AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 17/2017

Sportschützen in Hameln Die Waffenscheinheiligen

Sportschützen in Hameln haben es Dutzenden Interessenten ermöglicht, Waffenbesitzkarten zu erwerben - ohne sie einer ernsthaften Prüfung zu unterziehen. Die Behörden machten es ihnen allzu leicht.

Angeklagter Vincenzo B., Verteidiger Alvensleben: Seit sieben Jahren die gleichen Prüfungsfragen
Peter Steffen/ Picture Alliance / DPA

Angeklagter Vincenzo B., Verteidiger Alvensleben: Seit sieben Jahren die gleichen Prüfungsfragen

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Wer im niedersächsischen Hameln auf bequemem Weg an eine Waffenbesitzkarte kommen wollte, machte sich auf den Weg ins "Toscana".

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Heft 17/2017
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Das italienische Restaurant im Hefehof, einem alten Fabrikgelände nahe dem Bahnhofsplatz, gehörte Vincenzo B., genannt Enzo, 59 Jahre alt. Ein kleiner, jovialer Mann mit ergrautem Schnauzer, italienischer Hitzigkeit und einer Portion Humor. Der perfekte Gastgeber, ein guter Koch, früher außerdem ein leidenschaftlicher Boxer. Stolz eskortierte er Hannover-96-Spieler durch seine Taverne an den Tisch. Nach dem Tod seiner Frau ging es mit der Küche allerdings bergab. Ohne sie habe das "Toscana" seine Seele verloren, sagte Enzo einmal. Es mag auch am Alkohol gelegen haben, in dem er Trost suchte in der Zeit der Trauer.

Inzwischen ist Enzo B. trocken und sitzt im Sitzungssaal H2 im Landgericht Hannover auf der Anklagebank. Einmal springt er auf und ruft mit starkem Akzent dem Vorsitzenden der 18. Großen Strafkammer zu: "Signore Richter, meine Mamma spricht kein Italienisch, sondern so eine starke Dialekt, kann keine Dolmetscher übersetzen!" Er würde so gern seine mehr als 90 Jahre alte Mutter im apulischen Squinzano, Heimat zweier Erzbischöfe, anrufen dürfen. Vermutlich würde er sie noch lieber besuchen, zumindest glauben das die Ermittler. Wegen Fluchtgefahr sitzt er seit Mai vergangenen Jahres in Untersuchungshaft.

Enzo B. war nicht nur Gastronom, sondern auch Ehrenpräsident und Kassenwart des Hamelner Schießsportvereins 2000 (SSV). Gemeinsam mit dem ersten Vorsitzenden, einem Rechtsanwalt aus dem Raum Hannover, und dem zweiten Vorsitzenden soll er ein einträgliches Geschäft aufgezogen haben. Die drei gaben sogenannte Sachkundenachweise nach dem Waffengesetz aus - angeblich ohne die Kandidaten zu prüfen oder nachdem sie ihnen die Prüfungsfragen samt Antwort verraten hatten.Die Staatsanwaltschaft hat 53 Fälle aus den drei Jahren zwischen Mai 2013 und Mai 2016 zur Anklage gebracht, die Interessenten sollen jeweils zwischen 500 und 1560 Euro gezahlt haben.

Auch der Nachweis über eine einjährige aktive Vereinsmitgliedschaft samt Schießtraining wurde demnach einfach so ausgestellt. Beide Dokumente braucht man, um eine Waffenbesitzkarte zu erwerben, die wiederum beim Kauf einer Waffe vorzulegen ist.

Die drei Vereinsmitglieder sind wegen besonders schwerer Bestechlichkeit angeklagt, ihnen drohen ein bis zehn Jahre Haft. Drei weiteren Vereinskollegen wirft die Staatsanwaltschaft Beihilfe vor: Sie sollen von Enzo B., der angeblich 74.000 Euro eingestrichen hat, Geld bekommen haben. Aber inwieweit haben sich die Angeklagten tatsächlich strafbar gemacht?

Das deutsche Waffengesetz ist im europäischen Vergleich streng, die Behörden sind zu regelmäßigen Kontrollen verpflichtet. In Niedersachsen sind die Landkreise sowie die selbstständigen Gemeinden und Städte zuständig und unterstehen der Fachaufsicht der Polizeidirektionen. Schützenvereine dürfen selbst die notwendigen Nachweise für eine Waffenbesitzkarte ausstellen, die Verantwortung liegt beim Prüfungsausschuss. Die Waffenbehörde muss lediglich den ordnungsgemäßen Ablauf sicherstellen.

