30.10.2012

Digitales Herbstlaub

Ob Online-Friedhöfe, Trauerportale oder Grabsteine mit QR-Code - der Tod ist längst im Netz angekommen. Von Alexander Kühn und Malte Laub
ALS MARIUS STARB, hatte er alles vorbereitet: seinen Abschied wie auch sein digitales Weiterleben. Marius hatte seine Beerdigung geplant, Freunden über das Netzwerk SchülerVZ letzte Grüße geschickt und seine eigene Gedenkseite im Internet angelegt.
Als die Ärzte den Tumor in seinem Rücken entdeckt hatten, maß dieser schon 17 Zentimeter. Marius, der Fußballer, der Langstreckenläufer, kämpfte acht Monate lang. Vor zwei Jahren siegte der Krebs über den mittlerweile gelähmten 13-Jährigen.
Bis zum letzten Tag pflegte seine Familie ihn in ihrem Haus in Freiburg. Eine Zeit, an die Sigrid Muselewski, seine Mutter, trotz allem gern zurückdenkt. Auch wegen der Fotos, die Marius während seiner Erkrankung ins Netz stellte: er im Rollstuhl und vom Cortison gezeichnet auf dem Dach des Reichstags, er am Strand von Gran Canaria oder im Cockpit eines Hubschraubers, den er unter Aufsicht auch mal selbst steuern durfte.
Mit seinem kleinen Album wollte er anderen Familien mit kranken Kindern Mut machen; man findet es über die Homepage des Vereins "Familien in Not Freiburg", gegründet von Marius und seiner Mutter in seinen letzten Monaten.
"Die Seite ist heute noch so, wie Marius sie hinterlassen hat", sagt Sigrid Muselewski. Nur die Bilder vom buntbemalten Sarg und vom Grab hat sie hinzugefügt. Immer wieder besucht sie ihren Sohn online, schaut sich die Fotos an, hört dort seine Lieblingslieder: "You never walk alone" von Mathou oder "Für immer jung" von Bushido und Karel Gott.
Die Mutter sagt, das Internet mache ihr das Trauern leichter. "Die Seite tut mir gut, ich lächle, wenn ich die Bilder sehe. Hier ist Marius lebendig. Der Friedhof dagegen steht für den Tod. Am Grab überkommt es mich." Ist Trauer am Computer weniger wert als Trauer am Grab?
Im Internet fällt vieles leichter als in der realen Welt, man kommt und geht und ist niemandem Rechenschaft schuldig, man ist bei sich und dennoch Teil der Masse, gibt Intimes preis und bleibt zugleich in Deckung. Das Netz ist der perfekte Ort für Ersatzhandlungen, es verspricht Freundschaften ohne Verpflichtungen, Sex ohne Körperkontakt - und eben auch Trauer light.
Wie kondoliert man auf Facebook, vor Publikum? Natürlich fällt es einem ungleich leichter, ein fröhliches Kinderfoto oder einen zum Positiven veränderten Beziehungsstatus zu kommentieren als den Verlust eines Freundes. "R.I.P.", "Mach's gut"? Einen Smiley mit hängenden Mundwinkeln hinterlassen? Oder doch lieber digital schweigen - und stattdessen einen handgeschriebenen Beileidsbrief schicken?
"Trauer im Netz ist noch etwas sehr Ungewöhnliches", sagt der Software-Entwickler Anton Stuckenberger. Mit dem Journalisten Martin Kunz wollte er vor fünf Jahren anlässlich eines Klassentreffens eines verstorbenen Mitschülers im Internet gedenken. Weil ihnen keines der bestehenden Trauerportale würdevoll genug erschienen war, gründeten sie selbst eines.
Heute ist emorial.de der größte deutsche Online-Friedhof. Von der Startseite, wo in diesen Tagen digitales Herbstlaub fällt, gelangt man zu 300 000 privaten Gedenkseiten. Hinterbliebene bestücken sie mit Bildern und Videos aus glücklichen Tagen oder entflammen per Klick eine virtuelle Kerze, die dann eine Woche lang brennt. Mehrere hundert Seiten haben Stuckenberger und Kunz für verblichene Berühmtheiten angelegt, für den Pionier des Buchdrucks Johannes Gutenberg genauso wie für den Pfleger des Eisbären Knut.
Auch das Trauerportal strasseder besten.de geht auf ein persönliches Bedürfnis zurück. Ein Programmierer und ein Webdesigner legten es an, nachdem die Frau eines Freundes in der Schwangerschaft ihr Kind verloren hatte. Die 20 000 virtuellen Gedenkstätten sind aufgeteilt in muslimische und jüdische Gräber etwa oder solche für totgeborene Kinder. In einem Trauerforum kann man das Gespräch mit anderen Angehörigen suchen.
