23.08.2011

Die Rechte der Kinder

Janusz Korczak ist ein Klassiker der modernen Erziehungswissenschaft. Sein Leben war das Gegenteil von grauer Theorie: Der Pole war Arzt, Schriftsteller und erzog jüdische Waisen - bis zum mörderischen Ende.
E s war Anfang August 1942, als sich die 200 Kinder vor dem Waisenhaus in der Siennastraße in Viererreihen aufstellen mussten. Augenzeugen sagen später, sie hätten noch nie etwas derartig Ergreifendes gesehen.
Ruhig, ohne Geschrei, ohne Streit, ohne Weinen sollen sich die Kinder in die Kolonne gefügt haben. An ihre Spitze stellt sich der "alte Doktor": Janusz Korczak, ein vom Leben im Warschauer Ghetto ausgemergeltes Männchen mit Spitzbart und runder Denkerbrille, "zwei Kinder auf seinen Armen tragend, eine malerische, allgemein beliebte Gestalt", schreibt ein Zeitzeuge.
Die Kolonne zieht zum "Umschlagplatz", die Viehwaggons warten schon, die Nazis verfrachten die Juden des Warschauer Ghettos in die Gaskammern von Treblinka, und heute sind die Kinder dran. Janusz Korczak geht ihnen voran in den Tod.
Er ist ein bekannter Autor und Reformpädagoge: In einer Zeit, als die Obrigkeit Kinder zu kämpferischen Rekruten und willfährigen Untertanen drillt, predigt er Achtung vor dem Kind, fordert Erziehung im Dialog. "Ohne eine heitere vollwertige Kindheit verkümmert das ganze spätere Leben. Das Kind wird nicht erst Mensch, es ist schon einer", schreibt er.
Der spätere Janusz Korczak wird als Henryk Goldszmit am 22. Juli 1878 oder 1879, genau weiß man das nicht, in Warschau geboren. Russland, Österreich und Preußen hatten Polen knapp hundert Jahre zuvor zerstückelt. Die Stadt an der Weichsel gehört zum Russischen Reich. Goldszmits Eltern sind wohlhabende assimilierte Juden.
Der Vater Józef, ein erfolgreicher Anwalt, neigt aber zu manischer Depression. Seine häufigen Krankheitsausfälle zehren das Vermögen der Familie auf. Als er 1891 in einer Nervenheilanstalt stirbt, steht die Familie vor dem Ruin. Die Mutter Cecylia zieht mit Henryk und seiner Schwester Anna aus dem bürgerlichen Domizil in der Innenstadt in eine billige Mietwohnung. Henryk gibt Nachhilfestunden und studiert Medizin.
Das Elend in den Warschauer Arbeiterquartieren erschüttert den jungen Famulus. "Solange wir nicht allen Menschen Brot und ein Dach über dem Kopf geben, dazu die Möglichkeit, sich geistig zu vervollkommnen, so lange dürfen wir uns nicht der Illusion hingeben, wir verdienten den Namen 'Menschliche Gesellschaft'", schreibt der junge Goldszmit in einem Zeitungsartikel. 1901 erscheint unter dem Pseudonym Janusz Korczak sein erster - sozialkritischer - Roman: "Die Kinder der Straße".
Fortan ist der Autor nur noch unter seinem Künstlernamen bekannt. Er wird ein Modearzt, der die Reichen für viel Geld und die Armen umsonst behandelt. Von 1905 an ist er promoviert und arbeitet an einer Warschauer Kinderklinik. Er nutzt seine Kontakte in die Salons, um Geld zu sammeln für Wohltätigkeitsprojekte. Bevor ihm 1911 die Leitung eines neuen Waisenhauses angetragen wird, muss Goldszmit-Korczak als Feldarzt im Heer des Zaren an der Front des russisch-japanischen Kriegs praktizieren.
Das "Dom Sierot", das Waisenhaus, wird an der Krochmalnastraße 92 errichtet, ein vierstöckiges Haus, das die Zerstörung Warschaus überstanden hat. Noch heute befindet sich dort ein Kinderheim, im Juni dieses Jahres wurde die Fassade neu gestrichen, in einem Champagnerton.
Korczak hat die Prinzipien seiner Pädagogik aus der Praxis heraus entwickelt. Er fragt nicht in erster Linie, wozu er ein Kind erziehen soll, sondern welche Rechte ein Kind hat.
Er nennt drei:
‣ das Recht des Kindes, so zu sein, wie es ist. Damit stellt er sich gegen die Anmaßung vieler zeitgenössischer Pädagogen, das Verhalten der Kinder umfassend formen zu wollen. Bevormundung durch Eltern oder Erzieher fördere die Ichbezogenheit und verhindere die Reifung zur Selbständigkeit;
‣ das Recht auf den heutigen Tag. Kindheit sei nicht bloß ein lästiges Durchgangsstadium auf dem Weg zum Erwachsensein. Pädagogen verkennten diese Zeit als einen Zustand der Unfertigkeit, aus dem das Kind vermittels gelungener Erziehung möglichst schnell zu befreien sei;
