AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 51/2017

Südafrika in der Krise "Fürchtet euch sehr"

Nach dem Ende der Apartheid hatte unser Autor große Hoffnungen für Südafrika. Doch nach Nelson Mandela wurde das Land zu einem korrupten Krisenstaat. Kann der nächste Präsident das ändern?

  Kind im Kapstadter Slum Marikana: Orte ohne Recht und Gesetz, an denen der Staat aufgehört hat zu existieren
David Harrison

Kind im Kapstadter Slum Marikana: Orte ohne Recht und Gesetz, an denen der Staat aufgehört hat zu existieren

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Seit sieben Jahren wartet Meshack Shithlangu auf den ausstehenden Lohn. Jeden Tag sitzt er vor seinem kleinen Backsteinhaus, und jeden Tag wird die Hoffnung kleiner. "Sie haben uns belogen und betrogen", sagt er. "Wir haben geschuftet und bekamen irgendwann kein Geld mehr." Shithlangu, ein kräftiger Mann von 39 Jahren, ist gelernter Maschinenschlosser. Er hat gleich nebenan in einem Bergwerk gearbeitet, in Grootvlei, eine Autostunde von der Wirtschaftsmetropole Johannesburg entfernt.

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Heft 51/2017
Wenn die Sehnsucht nach einem Baby zum Drama wird

Das Unternehmen war schwer angeschlagen, aber dann kreuzte dieser dicke Mann auf und versprach, es zu sanieren. Meshack Shithlangu erinnert sich noch genau daran, wie er in einem schwarzen Honda Civic vorfuhr. "2009 war das, an einem sonnigen Tag wie heute." Der Mann sei gar nicht ausgestiegen. "Er ließ nur die getönte Seitenscheibe herunter und sagte, dass er unsere Jobs retten wird."

Die Kumpel haben ihn nie wiedergesehen. "Khulu, dieses Schwein", sagt Shithlangu.

Gemeint ist Khulubuse Zuma, 46, ein Neffe des Präsidenten Jacob Zuma. Er hatte zusammen mit Zondwa Mandela, 31, einem Enkel des Nationalhelden Nelson Mandela, die Firma Aurora gegründet und zwei insolvente, aber voll betriebsfähige Goldminen in Orkney und hier in Grootvlei übernommen - ohne je dafür zu zahlen. BEE nennt man solche Deals im neuen Südafrika, Black Economic Empowerment. Ein staatliches Programm zur Förderung schwarzer Unternehmer.

Zuma, Mandela und ihre Kompagnons ließen Gold im Wert von zehn Millionen Dollar verschwinden und schlachteten das Bergwerk komplett aus. Sie verscherbelten Vortriebsmaschinen, Förderaufzüge, Stahlseile, sämtliche Gerätschaften, die irgendwie Geld brachten. Am Ende standen alle Räder still. Und 5300 Kumpel waren arbeitslos.

Der Fall Aurora ist eines der krassesten Beispiele für die Selbstbereicherung der neuen, schwarzen Elite des Landes. Er veranschaulicht die grenzenlose Gier und die kriminelle Energie, die den Niedergang des reichsten Landes Afrikas beschleunigen. Südafrika befindet sich in einer schweren politischen und wirtschaftlichen Krise, internationale Ratingagenturen haben es auf Ramschniveau herabgestuft. Es ist ein Land, das geplagt ist von Massenarbeitslosigkeit, Armut, Rassismus und Gewalt. Ein Land, das den Glauben an sich selbst verloren hat.

Ich hätte mir diese Fehlentwicklung niemals vorstellen können, als ich Anfang 1993 nach Südafrika kam. Damals wurde gerade das Ende der Apartheid gefeiert, das weiße Rassistenregime ging unter, und ein Jahr später übernahm Nelson Mandela mit seiner Befreiungsbewegung African National Congress (ANC) die Macht.

In jenen Jahren war Südafrika ein Hoffnungsland, ein demokratisches Modell für Afrika, eine weltweit bewunderte Regenbogennation. Es würde die Menschen aller Hautfarben versöhnen, die obszöne Kluft zwischen Armut und Reichtum einebnen, eine wirtschaftliche Lokomotive für den maroden Kontinent sein. Dachte ich.

