26.10.2010

Lob des Müßiggangs

Faulheit ist ein wirkungsmächtiger Antrieb des menschlichen Daseins. Bequemlichkeit führt bisweilen zu genialischen Lösungen.
"Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, mach Pläne." VOLKSMUND
Schon dass er ein Gänger ist, zeigt, dass der Müßiggänger keineswegs untätig ist. Eine Irrmeinung ist auch, dass der Müßiggang aller Laster Anfang sei. Denn wirklich faule Menschen sind oft enorm fleißig - damit sie möglichst bald wieder faul sein können.
Durch den quasi diktatorischen Hinweis "Sex sells!" wird gern übersehen, dass Faulheit - wie man den Müßiggang auch ganz profan nennen darf - ein ebenso bedeutsamer, wenn nicht wirkungsmächtigerer Antrieb des menschlichen Daseins ist. Eine der Leitströmungen der Weltwirtschaft ist allein mit den Verwertungsformen von Faulheit befasst, Ökonomen nennen das Convenience. Zu diesen Bequemlichkeiten zählt alles, was einem Arbeit, eine Handbewegung oder einen Weg abnimmt - vom bratfertigen Fischstäbchen bis zum Musik-Download im Internet.
Die größte Muße-Maschine des Planeten ist inzwischen das Netz. Am Computer kann man aber auch beispielhaft sehen, wie die Beschleunigung des Stillstands zum Hauptziel der Technologie geworden ist. Die Entwicklung läuft darauf hinaus, dass die hochgetakteten Maschinen sozusagen immer schneller warten, weil wir Nutzer nie zügig genug sein können. "Mit dem Computer können viele Dinge schneller erledigt werden, die ohne Computer überhaupt nicht hätten erledigt werden müssen", brachte es Marshall McLuhan, der Erfinder des Globalen Dorfs, auf den Punkt.
Den rasanten Schaltgeschwindigkeiten der Computer steht das Programmieren als Extremform von Zeitlupe gegenüber. Oft wochen- oder monatelang tüfteln Programmierer, indem sie dessen geplantes Geschehen Sekundenbruchteil für Sekundenbruchteil in ihren Spezialsprachen beschreiben, an einem Ereignis, das sich schließlich innerhalb eines Augenblicks abspielen wird: dem Programmlauf.
Klick.
Junge Menschen heben gern ihre besondere Leistungsfähigkeit im Faulsein hervor. Ihr Ideal ist die von allen bewunderte Eleganz der dösenden Katze. Ich hatte mal einen Freund, der so faul war, dass er nur vom Sofa aufstand, wenn jemand neben ihm sich gerade erhob und er den Luftsog des Aufstehenden ausnutzen konnte. Er aß am liebsten Joghurt, weil ihm jemand erklärt hatte, dass Joghurt lebt, und er davon ausging, dass er das Nahrungsmittel nicht schlucken muss, sondern es in ihn reinkriecht. Einmal hatte er einen Joghurt, aber keinen Löffel und bekniete alle Anwesenden, ihm aus der Küche einen Löffel zu holen; aber die Menschen waren kaltherzig. Also suchte er nach dem löffelähnlichsten Gegenstand in seinem Greifradius und nahm den Joghurt schließlich mit dem Korpus eines Plastikfeuerzeugs zu sich. Man mag das albern finden, aber als Improvisationstraining schlägt das Müßige oft genialische Funken.
Seit Anfang der siebziger Jahren hatte es bei den Informatikern an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh einen Cola-Automaten gegeben, in dem die Getränke ein paar Cent billiger waren als anderswo auf dem Campus. Da echte Programmierer ohne Koffein nicht funktionieren, war der Automat sehr beliebt. Als man die Abteilung erweiterte, wurden viele Büros an Orte verlegt, die weit von dem Raum entfernt waren, in dem der Automat stand. Es war frustrierend, drei Stockwerke runterzulaufen, nur um zu sehen, dass der Automat leer war oder man nur eine warme Cola bekam.
