jucker. "Würde dieser Prozess nun bei mir anfangen, sähe man auf den Bildern erst mal gar nichts." Tatsächlich beginnt das Gehirn sich bereits Jahrzehnte vor den ersten klinischen Anzeichen zu verändern - zumindest wissenschaftlich ein faszinierender Gedanke.
Unter anderem in den USA, Japan, Skandinavien und Deutschland fahnden Wissenschaftler deshalb nach den Risikofaktoren für diesen Prozess. Ein Beispiel: Die Wahrscheinlichkeit, ob aus einer leichten kognitiven Beeinträchtigung später eine Alzheimer-Erkrankung wird, lässt sich unter anderem an einem bestimmten Amyloid aus 42 Aminosäuren ablesen: "Wenn es seltener auftritt als normalerweise, und wir zugleich vermehrt das Tau-Protein aus dem Inneren geschädigter Zellen finden", erklärt Christian Haass von der Ludwig-Maximilians-Universität München, "dann ist das Risiko erhöht." Doch weil viele, teils unbekannte Faktoren zusammenwirken, sind solche Angaben noch mit Vorsicht zu behandeln.
Einstweilen träumen die Forscher noch davon, Marker zu finden, die die Krankheit anzeigen, bevor sie offenkundig wird. "Das würde uns bei der Auswahl von Probanden helfen", sagt Haass. "Man könnte Menschen zu vorbeugenden Verhaltensweisen ermuntern oder eine Impfung vornehmen, sobald diese verfügbar ist."
Eine zweischneidige Angelegenheit: Als Ansporn um gesund zu leben, braucht man keine Biomarker. Andererseits kann das Wissen darum, ein erhöhtes Demenzrisiko zu haben, sehr wohl Angst und Niedergeschlagenheit auslösen.
Auch Hirnfoscher Mathias Jucker ist das zu heikel. Jederzeit könnte er sich auf APOE4, das wichtigste bekannte Risiko-Gen für die spät einsetzende Alzheimer-Demenz, testen lassen. "Der Gentest liegt bei uns im Labor herum", sagt Jucker. "Aber solange es noch keine Therapie gibt, will ich das für mich selbst gar nicht wissen." CHRISTIAN SCHWÄGERL
HIRN-BLOCKADE
Ein wichtiges Merkmal der Alzheimer-Krankheit sind Amyloid-Plaques im Gehirn. Die verklumpten Protein-Bruchstücke lagern sich zwischen den Neuronen an. Zu Beginn der Erkrankung bleibt dieser Vorgang bisher unbemerkt.

GETTY IMAGES
Von CHRISTIAN SCHWÄGERL

SPIEGEL WISSEN 1/2010
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