Staatschef Zuma: Die stolze Partei der Befreier in eine Bande von Kleptokraten verwandelt
Getty Images

Staatschef Zuma: Die stolze Partei der Befreier in eine Bande von Kleptokraten verwandelt

Das war reines Wunschdenken, wie ich nun feststellen muss. Zweieinhalb Jahrzehnte nach der Wende unternahm ich eine knapp 5000 Kilometer lange Rundreise durch Südafrika, von Kapstadt über Johannesburg und Port Elizabeth, und ich erlebte ein zerrissenes, verstörtes, entmutigtes Land.

Die Hauptverantwortung für die Misere trägt der ANC, die stolze Partei der Befreier, die seit 23 Jahren ununterbrochen regiert und die sich unter dem derzeitigen Staatschef Jacob Zuma in eine Bande von Kleptokraten verwandelt hat.

Dieser Tage versammeln sich in Johannesburg 4723 ANC-Delegierte, um Zumas Nachfolger als Parteichef zu bestimmen. Die Südafrikaner fiebern dem Ereignis seit Monaten entgegen, sie reden von einer historischen Wegscheide. Der Gewinner wird voraussichtlich als Präsidentschaftskandidat bei den nationalen Wahlen in zwei Jahren antreten. Favoriten sind Nkosazana Dlamini-Zuma, die dröge Ex-Frau des Präsidenten, von der kein Kurswechsel zu erwarten ist, und der ehemalige Gewerkschaftsführer und heutige Unternehmer Cyril Ramaphosa, dem man vorsichtige Reformen zutraut.

Meshack Shithlangu, dem betrogenen Bergarbeiter, ist es vollkommen egal, wer künftig regiert. "Das sind doch alles Diebe." Er und Tausende seiner Kollegen warten weiter auf den Lohn. Die Chefs von Aurora wurden zwar von einem Gericht zu Entschädigungszahlungen in Millionenhöhe verurteilt, und Khulubuse Zuma hat ein paar Raten überwiesen, aber mittlerweile behauptet er, pleite zu sein. Manchmal entdeckt Shithlangu in der Zeitung Bilder von ihm in Edelklubs, Zigarre, reichlich Champagner, schöne Frauen: die Fettlebe eines Neureichen.

"Leute wie er sind unantastbar", sagt Shithlangu.

Anwesen der Gupta-Brüder im Johannesburger Reichenviertel Saxonwold: Bombige Geschäfte mit der Regierung
Alon Skuy

Anwesen der Gupta-Brüder im Johannesburger Reichenviertel Saxonwold: Bombige Geschäfte mit der Regierung

Johannesburg, die Metropole der Diebe. Sie residieren in Prunkvillen, die an die Paläste im dekadenten Rom erinnern. Rauschen in Limousinen oder gepanzerten Hummer durch die Straßen. Gehen in Luxusmalls wie Hyde Park Corner shoppen. Eine Verkäuferin in der Boutique Luminance präsentiert ein karminrotes Prachtkleid, Óscar de la Renta, 200000 Rand, rund 12500 Euro. "So was kaufen nur Regierungsfrauen", flüstert sie.

Neulich, als im Buchladen schräg gegenüber der neue Bestseller von Jacques Pauw vorgestellt wurde, ging das Licht aus. Eine gezielte Störaktion, hieß es. Die Regierung will das explosive Buch des Enthüllungsjournalisten wegen Geheimnisverrats verbieten: Es öffnet den Blick in die Abgründe eines durch und durch verrotteten politischen Systems.

Präsident Zuma und seine Clique bereichern sich hemmungslos an den staatlichen Ressourcen; der gefeuerte Finanzminister Pravin Gordhan schätzt, dass bis zu 13 Milliarden Euro gestohlen wurden. Bahn und Post, die öffentlich-rechtliche Fernsehanstalt, der Stromversorger Eskom und andere staatliche Unternehmen wie die nationale Fluglinie stehen vor dem Bankrott. Die hocheffiziente Steuerbehörde wurde zerschlagen. Die Günstlinge des Präsidenten erschleichen sich lukrative Staatsaufträge, die im Voraus bezahlt und schlampig oder gar nicht ausgeführt werden. Den Geheimdienst, die Sondereinheiten der Polizei, die Generalstaatsanwaltschaft hat Zuma mit seinen Leuten besetzt, um sich vor Strafverfolgung zu schützen. Es drohte ihm eine Anklage, unter anderem wegen Betrugs und Unterschlagung in 783 Fällen; kurz bevor er das höchste Staatsamt übernahm, wurde das Verfahren unter mysteriösen Umständen eingefroren.

