07.05.2013

Wir Gottlosen

Was bedeutet es, wenn Religion für die meisten Menschen keine Rolle mehr spielt? Eine teilweise esoterische Familiengeschichte.
MEINE MUTTER TRAT aus der Kirche aus, als sie mit mir schwanger war. Sie ging dafür zu einem Amt im Stadtbezirk Prenzlauer Berg, Ost-Berlin, wohin genau, das weiß sie nicht mehr. Es war kein bedeutsamer Tag für sie. Sie erledigte nur etwas, was sie schon lange erledigen wollte.
Sie war 23 Jahre alt. Bevor sie in die Schule kam, hatte sie vor dem Einschlafen manchmal gebetet, das war ihre letzte Erinnerung an so etwas wie ein religiöses Gefühl. Meine Großeltern hatten sie taufen lassen, weil man das in ihrer Kleinstadt im Erzgebirge damals noch so machte. "Selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren", stand auf der Karte, die der Pfarrer meiner Mutter nach ihrer Konfirmation überreichte.
Aber sie hörte da schon nichts mehr von Gott.
Die Karte hob meine Mutter trotzdem auf, sie holt sie aus einer Kiste mit alten Kalendern und Briefen, "Lukas 11, 28", steht unter dem Spruch.
Für mich ist das einer der vielen merkwürdigen Codes, die meine Mutter inzwischen umgeben. Ich weiß, dass die Zahlen auf einen Vers in der Bibel hinweisen, eine Stellenangabe, so wie ich weiß, dass der Elefant aus Porzellan, der auf der Garderobe steht, etwas mit dem Hinduismus zu tun hat. Über der Eingangstür hängt ein Yin-und-Yang-Symbol, an der Wand gegenüber kleben zwei chinesische Schriftzeichen, darunter steht: "Karma".
Ich habe die Bibel nie gelesen, ich kenne mich nicht im Hinduismus aus und habe nur eine vage Vorstellung von dem Begriff "Karma". Für meine Mutter ist dieser Begriff in den letzten Jahren ziemlich wichtig geworden, ähnlich wie "Wiedergeburt" und "Energie".
Es handelt sich um eine Energie, die man aus der Luft aufnehmen kann, wenn ich meine Mutter richtig verstehe.
Als sie aus der Kirche austrat, war mit alldem nicht zu rechnen. Sie war nach dem Abitur nach Ost-Berlin gezogen, eine aufregende, moderne Großstadt, wie sie fand. An der Fachschule für Außenwirtschaft lernte sie meinen Vater kennen, der die Beatles liebte, Jeans aus dem Westen trug und noch nicht mal getauft war. Sie heiratete ihn in einem weißen Minikleid und ohne Pfarrer.
Dann wurde ich geboren, ihr erstes Kind, natürlich ließ sie mich nicht taufen. Wir waren jetzt eine ganz normale Familie. Eine ungläubige Familie hieß das in den siebziger Jahren in Ost-Berlin. Die Menschheit hatte sich weiterentwickelt, sie hatte begriffen, dass es niemanden gibt, der sie vom Himmel aus überwacht. Wir hatten alles selbst in der Hand. So ähnlich lernte ich es, als ich in die Schule kam. Übersinnliches brauchten wir nicht mehr. Vor dem Einschlafen betrachtete ich die Buchstaben des Alphabets, die meine Mutter an die Wand im Kinderzimmer gemalt hatte. Leere Wände mochte sie nie.
"Ich glaube nicht an Gott und habe nie geglaubt: 59,4 Prozent." Im vergangenen Jahr veröffentlichte die Universität Chicago eine Studie über den Unglauben in der Welt. Das Land, das dabei vorn lag, gibt es nicht mehr, die Forscher nannten es "Deutschland (Ost)". Für "Deutschland (West)" ermittelten sie einen Wert im hinteren Mittelfeld, 9,2 Prozent. Die Zahlen basieren auf Umfragen aus dem Jahr 2008, aufgelistet werden 29 Länder, Deutschland trennten die Forscher wieder.
Die DDR war weg, aber sie hatte riesige Mengen an verlorenen Seelen hinterlassen. Solche Kommentare gab es.
