08.05.2012

Das Wir-Gefühl

Er will das Gespräch in der gemeinsamen Filmfirma Sentana führen, sie möchte lieber zu Hause reden. Also spricht jeder für sich. Seit fast einem halben Jahrhundert kennen sie sich, seit 45 Jahren sind sie verheiratet. Damals studierte Michael Verhoeven Medizin, verdiente nebenher Geld als Schauspieler. Sie war bereits ein Sternchen am Filmhimmel. Heute kann die 70-Jährige auf über 100 Kino- und Fernsehfilme zurückblicken, drehte in Hollywood, Italien und Deutschland. Michael Verhoeven, 73, ist ein bedeutender politischer Regisseur ("Die weiße Rose", "Das schreckliche Mädchen"). Manchmal arbeiten sie auch gemeinsam, wie für die Serie "Die schnelle Gerdi".
SENTA BERGER
Ich wollte weder mich verloben noch heiraten. Aber das Verloben habe ich dann verstanden, weil es um ein Versprechen ging. Es war im Sommer 1964, ich war schon in Hollywood und wollte erst einmal dort bleiben. Wir wussten also nicht, wie wir als Paar leben könnten, aber dass wir ein Paar bleiben wollten.
Michael war ein ausgesprochen schöner junger Mann mit unglaublichen, großen, glitzernden grünen Augen und zwei Grübchen. Er hatte kleine schöne Hände und eine freche Nase. Aber es ist schwer, Erotik zu beschreiben. Je besser wir uns kennenlernten, desto mehr war ich angezogen von seiner Art, das Leben zu gestalten. Er war damals Medizinstudent mit sehr großer Disziplin. Es hat mich überhaupt seine Entschlossenheit beeindruckt, die eigentlich so gar nicht zu diesem jungenhaften Aussehen gehörte. Wenn er sich etwas in den Kopf setzt, kann ich ihn schwer davon abbringen - aber ich versuche es immer wieder.
Vom Charakter her sind wir sehr verschieden, aber nicht so, dass es unüberwindlich wäre. Ich habe neulich an eine Freundin geschrieben: "Ich bemühe mich, ihn zu verstehen, und er versteht, dass ich ihn nicht verstehe." Und das ist es. Das ist eigentlich schon sehr viel.
Meine Stärke und meine Schwäche zugleich ist meine Spontanität. Michaels Zurückhaltung ist seine Stärke und seine Schwäche. Michael überlegt, bevor er etwas sagt. Ich trage das Herz auf der Zunge. Er hat diesen typischen Tunnelblick, den viele Männer besitzen. Rund um die Filmarbeit zur "Weißen Rose" hatte ich mich hinter seiner Arbeit zurückgesetzt gefühlt. Und in jedem Urlaub hat er an einem Drehbuch geschrieben. Aber ich habe gelernt, damit umzugehen. Man denkt ja am Anfang noch, da wird man aneinander ändern. Aber das alltägliche Zusammenleben kann erst wahr werden, wenn man den anderen als das akzeptiert, was er ist. Heute wissen wir um unsere Befindlichkeiten. Er wird nie mit mir Schuhe kaufen gehen - ist das so wichtig? Nein. Obwohl, schön wär's schon. Andererseits finde ich toll, wenn er mich für eine Theateraufführung schnell nach Wien lockt.
Wir nehmen uns immer wieder bewusst die Zeit, viel miteinander zu machen. Ich weiß von jedem großen deutschen Flughafen, wann die letzte Maschine nach München geht - und die krieg ich am Freitag. Wenn wir nicht zusammen sind, telefonieren wir. Michael sagt manchmal, er sei ganz froh, nicht immer dabei zu sein, weil ich so schön erzähle. Aber er kann das auch! Wir schreiben uns Briefe - oder mailen. Dagegen hat er sich ja jahrelang gewehrt, aber jetzt macht er es ganz gut.
