03.05.2011

AUF DEM BILDUNGSWEGWaldis und Montis

Jeder zwölfte Schüler in Deutschland besucht eine Privatschule. Der Anteil ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen, und der Zulauf hält an. Waldorf- und Montessori-Schulen gehören zu den meistverbreiteten Alternativen. Beide Modelle produzieren keine genormten Franchise-Unternehmen; jede Schule folgt eigenen Regeln. Zwei Schulen zeigen hier ihre Arbeit: Die Waldorf-Schule Schwabing in München und die Montessori-Schule Huckepack in Dresden. Wie erreichen ihre Schüler ohne Notendruck staatliche Abschlüsse?
MIT ALLEN SINNEN
Künstlerisches und handwerkliches Arbeiten gehören zum Kern der Waldorf-Pädagogik.
Kerzen im Foyer
Die Rudolf-Steiner-Schule Schwabing in München
D ie Elftklässler erheben sich. "Guten Morgen, lieber Herr Kraus". So empfangen sie den Lehrer und entbieten im Chor den Morgengruß: "Ich schaue in die Welt, in der die Sonne leuchtet ..."
Es klingt wie ein "Vaterunser".
Die Waldorf-Schule Schwabing liegt in einem Hinterhof direkt hinter McDonald's, mitten in der Münchner City. Die Schüler tragen Jeans und Turnschuhe, einer hat rot-grün gefärbte Haare; die eher ungeschminkten Mädchen stecken in engen Pullovern und kübelförmigen Stiefeln. Eine Jugendliche ist dunkelhäutig. Der Klassenraum wirkt edel: Buchenparkett, Rohholzdecke, fliederfarbene Fensterrahmen. Manche rechten Winkel sind abgeschnitten, in Steiner-Manier.
"Zu dir, oh Gottes Geist, will ich bittend mich wenden, dass Kraft und Segen mir, zum Lernen und zur Arbeit, in meinem Innern wachse", beendet die Klasse das Gebet des Schulgründers.
In allen Waldorf-Schulen sagen sie bei Schulbeginn den sogenannten Morgenspruch von Rudolf Steiner auf. In den ersten acht Jahren schüttelt auch der Klassenlehrer jedem Kind zur Begrüßung die Hand. Nur durch verlässliche Bindung an eine Autorität kann der junge Mensch sich entfalten, so das pädagogische Credo hier.
10.45 Uhr. Klasse 11 sitzt im Stuhlkreis und gibt Auskunft. Wer geht gern zur Schule? Die Hände schießen hoch. Wer nicht? Drei einsame Finger. Demien mit den bunten Haaren gesteht zögernd: "Ich bin von Natur aus ein Einzelgänger." "Ich mag keinen Zwang", sagt Gina selbstbewusst, "mir gefällt die Institution Schule als solche nicht". Gina ist eine der wenigen hier, die kein Abitur anstreben.
Bei Waldorf gibt es keine Selektion in Gymnasiasten und Nichtgymnasiasten, keine Noten vor Klasse 9, kein Sitzenbleiben. Schuldruck ist ein Fremdwort. Dennoch schaffen hier in Schwabing durchschnittlich zwei Drittel eines Jahrgangs die Hochschulreife, das gefürchtete, strenge, bayerische Abitur. Wie geht das? Und was macht diese Schule für Schüler und Eltern dabei auch noch so attraktiv?
Eine Spurensuche nach Antworten im Schulalltag von Klasse 11, bei Schülern, Lehrern, Eltern, Ehemaligen.
Um 10.45 Uhr liegen fast zwei Stunden ununterbrochene Berieselung mit Mathematik hinter der Klasse. Frontaldidaktik pur: Lehrer Kraus hat über Differenzenquotienten und den Wettlauf von Newton und Leibniz im 17. Jahrhundert doziert, er hat zwei Kugeln gleichzeitig zu Boden fallen lassen und deren Geschwindigkeiten bestimmen lassen. 20 Minuten lang hat die Klasse gezeichnet und gerechnet. Manchmal war ein Murmeln zu hören, aber die meiste Zeit herrschte Stille - ohne eine einzige Ermahnung von Kraus.