Nachdem die Studie erschienen war, las ich Artikel in deutschen Zeitungen, die sich plötzlich wieder Sorgen um den Osten machten, Interviews mit ratlosen Kirchenleuten. Und vor ein paar Wochen, vor dem Osterfest, erschienen Reportagen aus dem Krisengebiet. Was war da drüben los?
"Ich glaube nicht an Gott", in diesem Moment, das sagten 52,1 Prozent der Ostdeutschen, in derselben Studie, ein weiterer weltweiter Spitzenwert. Was das bedeutet, ist nicht so leicht zu sagen, weil selbst meine Mutter, die zwischen Yin-und-Yang-Symbolen und Hindu-Elefanten lebt, diesem Satz zustimmen würde.
Ich werde oft gefragt, welcher Religion ich angehöre. Gar keiner, sage ich dann.
Und deine Eltern?
Die auch nicht.
Seid ihr Atheisten?, fragen sie.
Atheismus. Klingt wie eine Krankheit, dachte ich, als ich das zum ersten Mal hörte. Das muss in den neunziger Jahren gewesen sein. Meine Eltern hatten mir nie gesagt, dass wir Atheisten seien. Sie hatten ja nicht mal gesagt, dass wir nicht an Gott glauben.
"Atheismus: Weltanschauung, die die Existenz (eines) Gottes verneint bzw. bezweifelt", steht im Duden. Eine Weltanschauung, mir erscheint das noch zu groß für das, was es war. An etwas, das es nicht gibt, kann man nicht zweifeln. Es gab nichts, wovon wir uns abgrenzen mussten.
Meine Eltern waren Sozialisten, als ich zur Welt kam. Sie mochten ihr kleines Land, die DDR, sie glaubten an die Idee. Aber es war keine neue Religion, sie hängten keine Bilder von Marx oder Lenin zu Hause auf, keine Ersatzheiligen.
Manchmal erzählte mir meine Mutter von Salvador Allende, dem Sozialisten aus Chile, und seinem schrecklichen Sturz. Sie habe geweint, als er starb, sagte sie. Ich sah meine Mutter nie weinen, dieser Allende musste ein unglaublicher Held gewesen sein. Als ich ein Bild von ihm sah, von einem älteren Herrn mit einer kantigen Brille, war ich ein wenig enttäuscht.
Ich musste an Allende denken, als mir meine Mutter vor kurzem von João de Deus erzählte.
João de Deus ist auch ein älterer Herr aus Südamerika. Das ist eigentlich alles, was ihn mit Allende verbindet. Und die Begeisterung, die meine Mutter für ihn empfindet.
João de Deus, der anders heißt, sich aber "Johannes von Gott" nennt, ist ein kleiner Mann aus Brasilien, auf Fotos wirkt auch er wenig beeindruckend. Er ist ein Geistheiler. Hunderte Menschen sollen jeden Tag an ihm vorbeiziehen, heißt es, so wie die Sowjetbürger früher am Leichnam von Lenin. Man kann Pauschalreisen zu João de Deus buchen.
Meine Mutter würde gern so eine Reise machen, zusammen mit ihrer Freudin Mandy, die auch aus dem Osten kommt und wohl zu den 52 Prozent gehört, von denen die Forscher aus Chicago annehmen, sie seien Atheisten. Sogar Bill Clinton, der ehemalige amerikanische Präsident, soll schon bei João de Deus gewesen sein, hat meine Mutter im Internet gelesen. Der Mann ist ein Star in der Szene der Gurus, schon deshalb will sie hin.
ALS KIND HATTE ICH KEINE AHNUNG, dass meine Mutter mal in der Kirche gewesen war. Kirchen waren Gebäude aus der Vergangenheit.
Die Kirche in Annaberg im Erzgebirge, in der meine Mutter, wie ich später erfuhr, konfirmiert worden war, gefiel mir wegen ihrer Steine. Sie hatten die Farbe von Ostseesand. Die Kirche war 500 Jahre alt, und mein Opa behauptete, die Maurer hätten damals Quark in den Mörtel gemischt.