Weil das Gedenken im Web kein Ersatz für reale Gräber sein kann, zeigen manche Portale auf einer Google-Map-Karte die Lage des echten Friedhofs an. Umgekehrt bietet ein Steinmetz aus Köln neuerdings Grabsteine an mit einem QR-Code, den man mit dem Smartphone oder dem Tablet-Computer abfotografieren kann, um zur virtuellen Gedenkstätte des Toten zu gelangen.
Online-Gräber werden mühelos per Mausklick geschmückt, der Gang zum Blumenladen entfällt, ebenso das Gießen. Viele von ihnen sind überladen mit Engelchen, Vögelchen, Sternchen, Bildchen, Herzchen. Jenseits aller ästhetischen Kriterien ist erlaubt, was dem Trauernden hilft - und nicht gegen gute Sitten verstößt.
Kaum jemand kümmert sich zu Lebzeiten um seine postmortale Präsenz im Netz, so wie es der 13-jährige Marius Muselewski getan hat. Er legte vor seinem Tod nicht nur die Seite mit Fotos von sich an, sondern überließ seiner Mutter auch das Passwort für seine E-Mails und das für SchülerVZ. Auf Bitten seiner Freunde hat sie seinen Eintrag dort bestehen lassen.
Marius hatte sich Rat bei der Trauerbegleiterin Birgit Janetzky geholt, die mit ihm auch die Beerdigung plante. Mit ihrer Firma "Semno" hat sie sich auf Online-Trauer spezialisiert. Meist wird sie gebeten, Festplatten und Datenspeicher Verstorbener zu durchsuchen, um herauszufinden, wo diese online waren. Ihre Auftraggeber sind oft Eltern verstorbener Jugendlicher. Sie müssen dann entscheiden, ob sie die Accounts löschen oder sie weiterpflegen wollen, etwa um über soziale Netzwerke zu den Freunden ihrer Kinder Kontakt zu behalten.
MAILS EINES TOTEN zu sichten ist mitunter so intim wie das Blättern in fremden Tagebüchern. Entsprechend schwierig gestalten die Provider Angehörigen den Zugang. Wer bei Web.de oder GMX das Postfach auflösen will, muss die Sterbeurkunde des Nutzers vorlegen; um Zugang zu den Mails zu erhalten, bedarf es des Erbscheins. Das US-Unternehmen Google gibt die Zugänge für G-Mail-Konten oder für Google+ erst heraus, wenn ein amerikanisches Gericht es dazu verpflichtet. "Wir setzen die Hürden bewusst hoch, denn der Nutzer hat Vertrauen in uns gesetzt, als er das Konto eröffnet hatte", sagt die deutsche Google-Sprecherin Lena Wagner. "Es könnte ja sein, dass im Postfach auch E-Mails seiner Geliebten zu finden sind."
Facebook dagegen stellt es den Angehörigen frei, gegen Vorlage einer Sterbeurkunde den Account zu löschen oder ihn ohne amtliche Dokumente umwandeln zu lassen in einen Gedenkzustand. Der Verstorbene wird dann niemandem mehr als Kontakt vorgeschlagen. Die Seite aber bleibt seinen Freunden erhalten, und sie können dort noch Nachrichten hinterlassen. Doch nicht immer besteht unter den Trauernden Einigkeit über die Verwaltung des digitalen Erbes.
Im Mai 2010 verstarb ein Sportjournalist, der für eine Tageszeitung in Süddeutschland gearbeitet hatte. Er hatte unter einer Gefäßkrankheit gelitten, die ihm das Gehen schwermachte, doch sein Tod kam unerwartet. Er wurde 44 Jahre alt. Weil sein Sohn in der Schule immer wieder auf die noch aktive Facebook-Seite seines verstorbenen Vaters angesprochen wurde, entschlossen sich die Lebensgefährtin und die Eltern des Toten, das Profil zu löschen. Zwei Freunde, die ihm häufiger bei PC-Problemen geholfen hatten, kannten sein Passwort.
Doch kurze Zeit später tauchte das Profil wieder auf. Wie sich herausstellte, hatte sich die seit längerem von ihm getrennte Frau des Journalisten fast gleichzeitig bei Facebook gemeldet: Sie wollte ihn sich wenigstens im Netz erhalten und sicherte sein Profil - im Gedenkstatus.
Von Alexander Kühn und Malte Laub

SPIEGEL WISSEN 4/2012
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