"Wir haben ja zum Ausgleich jeden Tag noch Kunst oder Musik oder Theater", erklärt Merlin, 17, die Konzentration am frühen Morgen. Heute haben sie nach dem Mathe-Marathon aus der "Zauberflöte" gesungen, vierstimmig, im Stehen. Selbst Bass und Tenor trafen die Töne. Nächstes Jahr wollen sie Lieder in florentinischen Kirchen vortragen. Das letzte der vier Schulpraktika findet immer in Italien statt: Renaissance in Florenz, Marmorhauen in Azzano.
Außerdem, fährt Merlin fort, sei der dröge Frontalunterricht bloß eine Einführung in die Materie gewesen: "Die meisten von uns haben nur mitgeschrieben, ohne alles zu verstehen."
Schulbücher gibt es bei Waldorf in der Regel nicht, die Schüler führen stattdessen ausführliche Hefte. Das macht die Ranzen leicht und zwingt zu Aufmerksamkeit im Unterricht. "Die Epoche dauert noch acht Tage lang. Bis dahin", versichert der Schüler, "beherrschen wir das Thema."
Epochenunterricht, Steiners Idee von rhythmisiertem Lernen: Jeden Morgen von 8 bis 10 Uhr wird ein Fach gelehrt, drei bis vier Wochen lang. Kernfächer wie Mathematik werden das ganze Jahr zusätzlich geübt; Naturwissenschaften dagegen oft in einer Epoche komplett abgehandelt. "In Physik oder Chemie kann das schon mal hart sein, wenn ein Schüler eine ganze Woche lang krank ist", räumt Herr Christians ein. Der schlanke Mann mit den grauen Schläfen ist einer der zwei vom Kollegium gewählten Schulleiter.
Andreas, ein mittelgroßer Schüler mit hellen Augen, liebt Technik. Gerade deshalb gefalle ihm seine Schule, behauptet er. "Ich säße vermutlich nur vorm Computer, wenn es hier nicht so viel Kunst und Handwerk gäbe." Waldorfs naturwissenschaftliches Angebot hält Andreas für ausreichend. "Wir bauen gerade einen Computer nach."
Dass der Umgang mit der Welt der Bits und Bytes erst ab Klasse 9 eingeübt wird, stört die Schüler angeblich nicht. "Die meisten hatten da zu Hause längst Laptops", sagt Felix lässig, "wir sind ganz normal, wir googeln und chatten." Jannis meldet sich. Viele hätten wie er "typische Waldorf-Elternhäuser", meint er: "wenig Medien, kaum Fernsehen".
Sara Bard, 23, ist auf Heimatbesuch aus Frankreich in München. Die Studentin mit dem Madonnengesicht hat vor vier Jahren in Schwabing ihr Abitur gemacht - Facebook nutzt die ehemalige Steiner-Schülerin bis heute nicht. Als sie die Schule verließ, fühlte sie sich Waldorf freilich weniger verbunden: Ihre Abiturnote war nicht so, wie sie gehofft hatte. "Was das Abi angeht, sind wir Waldis einfach im Nachteil", sagt Sara.
Das liegt nicht nur am notenfreien Schutzraum, sondern teilweise auch an staatlichen Vorgaben: Im Gegensatz zu Staatsschülern müssen bayerische Steiner-Zöglinge ihr Können durchweg in Abschlussprüfungen beweisen, statt die Hälfte der Leistungen über zwei Jahre im Kurssystem zu erbringen. Das blau-weiße Schulministerium, glauben viele, benachteilige ihre Schulform mit dieser Maßgabe. Auch dass Waldorf-Schüler, die beim Zentralabitur durchfallen, dann nicht einmal die mittlere Reife in der Tasche haben, halten manche für eine Schikane. Tatsächlich bieten die Schwabinger die mittlere Reife an: nach 13 Schuljahren, alternativ zur Hochschulreife.