Mein Opa war noch evangelisch, als Einziger aus der Familie, aber er weigerte sich, eine Kirche zu betreten. Er sagte, er sei nur noch in diesem Verein, "um die Roten zu ärgern". Es machte ihm Spaß, der DDR die Statistik zu versauen.
Niemand kann mir sagen, wann meine Familie vom christlichen Glauben abgefallen ist. Mein Opa habe nie an Gott geglaubt, sagt meine Oma. Und sie selbst? Das ist lange her, sagt sie. Als Kind wahrscheinlich, aber ob das ein echter Glaube war, sicher ist sie sich nicht. Meine Oma ist 84 Jahre alt. Schon ihre Eltern seien nicht sehr fromm gewesen, sagt sie. Sie waren in der Kirche, weil das so üblich war, eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Eine spirituelle war es für sie offenbar nicht.
In der DDR war es keine gesellschaftliche Notwendigkeit mehr, in der Kirche zu sein, im Gegenteil, es konnte Nachteile bringen. Wer an Gott zweifelte, dem fiel der Abschied nun leicht.
Mein Vater weiß nicht mal, welcher Kirche seine Mutter angehörte. Der russisch-orthodoxen vielleicht? Sie wurde in Moskau geboren, vor der Oktoberrevolution, sein Vater stammte aus Hamburg und sei dann wohl evangelisch gewesen, sagt er. Von Freimaurern war auch mal die Rede. Mein Vater wuchs in Warnemünde an der Ostsee auf. Er habe dort nie eine Kirche betreten, sagt er, bis heute nicht, warum auch?
Meine Eltern leben schon seit 30 Jahren getrennt, und wenn mein Vater meine Mutter mal besucht, steht er so ratlos zwischen den religiösen Zeichen wie ich.
MENSCHEN, DIE IN DER DDR tatsächlich in die Kirche gingen, hießen Christen. In meiner Klasse waren fünf oder sechs Kinder, die nachmittags Christenlehre hatten, eine Art Zusatzunterricht. Sie lasen dort in der Bibel. Interessanter fand ich, dass einige Kinder evangelisch, die anderen katholisch waren. Die katholischen Kinder bekamen im Christenunterricht manchmal Westschokolade. Am nächsten Tag legten sie ein Hanuta neben ihre Federtasche, um uns ein bisschen neidisch zu machen.
Über Gott redeten sie nicht. Vielleicht wollten sie nicht zu Außenseitern werden, zu Spinnern, die mit jemandem in Kontakt stehen, der im Himmel wohnt. So hätte ich das vermutlich gesehen. Im Himmel gab es Wolken, die aus verdunstetem Wasser bestanden, und Kosmonauten.
Weltall hieß der Himmel dann, war unfassbar weit, und bisher hatte man kein Leben außerhalb der Erde gefunden. Das stand in den Büchern über die Raumfahrt, die ich las. Manchmal legte ich mich auf eine Wiese und versuchte, die Krümmung der Erdoberfläche unter meinem Rücken zu spüren.
Wenn ihr nicht an Gott geglaubt habt, woran dann?, auch diese Frage höre ich oft.
An nichts, sage ich.
Nichts?
Manche Leute sehen mich an wie eine Extremistin, wenn sie das hören. Wenn Erwachsene die Kirche verlassen, am besten aus Protest gegen den Papst, ist das in Ordnung. Aber Kinder ohne Glauben, fast ein ganzes Land ohne Gott? Das klingt gefährlich. Da fehlt doch etwas. Ein Boden, eine Basis, wenigstens etwas, gegen das man sich auflehnen kann. Und was ist mit den guten Seiten der Religion, mit Werten und Moral?
Ähnlich argumentieren Freunde, die ihre Kinder auf christliche Schulen schicken wollen, obwohl sie selbst gar nicht an Gott glauben. Aber die schönen Werte! Als wären die ohne die Kirche so gut wie nicht zu bekommen.
In der "Welt" las ich ein Interview mit dem Schriftsteller Martin Mosebach. Es ging um den gottlosen Osten. Ich habe keine Ahnung, wie viele Leute der Schriftsteller dort kennt und was sie ihm getan haben, jedenfalls sagte er, die "seelische und auch die rationale Fülle des Menschseins" sei bei Ungläubigen "nicht gegeben". Selbstverständlich fühle er, ein Katholik, sich Muslimen näher als Atheisten.
