Der SPIEGEL

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06. Oktober 2017, 02:29 Uhr

Streit um Maffay-Stiftung in Rumänien

"Tabaluga trampelt durch Transsilvanien"

Von , Catalin Prisacariu und

Eine Stiftung des Sängers Peter Maffay will in einem rumänischen Dorf ein Ferienheim für traumatisierte Kinder einrichten. Besser noch: den Ort retten. Doch bei vielen Einheimischen kommt das nicht gut an.

Als Peter Maffay erstmals nach 35 Jahren wieder Rumänien besuchte, fuhr er mit dem Motorrad die Karpaten hinauf, blickte von 2000 Meter Höhe ins Tal, atmete Bergluft, ließ die Stille auf sich wirken - und weinte. Er schäme sich seiner Tränen nicht, erzählte Maffay später in "Bild am Sonntag". Sie seien ein "anatomisches Halleluja".

Maffay war ein Teenager, als er 1963 mit seinen Eltern aus Siebenbürgen, alias Transsilvanien, in die Bundesrepublik übersiedelte. Der Vater, ein Regimegegner, und die Mutter hielten die Schikanen der Geheimpolizei nicht mehr aus. Die alte Heimat war in der Familie danach kein Thema mehr, die Wunde saß tief.

Als Erwachsener entschied sich der Sänger ("Über sieben Brücken musst du gehn"), Frieden zu schließen mit dem Land seiner Kindheit. Für eine MDR-Doku überredete er seinen Vater, noch einmal einen Fuß auf rumänischen Boden zu setzen. Doch der alte Mann fand die Konfrontation mit seinem ersten Leben nur "beschissen", was er auch vor der Kamera äußerte.

Maffay dagegen barst vor Tatendrang. Der verlorene Sohn gründete eine Stiftung, die Fundatia Tabaluga, benannt nach seinem Drachen-Maskottchen. 2009 eröffnete sie im siebenbürgischen Radeln ein Ferienheim für traumatisierte Kinder. Einmal in Fahrt, beschloss Maffay, gleich das ganze Dorf zu retten, das unter Abwanderung und Armut litt und mehrheitlich von Roma bewohnt wird. Es sollte "ein Signal für den Aufbruch" sein - kam aber nicht bei allen als solches an.

"Mit Tabaluga und Peter Maffay verbinden viele Einheimischen überwiegend Negatives", sagt der Aktivist Hans Hedrich. Im Juli stellte er den Offenen Brief "Tabaluga trampelt durch Transsilvanien" ins Netz.

Darin beschreibt er, wie Maffays Leute sich Radeln angeblich untertan machen. Angefangen beim Gehweg, der von den Dorfbewohnern genutzt wurde, um zum Wald zu gelangen, und der nun gesperrt ist. Fragt man Tabaluga, wurde zwar ein Zaun errichtet, jedoch zum Schutz vor frei laufenden Tieren und in Absprache mit der Eigentümerin des Weges, der evangelischen Kirche.

Die Stiftung wirbt damit, dass sie in Radeln Bedingungen dafür schaffen wolle, "dass Kinder und Erwachsene unterschiedlicher Nationalitäten, Ethnien und Religionen offen und interessiert aufeinander zugehen können". Tatsächlich aber scheint ihr lokaler Repräsentant zuweilen mit der Sensibilität eines Kolonialherrn zu agieren. Manche sprechen von einem Kleinkrieg mit Roma und Siebenbürger Sachsen. Maffays Ansehen ist das wenig zuträglich.

Dem 68-Jährigen ist sein Image des Wohltäters lieb und teuer. Er ist umtriebig, wenn es darum geht, Projekte anzuleiern und sie zu vermarkten, von Oberbayern bis Rio de Janeiro. Bloß bei der Umsetzung hapert es mitunter. Teils, weil er sich in seinem Philanthropentum verzettelt, teils, weil er den falschen Leuten vertraut - zu sehen am Beispiel von Maffays Biohof auf Mallorca.

Auch in Radeln war Tabaluga mit großen Ankündigungen gestartet. Die gewaltigste war die Rettung der mittelalterlichen Kirchenburg, die über die Jahrhunderte baufällig geworden war. 1,5 Millionen Euro sollten mithilfe der Stiftung in die Restaurierung des Kulturdenkmals inklusive Nebengebäude fließen, die Arbeiten sollten bis 2015 abgeschlossen sein. So kündigte sie es jedenfalls 2009 in einer Broschüre mit konkretem Bauplan an.