Sara hat sich inzwischen mit ihrem Abi ausgesöhnt. Die Studentin quält auch nicht mehr das Gefühl, das sie früher oft beschlich: Dass ihre Freunde auf den Staatsschulen mehr lernten. Die Münchnerin studiert in Frankreich Philosophie und Soziologie. Ihr Selbstbewusstsein ist gewachsen, seit sie weiß, dass sie beim Bimsen für die Bachelorstandards "locker mithält". Und das, obwohl Sara neben dem Studium in einer Band singt, malt und bastelt.
In ihrer Fähigkeit zum eigenen Denken fühlt sie sich sogar überlegen. "Viele Kommilitonen fürchten sich vor freien Themen. Ich dagegen liebe Aufgaben wie: Schreiben Sie über Freiheit versus Verantwortung. Dann geh ich erst mal spazieren und stelle Theorien auf."
Sara Bard hat inzwischen etwas beschlossen, was sie nach dem Abitur noch abgelehnt hätte: "Meine Kinder sollen auch mal auf alternative Schulen gehen."
Die Mutter von Luisa Kaiser aus Klasse 11 hat zu Hause den direkten Vergleich zwischen den Schulformen: Luisas ältere Geschwister haben beide normale Gymnasien besucht, beide erfolgreich. Auch die Jüngste schulten die Kaisers in die staatliche Grundschule ein - und erlebten ihr blaues Wunder.
"Luisa litt schon in der 2. Klasse an Schulangst", sagt Kaiser, "sie entwickelte sogar Migräne!" Den in Bayern besonders schweren Übertritt aufs Gymnasium, ist die Akademikerin sich sicher, hätte Luisa nicht gepackt. "Sie wäre eine Hauptschülerin geworden." Bei Waldorf dagegen macht sich ihre Tochter Hoffnungen auf einen Abiturabschluss.
Wie Luisa das Pensum bis dahin schaffen will, ist der Mutter zwar ein Rätsel: "Ihre Klasse hinkt im Stoff hinter den Staatsschulen her." Kaiser ist keine Anthroposophin, aber Luisas Schule genießt ihr Vertrauen: "Die Waldorf-Schule hat unsere Jüngste schon von ihrer Schreib- und Mathe-Schwäche geheilt - einfach, indem die Lehrer ihr keinen Druck mehr machten und uns Eltern dasselbe rieten."
Die quirlige Frau kennt Lehrer des Gymnasiums, auf dem die Waldorf-Schüler ihre Abiturklausuren ablegen müssen. "Die haben aufgehört, die Waldorf-Schule als Baumschule zu verspotten", berichtet sie stolz, "das sprachliche Niveau der Waldorf-Abiturienten sei höher als das ihrer eigenen Gymnasiasten, hat mir ein Lehrer vorgeschwärmt."
Auf dem Wohnzimmertisch der Altbauwohnung liegen Schätze aus elf Schuljahren: eine aus kakaopulverbraunem Stoff gefertige Puppe, eine Pergamentrolle mit einem kartierten Dorf aus dem "Feldmess-Praktikum", ein Pflanztagebuch. Ein kleines Weizenfeld hat Luisas Klasse mal bestellt, von Frühjahr bis Herbst, "am Ende reichte der Ertrag nur für ein Brot", erzählt die Mutter, "eine einschneidende Erfahrung".
Sie breitet ein elegantes rotes Chiffon-Abendkleid aus. "Das hat Luisa in der Schule letztes Jahr genäht. Und dann in einer Modenschau vorgeführt."