Damit überträgt der Gesetzgeber Schießsportvereinen große Verantwortung. Aber macht er ihre Vorstände damit zu Amtsträgern? Darauf kommt es vor Gericht an. Nur wenn der Vorstand des SSV Hameln in hoheitlicher Funktion gehandelt hat, wie die Staatsanwaltschaft meint, kann er wegen Bestechlichkeit belangt werden. Enzo B.s Verteidiger Roman von Alvensleben stellt die Vorwürfe als Mutmaßungen dar - vor allem bestreitet er, dass die Angeklagten Amtsträger seien.

Fest steht: In gewissen Kreisen sprach sich anscheinend herum, wie man mühelos an Waffen kommen konnte. Interessenten, angeblich auch aus dem Rotlichtmilieu, kamen aus dem gesamten Bundesgebiet zur Prüfung ins "Toscana" oder in einen Dönerimbiss in Hannover. Mancher Vorbestrafte schickte offenbar einen Verwandten, weil er selbst auf legalem Weg nie eine Waffenbesitzkarte erhalten hätte.

Im Mai 2016 erfolgten mehr als 90 Hausdurchsuchungen in sechs Bundesländern; die Staatsanwaltschaft Hannover hat mehr als hundert Ermittlungsverfahren eingeleitet, unter anderem wegen Bestechung; sie werden parallel am Amtsgericht verhandelt.

Im Prozess gegen den Ehrenpräsidenten Enzo B. sowie den ersten und den zweiten Vorsitzenden vor dem Landgericht sind mehr als hundert Zeugen geladen. Viele von ihnen könnten sich selbst belasten und berufen sich auf ihr Auskunftsverweigerungsrecht. Nicht aber Markus S., 42, Justizvollzugsfachwirt, ein kompakter Kerl mit rasiertem Kopf und Vollbart. Er ist wie viele Sportschützen ein Waffennarr: Dorfschützenverein, Jagdschein, Ausbilder. "Ich bin, seit ich zwölf bin, mit Waffen unterwegs."

Er ist auch ein staatlich anerkannter Prüfer. Wer eine Waffenbesitzkarte erlangen will, kann bei ihm die erforderliche Sachkunde nachweisen - Handhabung von Waffen, Waffentechnik, Waffenrecht, Notwehr, dazu ein Praxisteil. Markus S. nahm die Prüfungen für den SSV meist in Enzo B.s Edelpizzeria ab und stellte dann gleich die Zertifikate aus.

Die Prüfung sei "leichter als der Führerschein", sagt er. "Viele Antworten erklären sich von selbst, wenn man in der Materie ist." Dass es bei ihm so einfach war, könnte allerdings auch daran gelegen haben, dass Markus S. seit sieben Jahren im theoretischen Teil den immer gleichen Fragebogen verteilt.

Waffenfoto auf Vereinswebsite: "Leichter als der Führerschein"
ssv-hameln.de

Waffenfoto auf Vereinswebsite: "Leichter als der Führerschein"

Wie kann das sein? Markus S. zuckt mit den Schultern. Die Behörde hätte jemanden schicken können, um ihn zu kontrollieren. Tat sie aber nicht. Als Prüflinge im Januar 2016 im "Toscana" Platz nahmen, war dann doch einmal eine Mitarbeiterin der zuständigen Waffenbehörde anwesend. Allerdings nur, weil sie von einem erfahrenen Kollegen eingearbeitet werden sollte.

Sie wunderte sich, so sagt sie vor Gericht, wie schnell die Prüflinge damals ihre Bögen abgaben. Eine Frau habe nicht mal eine Viertelstunde gebraucht.

Auch ihrem Kollegen, der sie damals eingearbeitet hat und der viele Jahre lang bei der Stadt Hameln für den SSV zuständig war, fiel auf, dass einige Teilnehmer "relativ flott" die Fragen beantworteten. Im Zeugenstand sagt er: "Ich sach ma: gut gelernt."

Die Teilnehmerliste überprüfte er nur stichprobenartig, die meisten Teilnehmer "wurden vonseiten des Vereins bestätigt". Auf sein Verhältnis zu Enzo B. angesprochen, räumt der Behördenmitarbeiter ein: Ja, er duze Enzo B., er umarme ihn zur Begrüßung auch. Man kenne sich schließlich seit 30 Jahren, allein schon wegen dessen Lokals in Hameln. "Das war aber auch grundsätzlich so Enzos Art."

Enzos Art war offenkundig eine Mischung aus zielsicherer Kumpelhaftigkeit und raffinierter Geschäftstüchtigkeit. Einen Prüfungstermin soll er auf den 24. April 2016 gelegt haben, weil an jenem Tag der US-Präsident der Stadt Hannover einen Besuch abstattete. "Da kommen keine Bullen und Behörden", soll er gesagt haben.