DU SOLLST NICHT LÜGEN. Du sollst nicht stehlen. Das sagten meine Eltern mir und meinem Bruder auch, sie brauchten keine höhere Instanz, die ihnen die Arbeit abnahm. Keine Hölle, um uns zu erschrecken. Sie erklärten uns, dass wir anderen Menschen nicht schaden sollen. Zu großen Lügnern oder zu Dieben wurden wir nicht. Du sollst nicht morden. Du sollst deine Eltern ehren. Gibt es eine Gesellschaft, die ihren Kindern etwas anderes beibringt?
Ich wusste auch, dass ich anderen Menschen helfen soll. Der alten Dame, die allein im Erdgeschoss lebte. Den Kindern in anderen Ländern, denen es nicht so gutging wie uns, vorzugsweise in Ländern, die auf dem Weg zum Sozialismus waren. Statt Nächstenliebe hieß das Internationale Solidarität. Mir war egal, wie es hieß, ich strengte mich an, wenn wir Spenden für Nicaragua sammelten.
Nur von dem Gebot, die Ehe nicht zu brechen, ahnte ich nichts. Als sich meine Mutter von meinem Vater scheiden ließ, war ich wütend auf sie. Aber für eine Sünderin hielt ich sie nicht. Vermutlich zeigte sich da, Herr Mosebach, dass ich seelisch und auch rational schon etwas verkümmert war.
In dem Herbst, in dem die Mauer fiel, war ich 14 Jahre alt, in einem guten Alter, um meine Seele zu retten. Zum ersten Mal wollte ich unbedingt zum Gottesdienst gehen. Eine Schulfreundin nahm mich mit in ihre Gemeinde, die evangelische Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg. Die Gethsemanekirche war berühmt in diesen Wochen, wegen des Aufruhrs, der von ihr ausging, wegen der Mahnwachen für eine friedliche Wende in der DDR. Christen waren keine Sonderlinge mehr für mich, sondern coole Rebellen.
In den Gottesdiensten ging es wenig um Gott, viele der Leute schienen aus ähnlichen Gründen in der Kirche zu sein wie mein Opa. Um die Roten zu ärgern. Niemand versuchte, meine Seele zu retten oder mir wenigstens die Grundidee zu erklären.
Keine Missionsarbeit, warum auch, die Kirchen waren nun voll. Die Freiheit würde die Leute von allein zurückbringen, dachten die Gläubigen wohl.
Aber aus meiner Familie trat niemand wieder in die Kirche ein. Mein Opa überlegte nach der Wiedervereinigung sogar auszutreten.
Meine Mutter suchte eine Wahrsagerin auf, Anfang der neunziger Jahre, als sie Beistand gebrauchen konnte. Gleich nach dem Mauerfall hatte sie ihren Bürojob im Möbelkombinat verloren, sie hatte geputzt, in einem Kosmetikgeschäft ausgeholfen. Als sie wieder eine gute Stelle fand, war ihr Sicherheitsgefühl weg.
Auf dem Alexanderplatz tanzten Leute in orangefarbenen Kleidern, mit kahlgeschorenen Köpfen wie Skinheads, Hare Krishnas. Freunde erzählten mir, dass man bei denen essen könne, ohne bezahlen zu müssen. Mir waren die singenden Skinheads unheimlich. Genauso wie die Männer, die paarweise durch die Straßen zogen, Mormonen in dunklen Anzügen.
Religion ist Opium für das Volk, an diesen Satz von Marx erinnerte ich mich. Nun kamen die Dealer. Ich ging ihnen aus dem Weg. Die DDR war zwar verschwunden, aber im Himmel lebten weiterhin keine Geister. Es konnte nicht alles auf einmal falsch sein. Es gab wissenschaftliche Erkenntnisse. Daran hielt ich mich fest.