Vorführungen gehören zu den Stärken der Steiner-Pädagogik. "Luisa war mein ängstlichstes Kind. Heute ist sie diejenige in der Familie, die ohne Lampenfieber vor großem Publikum reden kann." Mitunter sorge das Selbstbewusstsein auch für Irritation: "Steiner-Schüler sind frecher", hat Mutter Kaiser beobachtet, "die widersprechen früh Erwachsenen."
Am meisten ist sie aber von den leisen Stärken der Schule beeindruckt, vom Umgang mit Krankheit und Trauer. "Die Schule hat schon viele krebskranke Kinder integriert", sagt Kaiser. "Wenn dann eines stirbt, brennen im Foyer Kerzen."
Auch in Klasse 11 gebe es ein Mädchen, das auf die Schule gewechselt ist, nachdem die Schwester gestorben war. Für seinen Kummer habe das Kind am Gymnasium zu wenig Verständnis gefunden. Schulleiter Christians bestätigt dieses Schicksal in seinem kleinen Leitungszimmer. "Bei uns scheint sich diese Schülerin gefangen zu haben", sagt er mit warmer Stimme, "sie kann es hier erst mal schulisch schleifen lassen, das braucht sie."
Ingo Christians ist Mathe-Lehrer, er hat ein Hochschulstudium absolviert und eine private Zusatzausbildung zum Waldorf-Lehrer. Der Vater von vier Kindern verzichtet auf Gehalt, um hier zu arbeiten, ohne Verbeamtung. Dabei weiß er, dass das Steiner-System nicht für jedes Kind das Beste ist: "Es gibt Schüler, die ohne Druck partout nicht lernen. Denen legen wir nahe, dass sie die Schule wechseln."
Klasse 11 hat auch wegen solcher Abgänge nur noch 29 Schüler. "Wir brauchen eine Klassenstärke von 35 im Schnitt, um die Schule zu finanzieren", sagt Christians. Die Klassen werden allerdings für vertieften Unterricht oft halbiert; die Kunst-, Technik- oder Buchbindekurse am Nachmittag finden sogar in übersichtlichen Zehnergruppen statt.
Elisa, 16, sportlich und bildhübsch, gehört zu denen, die sich Sorgen machen wegen des fehlenden Leistungsdrucks. "Wir sollen Eigeninitiative entwickeln, meinen die Lehrer. Aber das ist schwer", sagt sie. Keiner der Elfklässler sitzt nachmittags noch lange an Schularbeiten oder paukt Vokabeln. "Das kommt in Klasse 13 geballt. Davor haben wir hier dafür eine schöne Zeit."
Ob sie Fußball spielen dürfen? Verständnislose Gesichter. Nur einer hat von seiner Mutter vom Fußballverbot gehört, das in ihrer Waldorf-Schule galt. In Schwabing ist der andernorts als "Totenkopfspiel" verpönte Sport erlaubt. Und das mythische Atlantis, das laut Steiner wirklich existierte? Lehrer Christians seufzt tief. "Das ist ein alter Zopf", sagt er, "so etwas lehren wir hier nicht."
Ein Tabu des körperfeindlichen Schulgründers, der auf den metaphysischen "Astralleib" schwor, lebt fort. "Sexuelle Aufklärung? Fehlanzeige!", schimpft Elisa, die von einer anderen Steiner-Schule nach Schwabing gewechselt ist: "Meine Lehrerin hat das damals den Eltern überlassen." "Wir hatten hier in der 8. Klasse Sexualkunde", sagt Felix, "das war viel zu spät." Die meisten hätten doch ihr erstes Mal schon früher.
Letzte Fragen: "Wer glaubt an Gott?" Rund die Hälfte der Klasse hebt die Hände. "Wer nicht?" Zehn klare Meldungen.
"Der Morgenspruch von Steiner", klärt einer der Atheisten auf, "ist für mich einfach ein Signal. Dann weiß ich, jetzt fängt die Schule an."
Klasse 11 trifft die Töne der "Zauberflöte".
