DER SPIEGEL



Du stinkst ja schon wieder

Von BRANDT, ANDREA

Gespräch mit dem Bonner Psychiater und Psychotherapeuten Rolf Dieter Hirsch über Gewalt gegen Demenzkranke

SPIEGEL: Herr Hirsch, Sie kümmern sich um Alte, die Opfer von Gewalt werden. Wie oft sind demente Menschen betroffen?

Hirsch: Sehr oft. Auffällig ist: Sobald ein Pflegebedürftiger dement wird, nehmen neben den psychischen auch die körperlichen Gewalttätigkeiten durch Betreuer deutlich zu. Wir müssen davon ausgehen, dass ein Drittel bis die Hälfte aller in Familien betreuten dementen Menschen Opfer von Gewalt werden. Insgesamt werden nach Untersuchungen unseres Vereins rund zehn Prozent der über 60-Jährigen in ihren Familien misshandelt, wobei es nur in einem Prozent der Fälle zu massiver körperlicher Gewalt kommt. Doch bei Menschen mit Demenz ist die Lage weitaus dramatischer.

SPIEGEL: Wann kommt es zu Gewalt gegen Demente?

Hirsch: In ganz alltäglichen Situationen - beim Ankleiden und Waschen zum Beispiel, wenn verwirrte Menschen aus Sicht der Betreuer alles falsch machen, Hilfe zurückweisen und unruhig sind. Weil dementiell Erkrankte häufig nicht schlafen können und unablässig durch die Wohnung irren, greifen verzweifelte Angehörige auch nachts oft zu Gewalt: Sie schreien die Verwirrten an, halten sie fest, sperren sie ein - und packen dabei mitunter extrem fest zu. Oft gibt es auch beim Essen Übergriffe. Der Demente mag etwa die Suppe oder den Saft nicht. Der Pflegende hat Angst, dass sein Angehöriger verdursten oder verhungern könnte. Wenn der verwirrte Alte sich dann wegdreht, schreit oder auf andere Weise das Essen verweigert, reagieren Betreuer nicht selten brutal: Sie drücken den Löffel gewaltsam in den Mund oder pressen mit aller Kraft die Kiefer auseinander.

SPIEGEL: Welche anderen Formen von Misshandlungen Pflegebedürftiger erleben Sie in Familien?

Hirsch: Alles, was man sich vorstellen kann: seelische Misshandlung, Vernachlässigung, finanzielle Abzockerei und Beschneidung des freien Willens. So räumen Angehörige das Bankkonto leer, bringen kranke Alte nicht mehr zum Hausarzt, geben ihnen kaum noch zu essen oder lassen sie tagelang in vollen Windeln liegen. Einige entfernen das Telefon und kappen für Bettlägerige so die Verbindung zur Außenwelt. Grund für eine solche Abschottung ist natürlich oft die Angst, die Gepeinigten könnten das, was ihnen angetan wird, erzählen.

SPIEGEL: Werden demente Menschen besonders oft abgeschottet?

Hirsch: Ja - manchmal auch, weil sich die Angehörigen nicht anders zu helfen wissen. Typisch ist zum Beispiel diese Situation: Ein verwirrter Herr will unbedingt allein spazieren gehen. Die Ehefrau lässt das aber nicht zu. Sie fürchtet, dass ihm etwas zustoßen könnte. Er beginnt, aus Protest zu schreien und handgreiflich zu werden. Sie hält ihn fest und sperrt ihn ein. Am Ende lässt sie ihn gar nicht mehr aus dem Haus.

SPIEGEL: Die meisten Alten werden in ihren Familien gepflegt. Leben sie dort in Wahrheit gefährlicher als in den viel gescholtenen Heimen?

Hirsch: Dem größten Teil geht es in den Familien ganz gut. Liebevolle Fürsorge und Pflege werden von Angehörigen oft bis an die eigene Leistungsgrenze gewährleistet. Wahr ist aber auch: Niemand kann seelisch grausamer sein als nahe Verwandte. Grausamkeiten und Quälereien sind in Familien oft weitaus heftiger als in Heimen. Und persönlicher: Da brechen uralte Konflikte wieder auf. In Familien gibt es außerdem praktisch keine Kontrolle von außen. Häufig merkt es niemand, wenn Angehörige wehrlose Alte auf entwürdigende Weise anschreien. Sätze wie "Du Drecksack, du stinkst ja schon wieder!" sind da noch die harmloseren Varianten.

SPIEGEL: Woran liegt es, wenn Angehörige gewalttätig werden?

