08.05.2012

Wenn Mars im 11. Haus steht

Jeder zweite Deutsche glaubt an die Macht der Sterne. Können Astrologen das Liebesglück befördern?
D ie blonde Kölnerin Elke sieht sich als aufgeklärtes Kind der Moderne, viel erwartet habe sie deshalb nicht, sagt sie, als eine Freundin ihr eine horoskopische Beratung schenkte. Als der Astrologe dann aber eine Stunde lang "detailgenau über meine Vorlieben und Abneigungen und über einschneidende Ereignisse in meinem Leben sprach, da war ich vollkommen platt".
Seither betrachtet sie die Sternenkunde mit anderen Augen und befindet sich damit in guter Gesellschaft: Jeder zweite Deutsche glaubt laut einer Forsa-Umfrage an die Macht der Sterne. Manche Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts wie Hans Eysenck, Paul Feyerabend oder Carl Friedrich von Weizsäcker schätzten oder verteidigten die Astrologie.
Zu so ziemlich allem lassen sich die Sterne befragen - ob es um Börsengewinne, Jobangebote, Gesundheit oder aber das Liebesglück geht. Wie ernst jemand die Antworten nimmt, ist in jedem Fall eine persönliche Entscheidung.
Wer die Sternendeuterei für Humbug hält, wird wohl die Finger davon lassen. Wer aus spielerischer Neugier anfängt, Horoskope zu lesen, staunt vielleicht über echte oder vermeintliche Treffer. Und wer wirklich an die Macht der Gestirne glaubt, wird sich durch kein Argument der Welt davon abhalten lassen.
Gute Menschenkenntnis ist in dem Metier sicherlich von Vorteil. Roswitha Broszath, die seit 30 Jahren in Berlin als Heilpraktikerin und Astrologin ihre Praxis betreibt und Bücher verfasst, hat schon viele Klienten beraten, auch in Liebesdingen.
Ein nach persönlichen Daten erstelltes Horoskop zeige, "welche Muster mich prägen, welche Beziehungsdynamik bei mir im Vordergrund steht, was mich blockiert und wie ich meine Partnerschaft verbessern kann", sagt Broszath. Sie sei keine Wahrsagerin, sondern praktiziere psychologische Astrologie, dazu gehöre, Konflikte aufzudecken und mit den Klienten lösungsorientierte Ansätze zu entwickeln. Voraussagen wie "Das ist der Mann Ihres Lebens" werde man von ihr nicht hören.
Beim Ausarbeiten eines Horoskops errechnen Astrologen, in welchem Tierkreiszeichen Aszendent, Sonne, Mond und andere Planeten zur Minute der Geburt gestanden haben. Daraus wird abgeleitet, welche Dynamik in den zwölf Häusern wirkt, die etwa für Herkunft/Familie oder für Arbeit/Beruf oder eben für Partnerschaft stehen.
Im Abbild sollen sich außerdem Lebensthemen, persönliche Eigenheiten, Neigungen, Potentiale und Spannungen zeigen, auch die Kräfte, die eine Person antreiben oder hemmen. "Das Leben ist eine Bühne, die Planeten stellen verschiedene Geisteskräfte und Persönlichkeitsaspekte dar, und der Regisseur, das sind wir", sagt Broszath.
Astrologie sei ein Mittel zur Selbsterkundung, decke Verborgenes auf und könne so zu einer Art Kompass auf der Lebensreise werden. Broszath lässt bei jeder Beratung, die gewöhnlich eine Stunde dauert und 130 Euro kostet, eine Kassette mitlaufen, "zum Nachhören", erklärt sie, "weil es sehr viel Input ist".
Immer mehr Männer zählen zu ihren Klienten, sie kommen wegen beruflicher und gesundheitlicher Fragen oder weil die Partnerschaft an einen heiklen Punkt gelangt ist. Fragen wie "Werde ich mit meiner Geliebten glücklicher als mit meiner Ehefrau?" beantworte sie nicht, sagt Broszath, "das wäre unseriös".