"Thief-in-chief" wird Zuma spöttisch genannt, Häuptling der Diebe. Das Volk kann nichts mehr erschüttern, es hat sich an die Skandale um den "Big Man" gewöhnt. Doch die jüngsten Enthüllungen von Jacques Pauw lösten eine Schockwelle aus: Er weist in seinem Buch nach, wie eng das ANC-Regime mit kriminellen Syndikaten verflochten ist, mit Bandenchefs, Geldwäschern, Steuerbetrügern, Drogendealern, Zuhältern. Am Ende kommt er zu einem alarmierenden Befund: Südafrika werde zu einem Mafiastaat.

"Was wollen Sie hier? Weiterfahren!", bellt der Sicherheitsmann. Er bewacht ein protziges Anwesen im Johannesburger Wohlstandsviertel Saxonwold. Die Außenmauern wurden durch einen Stahlzaun mit speerartigen Zinken erhöht. Dahinter residieren die Guptas, drei Brüder aus Indien, die 1993 nach Südafrika übersiedelten, im selben Jahr, in dem auch ich ankam. Sie sind mittlerweile Multimillionäre. Ich muss wohl irgendetwas falsch gemacht haben.

Minister und ANC-Abgeordnete gehen bei den Guptas ein und aus, die schmierig wirkenden Brüder sind bestens befreundet mit dem Zuma-Clan. Sie machen nicht nur bombige Geschäfte mit der Regierung, sondern bestimmen auch mit, wer im Kabinett sitzt, um zu ihren Gunsten zu arbeiten.

Justice Malala nennt diese haarsträubenden Vorgänge "state capture", Kaperung des Staates. Er war angehender Journalist, als ich ihn vor zwei Jahrzehnten kennenlernte, ein junger Afrikaner, der vor Zuversicht glühte. Heute, mit 47, zählt er zu den einflussreichsten Meinungsmachern Südafrikas, und seine Bilanz fällt vernichtend aus: "Der ANC, an den wir bedingungslos geglaubt haben, zerstört unsere Gesellschaft."

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Aber wie konnte es so weit kommen? Warum haben sich verdiente Freiheitshelden in unersättliche Diebe verwandelt? "Politiker wie Zuma halten sich nicht für korrupt. Sie glauben, dass ihnen der Reichtum als Belohnung für ihren aufopferungsvollen Widerstand gegen die Apartheid zusteht", sagt Malala und erinnert an die Mantras der ANC-Genossen, die nach dem Machtwechsel häufig zu hören waren. "Wir haben nicht gekämpft, um arm zu sein." Oder: "Jetzt ist unsere Zeit zu essen."

Essen? Es ist ein großes Fressen, eine Plünderorgie, wie es sie im postkolonialen Afrika wohl seit der Ära des zairischen Despoten Mobutu nicht mehr gab. "Wir leben in einem Räuberstaat. Wenn es so weitergeht, wird Südafrika zur Bananenrepublik", prophezeit Malala.

Unser Gespräch findet in einem Café in Melville, einem Viertel der Liberalen und Alternativen, statt. Gemischte Paare, schwarze Yuppies beim Frühstück. "Die kleinen Fortschritte in den sozialen Beziehungen täuschen", sagt Malala. "Wir sind auch zwei Jahrzehnte nach der Wende eine tief verwundete und keineswegs versöhnte Gesellschaft."

Eine Reihe von prominenten Weggefährten Nelson Mandelas prangerten den moralischen Verfall der politischen Klasse öffentlich an und wandten sich angewidert vom ANC ab. Die Parteibonzen lässt das kalt. Sie schmähen ihre Kritiker als Verräter der "nationaldemokratischen Revolution". Oder als Agenten des "weißen Monopolkapitals". Malala erkennt in solchen Anwürfen die diktatorischen Züge eines Ein-Parteien-Regimes: "Diese Banditen haben unsere Demokratie gestohlen."