RUNDE ECKEN
Das Treppenhaus - ohne rechte Winkel
SELBER TUN
Die meisten Schüler hier sind "Streber": Sie wollen lernen.
Planet des Lächelns
Die Montessori-Schule Huckepack in Dresden
I m März bluteten Sarahs Finger. Da hatte sie tagelang mit ihrer Schulfreundin Lydia ein Hasengehege gebaut und sich immer wieder am Draht gestochen. Im August raubte ihr Kälte den Schlaf, nachts im Zelt neben dem Kloster Altzella. Ihre Klasse hatte dort Bühnen aufgebaut für das Erzähl-Festival Magia Mundi. "Wir kamen uns vor wie billige Arbeitskräfte", schimpft die 14-Jährige.
Die Schülerin ist hübsch, ihr Haar glänzt wie Kupfer, grobe Ketten und Armbänder betonen ihre Zierlichkeit. Zart ist sie und zäh. Trotz schmerzender Hände und durchfrorener Nächte hat Sarah nicht aufgegeben. Im Nachhinein fand sie die Herausforderungen sogar positiv: "Man sieht hinterher, was man geschafft hat."
Zielstrebig ist Sarah auch. Wenn ihr Physiklehrer ihnen zu viele Anekdoten erzählt, dann weist sie ihn schon mal darauf hin, dass noch Lehrstoff anliegt. An ihrer Schule tun das schließlich alle. Die meisten Schüler sind das, was anderswo "Streber" heißt und was sich so viele Eltern wünschen: Kinder, die lernen wollen. Für sich selbst und nicht für den Lehrer, und auch nicht für Noten. Die gibt es hier sowieso erst ab Klasse 9.
Von klein auf durfte Sarah ihr Lernpensum selbst bestimmen. Im Klassenraum der Erst- bis Drittklässler standen schon damals die penibel aufgeräumten Regale mit den berühmten Montessori-Materialien: die goldenen Perlen für die Grundrechenarten, die Fühlbuchstaben, das "Pythagorasbrett". Den Raum teilen sich heute die "Kichererbsen", 22 Abc-Schützen. Ein Junge legt bäuchlings eine Art Tangram, ein anderer dividiert mit Murmeln, drei Kinder buchstabieren, fünf hocken im Schneidersitz und ertasten Tetraeder.
Jeder tut etwas anderes. Alle tun es leise, auch die Lehrerin, die hier "Betreuerin" heißt. Weil sie nicht unterrichten soll, sondern das Montessori-Motto erfüllen: "Hilf mir, es selbst zu tun". Sie regt an, schaut zu, erteilt flüsternd Rat.
Einer der Knirpse ist Sarahs Bruder. Jeden Tag komme er begeistert heim, erzählt die große Schwester fast neidisch, und prahle mit seinen Fortschritten. Ihr selbst schmeckt die Schularbeit nicht mehr so, gesteht sie, "die vielen Tests und Arbeiten sind ganz schön stressig".
Sarah will in einem Jahr ihre mittlere Reife machen und danach Abitur. Etwa die Hälfte der Dresdner Montessori-Schüler macht Abi. Da gilt es, die staatlichen Lehrpläne einzuhalten - neben den jährlichen Klassenreisen, den Berufspraktika, den vielen Theater-, Film-oder Pflanzprojekten. In der Mittelschule erprobt die Schule eine Mischform zwischen regulärem Schulunterricht und Montessori-Didaktik. Phasen, in denen ein Lehrer an der Tafel Stoff einführt, wechseln ab mit Phasen, in denen jeder Schüler für sich neue Inhalte erarbeitet.
"Bist du bereit für den Trip deines Lebens?", fragt eine Postkarte auf Sarahs mit Sprüchen beklebter Klassenraumtür. Unter "Ich geb im Bett immer Gummi" warnt ein schwarzgelbes Klebeband vor Atomkraft. Willkommen auf dem "Planet of Smile", wie die Klasse heißt.