Manchmal staune ich, wie lange wir schon zusammen sind. Man merkt das ja nur an den Fragen anderer. Trotzdem weiß man nicht, wie unser Zusammenleben weiter sein wird. Aber ich bin voller Vertrauen, dass es so bleibt. Auch wenn ich immer noch eifersüchtig bin. Eifersucht gehört ja zur Erotik dazu. Das war sicherlich ein ganz starkes, immer wiederkehrendes Motiv. Eifersucht ohne Grund. Eifersucht mit Grund, das ist etwas ganz Furchtbares, und das ist Gott sei Dank nicht geschehen. Ich glaube, er war gar nicht so unangenehm berührt, dass die Männer sich auf der Straße umgedreht haben. Ich war seine. Heute dreht man sich eher um, weil man mich erkennt. Aber daran ist der Michael ja sehr gewöhnt.
MICHAEL VERHOEVEN
Wir kannten uns gerade einmal ein Jahr, da wollte ich als junger Arzt nach Massachusetts zum Arbeiten. Ich hatte Angst, sie nicht halten zu können, und war höllisch eifersüchtig. Also wollte ich sie dazu bringen, dass sie sich mir verschreibt. Ich wollte eine Verlobung. Das fand sie ganz doof. Doch ich habe mich durchgesetzt. Schließlich habe ich ihr einen klassischen Antrag gemacht - im Garten meines Vaters.
Ich glaube, dass es für unsere Ehe günstig war und ist, dass wir immer wieder mal beruflich auseinander müssen. Die Distanz hat auch etwas für sich. Da entsteht eine wahnsinnige Sehnsucht, und die Sinne ordnen sich neu. Die Leidenschaft verändert sich natürlich im Laufe eines Lebens, grafisch dargestellt würde sie ordentlicher. Am Anfang ist sie ein großes Tohuwabohu. Doch letztlich bleibt sie - genauso wie das Bedürfnis, so viel Zeit wie möglich miteinander zu verbringen. Und der Wunsch, miteinander zu sprechen. Oft kann ich es gar nicht erwarten, etwas der Senta zu erzählen. Wenn ich etwa drehe, will ich ihr sofort sagen, was gerade entsteht. Dann muss ich sie wenigstens in den Einleuchtpausen anrufen. Neuerdings mailen wir auch, doch das macht mich nicht glücklich. Da ist keine Stimme dabei.
Es hat seine Vorteile, dass wir den Beruf des jeweils anderen verstehen. Unsere Berufe durchdringen uns ja so, dass man keinen Feierabend hat. Da geht es einfach weiter. Wenn wir einen gemeinsamen Film drehen, schütte ich sie schon beim Entstehen der Geschichte mit Ideen zu. Manchmal spielen wir stundenlang Szenen miteinander, während nebenbei der Haushalt gemacht wird. Mit Senta zu drehen ist etwas Wunderbares. Wir müssen unbedingt wieder einen gemeinsamen Film machen.
Auf ihre Schönheit wurde ich natürlich oft angesprochen, aber sie hat mir gar nicht so viel bedeutet, weil man doch mehr in einem Menschen sieht. Am Anfang war es etwa ihre Ehrlichkeit, ihre Unbefangenheit, die mich so fasziniert hat. Das beeindruckt mich heute noch. Sie kann nicht verbergen, was sich in ihrem Kopf abspielt. Ich kann Geheimnisse gut für mich behalten, das kann sie gar nicht.
Das Schönste an unserer sinnlich-erotischen Art, das Leben zu verbringen, ist das gemeinsame Lachen - mit ihr und über sie. Sie hat ja einen Humor, den ich sehr mag, der aber nicht ganz meiner ist. Deswegen habe ich auch immer noch so einen kleinen Stauneffekt dabei. Sie ist halt Österreicherin und hat diesen leisen Schmäh. Und ich habe wiederum so einen Humor, den sie auch nicht ganz versteht. Mein absoluter Liebling zum Beispiel ist Karl Valentin - und den verehrt sie, glaube ich, nur mir zuliebe.