Weiterfahrt Richtung Meeresküste. Frisch geteerte Autobahnen, hohe Verkehrsdichte, Mobilfunktürme, Windkraftanlagen, Latte macchiato in nagelneuen Raststationen. Und alle rennen mit Handy herum. In zweieinhalb Jahrzehnten durchlief Südafrika trotz aller Rückschläge eine rasante Modernisierung, und selbst die marode Regierung kann auf einige Erfolge verweisen. Seit 1994 sind rund drei Millionen Häuser gebaut worden, zahlreiche Townships elektrifiziert und der Sozialstaat wurde eingeführt. 17 Millionen bedürftige Bürger erhalten staatliche Unterstützung.

Doch die Kluft zwischen den Bevölkerungsgruppen ist so tief wie eh und je. Jede weiße Siedlung hat eine hässliche schwarze Schwesterstadt, eine Township, geografisch abgesondert wie in alten Zeiten. 10 Prozent der 56 Millionen Südafrikaner, überwiegend Weiße, verfügen über 90 Prozent des Landes, des Kapitals, der Wohlstandsgüter. 80 Prozent der Schwarzen besitzen gar nichts, mehr als die Hälfte der jungen Männer und Frauen haben keine Arbeit.

Die politische Apartheid wurde überwunden, die ökonomische ist geblieben. Und genau deswegen sind politische Ämter so begehrt - sie öffnen den schnellsten Weg aus der Armut. Die Auswüchse des Wettbewerbs um Posten und Pfründen lassen sich in Umzimkhulu besichtigen, einem Ort in KwaZulu-Natal - und es ist wie ein Déjà-vu. In den frühen Neunzigerjahren habe ich mehrmals über die Gewaltexzesse in dieser Provinz berichtet, über den vom Apartheidregime befeuerten "Bruderkrieg", den sich Kämpfer des linken ANC und der rechten Inkatha-Partei lieferten. Es wird oft vergessen, dass die Wendezeit keineswegs friedlich verlief. In den Jahren vor den ersten freien Wahlen 1994 starben 15000 Menschen.

Ehemaliger Minenarbeiter Shithlangu in Grootvlei: Jeden Tag wird die Hoffnung kleiner
Jonathan Torgovnik / DER SPIEGEL

Ehemaliger Minenarbeiter Shithlangu in Grootvlei: Jeden Tag wird die Hoffnung kleiner

Einmal war ich im Tross von Nelson Mandela in Zululand unterwegs, der Präsident in spe war gekommen, um Frieden zu stiften. Was würde Mandela wohl heute dazu sagen, wenn man ihm die Liste der ermordeten Parteifreunde vorlegen würde? Allein in KwaZulu-Natal wurden in den vergangenen drei Jahren nahezu hundert ANC-Funktionäre umgebracht. Sie konkurrierten um gut bezahlte Ämter, um vordere Plätze auf den Wahllisten, um staatliche Aufträge. Oder sie prangerten die Korruption an.

So wie Sindiso Magaqa, Ex-Generalsekretär der ANC-Jugendliga, Stadtrat in Umzimkhulu - ein Politiker mit dem Ruf, unbestechlich zu sein. Er hatte aufgedeckt, dass bei der Renovierung einer Gedenkhalle, die niemand braucht, Unsummen veruntreut worden waren.

Hinter Magaqas Haus steht ein anthrazitgrauer Mercedes ML 500, die rechte Seite ist von 43 Kugeln aus Sturmgewehren durchsiebt. Zwei "Izinkabi", Auftragsmörder. Magaqa überlebte wie durch ein Wunder, sein Zustand habe sich im Krankenhaus gebessert, erzählt seine 32-jährige Frau Gugu. "Doch am 4. September starb er, ich bin mir sicher, dass er vergiftet wurde." Sie lässt sich den Schmerz nicht anmerken, aber ihre Verbitterung kann sie nicht verbergen. "Manchmal hasse ich den ANC", sagt sie.