Die 24 Schüler hier sind - montessoritypisch - altersgemischt, Siebt- bis Neuntklässler. Fachunterricht bekommen die Neuntklässler aber getrennt von den Jüngeren. Gemeinsam beginnen alle den Tag mit Morgenkreis und mit Freiarbeit. Jeder sucht sich eigene Aufgaben: Vokabeln üben, Gleichungen lösen, am Klassencomputer recherchieren. Computer gibt es ab Klasse 4, nach einer Unterweisung im kritischen Umgang mit dem Internet.
Wenn der Lärmpegel zu hoch wird, ertönt ein "Ping". Dann hat jemand, der sich gestört fühlte, die Klangschale betätigt - mal ein Schüler, mal der Betreuer.
Die Dresdner Montessori-Schule Huckepack wurde 1995 von Eltern gegründet. Sie sind die Träger der freien Schule, die inzwischen auch ein dreijähriges Wirtschaftsgymnasium nach der Mittelschule anbietet. Huckepack ist der Versuch, eine Schulalternative anzubieten, die der Entwicklung jedes Kindes gerecht wird. Dazu gehört neben der intellektuellen auch die soziale Reifung: Bis Klasse 10 sind behinderte Kinder integriert, egal ob Down-Syndrom-Betroffene oder Schwerhörige. Die Wände des einstigen DDR-Schulbaus haben Eltern getüncht; sie pflegen auch die kostbaren Materialien.
Die Prozesse gegen Etatkürzungen seitens des Landes führen juristisch versierte Väter. Hans von Egidy, ein ruhiger, großer Mann, ist hauptberuflich Richter und ehrenamtlich Elternvertreter. Ein aufwendiger Job: "Da fliegen auch mal die Fetzen. Wir identifizieren uns eben alle sehr mit der Schule."
Der Kontakt mit Montessori begann 2001: Sohn Konstantin kam auf der staatlichen Schule nicht zurecht. Der Wechsel zu Montessori sei "die Rettung" gewesen, sagt der gebürtige Münchner. Der jüngere Sohn kam gleich zu Huckepack, "dabei hätte ich mir eine Privatschule nie vorstellen können". Konstantin gehörte zum ersten eigenen Abi-Jahrgang der Schule. Andere seien auf ein staatliches Gymnasium gewechselt fürs Abitur. "Die Wechsler", berichtet der promovierte Jurist zufrieden, "haben sich dort gut geschlagen."
Montessori, betont Egidy, sei "keine Weltanschauung", Eltern und Lehrer seien "engagiert, aber unideologisch". Das ist, neben dem nicht lehrerzentrierten Unterricht, ein wesentlicher Unterschied zur Waldorf-Schule. Vielleicht rührt daher auch der humorvolle, selbstkritische Umgangston hier. Jede freie Schule ist ein Unikum, ein eigenes Universum. Da sie nicht direkt der Schulaufsicht unterliegt, etabliert sie ihre eigenen Normen.
Bei Huckepack sprechen die Schüler ihre Lehrer mit Vornamen an. "Wir sind eine Duz- und Hausschuh-Schule", sagt Kati Gebhard, eine der Schulleiterinnen. Sie verströmt gute Laune und Energie, genau wie ihre Kollegin. "Unsere Schule ist ein lebendiger Organismus", sagt Rektorin Evelyn Kausch. Huckepack, findet die Sozialpädagogin, die hier vor fast 20 Jahren als Mutter im Elternverein anfing, sei gar keine echte Schule. "Wir leben hier. So, wie man in einer Familie lebt."
