AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 21/2018

Donald Trumps Pornostar Meine kurze Begegnung mit Stormy Daniels

Donald Trump steckt durch eine Pornodarstellerin in großen Schwierigkeiten. Unser Autor hat sie im Strip-Klub aufgesucht.

Stripperin Stormy Daniels: 130.000 Dollar, damit sie nicht redet - der Versuch ging grandios schief
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Stripperin Stormy Daniels: 130.000 Dollar, damit sie nicht redet - der Versuch ging grandios schief

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Der Penthouse-Klub von Philadelphia liegt in einem Industriegebiet im Nordosten der Stadt, im Niemandsland zwischen einer Ölraffinerie und einem Betonmischwerk. Es ist abends um kurz nach neun, der Parkplatz ist noch leer. Am Eingang hängt hinter einer roten Kordel ein Plakat von Stormy Daniels: "Penthouse Pet of the Century", das Haustier des Jahrhunderts. Zehn Dollar Eintritt, inklusive eines "Penthouse"-Magazins mit Stormy Daniels auf dem Cover, eingewickelt in die amerikanische Flagge. Neben der Kasse sitzen zwei Reporter des dänischen Fernsehens, drinnen saugen Männer an Zigarren.

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Heft 21/2018
Wie Verbrecher und Heilige eine Weltmacht schufen

Das ist die Welt von Stormy Daniels. Ein Klub mit geilen Herren, dazu das dänische Fernsehen, hier und da ein Ehepaar: die Peripherie des amerikanischen Traums. Das Haustier des Jahrhunderts. Nächstes Jahr wird sie 40. Der Manager des Penthouse-Klubs sagt: "Keine Fotos."

Die Pornodarstellerin Stormy Daniels, bürgerlich Stephanie Clifford, ist die Frau, die von Donald Trump lange unterschätzt wurde, zu lange womöglich, und die ihm nun gefährlich nahe rückt. Riskanter für den Präsidenten sind vielleicht nur noch die Skandale rund um Michael Cohen, der einst der Mann für die heiklen Fälle war, der Problemkiller, seinem Boss loyal ergeben. Inzwischen ist er der Mann, der Probleme macht, anstatt sie zu beseitigen.

Im Grunde lässt sich das ganze Desaster dieser Präsidentschaft an diesen beiden Personen erklären, Clifford und Cohen. Im Juli 2006 hatte Trump Sex mit Clifford, angeblich nur ein einziges Mal, was dieser bis heute bestreitet. All das wäre nicht aufregend, wäre Clifford nicht eben eine Pornodarstellerin, und wäre vier Monate vor der Affäre nicht Trumps jüngster Sohn geboren worden.

Nichts also, was sich im Wahlkampf gut macht, vor allem, wenn man von Konservativen gewählt werden will. Deshalb zahlte Michael Cohen vor der Wahl 130.000 Dollar an Clifford, um zu verhindern, dass sie redet.


Im Video: Ein Abend mit Stormy Daniels - SPIEGEL-Korrespondent Christoph Scheuermann über sein Treffen mit Stormy Daniels und warum sie Trump so gefährlich werden könnte

DER SPIEGEL

Wie sich herausstellte, ging dieser Versuch grandios schief. Im Januar wurde die Zahlung an Clifford öffentlich, seitdem reißen die Enthüllungen nicht ab. Diese Woche gab Trump erstmals zu, Cohen im vorigen Jahr mindestens 100.000 Dollar zurückgezahlt zu haben. Sein Finanzbericht, den die Regierung am Mittwoch veröffentlicht hat, nennt zwar keinen Zweck für die Zahlung, in Washington aber glaubt niemand an eine harmlose Erklärung.

Und so wird der Präsident immer mehr von seiner Vergangenheit eingeholt. Von Frauengeschichten, von der Nähe seines Anwalts zu Gestalten aus der New Yorker Halbwelt, von möglichen Verbindungen Cohens zur russischen Mafia, von all seinen Fehltritten. Die Stormy-Saga beschäftigt das Land deshalb so intensiv, weil Trump und seine Helfer bei der Vertuschung der Affäre ungeschickt bis dämlich vorgingen und weil fast täglich neue Details und Lügen ans Licht kommen.

Und dann ist da noch der Sonderermittler Robert Mueller, der seit einem Jahr der Frage nachgeht, ob Trumps Wahlkampfteam mit Russen kooperierte, um die Wahl zu gewinnen. Muellers Untersuchung hat sich längst zur großen Korruptionsermittlung ausgeweitet, die sämtliche Teile von Trumps Privat- und Geschäftsleben umwälzt. Und dazu noch die Stormy-Affäre.