Tabaluga wiederum sollte zur Miete das Pfarrhaus überlassen werden. Monatelang wurde um Details gerungen, vor allem um die Frage, wie viele Auflagen die Kirche der Stiftung machen dürfe. Kurz vor Vertragsabschluss soll Tabaluga plötzlich darauf bestanden haben, das Haus für 50.000 Euro zu kaufen. So erzählt es Pfarrer Johannes Klein, der das Geschäft für die evangelische Kirche mitverhandelte.

Klein sagt, er habe sich dagegen ausgesprochen, "man verkauft doch kein Pfarrhaus, das Mieteinnahmen einbringen könnte, während man die Kirche behält, die nur Kosten verursacht". Das Kirchengremium brauchte zwei Wahlgänge, um sich zu entscheiden - und willigte mit vier zu drei Stimmen ein. Laut Klein auch aus Angst, Tabaluga könnte Radeln den Rücken kehren. Für beide Seiten sei "diese Lösung adäquat" gewesen, erklärt Tabaluga. So äußert sich auf Anfrage auch die evangelische Kirche, die insgesamt "sehr zufrieden und dankbar für die Zusammenarbeit" mit der Stiftung sei.

Pfarrer Klein hingegen sagt heute: "Das Vorgehen grenzt an Betrug." Die Investitionen in das Gotteshaus jedenfalls blieben weitgehend aus. Restauriert worden seien das Dach und die zum Teil eingefallene Ringmauer, teilt das Landeskonsistorium der evangelischen Kirche mit. Beides wurde aber nicht von Tabaluga, sondern mit 92.000 Euro von der deutschen Bundesregierung bezahlt. Daneben habe es einige kleinere Arbeiten gegeben. Mehr nicht.

Im Februar 2016 stürzte der Kirchturm ein. Maffay sprach von einem "tragischen Vorkommnis". Aktivist Hedrich hingegen sagt, der Einsturz gehe "zumindest teilweise" auf das Konto von Tabaluga. "In Radeln bröckelt nicht nur die morsche Bausubstanz, sondern ziemlich arg auch der siebenbürgische Mythos Peter Maffay."

Die Stiftung entgegnet, eine Verpflichtung zur Restaurierung der Kirchenburg sei sie "nie eingegangen", die Kirche sieht es in einer Stellungnahme genau so.

Vielmehr habe die Kirche Tabaluga 2015 gebeten, nicht weiter aktiv zu werden, da dies womöglich Anträge auf EU-Förderung behindert hätte.

Eifriger als bei der Kirchenrettung war die Stiftung beim Kauf von Immobilien. In den vergangenen Jahren erwarb sie 16 alte Häuser. So entstanden in Zusammenarbeit mit Sponsoren ein Biobauernhof und ein Ärztehaus, eine Schreinerei, ein Gästehaus, eine Safterei, ein Kultursaal und eine Werkstatt. An die Gebäude allerdings kam Tabaluga nicht nur überaus günstig, sondern auch auf gelegentlich fragwürdige Weise.

Manche Eigentümer lebten seit Jahrzehnten nicht mehr in Rumänien und waren froh, ihre Immobilie loszuwerden. Ein Haus war schon mal für 3000 Euro zu haben. Schriftstücke sollen dabei mitunter ohne Anwesenheit eines Notars unterschrieben, Hausbesitzer schon mal von einem Anwalt vertreten worden sein, der auch für die Stiftung arbeitet. Mindestens zwei Fälle gingen vor ein rumänisches Gericht. Dieses erklärte die Transaktionen für rechtens.

Tabaluga sagt, alle Verträge seien notariell geschlossen und beglaubigt worden. Auch im Fall von Georg Zultner, der heute in Bayern lebt. Zultner, 87, wurde beim Verkauf seines Hauses von Michael Morth vertreten, dem Verwalter der Stiftung.

Doch er sagt, er kenne Morth nicht, habe ihn nie getroffen und auch nicht eingewilligt, von ihm vertreten zu werden. Zultner will lediglich ein Papier unterzeichnet haben, das er kaum habe lesen können, schließlich sei er nahezu blind.