Was die Beziehung erschüttern würde, wäre immer auf einer erotischen Ebene. Treue ist sehr wichtig. Ich habe sehr viele Freunde, die damit philosophisch umgegangen sind und gesagt haben, das sei ja nur äußerlich - die sind alle längst getrennt. Natürlich denke ich, dass man sich aus jeder Krise herausarbeiten kann, aber es wäre schon sehr schlimm. Eifersucht spielt immer noch eine Rolle. Sie ist auch eifersüchtig, so sehr, dass ich mich schon amüsiere. Innerlich. Ich zeig es natürlich nicht, das soll ja so bleiben.
"Wie Deckel und Topf"
Unten Studio, oben Modefundus und Wohnung: Der Fotograf Kristian Schuller, 41, und die Stylistin Peggy Schuller, 35, leben und arbeiten in Paris. Beide haben an der Universität der Künste in Berlin unter Vivienne Westwood Modedesign studiert. 2007 heirateten sie in seiner Heimat Siebenbürgen. Mit Fotostrecken in "Vogue", "Harper's Bazaar" oder "Tatler" hat er sich ebenso einen Namen gemacht wie mit großen Werbekampagnen. Und weil er einmal Juror einer Casting-Show war, wird er noch immer auf der Straße angesprochen. Für dieses Heft haben sich beide selbst fotografiert.
KRISTIAN SCHULLER
1997 veranstaltete ich im Berliner Café Einstein meine Diplom-Modenschau. Damals war Peggy Anziehhilfe, woran ich mich aber nicht erinnere. Zwei Jahre später sollte ich als Fotograf eine Dokumentation über die Westwood-Klasse machen - und da wurde mir als junges Talent Peggy genannt. Sie hatte einen schrägen Pony, schwarz gefärbte Haare und diese blauen Augen, die wie der Frühlingshimmel in den Alpen sind. Eine versteckte Schönheit, mit wunderbarer Ausstrahlung. Abends wollten wir alle essen gehen. Ich war mit einem flotten Mietwagen unterwegs - und sie mit ihrem Trabbi. Ich wollte sie ein bisschen ärgern und fuhr ganz schnell. Aber ich konnte sie nicht abhängen. Es war völlig unmöglich. Das hat mich sehr beeindruckt. Damals sagten mir bereits alle meine Sensoren, sie ist ein Diamant. Damit meine ich nicht banale Attribute wie Schönheit, die mit der Zeit langweilig werden. Ich meine Kreativität, Charakter, einen Menschen mit Integrität.
Das eigentlich Spannende ist ja der gemeinsame Weg, das tägliche Leben. Es wäre schlimm, wenn wir uns nur in den vier Wochen im Jahr um die Beziehung kümmern, in denen wir in Griechenland am Strand liegen. Es sind vielmehr die anderen elf Monate, in denen ich denke: Jetzt möchte ich mit dir toll leben, schöne Momente haben, ein Shooting machen. Gerade beim Arbeiten ergänzen wir uns perfekt. Sie ist eine aufgeräumte Frau, ich bin ein hochdrehender Mensch. Das mit dem Deckel und dem Topf stimmt also. Peggy ist ein Maniac, macht ihre Arbeit mit einem Drive, dass mir schwindelig wird. Sie ist geradezu detailfanatisch, ich kann mit Details nichts anfangen. Mein Talent ist es, die Richtung vorzugeben. Das eine geht ohne das andere nicht. Und das Schöne ist: Wir sind uns ebenbürtig, wirkliche Partner.
Natürlich habe ich keine Garantie, dass es in fünf Jahren noch funktioniert. Aber ich glaube völlig ignorant an mich und daran, dass ich weiterhin an meinem persönlichen Weiterkommen arbeite. Das gibt mir Zuversicht, dass sie weiterhin mit mir sein möchte. Unsere Beziehung basiert darauf, dass wir uns entwickeln. Wir haben gelernt, miteinander umzugehen. Die gemeinsame Welt ist heiler geworden. Ich sage immer noch jedes Jahr: Dieses Jahr war das schönste. Peggy ist einfach eine tolle Frau.