Gerade hat Huckepack 2500 Hektar Land in der Sächsischen Schweiz gepachtet. Jugendliche brauchen mehr Platz zum Arbeiten, als ein Klassenzimmer bietet, befand Maria Montessori und entwickelte den "Erdkinderplan". Ältere Schüler sollen Felder bestellen, einen Hofladen betreiben, eine Pension führen. Montessori ging davon aus, dass der Mensch am besten mit allen Sinnen und auch durch Arbeiten lerne - Geld verdienen inklusive. "Wir werden einer Klasse jetzt die Verantwortung für die Urbarmachung des Geländes übertragen", erklärt Kausch, "das wird spannend".
Die Schule ist ein Erfolg, den Leiterin Gebhard regelmäßig als Fluch empfindet - der Andrang ist zu groß. "Ich habe letzte Woche 150 Ablehnungen rausgeschickt", sagt sie, "da brechen Träume zusammen." Bereits für die derzeitigen 373 Schüler von Klasse 1 bis 13 sei das alte Schulgebäude eigentlich zu klein.
Quereinsteiger nehmen sie ungern an. "Sie sind nur schwer integrierbar", hat Gebhard festgestellt, "wer nicht schon in der Grundschule unsere Form des eigenverantworteten Lernens kennengelernt hat, ist damit erst mal überfordert."
"Planet of Smile"-Bewohner Vinzenz hatte Glück. Der 14-Jährige durfte vor zwei Jahren zu den Montis. Zuvor war der Junge, der mit lauter, tiefer Stimme die weichen Gesichtszüge wettzumachen sucht, auf dem Gymnasium. "Da war's echt anstrengend. Wir mussten andauernd mit Sack und Pack den Raum wechseln, wir hatten Frontalunterricht und viele Hausaufgaben. Wenn wir nicht spurten, gab's blaue Briefe nach Hause." Ständig habe er Kopfweh gehabt.
Von diesen Schmerzen ist der Redakteur der hauseigenen Schülerzeitung "Der Schuh" jetzt kuriert. "Hier macht lernen Spaß." In den 90-Minuten-Stunden schaffe man "ordentlich was". Und die Lehrer seien besser, "weil sie uns als Menschen sehen und wir auch Sachen machen, die nicht im Lehrplan stehen". Vinzenz baut gerade eine Modelljolle aus Spanholz mit Fernsteuerung.
Außerdem seien alle netter zueinander. Kein Spott mehr wegen seiner langen Haare. Und er hat entdeckt, was es bringt, den Jüngeren in seiner Klasse Dinge zu erklären. "Dabei merke ich, was ich schon kann und was nicht."
Vinzenz bringt es auf den Punkt: "Die Motivation ist hier besser. Die Rechtschreibung schlechter."
FREIES ARBEITEN
Die Schüler bestimmen selbst ihr Pensum - wie Sarah (r.), sie gestalten auch die Klassenzimmertür (M.).

WALDORF Die Lehre von Geist, Leib und Seele

Die Arbeiterkinder der Stuttgarter Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria waren die ersten Schüler des Österreichers Rudolf Steiner (1861 bis 1925). Der Anthroposoph war schon zu Lebzeiten ein Guru: Erwachsene wie Kinder verfielen seiner Begeisterung für das Gute, im Menschen und auf der Welt. Dabei verlief das Leben dieses Universalintellektuellen ohne akademischen Abschluss im Tempo der Moderne: Steiner war ein rastloser Zugreisender, der es auf eine Bilanz von 6500 Vorträgen brachte. Die Gesamtausgabe seiner Werke umfasst bisher 340 Bände.