Hirsch: Wir erleben sehr häufig hilflose Helfer, die mit der Pflege ihrer Angehörigen heillos überlastet sind. Sie wollen alles richtig machen, haben aber niemanden, der ihnen sagt, worauf sie achten müssen. Manche Frauen kommen schon mit der Erziehung der minderjährigen Kinder nicht klar - und dann zieht auch noch die demente Mutter ein. Viele Familien, in denen Pflegebedürftige leben, leiden unter Geldnot. Manchmal sind die Pflegenden selbst krank, zum Beispiel Alkoholiker. Gewalt gegen Alte kommt aber auch in den allerbesten Kreisen vor.

SPIEGEL: Wie oft erleben Sie, dass auch die Pfleglinge aggressiv werden - etwa, wenn sie dement sind?

Hirsch: Das kommt recht häufig vor, meist aus Fehlinterpretation einer Situation. Ein Angehöriger muss psychisch sehr stabil, ausgeglichen und gelassen sein, um damit richtig umzugehen. Es hilft nichts, den Dementen zu belehren und recht haben zu wollen. Pflegende sollten Demente mit großer Geduld so annehmen, wie sie sind. Kritische Situationen lassen sich manchmal mit Humor entspannen.

SPIEGEL: Wie denn zum Beispiel?

Hirsch: Bei mir hat die Frau eines ehemaligen Schulrektors Hilfe gesucht. Der Mann war immer schon sehr dominant gewesen. Als Demenzkranker verlegte er nun ständig seine Schlüssel und beschuldigte dann seine Ehefrau. Wenn die Frau ihn auf seinen Fehler hinwies, schrie er sie an oder ohrfeigte sie. Ich habe ihr geraten, beim nächsten Mal mit erhobenen Händen ganz theatralisch zu sagen: "Mein Herr und Gebieter, du hast natürlich immer recht." Der Mann stutzte - und lachte. Zugeschlagen hat er nicht mehr.

SPIEGEL: Wie viele Menschen sind auch nur annähernd darauf vorbereitet, was sie bei der Pflege des dementen Partners oder der verwirrten Mutter erwartet?

Hirsch: Die allermeisten haben überhaupt keine Ahnung, auf was sie sich einlassen. Sie wissen nichts vom Umgang mit Persönlichkeitsveränderungen, ständigem Schreien, Schlaflosigkeit und Aggressivität. Sie haben keine Vorstellung davon, wie anstrengend die Pflege Dementer sein kann. Im fortgeschrittenen Stadium braucht so ein Mensch meist rund um die Uhr eine gute Betreuung. Das kann ein Angehöriger alleine nicht schaffen. Die meisten wissen nicht, wo es Hilfe gibt. Dem Hausarzt fehlt häufig das Fachwissen und die Kenntnis regionaler Hilfseinrichtungen. Er übersieht viele Vorzeichen von Demenz, fragt nicht nach, stellt keine exakte Diagnose. Wenn Fachärzte ins Spiel kommen, ist meist schon viel wertvolle Zeit verstrichen.

SPIEGEL: Aber Demenz lässt sich doch nicht heilen

Hirsch: Mit den richtigen Medikamenten und einem guten Umfeld sowie Ergotherapie und professioneller Pflege lässt sich ihr Verlauf meist deutlich verzögern. Wir konnten einen im Frühstadium Erkrankten mit Antidementiva in einem ausgeglichenen häuslichen Milieu fast vier Jahre lang stabil halten. Ein Jahr mit deutlicher Besserung schafft man sehr häufig. Das bringt viel Lebensqualität, ist aber teuer. Gäbe es solche effektiven Mittel zum Beispiel gegen Krebs, würden sie massenhaft eingesetzt. Aber bei Demenzpatienten fragen alle Beteiligten oft: Lohnt sich das denn?

SPIEGEL: Warum hört und liest man recht selten über Vernachlässigungen und Misshandlungen durch Angehörige?

Hirsch: Die Taten sind kriminell und werden verschwiegen, von beiden Seiten. Die Angehörigen und die Opfer schämen sich. Die alten Leute fühlen sich außerdem ihren Peinigern ausgeliefert. Sie fürchten Repressalien, wenn sie auspacken. Oft hören sie zu Hause die Drohung: "Dann musst du eben ins Heim." Das Heim erscheint ihnen noch schlimmer als die schlimmste Familie. Manchmal fürchten sie auch die Kosten, wollen niemandem zur Last fallen.

SPIEGEL: Wie schwer ist es für Nachbarn, Ärzte und Strafverfolger, dieses Kartell des Schweigens zu durchbrechen?

Hirsch: Die Wahrheit ist: Niemand will es wirklich durchbrechen. Nachbarn möchten sich nicht einmischen. Ärzte missbrauchen ihre Schweigepflicht als Ausrede fürs Nichtstun, weil alles andere viel Arbeit macht, die zudem nicht bezahlt wird. Strafverfolger haben Probleme mit alten, verwirrten Zeugen.