PEGGY SCHULLER
Das erste Mal habe ich Kristian in der Universität gesehen, da hatte er einen schicken blauen Mantel an und eine von ihm selbst entworfene Nadelstreifenhose. Damals fand ich ihn schon cool. Zwei Jahre später haben wir uns erneut getroffen - und da hat es gefunkt. Wir haben gleich beschlossen, zusammenzuziehen. Seitdem sind wir unzertrennlich. Ich mag, dass Kristian ein altmodischer Mann ist, elegant und höflich. Er behandelt eine Frau wie eine Frau und schlägt ihr nicht die Tür vor der Nase zu. Dass wir gut zusammenarbeiten können, haben wir erst später festgestellt. Das ist natürlich ideal.
Die Arbeit ist Bestandteil unseres Lebens - selbst wenn wir eine Woche Auszeit haben, denken wir über Projekte nach. Andersherum gibt es private Stunden im Arbeitsalltag. Kristian ist eine starke Person, einer, der gern das Ruder in der Hand hat. Ich will keinesfalls im Mittelpunkt stehen. Wenn ich auf dem Shooting eine Idee habe, gehe ich zu Kristian, würde aber nie durch den Raum rufen. Er hat das Ziel vor Augen, und ich gucke, dass alles gestylt ist. Was aber kann ich ausrichten, wenn nicht gut fotografiert wird? Und umgekehrt kann Kristian noch so schöne Fotos machen wollen, sie funktionieren nicht, wenn die Ausarbeitung nicht stimmt. Wenn er meint, das Foto sei im Kasten, entdecke ich immer noch ein Detail, das nicht stimmt.
Klar ist Kristian oft von schönen Mädchen umgeben. Aber ich hatte nie das Gefühl, auf ein Model eifersüchtig sein zu müssen. Ich habe großes Vertrauen in ihn und in uns. Das merke ich schon daran, dass ich die Beziehung nie in Frage gestellt habe. Es ist toll, wie es ist. Was uns belasten könnte, wäre vielleicht, wenn wir keinen Erfolg mehr hätten. Wirklich gefährden würde das uns aber nicht. Wir können auch wochenlang nichts tun und uns amüsieren. Ich mag zum Beispiel, wenn Kristian Anekdoten aus seinem Leben erzählt, über seine Kindheit in Rumänien, seinen spannenden Vater, einen Dissidenten und Schriftsteller. Kristians Erzählungen und die Art des Ausschmückens spiegeln seinen Charakter: das Leben genießen mit einer großen Geste, mit Offenherzigkeit und Großzügigkeit. Das liebe ich.
Der "Herzog von Holstein" ist an diesem Morgen erst ein wenig unwillig, aber dann macht das Pferd doch, was die Dressurreiterin Alexandra Stich, 42, von ihm verlangt. Begleitet von ihrem Mann Michael, 43, dem früheren Tennisprofi und Wimbledon-Sieger, trainiert sie auf dem Gelände des Elbdörfer und Schenefelder Reitervereins bei Hamburg. Geheiratet hat das Paar vor sieben Jahren auf Sylt mit vielen prominenten Gästen und üppiger Berichterstattung in den bunten Blättern.
"Wir sind uns selber genug"
ALEXANDRA STICH
In Michael habe ich jemanden gefunden, mit dem es eine reelle Chance gibt, gemeinsam alt zu werden. Es sei denn, es passiert etwas ganz Furchtbares. In der Art, wie wir als Paar unser Leben ausrichten, denken wir gleich. Und wir können auch gut streiten! Man muss sich die Meinung sagen können, ohne dass es destruktiv wird.