Heute gibt es weltweit 1000 Waldorf-Schulen und 3000 Bauernhöfe, die Steiners biodynamische Landwirtschaft praktizieren. In Deutschland besuchen 84 048 Kinder eine Waldorf-Schule; Eltern müssen monatlich im Schnitt etwa 180 Euro für den Schulbesuch zahlen. Steiners Glaubenslehre, die Anthroposophie, ist zwar kein Schulfach, bildet aber den Humus für die Pädagogik. Da der Mensch nach Steiner aus Geist, Leib und Seele besteht, sollen die Lehrer das Denken, Fühlen und Wollen schulen. Waldorf fördert musische und handwerkliche Fähigkeiten bis zum Abitur gleichberechtigt mit den kognitiven. Zum Curriculum gehören neben vielen Theateraufführungen auch mehrwöchige Praktika: Die Schüler kartieren ein Gelände ("Feldmessen"), arbeiten in einem Betrieb oder Bauernhof und müssen sich sozial engagieren. Die vom Schulgründer erfundene "Eurythmie", eine in bunten Gewändern ausgeübte Bewegungskunst, verbindet Sinne und Intellekt, indem die Schüler Sprache tanzen lernen.
Die Erziehung richtet sich an "Jahrsiebten" aus: Laut Steiner manifestiert sich mit dem Zahnwechsel der "Ätherleib", der Phantasie und Gedächtnisförderung verlangt, mit 14 Jahren dann der "Astralleib", der Urteilskraft und Abstraktion erfordert. In den Lernberichten, die Zeugnisse ersetzen, wird zuweilen auf die anthroposophischen Wesensarten der Kinder eingegangen. Steiner beschrieb vier schon in der Antike postulierte typische "Temperamente": Choleriker, Sanguiniker, Phlegmatiker und Melancholiker.

MONTESSORI

Das Kind als Autodidakt und Erforscher
Sie war die erste promovierte Ärztin Italiens, aber ihren Weltruhm erlangte sie als Pädagogin. Maria Montessori (1870 bis 1952) entdeckte bei ihrer Arbeit in der Psychiatrie, dass geistig zurückgebliebene Kinder sich durch pädagogische Angebote weit besser als durch medizinische Maßnahmen entwickelten. 1907 wurde sie darum gebeten, in einem Armenviertel Roms eine Tagesstätte für Kinder einzurichten. In ihrer "Casa dei Bambini" testete Montessori ihr Material erstmals an "normalen" Kindern - Einsatzzylinder zum Stecken oder Tastbuchstaben zum Ertasten. Es kam zu wundersamen "Schreibexplosionen" bei Vierjährigen. Und eine Dreijährige ließ Montessori staunen: Die Kleine war so vertieft in das Stecken von Hölzern, das sie sich durch nichts stören ließ. Wie in Trance wiederholte das Mädchen die Tätigkeit. Diese Konzentration auf eine selbstgewählte Arbeit bildet das zentrale Moment der Montessori-Pädagogik. International verbreitete sich die Erziehungsmethode durch Montessoris Bücher und Vortragsreisen in alle Welt.
Rund 300 Grundschulen und 100 weiterführende Schulen arbeiten in Deutschland nach Montessori-Prinzipien. Die Schulen der Sekundarstufe sind je nach Bundesland verschieden, es gibt auch Montessori-Gymnasien. In Bayern findet man eher Hauptschulen mit "Quali" bis zur mittleren Reife und aufbauende Fachoberschulen. Anderswo sind es Integrierte Gesamtschulen, teilweise mit Sekundarstufe II, so in Hessen oder Niedersachsen. Neben freien oder konfessionellen Montessori-Schulen gibt es etwa in Nordrhein-Westfalen, Berlin und Baden-Württemberg auch öffentliche. Letztere erheben kein Schulgeld, erfüllen dafür nicht immer alle Montessori-Prinzipien. Dazu gehören: altersgemischte Klassen, Lernen im eigenen Tempo anhand der Materialien, der Lehrer als "Lehrbegleiter" auf Augenhöhe sowie die "kosmische Erziehung" Montessoris. Die Beziehung der Dinge untereinander, vom Atom bis zum Planeten, sollte Schülern stets vermittelt werden, empfahl die Naturforscherin. Zusammenhanglose Details zu lehren sei müßig.
Von Annette Bruhns

SPIEGEL WISSEN 2/2011
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