SPIEGEL: Wer pflegebedürftige Angehörige misshandelt, kann also davon ausgehen, dass es meistens nicht herauskommt?

Hirsch: Ja, leider. Ich habe das selbst oft erlebt. Einmal hat das Gesundheitsamt eine schwerkranke alte Dame mit auffallend vielen blauen Flecken zur Diagnostik in unsere Klinik eingewiesen. Die Wohnung zu Hause war in desolatem Zustand, im Bett lagen Exkremente. Die Frau berichtete, ihre Tochter schlage sie. Die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes fühlten sich dafür nicht zuständig. Der hinzugezogene Richter meinte, die Flecken könnten alle möglichen Ursachen haben. Bevor wirklich etwas unternommen wurde, starb die Frau in der Klinik an einer nicht beherrschbaren Lungenentzündung - und niemand fragte mehr nach.

SPIEGEL: Rund 680 000 alte Menschen werden in Deutschland in Heimen versorgt. Was läuft dort besser, was schlechter als bei der Pflege in Familien?

Hirsch: Die kontinuierliche Versorgung alter Menschen mit Essen, Trinken und Medikamenten sowie das regelmäßige Waschen funktioniert in den meisten Heimen besser als in Familien. Die liebevollen Umgangsweisen fehlen da allerdings eher. Viele alte Menschen erleben Heime als eine Art Gefängnis. Sie fühlen sich fremdbestimmt durch insti-tutionelle Vorgaben wie etwa Wasch- und Essenszeiten. Gerade verwirrte Menschen bauen in Heimen oft sehr schnell ab. Die völlige Veränderung ihrer Lebensumwelt verstört sie.

SPIEGEL: Eine Münchner Rechtsmedizinerin hat Todesfälle in Heimen untersucht. Sie fand heraus, dass mindestens 22 pflegebedürftige Menschen qualvoll starben, weil sie sich in falsch eingesetzten Gurten oder an Bettgittern zu Tode strangulierten.

Hirsch: Das ist die Realität. Fesseln und Fixieren gehört leider zum Alltag in vielen Heimen und Kliniken. Oft wird es auch noch gefährlich unsachgemäß gemacht. Hätte die Münchner Untersuchung Tierheime betroffen, sie wären sofort geschlossen worden. Aber in vielen Altenheimen wird diese unmenschliche Praxis von allen Beteiligten hingenommen.

SPIEGEL: Warum?

Hirsch: Der Grund, warum ein alter Mensch gefesselt wird, ist ja meist die Angst, er könne stürzen und sich dabei verletzen. Deshalb drohen Angehörige manchmal sogar mit Anzeigen, wenn die alte Mutter oder der alte Vater nicht angegurtet wird. Das Pflegepersonal wiederum will auf Nummer sicher gehen. Wenn Heim- und Pflegedienstleiter aber genug Mut, Willen und ein Konzept haben, taucht das unnötige Fesseln praktisch nicht mehr auf.

SPIEGEL: Wie funktioniert das?

Hirsch: In der Bonner LVR-Klinik haben wir die Zahl der Fixierungen binnen eines Jahres um 90 Prozent reduziert. Wir haben höhenverstellbare Betten, legen manchmal zudem noch Sturzmatten auf den Boden, schützen zerbrechliche Körperteile mit Hüftprotektoren und ziehen den Patienten Stoppersocken an. Die Muskulatur und damit die Standfestigkeit der Patienten wird mit gezielter Krankengymnastik gestärkt. Das Entscheidende ist aber, dass wir die Mitarbeiter schulen und ihnen die Angst nehmen. Die Chefs müssen klar und konsequent sagen: "Bei uns gibt es keine Fesselungen" und die Voraussetzungen dafür schaffen. Am Geld kann das nicht scheitern!

SPIEGEL: Wie üblich ist in Heimen die Zwangsmedikation mit Neuroleptika, um anstrengende Patienten ruhigzustellen?

Hirsch: Das ist an der Tagesordnung. Schätzungen, nach denen in vielen Heimen bis zu 60 Prozent der Bewohner nach dem Motto "Pille statt Beziehung" mit Neuroleptika ruhiggestellt werden, halte ich für sehr realistisch. So vollgepumpte Alte machen einfach weniger Arbeit. Dabei dürften Neuroleptika zumindest bei Demenzkranken eigentlich gar nicht eingesetzt werden, weil deren Gehirne durch die starken Nebenwirkungen vollends zerstört werden. Sie sterben dann nachweislich deutlich früher.

SPIEGEL: Wieso wehren sich Angehörige von Dementen nicht gegen die Verabreichung von Neuroleptika?