Man kann jemanden noch so sehr lieben, aber wenn man vieles unterschiedlich sieht, wird es schwierig. Das können banale Dinge sein, wenn zum Beispiel der eine sehr tierlieb ist, dem anderen aber Tiere ganz egal sind. Dann möchte der eine vielleicht einen Hund haben, und der andere ist dagegen. Egal wie man sich entscheidet, wird dem einen mehr abverlangt als dem anderen. Solche Konflikte können einen im Alltag ganz schön beschäftigen, davon darf es in einer Partnerschaft auf Dauer nicht zu viele geben.
Michael und ich, wir sind uns selber genug. Wir könnten wirklich zwei Wochen zu Hause bleiben, mit einem gut gefüllten Kühlschrank und einem vernünftigen Fernsehprogramm, ohne dass uns etwas fehlt. Nach all den Jahren können wir uns immer noch sehr gut miteinander beschäftigen, es macht uns auch Freude, einfach nur still nebeneinander zu sein. Michael liest viel, ich bin nicht so eine Leseratte, ich räume vielleicht Schubladen auf und beschrifte meine Kartons. Natürlich haben wir auch gern Besuch zu Hause oder gehen aus, aber wir müssen nicht dauernd Partys feiern.
MICHAEL STICH
"Traumpaar", das ist eine Definition von außen. Wie viele "Traumpaare" gibt es, die von den Medien gemacht wurden und heute keine Paare mehr sind! Für mich ist es total normal, dass man als Ehepaar liebevoll miteinander umgeht, da müssen keine Fotografen und Fernsehkameras in der Nähe sein. Das ist bei uns wie bei jedem Paar, wir wollen glücklich und zufrieden unser Leben leben. Und das tun wir.
Je länger man zusammen ist, umso tiefer werden die Gefühle. Der Partner wird zur Bereicherung des Lebens. Es tut auch gut, voneinander zu lernen. Früher gab es öfters mal Streit wegen Alexandras Unpünktlichkeit, eine halbe Stunde Warterei nervt mich einfach, aber sie hat sich da schon ziemlich geändert. Ich war nicht der Ordentlichste, und neulich hatte ich geradezu einen Aufräumwahn, weil ich heute weiß, das tut mir gut. Das ist eine schöne Erfahrung: Man ändert sich, aber nicht, um es dem Partner recht zu machen, um von ihm gelobt zu werden, sondern aus einer Art Einsicht.
Unser stärkstes Band ist die Liebe. Aber kann man die Liebe beschreiben? Sie ist einfach da, auch ohne Worte.
"Jeder entwickelt sich"
Trauzeuge bei der Hochzeit 2003 war Günther Netzer, Gerhard Dellings jahrelanger Widerpart beim Fußballkommentar. Seit 2009 moderiert ARD-Mann Delling, 53, auch die "Sportschau", seit 2011 ist er Chefmoderator beim "Wochenspiegel". Seine Frau Isabelle, 49, schreibt für Zeitschriften und moderiert Nachrichten im Digitalkanal Eins-Extra. Die beiden haben eine Patchworkfamilie mit vier Kindern.
ISABELLE DELLING
Das anfängliche Verliebtsein hat bei uns sehr lange gedauert, mehrere Jahre - ich kannte das bisher so gar nicht. Es hat sich dann in eine freundschaftliche Liebe verwandelt. Wir sind noch immer sehr eng zusammen, das ist schon sehr außergewöhnlich. Was ich an ihm besonders mag, ist seine Geradlinigkeit, seine Authentizität. Er ist liebenswert, herzensgut, ehrlich, sensibel.
Wir beide finden es schön, wenn die Kinder um uns herum sind. Und zwischendurch mal ein paar Momente zu zweit finden sich immer. Wir sind ja eine Patchworkfamilie. Wenn man sich neu zusammenwürfelt und alte Familien auseinandergerissen werden, muss man sehr vorsichtig sein. Bis sich alles zurechtruckelt, dauert es ein paar Jahre. Aber wir haben das, so glaube ich, ganz gut hinbekommen.