‣ das Recht auf den eigenen Tod. Mit dieser irritierenden Forderung wollte Korczak eindringlich dafür werben, dass Kinder vielfältige eigene Erfahrungen brauchen. Der Pädagoge hatte die Überbehütung der höheren Töchter und Söhne seiner Zeit vor Augen. Kinder in Matrosenuniform und Rüschenkleidchen, die beim Spaziergang mit der Gouvernante nicht von den Wegen im Sächsischen Garten weichen durften, die sich nie mit frischgepflückten Weichselkirschen vollschlagen durften oder beim Klettern vom Baum fallen konnten.
War Korczak ein früher Befürworter antiautoritärer Erziehung? "Also sollte man alles erlauben? Durchaus nicht: Wir würden aus einem sich langweilenden Sklaven nur einen blasierten Tyrannen machen", schreibt er.
Kein Wunder, dass Janusz Korczak nach wie vor hochaktuell ist. Er gehört heute fest in den Kanon der Begründer der modernen Pädagogik, reiht sich ein zwischen Rousseau, Pestalozzi, Fröbel und seiner Zeitgenossin Maria Montessori. Der Pole wusste bereits, was heute der Schweizer Kinderarzt Remo Largo predigt: dass Kinder sich vor allem aus eigener Motivation heraus entwickeln. Aber er malte auch die Folgen einer Erziehung an die Wand, die derzeit prominent der Psychotherapeut Michael Winterhoff beklagt: die Tyrannei des viel zu früh als Gleichberechtigte überforderten Nachwuchses.
Und er macht den Erziehenden Mut, Freiheit zu wagen. Drei Autoren appellieren derzeit mit neuen Büchern an die Sehnsucht des Kindes auf das Abenteuer Natur, auf Wälder, Bäche und ungesicherte Pfade: Richard Louv, Malte Roeper und Andreas Weber (siehe Seite 126).
In Korczaks Waisenhaus lebten die Kinder in einem System aus Rechten und Pflichten. Es gab einen Sejm, ein Parlament, und sogar ein Kameradschaftsgericht. Die Kinder sollten sich frei von der Willkür ihrer Erzieher selbst Regeln auferlegen und über ihre Einhaltung wachen - so Korczaks Ideal.
Doch ist seinen Schriften durchaus zu entnehmen, dass es in der Praxis mitunter haperte und Korczak das Kindergericht später sogar kurze Zeit einstellte. Die Kinder hatten sich über die eigenen Sprüche hinweggesetzt, machten sich sogar darüber lustig.
Jede Nacht wendet sich Korczak seinen Manuskripten zu, verfasst Essays, Glossen und vor allem Kinderbücher. "König Maciuś der Erste" (auch bekannt als "König Hänschen der Erste") wird das erfolgreichste. Es erzählt die Geschichte des kleinen Monarchen Maciuś, der als früh verwaistes Kind den Thron besteigen muss. Die Erwachsenen aus seinem Hofstaat bevormunden ihn; er zieht unerkannt als junger Rekrut in einen Krieg, den seine Minister angezettelt haben. Doch Maciuś lehnt sich auf. Nach dem Sieg setzt er sich für die Kinder seines Reichs ein, baut Schulen und errichtet ihnen sogar ein Parlament. Aber die Reformen scheitern, die Kinder maßen sich Aufgaben an, die ihrem Alter nicht entsprechen. Das Reich stürzt ins Chaos. König Maciuś wird verbannt.
Die Erzählung sagt viel über Korczaks erzieherisches Konzept: Kinder sollen so viel wie möglich selbst entscheiden - aber ihrem Alter angemessen.
In den dreißiger Jahren - Polen war als Staat seit 1918 wieder unabhängig - verschlechterte sich das Klima in Warschau. Die Unterschiede zwischen Arm und Reich vertieften sich. Judenhass griff um sich. Korczak hatte es mit seiner Sendung "Plaudereien mit dem alte Doktor" zum Star des jungen Mediums Radio gebracht. Seine jüdische Herkunft, die er im Rundfunk verschweigen muss, hatte ihn nie viel gekümmert.
Doch nachdem die Nazis Polen überfallen hatten, lag sein Waisenhaus im "arischen" Teil der Stadt. Er und seine Schützlinge wurden ins Ghetto umquartiert. Fast zwei Jahre lang rieb Korczak sich auf, bettelte das Essen für die Kinder zusammen. Dann kam der Marschbefehl zum Umschlagplatz.
Angeblich hatte die polnische Untergrundarmee angeboten, Korczak und die Kinder aus dem Ghetto zu schmuggeln. Auch der Judenrat soll sich für Korczaks Rettung eingesetzt haben. Doch der alte Doktor hatte abgelehnt.
Auf dem Bahnsteig mit den Zügen nach Treblinka soll ihn sogar ein SS-Mann mit Pistole und Peitsche angesprochen haben. "Ich habe eines Ihrer Bücher gelesen", soll er gesagt haben. "Sie können hierbleiben."
"Irrtum", habe Korczak entgegnet: "Nicht jeder ist ein Schuft."
Von Jan Puhl

SPIEGEL WISSEN 3/2011
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