Hirsch: Das größte Problem ist die Unkenntnis. Angehörige und auch Ärzte wissen oft nicht genug über die gefährlichen Nebenwirkungen. Die Patienten und ihre Betreuer fragen nicht nach. Sie vertrauen blind darauf, dass es schon richtig sein wird, was der Arzt da verschreibt. Die Ärzte stehen aber oft unter massivem Druck von Heimleitern, Pflegekräften und Angehörigen. Die rufen an und sagen: "Es geht nicht mehr anders, schreiben sie schon das Rezept."

SPIEGEL: Was müsste sich ändern, damit alte Menschen seltener Opfer von Gewalt werden?

Hirsch: Jede Kommune braucht einen Krisen-Notruf für Senioren. Wir machen in Bonn die Erfahrung, dass auch Demente im Frühstadium durchaus solche Hilfsangebote nutzen. Außerdem benötigen wir Altenämter, die sich - wie die Jugendämter bei Kindern - um das Wohl der Senioren kümmern.

SPIEGEL: Das klingt erst mal nach viel Bürokratie.

Hirsch: Das muss nicht sein. Wichtig ist eine zentrale Anlaufstelle. Altenämter könnten auch anstelle mancher unprofessioneller und zweifelhafter Berufsbetreuer die Verantwortung für nicht geschäftsfähige Demente übernehmen.

SPIEGEL: Brauchen wir eine Art Eignungstest für Privatpersonen, die alte Angehörige pflegen?

Hirsch: Nein. Wenn Angehörige Geld vom Staat bekommen, sollten sie künftig aber zu einem Pflegekurs inklusive kontinuierlicher Begleitung verpflichtet werden. Der Kurs muss mindestens zwölf Doppelstunden umfassen. Er sollte pflegenden Angehörigen vor allem vermitteln, ihre Grenzen zu erkennen, damit sie im Krisenfall Profis zu Rate ziehen. Anschließend sollten Angehörige alle zwei bis drei Monate mit Praktikern aus der Beziehungsarbeit ihre Probleme besprechen.

SPIEGEL: Was würden Sie in Heimen ändern?

Hirsch: Wenn ich die Macht dazu hätte, würde ich alle klassischen Heime sofort schließen und nur noch Einrichtungen mit kleinen, individuellen Wohneinheiten zulassen. Ich würde jedes Fesseln und Fixieren - außer in akuten Notfällen - gesetzlich verbieten. Außerdem würde ich die Arbeitsbedingungen für Pflege-Mitarbeiter verbessern durch Deeskalationstraining, Sturzprophylaxetraining, Supervision, deutlich mehr Fachpersonal und weniger Bürokratie. Es ist völlig irrsinnig, dass manche Heimleitungen nachts nur zwei Pflegekräfte für die Versorgung von 60 schwerkranken Bewohnern einteilen.

SPIEGEL: Und wenn Ihnen dann vorgehalten würde, das sei nicht zu bezahlen?

Hirsch: Würdevolle Pflege kostet. Das Argument: "Wir haben das Geld dazu nicht", ist in der Diskussion um Altenpflege unethisch. Was wäre die Alternative? Eine liberale Sterbehilfe ja wohl kaum! Eigentlich müsste sich jeder für eine nachhaltige Verbesserung der Pflege einsetzen, weil es ja jeden treffen kann.

SPIEGEL: Wie möchten Sie im Alter leben?

Hirsch: Ich hoffe nicht, dass ich alt werde. Fragen Sie mal einen 90-Jährigen. Der wird Ihnen bestimmt nicht sagen, dass er gerne alt ist. Der wird sagen: "Lieber wäre ich auch tot, der liebe Gott hat mich nur vergessen."

SPIEGEL: Aber es gibt doch auch lebensfrohe alte Menschen!

Hirsch: Ja. Als ich neu an der Klinik war, habe ich eine demente alte Frau erlebt, die den ganzen Tag nur gekichert hat. Jeder hat sich gerne um sie gekümmert. Und jeder verabschiedete sich gut gelaunt mit einem Lächeln von ihr. Wenn ich alt werden sollte, hoffe ich, dass ich so ein netter Verwirrter werde.

INTERVIEW: ANDREA BRANDT

ROLF DIETER HIRSCH

Der Arzt und Therapeut leitet die Abteilung für Gerontopsychiatrie an den Rheinischen Kliniken in Bonn. Hirsch, 64, ist außerdem Vorsitzender des Vereins "Handeln statt Misshandeln - Bonner Initiative gegen Gewalt im Alter".

www.hsm-bonn.de


GRANSER/LAIF (L.)

MICHAEL HAGEDORN



SPIEGEL WISSEN 1/2010
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