Was uns dabei geholfen hat? Es ist eine große Toleranz füreinander da. Jeder entwickelt sich - und wenn sich einer von beiden in eine Richtung entwickelt, die der andere nicht gut findet, muss man sich auch mal aneinander reiben. Im Streit merkt man, ob man eine Weile vielleicht doch nicht so aufeinander geachtet hat.
Für die Beziehung ist es wichtig, Dinge zu tun, die dem anderen gefallen. So spielen wir ab und zu mal Golf, obwohl ich das nicht gern mache. Er geht mit mir ins Kino, das ist meine Leidenschaft. Mal muss er über die Philosophie von Immanuel Kant sprechen. Mich faszinieren zurzeit die starken Frauen im 19. Jahrhundert. Das interessiert ihn eigentlich überhaupt nicht, denke ich.
Er ist von Anfang an viel weg gewesen. Das war aber für mich nie ein Problem. Natürlich vermisse ich ihn. Am Anfang haben wir extrem oft telefoniert - und immer noch rufen wir uns mehrmals täglich an. Ich weiß, dass er gern 24 Stunden am Tag mit mir zusammen wäre. Ich wiederum genieße es sehr, dass er diesen Wunsch hat. Das ist doch wunderschön.
GERHARD DELLING
Von Anfang an hatten wir uns viel zu sagen. Natürlich gibt es mal Missverständnisse und Streit. Wir versuchen dann beide, es nicht laut werden zu lassen, aber es kann sein, dass die Fetzen fliegen. Letztlich ist Streit etwas Konstruktives: Ich möchte ja aus Problemen lernen - und sie künftig vermeiden. Ich bin jemand, der Dinge besprechen muss und möchte. Da ist Isabelle eine wirkliche Bereicherung, eine so intelligente, selbständige, selbstbewusste und emotionale Frau, mit der ich mich auseinandersetzen kann.
Eine wohlwollende Kritik von ihr ist mir viel wert - auch beruflich. Aber wir reden nicht jeden Tag über den Beruf. Dafür passiert zu viel, was die Kinder anbelangt. In einer Familie ist es eine Hauptaufgabe, Zeit und Kräfte so zu verteilen, dass alle gut damit leben können. Das Wichtigste ist, dass so viel Liebe da ist, dass man immer wieder aufeinander zugeht.
Ich bin beruflich viel unterwegs. Doch Distanz von meiner Frau benötige ich überhaupt nicht. Sie sieht das ein bisschen differenzierter, glaube ich. Aber wenn es nach mir ginge, könnten wir 24 Stunden am Tag zusammen sein.
"Geistig sehr nah"
Mariss Jansons, 69, steht in München auf der Bühne und probt mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und der Stargeigerin Anne-Sophie Mutter. Seit 2003 ist er Chefdirigent. Außerdem leitet der gebürtige Lette das Concertgebouw-Orchester in Amsterdam. Im Dirigentenzimmer sitzt seine russische Frau Irina. Schüchtern sei sie, heißt es, und wünscht vor dem Interview unbedingt ein persönliches Treffen. Doch sie wirkt eher aufgeschlossen, hellwach und freundlich. Sie ist wohl die Prüfende, Rationale von beiden. Das Interview selbst führen sie von ihrem Sankt Petersburger Zuhause aus. Irina kann kein Deutsch, kaum Englisch, Mariss übersetzt für sie.
MARISS JANSONS
Es war im Sommer 1985, als wir uns kennenlernten. Es war auf der Halbinsel Krim am Schwarzen Meer. Eines Tages begegneten wir uns am Strand - und da spürten wir gleich eine große Sympathie. Nach dem Sommer trafen wir uns in Sankt Petersburg wieder. Heute leben wir gemeinsam dort, wenn wir nicht gerade unterwegs sind. Mein Beruf verlangt viele Reisen. Dazu kommt: Ich brauche sehr viel Aufmerksamkeit, fast wie ein Kind. Viele Künstler sind so. Das alles hat sie verstanden - und ein Opfer gebracht: Sie hat ihren Beruf als Ärztin aufgegeben. Nicht jede Frau würde das machen.