Denn eine Beziehung sei niemals statisch, sondern befinde sich ständig in einem Gestaltungsprozess. Laut Broszath bildet ein Horoskop Muster ab, die in der Kindheit entstanden sind und uns seit langem begleiten, es offenbare auch vieles über die Beziehung der Eltern und die Familiendynamik.
Als Therapeutin betreibe sie "Seelenarbeit", etwa wenn sich Probleme oder leidvolle Erfahrungen wiederholten. Sie erzählt von einer Frau, bei der es zu einem regelrechten Aha-Effekt gekommen sei: "Ihr Erleben war: Ich werde immer verlassen", ihr Horoskop jedoch zeigte eine ausgeprägte, wenn auch unbewusste Neigung, Partner und auch Freunde immer wieder wegzuschicken.
Häufig werde sie mit Dreiecksgeschichten konfrontiert, eine Frau zwischen zwei Männern. Auch da gelte es, genau hinzuschauen, denn es gebe ja einen Grund dafür, dass ein neuer Spieler auf die Bühne kommt.
Broszath ist überzeugt, dass sich Beziehungsfähigkeit und Verständnis füreinander verbessern lassen, Astrologie sei nicht determinierend, Veränderung stets möglich. "Natürlich gibt es Partner, die mehr Herausforderung sind als Erfüllung", sagt sie. "Sobald man sich darüber klar wird, geht gleich die Dramatik raus."
Muster, Defizite und Prägungen sowie Entwicklungsspannungen können als anstrengend erlebt werden, immer versuche sie, zu ermutigen, den Blick zu öffnen, Erwartungen zu klären. Letztlich gehe es in ihren Beratungen um mehr Akzeptanz, Eigenverantwortung und Selbstliebe. "In einer guten Partnerschaft muss man dem anderen und auch sich selbst verzeihen können." Vieles von dem, was Broszath sagt, kann auch Verächtern der Astrologie einleuchten.
Zur Münchner Astrologin Karin Kruse kommen Frauen häufig mit der Frage: Warum läuft es nicht gut mit dem Partner, warum gibt er mir nicht, was ich brauche? Kruse vergleicht die Persönlichkeitsstrukturen der Partner, sie schaut, "wo sind sie diametral entgegengesetzt, wo ähneln sie sich, was liegt im Begegnungs- und Bindungshaus, was im 11. Haus, dem Freundschaftshaus"? Stehe der Mars im 11. Haus, erklärt sie, könne das zum Beispiel Konflikt bedeuten. Doch wer sich dieser Gefahr bewusst sei, könne gegensteuern.
Astrologische Konstellationen zeigten Chancen und Möglichkeiten, "ich werte das nicht, sondern analysiere, wo ist das Fördernde, wo das Hemmende, wo ist eine Sache stark emotionalisiert, wo eher versachlicht, wie tritt ein Paar nach außen auf, wo liegt dessen Aufgabe, privat und auch beruflich".
Manche ihrer Kunden wollen jedes Jahr eine individuelle Vorausschau, manche kommen und fragen ganz konkret: Soll ich mich trennen? Kruse: "Dazu sage ich natürlich nichts, sondern gebe die Verantwortung zurück."
Und wenn Kundinnen darüber klagen, dass sie immer an die Falschen geraten? "Manche Frauen", sagt Kruse, "haben sehr viele Wünsche an den Partner und tun sich schwer, jemanden zu finden, der all diese Wünsche erfüllen kann." Diese Frauen müssten mehr Toleranz und Akzeptanz entwickeln.
Eine simple Wahrheit gilt ihrer Meinung nach für alle Menschen - sternengläubig oder nicht: "Wer mit sich im Reinen ist, tut sich leichter in Beziehungen."
Von Angela Gatterburg

SPIEGEL WISSEN 2/2012
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