Es sah ja lange nach einer Story für die Klatschpresse aus - der Anwalt des Präsidenten bezahlt eine alte Affäre aus dem Pornobusiness. Ein Präsident im Rotlicht, eine saftige Geschichte zwar, aber auch nicht sehr überraschend bei einem Mann, der zum dritten Mal verheiratet ist und immer gern mit seinen Liebschaften prahlte. Aber mittlerweile geht es nicht nur um Sex, es geht um die Fragen, ob Cohen Geld aus Russland bekam, wenn ja, wofür, und ob Trump davon wusste.

Aber natürlich geht es auch um Sex.

Um kurz nach elf regelt der DJ die Musik im Penthouse-Klub herunter und ruft: "Sie ist die Nummer eins auf Pornhub!" Kunstnebel, Männerblicke, "American Woman" von Lenny Kravitz. Stormy Daniels tritt auf, sie trägt einen Umhang mit US-Flagge. Ein halbes Dutzend Bodyguards und Aufpasser achtet darauf, dass wirklich niemand Fotos macht. Nach zwei Minuten trägt sie nur noch BH und Slip, nach fünf Minuten noch etwas weniger. Männer stecken ihr Dollarnoten unters Strumpfband, aber ihre Brüste sind so riesig, dass man dazwischen einen ganzen Geldkoffer klemmen könnte. Nach einer Viertelstunde tritt sie ab.

"Bisschen kurz", sagt Rich, ein Sportlehrer im Ruhestand, der an der Bar hockt. Er hat sich lange auf diesen Abend gefreut, er ist ein Fan von Stormy Daniels, seit sie im Mittelpunkt dieses großen Politskandals steht. Außerdem ist sie ein Star im Pornogeschäft, wenn auch einer, der langsam verblasst. "The Price of Lust" ist lange her, "Operation: Desert Stormy" ebenfalls. Die Aufnahme in die Hall of Fame ihrer Branche bedeutet, dass sie schon etwas zu lange dabei ist. Clifford ist wohlhabend, aber nicht reich, ihre Karriere im Business neigte sich allmählich dem Ende zu.

Jetzt aber ist sie wieder da, Trump sei Dank. Ihre Geschichte hat sie doppelt und dreifach verkauft, an CBS, ABC, zuletzt an "Penthouse", für das sie sich schon vor Jahren auszog, aber diesmal sind die Posen noch eine Umdrehung expliziter. Sie sagt, sie wolle, dass die Wahrheit ans Licht komme, vor allem aber verdient sie mit der Selbstenthüllung Geld. Ziemlich sicher würde sie ohne Trump nicht mehr so häufig in Stripklubs auftreten.

Nach der Show gibt sie Autogramme, für Fotos verlangt sie 20 Dollar. Erst am Vormittag hatte ihr Anwalt Michael Avenatti die Zahlungen eines russischen Oligarchen an Michael Cohen veröffentlicht, noch ein Skandal, mit dem niemand gerechnet hätte. Avenatti ist überzeugt, dass Trump seine Amtszeit nicht beenden wird. Wieder erschien ihr Name in Großbuchstaben. Stormy Daniels, das Maskottchen dieser Präsidentschaft.

Kurze Frage: "Glauben Sie, dass Trump bald zurücktreten muss?"

"Keine Ahnung."

"Hoffen Sie, dass er zurücktritt?"

"Wenn alles stimmt, was heute Vormittag gesagt wurde, muss er das vielleicht."

Einer ihrer Bodyguards schiebt den Reporter zur Seite. Netter Versuch.

Also Michael Cohen. Im Moment wohnt er im Loews Regency an der Park Avenue, einem dieser New Yorker Hotels, die gar nicht erst versuchen, bezahlbar zu wirken. Eine halbe Grapefruit zum Frühstück kostet zwölf Dollar. Dafür sitzt man in Gesellschaft von dunklen Anzügen, sehr weißen Zähnen und spitzen Absätzen.

Aber natürlich ist Cohen nicht zu sehen.

Besser, man fährt hinüber nach Queens, zehn Minuten mit der U-Bahn, in Cohens früheres Leben. Schrottlaster holpern über löchrige Straßen, auf den Hochgleisen rattern alle paar Minuten Züge vorbei, in der Luft schwebt ein Hauch von Marihuana. Die Zwölf-Dollar-Grapefruit ist weit weg. In einem Backsteingebäude an der 43rd Avenue hatte Cohen jahrelang seine Büroadresse, in einer Taxizentrale, die von dem ukrainischen Einwanderer Simon Garber geführt wird. Cohen betrieb hier mit Garber ein Geschäft mit Taxilizenzen.

