30.10.2012

Ein Rucksack für die letzte Last

Als Ehrenamtlicher begleitet Heinz Eggert Sterbende in den Tod - Einblicke in seine Arbeit im Hospiz. | Von Manfred Dworschak
ABER AUS MITLEID müssen Sie nicht kommen!" Das hört Heinz Eggert, 66, oft, wenn er sich ans Bett eines Sterbenden setzt. "Mitleid? Da müsste ich woanders hin!", dröhnt Eggert dann gern. Soll heißen: das bisschen Sterben - in der Liga des Elends doch eher Mittelfeld!
Eggert ist ein breiter, lauter Mann; er war mal Pfarrer in der DDR, engagierte sich in der Bürgerbewegung, nach der Wende wurde er Innenminister von Sachsen, später Fernsehmoderator, ein politischer Kraftmensch. Jetzt ist er Rentner und bringt Stunden in stillen Zimmerchen zu, wo ihm Todgeweihte mit schwacher Stimme aus ihrem Leben erzählen. Eggert hört zu und hält Hände.
Es war ihm ein Herzenswunsch, sagt er, nach all dem politischen Getriebe: "Ich wollte wissen, dass ich als Mensch noch da bin." Vor fünf Jahren fing er an im Hospiz Siloah des sächsischen Städtchens Herrnhut. Er gehört dort zu einer kleinen Schar ehrenamtlicher Helfer, die den Sterbenden zur Seite stehen. Der übliche Vorbereitungskurs wurde dem gelernten Seelsorger erlassen.
Wenn ein Patient ihn um Begleitung bittet, rückt Eggert an, "ohne Ansehen der Person". Und der Anschein von Mildtätigkeit soll gar nicht erst aufkommen. "Ich komme, weil sich das so gehört", sagt er den Unsicheren. "Ich will ja auch nicht allein sterben."
Zuletzt hatte er eine schwierige Mission. Ein Ehepaar war eingeliefert worden, Mann und Frau zugleich auf den Tod erkrankt - eine krasse Ironie des Zufalls angesichts einer offenbar zutiefst gespaltenen Familie: Die Kinder besuchten nur die Mutter. Der Vater, sagten sie, sei zeitlebens gewalttätig gewesen. Ausgerechnet dieser Mann aber wollte nun von Eggert begleitet werden.
Der überwand sich und nahm an. Die Eheleute starben kurz hintereinander, unversöhnt. Hätte Eggert dem Mann nicht ins Gewissen reden können? "Dafür wusste ich doch viel zu wenig über diese Familie", sagt er. Selbstbescheidung sei die erste Tugend des Sterbebegleiters. Er sollte nicht den Ehrgeiz haben, in fremden Schicksalen herumzuwirtschaften, so kurz vorm Ende.
JEDER STIRBT ANDERS. Die einen, von Schuldgefühlen geplagt, wollen unbedingt noch alles ins Reine bringen; andere weigern sich, auch nur wahrzuhaben, dass es bald zu Ende geht. Auch gut, findet Eggert, dann reden wir eben einfach so. Unter Begleiten versteht er, auf alle Wendungen gefasst zu sein. Und auszuhalten, dass er gegen den Tod selbst nichts tun kann.
Er hat einen Sportler begleitet, der schon mit 27 Jahren sterben musste. Er konnte aber auch ein bisschen Freude in die letzten Tage eines Kettenrauchers bringen, der sonst niemanden hatte. "Holger war ein schwieriger Typ", sagt Eggert, "schon zu DDR-Zeiten nicht vermittelbar."
Sie redeten viel, am längsten über Holgers unerfüllten Traum, zur See zu fahren. Weil der Mann so sehr nach Zigaretten verlangte, besorgte ihm Eggert einen kleinen Vorrat. Sie verbrachten noch ein paar gute Tage miteinander. Vier Päckchen blieben am Ende ungeraucht.
Das Redebedürfnis sei meist groß, sagt Eggert. "Ich erfahre da Sachen, von denen nicht einmal die Familie weiß." Dem Begleiter, so glaubt er, öffnen sich die Sterbenden leichter; er ist ein neutraler Dritter, ihm können sie unbesorgt aufladen, was sie Nahestehenden nicht zumuten würden. "Ich biete dir einen Rucksack an", sagt Eggert ihnen, ganz der gelernte Seelsorger. "Leg einfach alles rein, ich werde es niemals auspacken."
Mit den Angehörigen und Freunden redet der Sterbebegleiter grundsätzlich nicht, ihre Welt ist eine andere. Oft genug hat er erlebt, wie Besucher mit Grabesmiene ins Zimmer geschlichen kommen: "Da erschrickt der Sterbende doch zu Tode." Aber wenn die Trauer sie nun einmal niederdrückt? "Zu früh!", sagt Eggert. "Das Sterben ist doch Teil des Lebens. Um ihn weinen können sie, wenn er tot ist."
SOBALD GEWISS IST, dass ein geliebter Mensch bald stirbt, beginnen die Angehörigen oft, sich unbewusst von ihm zu lösen. Sie stellen sich auf die Zeit nach seinem Tod ein, voller Verzweiflung darüber, wie sehr er ihnen fehlen wird. Manchmal verstört es sie dann fast, dass er ja noch immer da ist. Der Begleiter hingegen begegnet dem Menschen unbefangen, weil er mit ihm nicht verstrickt ist. Deshalb trifft es ihn nicht so hart, wenn den Sterbenden die Angst vorm Ende quält, er kann unbelastet mit ihm möglichst gute Stunden verbringen. Eggert versucht das nach Kräften. "Manchmal gebe ich den Leuten Hausaufgaben. Ich sage, lass uns morgen mal über die glücklichsten Momente in deinem Leben reden." Er will, dass die Leute schöne Erinnerungen hervorholen, die das ganze Leben vom Ende her aufhellen. Fast immer gelingt der Trick. "Auch einer, der mich gleich durchschaute, hat dann doch die halbe Nacht überlegt."
Den meisten Bewohnern des christlichen Hospizes bleiben nur noch Tage, vielleicht Wochen. Sie bekommen Schmerzmittel, damit sie nicht leiden müssen, je nach Krankheitsverlauf oft in steigender Dosierung. Zuletzt dämmern sie deshalb immer wieder weg, halb betäubt vom Morphium.
Manchmal bleibt der Begleiter trotzdem sitzen, erzählt den Schlummernden vom Wetter draußen oder liest ihnen ein wenig vor. Einem Bergsteiger brachte er Psalmen mit, in denen Berge vorkommen. Eggert ist überzeugt, dass auch ein erlöschender, delirierender Geist mehr mitbekommt, als man denkt.
In ihren letzten Tagen schlafen die Sterbenden immer länger. Wenn alles gutgeht, gleiten sie irgendwann ohne allzu große Schmerzen aus dem Leben. "Vier Menschen sind gestorben, während ich an ihrem Bett saß", sagt Eggert. "Ich habe nie etwas davon bemerkt."
Von Manfred Dworschak

SPIEGEL WISSEN 4/2012
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