Die Sportschützen von Hameln flogen auf, nachdem die Polizei bei einem der Angeklagten eine Waffe gefunden hatte, deren Besitzkarte auf den Namen seiner Mutter ausgestellt war. Die Frau, selbst keine Schützin, sagte, sie habe für die Bescheinigung bezahlt. Die Polizei schleuste daraufhin im März 2016 einen verdeckten Ermittler in den Verein. Er berichtet mit verfremdeter Stimme und hinter Milchglas, zugeschaltet von einem geheimen Ort und per Video in den Saal H2 übertragen.

Enzo B. habe von ihm 1560 Euro in bar abkassiert, sagt der V-Mann. In der Sachkundeprüfung habe er sein Handy auf den Tisch gelegt und die 46 abfotografierten Prüfungsaufgaben samt Antwort auf seinen Fragebogen übertragen. Die anderen Prüflinge hätten "munter debattiert, wo man welches Kreuz setzen soll".

Eine offenbar gängige Prüfungstaktik. Markus S., der staatlich anerkannte Prüfer, sagt vor Gericht, er könne "nicht verhindern, dass jemand mit dem Handy die Fragen abfotografiert und weitergibt". Enzo B. habe sogar von ihm verlangt, einen Kandidaten zu prüfen, der nicht angemeldet war. Das immerhin habe er verweigert.



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tompike 22.04.2017
1. Politisch verdrehte Tatsachen
Die Maximalgebühr für WBK liegt bei zirka 38 -50 Euro. Die Personenüberprüfung wird von Polizeibehörde/ Verfassungsschutz übernommen und nicht von Pizzabäckern (außer vielleicht in Italien). Wenn illegal gegen viel Geld Ausweise bzw. Waffen erworben werden, hat das sachlich nichts mit Sportschützen/ Jägern zu tun. Bleiben Sie auf dem Teppich.
schocolongne 22.04.2017
2. Haben Sie den Artikel denn überhaupt gelesen und verstanden?
Zitat von tompikeDie Maximalgebühr für WBK liegt bei zirka 38 -50 Euro. Die Personenüberprüfung wird von Polizeibehörde/ Verfassungsschutz übernommen und nicht von Pizzabäckern (außer vielleicht in Italien). Wenn illegal gegen viel Geld Ausweise bzw. Waffen erworben werden, hat das sachlich nichts mit Sportschützen/ Jägern zu tun. Bleiben Sie auf dem Teppich.
letzteres zumindest offensichtlich nicht. Falls Sie Inhaber einer WBK sind, geben Sie diese bitte ganz dringend!!! nebst eventuell vorhandenen Waffen umgehend bei der zuständigen Behörde ab.
stefan.martens.75 23.04.2017
3. Kein Verein oder Privatmann kann eine WBK ausstellen
Und kein Mensch zahlt mehrere hundert Euro für die Waffensachkundeprüfung. Das teil kostet ein Wochenende Zeit und maximal 50€ Prüfungsgebühr. Das was hier mit Sicherheit verkauft wurde, ist das Erlassen des vollen Jahres Wartezeit und die 19 Schießtermine in diesem Jahr. Und auch wenn ich dieses Jahr auch ätzend und völlig übertrieben empfinde, wird darauf normalerweise peinlich genau geachtet! Jedes einzelne Schießen wird im Schützenbuch des Standes und im Schießbuch des Mitglieds notiert und abgestempelt. Die Waffensachkundeprüfung ist dagegen ein Witz! Und wer nachweist, dass er 19 mal schießen war kann deshalb auch nicht schießen! Alle hätten ihre Waffen genauso bekommen wie ohne diesen Betrug! Nur eben nicht so schnell!
Marellon 23.04.2017
4. Paranoia
Richtig, die Beschuldigten haben Gesetze verletzt und richtig, es ist angemessen, gewisse Leute vom Waffenbesitz auszuschließen. Ebenso richtig: Der Deutsche Staat zeigt mit seiner Gängelei Paranoia und verprellt damit immer mehr auch gesetzestreue Bürger, und dieser Sache wegen jemanden in U-Haft zu nehmen ist näher an der so genannten DDR als an den angeblichen Idealen der BRD. Dass es ohne negative Folgen auch ganz anders geht, zeigt zum Beispiel das Nachbarland Schweiz.
ex-optimist 23.04.2017
5. Unter den Teppich kehren?
Zitat von tompikeDie Maximalgebühr für WBK liegt bei zirka 38 -50 Euro. Die Personenüberprüfung wird von Polizeibehörde/ Verfassungsschutz übernommen und nicht von Pizzabäckern (außer vielleicht in Italien). Wenn illegal gegen viel Geld Ausweise bzw. Waffen erworben werden, hat das sachlich nichts mit Sportschützen/ Jägern zu tun. Bleiben Sie auf dem Teppich.
Wer hier Tatsachen verdreht und versucht, Dinge (§7 und §8) unter den Teppich zu kehren, sind eher Sie. https://de.wikipedia.org/wiki/Waffenbesitzkarte_(Deutschland)
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