Ich hätte meine Mutter auch vor der Wahrsagerin gewarnt, aber sie hat mir erst später davon erzählt. Eine neue Kollegin, die auch aus Ost-Berlin kam und entschlossen war auszuprobieren, was der Westen zu bieten hatte, hatte sie mitgenommen. Die Wahrsagerin schaute meiner Mutter in die Hand und sagte ihr, dass sie einen Schutzengel habe. Er heiße Gabriel.
Der Erzengel Gabriel, das habe ich nachgeschaut, kommt im Lukas-Evangelium vor, aus dem auch der Konfirmationsspruch meiner Mutter stammt. Ein Zufall, den sie nicht mal bemerkte, weil sie nicht lange über den Engel nachdachte.
Sie merkte sich einfach den Namen. Gabriel. Der Engel gab ihr ein gutes Gefühl, sie kann bis heute nicht erklären, warum.
Als Nächstes kamen die "Fünf Tibeter" in ihr Leben. Ein Buch mit diesem Titel lag bei uns zu Hause herum, gymnastische Übungen, sagte meine Mutter. Im Morgengrauen turnte sie im Wohnzimmer und versuchte, ihre sieben Chakren zu öffnen, damit die Energie besser fließen konnte.
DER WESTEN HATTE eine Menge zu bieten, "Sorge dich nicht, lebe"-Bücher, Trennkost, Kristallkugeln, Herzöffnungen. Ich hatte den Kapitalismus für eine nüchterne, rationale Gesellschaftsform gehalten.
Nach einigen Monaten mit den "Fünf Tibetern" habe sie gespürt, wie sich etwas in ihr veränderte, sagt meine Mutter. Die Chakren, möglicherweise.
Seitdem fällt es mir schwer, den Überblick über ihre Energieströme zu behalten. Man sieht ihr übrigens nichts an, sie trägt keine weiten Gewänder, sie verlässt das Haus weiterhin nicht, ohne roten Lippenstift aufzutragen. Sie ist die eleganteste Esoterikerin, die ich kenne. In Geistheiler-Seminaren fällt sie manchmal negativ auf, weil sie nicht nur ihr Inneres, sondern auch ihr Äußeres pflegt. Die Leute ahnen nicht, dass eine wie sie den ersten Reiki-Grad hat und sich mit "japanischen Heilströmen" auskennt. Meine Mutter hat das "Tibetische Totenbuch" gelesen, die Kabbala für sich entdeckt und ab und an bei einer Hotline angerufen, die Astrologen und Hellseher vermittelt.
Wenn ich Kopfschmerzen von diesen Geschichten bekomme, fragt sie, ob sie mir ihre Hände auflegen soll. Eine Zeitlang versuchte ich, ihr diese Dinge auszureden. Ich probierte es mit wissenschaftlichen Argumenten, mit Studien. Ich hatte einfach keine Ahnung, was Glaube ist.
Von einem Masseur, den meine Mutter in ihrem Sportstudio kennenlernte, bekam sie die Telefonnummer einer jungen Frau aus Brandenburg, "ein Medium", sagte der Masseur.
Es ging meiner Mutter nicht gut, ihre Glieder schmerzten, Knie, Füße, der Ischiasnerv, kein Orthopäde konnte helfen. Sie vermisste ihren Vater, der ein Jahr zuvor gestorben war. Vor meinem Bruder und mir wollte sie immer noch nicht weinen.
LIEBER RIEF SIE das Medium an, 60 Euro kostete eine Stunde, auch nicht teurer als Coaching. Das Medium sagte meiner Mutter, dass sie so sehr um ihren Vater trauerte, weil sie ihn schon aus einem früheren Leben gut kannte.
Es war wie mit dem Engel Gabriel. Es beruhigte meine Mutter, diese Geschichte zu hören.
Mein Opa hatte vor seinem Tod gesagt, er wolle keinen Pfarrer sehen an seinem Grab. Da er noch immer in der Kirche war, befürchtete er, sie würde eingreifen. Warum mein ungläubiger Opa davon ausging, nach seinem Tod überhaupt noch sein Grab sehen zu können, gehört zu den Rätseln des ostdeutschen Atheismus.