Im Jahr 1982 beschlossen die Studenten Mike Kazar, David Nichols, John Zsarnay und Ivor Durham deshalb, diesem Zustand ein Ende zu bereiten. Sie installierten Sensoren in den sechs Automatenschächten und verkabelten sie mit dem Hauptrechner der Abteilung. Einer schrieb ein kleines Programm, das anzeigte, wie viele Flaschen Cola in jedem der Schächte lagen und wie lange sie schon drin waren (das heißt, ob sie auch schon kalt genug waren).
Eine virtuose Lösung, aus Faulheit geboren. Das Programm benutzte für die Abfrage ein Internetprotokoll. Als das Internet Anfang der neunziger Jahre seinen großen Auftritt in der Öffentlichkeit hatte, begannen Menschen aus aller Welt den Füllstand des Cola-Automaten in Pittsburgh abzufragen, und der kleine Hack wurde zum Mythos.
Warten heißt die Zeit, in der wir fühlen, wie gleichermaßen banal und bedeutend das ist, was wir Freiheit nennen. Das Phänomen reicht vom launigen Herumsitzen im Café über zweckbedingten Verweilzwang - Friseur, Behörde - bis hin zur Haft, einem Zustand, in dem sich sämtliche sozialen Funktionen im Schleifenlauf befinden; der zuständige Beruf heißt treffend Wärter.
Die dem verordneten Warten angemessene Haltung ist die Geduld, ein Talent, das in unserer Gesellschaft nicht gerade üppig gedeiht. Warten in seiner mitteleuropäischen Form ist die dunkle Seite des Müßiggangs. Je weiter nach Süden man kommt, desto mehr wandelt es sich in Lebensqualität. In Athen oder Kairo macht die Zeit im Kaffeehaus nicht mehr Ticktack, sondern Mmmh. Unnütze Zeit, auf solche Gedanken kommt man dort, müsste man einfrieren können und später, wie Eiswürfel, wieder auftauen. Schlucke aus dem Stundenglas, on the rocks.
Die für das Müßiggehen typische intuitive Bewegungsweise hat längst eine dem digitalen Zeitalter gemäße Form gefunden. Im Deutschen gibt es für sie noch kein angemessenes Wort, im Englischen nennt man sie Serendipity. Serendipisieren bedeutet, etwas Interessantes zu finden, das man eigentlich gar nicht gesucht hat - ein Phänomen, das jeder Suchmaschinennutzer kennt. Der Ausdruck wurde 1754 von dem englischen Schriftsteller Horace Walpole in Anlehnung an ein persisches Märchen mit dem Titel "The Three Princes of Serendip" verwendet ("Serendip" ist die alte persische Bezeichnung für Ceylon, das heutige Sri Lanka). Drei Prinzen machen auf einer langen Reise jede Menge unerwarteter Entdeckungen.
Es gibt eine weitere, sehr verbreitete Spezialform der Suche, nämlich die nach dem wirtschaftlichsten Weg - die sogenannte Effizienz. Taxifahrern, die mich fragen, welche Strecke sie fahren sollen, sage ich gelegentlich: die schönere. Die traurige Form der Effizienz führt zu nichts als Ergebnissen.
Da man in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft offenbar an nichts anderem interessiert ist, bleibt es dem unbekümmerten Rest der Menschheit vorbehalten, das Nichteffiziente, also die ganze Fülle und aberwitzige Pracht des Lebens zu erkunden und durch die Seitengassen und neugierig bis vergnügt in die überraschenden Abzweigungen der Weltinformationsmasse zu taumeln. Das probate Mittel hierfür ist der Müßiggang.
ESSAY

PETER GLASER
Bücher wie "Der große Hirnriß" und "24 Stunden im 21. Jahrhundert" machten ihn bekannt. Er wurde 1957 in Graz geboren und lebt in Berlin. 2002 gewann er mit seiner "Geschichte von Nichts" den Ingeborg-Bachmann-Preis.
Von Peter Glaser

SPIEGEL WISSEN 4/2010
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