Heute kann ich nicht ohne Irina sein. Ich vermisse sie schon, wenn wir gemeinsam zu Hause sind, aber ich in einem Zimmer arbeite und sie in einem anderen sitzt und liest. Wenn ich sie danach wiedersehe, bringt mir das Freude. Sie ist eine sehr intelligente und schöne Frau - auch das ist für mich als Mann interessant.
Manchmal ist es ja am Anfang einer Beziehung schwierig, zwischen Liebe und Leidenschaft zu unterscheiden. Ich glaube, Liebe inkludiert Leidenschaft. Liebe ist schwer zu beschreiben - es ist vielleicht eine sehr starke Neigung zueinander in verschiedenen Erscheinungsformen, eine Kombination vieler Gefühle. Vor allem ist es eine Sache des Herzens, eine innere und spirituelle Angelegenheit.
Ich liebe Irina. Es ist ein großes Glück für mich, dass ich sie getroffen habe. Wenn zwei Menschen so lange zusammen sind, ist da eine gemeinsame innere Welt entstanden. Wir haben ein gemeinsames Denken - und einen gemeinsamen Glauben. Der Mensch braucht unbedingt geistige Nahrung. Das ist Kunst und Religion. Nur das kann Seelen vereinen. Irina und ich sind uns geistig sehr nah. Das ist eine starke Basis für die Ehe.Sie ist meine beste Ratgeberin, versteht viel von Musik. Wir sind sehr offen und ehrlich zueinander. Also nicht unbedingt direkt nach dem Konzert. Sie weiß schon, dass ich da zu sehr aufgewühlt bin. Doch wenn wir später nach Hause gehen, fangen wir an, den Abend zu analysieren. Wir haben keine Geheimnisse voreinander. Ich denke, dass Lügen die Liebe erschüttern können. Ich bin ja sehr eifersüchtig. Doch ich habe ein großes Vertrauen in uns beide.
IRINA JANSONS
Dass ich meinen Job aufgegeben habe, war kein Opfer. Ich wollte mit Mariss zusammen sein, und da gab es keine andere Möglichkeit. Er war ja schon damals ein gefragter Dirigent. Über diese Entscheidung bin ich jeden Tag glücklich. Es fühlt sich für mich an, als könne ich nicht ohne diesen Mann leben. Wenn ich auf ihn warten muss, wenn er probt oder sich mit den Musikern bespricht, lese ich Bücher oder habe etwas anderes zu tun. Mir ist nie langweilig.
Ich verstehe, dass er viel arbeiten muss. Aber manchmal versuche ich, ihn zu bremsen. Seit seinem Herzinfarkt vor 16 Jahren achte ich etwas mehr darauf, dass er gesund lebt. Ich versuche ihn zu erinnern, dass er nicht so viel Süßes isst, nicht zu viel Fett - und dass er spazieren geht. Vielleicht kommt da auch wieder die Ärztin in mir durch. Dieser Schicksalsschlag hat uns einander noch nähergebracht.
Am meisten genieße ich unsere Urlaube. Wir haben in der Schweiz eine kleine Wohnung und eine Datsche auf dem Land bei Sankt Petersburg. Das ist mein größtes Glück, weil ich ihn da nur für mich habe.
Nach den Vorstellungen ist er ja stets von vielen Leuten umgeben. Und er hat viele Verehrerinnen. Er gehört zu den Männern, die mit dem Alter immer interessanter aussehen. Da versuche ich, nicht eifersüchtig zu sein. Doch als Frau eines Dirigenten ist das nun einmal sehr schwierig. Ich versuche dann, philosophisch damit umzugehen. Eifersucht ist eigentlich ein egoistisches Gefühl.
AUFGEZEICHNET VON CHRISTINA BERR

SPIEGEL WISSEN 2/2012
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