Auf der Trauerfeier, in einem Häuschen am Eingang des Friedhofs, in dem nicht mal ein Kreuz hing, hörten wir "Moon River" von Frank Sinatra. "Wherever you're going, I'm going your way", wohin auch immer du gehst, es passte zu unserer Ratlosigkeit.
Der Tod war mein größtes Problem, als ungläubiges Kind. Nach einem Besuch im Naturkundemuseum bemerkte ich es zum ersten Mal, ich war acht oder neun Jahre alt.
Gleich hinter der ersten Tür steht der Brachiosaurus brancai. Das größte montierte Dinosauerierskelett der Welt. Ich legte meinen Kopf in den Nacken, um es ganz zu sehen. Mehr als 13 Meter war der Saurier hoch. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es mal so große Tiere gab.
Noch weniger konnte ich mir vorstellen, dass die Dinosaurier ausgestorben waren. Wo waren all die Riesen nun? Vor allem fragte ich mich, ob die Dinosaurier wussten, dass die Welt inzwischen ganz anders aussah als vor 150 Millionen Jahren. Und wenn ich eines Tages selbst tot war, ausgestorben, würde ich dann noch sehen können, was auf der Welt geschah? Oder hörte einfach alles auf zu existieren?
Ich bekam große Angst an diesem Tag, später mochte ich keine Dinosaurier mehr, weil sie mich an diese Angst erinnerten. Noch heute wird mir schwindelig, wenn ich im ersten Saal des Naturkundemuseums stehe, vor dem Skelett.
Wenn jemand starb, kam er unter die Erde. So wie Max, mein Meerschweinchen, das plötzlich leblos in seinem Käfig lag. Meine Mutter packte es in einen Schuhkarton und versprach, es nachts im Park zu vergraben. Mein Urgroßvater, der mit den Ohren wackeln konnte, wurde beerdigt und war dann weg. Die Toten wurden von Würmern gefressen. Das ist keine Geschichte, die mit der vom Himmel mithalten kann.
Das Leib-Seele-Problem, so nennt es mein Bruder, der Bücher über Hirnforschung, Quantenphysik und Philosophie liest und seine Erkenntnisse in kleinen, schwarzen Notizbüchern festhält. Das Hirn ist Materie, aber was ist der Geist? Schon als wir beide noch zur Schule gingen, fing mein Bruder an, nach der Weltformel zu suchen. Es muss doch wenige, schöne Gesetze geben, nach denen alles im Universum funktioniert, sagt mein Bruder.
Auch meine Mutter ist weiter auf der Suche. Neulich kam sie dabei in der Praxis eines Orthopäden in Berlin-Marzahn an. Sie wollte nicht den Orthopäden sehen, sondern Karma Singh. Es handelt sich um einen hageren Engländer mit fast weißen Haaren, der auch in Videos im Internet sein Weltbild, nun ja, erklärt. Karma Singh spricht Deutsch mit weichem englischem Akzent und sagt Sätze wie: "Jede 25 Jahre gehen wir durch die galaktische Äquator. Das dauert 36 Jahre, durchzugehen." Es fällt mir schwer, ihm länger als zwei Minuten zuzuhören.
Karma Singh ist nicht ganz so berühmt wie João de Deus, den meine Mutter gern in Brasilien besuchen würde. Aber er war nach Marzahn gekommen. Meine Mutter kaufte, vielleicht aus Dank, einen "Harmony Chip", den Karma Singh angeblich gemeinsam mit einem deutschen Ingenieur entwickelt hat. Ein Plättchen, das man sich auf Problemstellen im Körper kleben soll, für 169 Euro.
Der Chip funktioniert aber nicht, sagt sie.
Ich kann mir vorstellen, wie meine Mutter als Kind das Beten wieder aufgab, das hatte auch nicht funktioniert, aber im Gegensatz zu mir hatte sie es wenigstens mal probiert.
Meine Mutter glaubt, dass sie schon mal gelebt hat, dass sie weitere Male leben wird. Sie hat noch Spielraum.
Sie hat, im Gegensatz zu mir, keine Angst vor Dinosaurierskeletten.

DAS HIRN IST MATERIE, ABER WAS IST DER GEIST?

Von Wiebke Hollersen

SPIEGEL WISSEN 2/2013
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