Tabaluga erklärt, alles sei vollkommen rechtmäßig gelaufen. Zultner habe eine Vollmacht erteilt, im Beisein seiner Tochter und eines Vertreters der Stiftung. Verwalter Morth fühlt sich ungerecht behandelt. Er spricht von Intrigen. Viele Geschichten über ihn seien erfunden worden, um den Ruf von Tabaluga zu schädigen. Auch die über seinen angeblichen Umgang mit den Roma.

Sie sind die zweitgrößte Minderheit in Rumänien, viele können nicht lesen oder schreiben, manche leben auf der Straße. Fast alle der 300 Einwohner von Radeln sind Roma, Siebenbürger Sachsen gibt es hier kaum noch. Das Dorf wurde lange vernachlässigt, über Jahrzehnte entstanden eigene Gesetze, die beliebteste Rechtsform scheint das Gewohnheitsrecht.

Schon deshalb empfanden viele Roma Tabaluga nicht als Wohltäterin - auch wenn die Stiftung unstrittig die ärztliche Versorgung verbesserte, eine Straße asphaltierte und Trinkwasserleitungen legte -, sondern als Eindringling.

Die Stiftung schottete sich ab. Sie errichtete inmitten des Elendsviertels ihr Paradies von aufgehübschten Bauernhäusern. Das weckte offenbar Begehrlichkeiten, immer wieder kam es laut Tabaluga zu Diebstählen. Verwalter Morth soll im Umgang mit Roma allerdings auch wenig Feingefühl bewiesen haben. Manche sagen, er sei überfordert und werde von Maffays Zentrale im bayerischen Tutzing im Stich gelassen, was diese zurückweist. Andere nennen ihn rabiat. Die heftigsten Vorwürfe kommen von Nicu Mitula.

Der Roma wohnt mit Frau und fünf Kindern in einem von Weinlaub bewachsenen Haus, dessen blaue Farbe großflächig abblättert. Im Hof grasen Ziegen, in der Stube erzählt Mitula von einem Aufeinandertreffen im vorvergangenen Jahr.

Mitula sagt, er habe hinter der Kirche Kühe gehütet, als Morth und seine Frau des Weges kamen, begleitet von zwei großen Hunden, die auf seinen Hund losgegangen seien. Er habe Morth aufgefordert, etwas zu tun. Der soll geantwortet haben, er werde ihm zeigen, was er tun werde. Morth habe ihn gepackt, niedergestoßen, getreten, bis seine Frau Einhalt geboten habe.

Morth nennt das "eine Lüge". Vielmehr habe Mitulas Hund seine Tiere angefallen. Er habe keine Gewalt angewendet, sondern den Roma nur darauf aufmerksam gemacht, dass er und seine Kühe sich auf Tabaluga-Land aufhielten.

Mitula zeigte Morth an. Daraufhin soll dieser Mitulas Bruder mit 100 Lei, umgerechnet 22 Euro, bestochen haben. Als Gegenleistung habe der Mitula dann angeblich überredet, die Anzeige zurückzunehmen. Auch das bestreitet Morth vehement.

Mitula sagt, er sei eingeknickt aus Angst um seine Familie. Irgendwann sei ihm jedoch klar geworden, dass er vor Morth keine Ruhe haben werde. Er erstattete erneut Anzeige. Dann kam Besuch aus Deutschland: Peter Maffay.

Es war im August dieses Jahres, Maffay war angereist, um die Kulturwoche Haferland mitzufeiern, ein Volksfest siebenbürgischen Brauchtums. Er kam mit Anwohnern ins Gespräch, lächelte, scherzte. Schnell machte im Dorf die Runde, Maffay wolle auch Mitula aufsuchen.

Der Sänger habe ein Treffen vorgeschlagen, im Stiftungshaus. Er aber habe abgelehnt. So erzählt es Mitula.

Tabaluga widerspricht. Maffay habe "zu keiner Zeit im August 2017 ein Gespräch mit Herrn Mitula gesucht" und kenne diesen nur vom Hörensagen.

Mitula sagt, er habe nur einen Wunsch: in Frieden gelassen zu werden.

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