Die Tür klemmt etwas. Drinnen sitzen drei Frauen unter Neonlampen, in Regalen stapeln sich Aktenordner. Die Managerin sagt mit russischem Akzent, sie kenne Cohen nicht. "Schade." Und Mister Garber befinde sich auf Dienstreise, ihr Boss sei per E-Mail erreichbar. Sie lächelt. Die ganze Kulisse wirkt wie aus der Anwaltsserie "Better Call Saul", ein tägliches Scheitern auf mittlerem Niveau. Auf die E-Mail antwortet der Boss natürlich nicht.

Cohens Karriere hat viele Wendungen genommen. Als junger Anwalt arbeitete er für einen Juristen in Manhattan, der sich auf Unfallopfer spezialisiert hatte; der Mann wurde später wegen Bestechung von Versicherungssachverständigen verurteilt. Zahlreiche Geschäftspartner verloren im Lauf der Jahre ihre Lizenzen, mal ging es um Betrug, mal um mehr. Simon Garber, der Taxikönig aus Queens, ist in mindestens drei Bundesstaaten bereits wegen Gewaltdelikten aufgefallen. Michael Cohen umgab sich gern mit Gestalten aus der Halbwelt der russisch-ukrainischen Immigranten in New York. Trotzdem schafft er es immer wieder, aus einem schmutzigen Umfeld scheinbar sauber herauszukommen. Zumindest bis jetzt.

Jurist Cohen in New York: "Ich bin der Kerl, der eine Kugel für den Präsidenten abfängt"
AFP

Jurist Cohen in New York: "Ich bin der Kerl, der eine Kugel für den Präsidenten abfängt"

Irgendwann nach dem Jahr 2000 wurde er auf Trump aufmerksam. Er bewunderte den Reichtum des Immobilienunternehmers und begann, Apartments in Trumps Gebäuden zu kaufen, in großem Stil. "Trump-Immobilien sind solide Investitionen", sagte Cohen damals. "Michael Cohen kennt den Immobilienmarkt sehr gut", sagte Trump. Cohen kaufte sich die Anerkennung des Unternehmers, im Gegenzug wurde er in den erweiterten Kreis der Familie aufgenommen.

Trump hat eine Schwäche für Schmeichler, besonders wenn sie von den Straßen von Queens stammen. Vermutlich hatte er nie einen größeren Bewunderer als seinen eigenen Anwalt.

So erfuhr Cohen alles, war überall dabei und sorgte unter anderem dafür, dass Frauen bezahlt und ruhiggestellt wurden, die über Affären mit seinem Boss plaudern wollten. Unterstützung fand er in dem Chefredakteur des "National Enquirer", einem Trump-freundlichen Blatt, das die exklusive Geschichte einer Trump-Liebschaft kaufte, um sie für immer tief im Giftschrank zu verstauen. Als ein Unternehmer kurz nach Bekanntgabe von Trumps Präsidentschaftskandidatur drohte, Bilder zu veröffentlichen, auf denen Trump angeblich die nackten Brüste einer Frau signierte, rief Cohen: "Ich mach dich fertig, wenn du die Fotos zeigst."

Einer Journalistin erzählte er einmal: "Ich bin der Kerl, der den Präsidenten und seine Familie schützt. Ich bin der Kerl, der eine Kugel für den Präsidenten abfängt."

Es gab kein Geschäft, bei dem er nicht dabei sein wollte. Ende 2015 schlug ihm ein alter Bekannter, der russischstämmige Unternehmer Felix Sater, vor, einen Trump Tower in Moskau zu errichten. Cohen wollte Wladimir Putins Sprecher eine Nachricht schicken, hatte aber keine direkten Kontakte in den Kreml und fand nur eine allgemeine E-Mail-Adresse für Presseanfragen. Cohen schickte die Mail trotzdem ab. Noch so eine dilettantische Aktion, die ihm die Aufmerksamkeit von Robert Mueller einbrachte.

Das Problem ist, dass Cohen nicht der hellste Jurist ist. Für die 130.000 Dollar, die er Stormy Daniels zahlte, gründete er vor der Wahl eigens eine Beratungsfirma, Essential Consultants, registriert im Bundesstaat Delaware, dem Paradies der Briefkastenfirmen. Allerdings beging er den Fehler, sich selbst als Bevollmächtigten einzutragen, statt einen Gewährsmann einzusetzen. Reporter des "Wall Street Journal" stießen auf Cohens Firma, so begann der öffentliche Teil der Geschichte.

Anfang April durchsuchten dann FBI-Beamte im Auftrag der New Yorker Staatsanwaltschaft seine Büro- und Privaträume, auch das Hotelzimmer im Loews. Sie nahmen 16 Mobiltelefone mit, Tablets, Computer, Dokumente - und die große Frage lautet seither, welche dunklen Geheimnisse über Trump und seinen Anwalt sich in all dem Material noch verbergen könnten. Trump jedenfalls war wütend wie selten zuvor, als er von der Razzia hörte.

Die Ermittlungen gegen Cohen liefen zu diesem Zeitpunkt bereits seit Monaten, so das Justizministerium, unter anderem wegen Cohens Verwicklung in zwielichtige Taxigeschäfte.

Seither kommen immer neue Skandale hinzu. Vorige Woche enthüllte dann Cliffords Anwalt Michael Avenatti, dass große Unternehmen an Cohen Geld gezahlt hatten, mehr als vier Millionen Dollar, das meiste im Jahr 2017. Plötzlich geht es nicht mehr nur um Schweigegeld, sondern um den Verdacht von Korruption und Betrug, um eine Ahnung von Endzeitstimmung.

Cohen sei, so erzählen es Freunde, nach Trumps Einzug ins Weiße Haus frustriert gewesen. Er hatte sich einen Job in der Regierung erhofft, in der Nähe des Chefs, war aber leer ausgegangen. Also bot er seine Nähe zum Präsidenten zum Verkauf an - offenbar erfolgreich.

"I'm crushing it", erzählte er einem Bekannten vergangenes Jahr laut "Washington Post", er schaufle das Geld nur so.

Der US-Telekommunikationskonzern AT&T überwies Cohen voriges Jahr 600.000 Dollar für angebliche Beratungsleistungen, der Schweizer Pharmakonzern Novartis knapp 1,2 Millionen, eine koreanische Rüstungsfirma 150.000. Im Gegenzug erhofften sich die Unternehmen Einblicke in Trumps Denken. Das ist nicht illegal, aber für einen Präsidenten äußerst peinlich, der angetreten ist, um den Sumpf von Washington trockenzulegen.

Eine große Summe kam auch von Columbus Nova, einer Investmentfirma in New York, die mit dem russischen Magnaten Wiktor Wexelberg verwoben ist. Die Firma ließ an Cohen zwischen Januar und August vorigen Jahres 500.000 Dollar in acht Tranchen überweisen. Wexelberg zählt zum engen Kreis von Multimilliardären um Putin. Mittlerweile steht er nach dem Giftanschlag auf den russischen Ex-Geheimdienstler Sergej Skripal auf einer Sanktionsliste des US-Finanzministeriums, als einer von sieben Oligarchen.

Warum sollte ein Putin-Freund, mit einem Vermögen von rund 13 Milliarden Dollar, eine halbe Million Dollar an den Anwalt des US-Präsidenten überweisen? War das Geld für Cohen, oder diente er als Mittelsmann? Und: Wechselt Cohen nun die Seiten, kooperiert er mit Robert Mueller, wenn der Druck zu groß wird?

Muellers Ermittlungen führten zu einer Welle von Verfahren in den vergangenen zwölf Monaten, Cohen ist ein Teil davon. Vier frühere Berater des Präsidenten wurden unter anderem angeklagt, 13 Russen, drei russische Firmen, aber das wird erst der Anfang sein. Von den Geldströmen an Cohen wusste Muellers Team bereits im November, ohne dass etwas nach außen drang, der Sonderermittler ist bestens informiert, und das ist keine gute Nachricht für den Präsidenten. Am Mittwoch erzählte Rudolph Giuliani, ein weiterer von Trumps Anwälten, Mueller habe ihm angeblich bestätigt, er könne den Präsidenten gar nicht anklagen. Verlassen kann sich Trump darauf nicht, und so geht die Stormy-Affäre weiter, in täglicher Fortsetzung.

Womöglich sind sie sich ähnlicher als gedacht, der Präsident und die Pornodarstellerin. Sie wollen beide oben mitspielen, um jeden Preis, sie wollen beide Ruhm und Anerkennung. Bescheidenheit ist keine Option. Beide werden mit allen Mitteln kämpfen. Natürlich geht es dabei auch um Geld, ohne Frage.

Clifford ist keine Frau, die schnell aufgibt, sie ist stolz auf ihre Hartnäckigkeit. Sie sagt, ihr sei von Anfang an klar gewesen, dass dieser Mann nicht ihr Typ sei. Zu selbstverliebt, zu großkotzig vielleicht. Eine längere Affäre habe sie abgelehnt. Trump beeindruckte das offensichtlich, er war es bis dahin gewohnt, dass Frauen ihm und seinem Geld zu Füßen lagen. Irgendwann habe er zu Clifford gesagt: "Du erinnerst mich an meine Tochter." Er meinte Ivanka.

Aus seiner Sicht war es das bestmögliche Kompliment.



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