Als ich vor über zwei Jahrzehnten in KwaZulu-Natal unterwegs war, sprachen die Leute von den "Killing Fields" - jetzt heißen sie wieder so. Aber es gebe einen großen Unterschied, sagt Nontsikelelo Mafa; seinerzeit hätten die "comrades", die Genossen, gegen politische Gegner gekämpft, heute würden sie sich gegenseitig umbringen. Mafa, eine korpulente Frau in mittleren Jahren, trägt ein knallgelbes ANC-Shirt mit einem Porträt des grinsenden Präsidenten Jacob Zuma. Sie ist Stadträtin in Umzimkhulu, auch sie hätte gute Gründe, ihre Partei zu hassen. Sie saß am Abend des Anschlags in Magaqas Auto direkt hinter ihm, wurde durch drei Kugeln schwer verletzt und lag drei Monate lang im Hospital. Erst vor Kurzem wurde Mafa entlassen, klagt über höllische Schmerzen und geht immer noch auf Krücken.

Und dennoch, man mag es kaum glauben, hat Mafa das Vertrauen in ihre Partei nicht verloren. Der ANC sei zwar tief gespalten, aber immer noch eine starke Organisation, sagt sie, und sie glaube an den guten Kern der Partei. Selbstverständlich unterstützt sie Nkosazana Dlamini-Zuma, die Ex-Frau des Präsidenten, im Wettlauf um das höchste Staatsamt, jetzt erst recht. Denn sie wird den Verdacht nicht los, dass Anhänger von deren Erzrivalen Cyril Ramaphosa, der als Reformer gilt, hinter dem Attentat auf Magaqa stehen.

Dann humpelt Nontsikelelo Mafa Richtung Gemeindehalle, wo sich an diesem Tag der Ortsverein des ANC versammelt hat. Wie überall im Land wird auch hier ein Delegierter gewählt; sein Mandat ist verbindlich, er muss beim nationalen Parteitag für den von der Basis gewünschten Präsidentschaftskandidaten stimmen. In Umzimkhulu steht das Votum schon vorher fest: Dlamini-Zuma soll die erste Staatschefin werden, sie ist schließlich eine Zulu-Frau, und ihre Anhänger halten sie für "sauber". Es wird gesungen und getanzt, die Stimmung ist ausgelassen und zugleich angespannt. Oft streiten sich die Genossen bei diesen Treffen bis aufs Messer. Dann fliegen Plastikstühle und Fäuste, und am Ende setzt sich die brutalere Fraktion durch.

Nelson Mandela Bay, ein paar Tage später. Ich habe diese Industrieregion am Indischen Ozean, in der Autos und Nutzfahrzeuge produziert werden, in positiver Erinnerung: als aufblühende und wohlhabende Großstadt. Unterdessen wirkt sie stellenweise so verwahrlost wie die gesamte Provinz Ostkap. Das lässt sich mit einer einfachen Gleichung begründen: Je größer die Mehrheiten des ANC, desto katastrophaler die Zustände. Der Haushalt der Metropole wurde von ANC-Politikern im Bund mit Verbrecherkartellen regelrecht kannibalisiert. Der Parteivorstand hatte aus der Hauptstadt sogar einen Spezialbeauftragten entsandt, um den Saustall auszumisten. Er scheiterte und musste resigniert feststellen, dass die Korruption mittlerweile endemische Ausmaße angenommen hat. Immerhin: Bei der letzten Kommunalwahl erlitt der ANC in Mandela Bay erstmals eine krachende Niederlage.

In manchen Städten und Dörfern steht die Verwaltung vor dem Zusammenbruch, an den Schreibtischen sitzen bestechliche, inkompetente und oftmals auch faule Parteileute. "Irgendwann werden die Parasiten ihren Wirt aufgefressen haben", warnt Justice Malala, der Regimekritiker. Wenn aus den Staatskassen nichts mehr zu holen sei, drohe ein Szenario, das man eigentlich für undenkbar gehalten habe. Es heißt Simbabwe und bedeutet: failed state, Anarchie, das Ende aller Hoffnungen.

Vielleicht ist der Pessimismus in diesen Tagen so groß, weil die Erwartungen viel zu hoch waren. Sie waren nach dem Aufbruch in die Demokratie vom messianischen Glauben an Nelson Mandela getrieben, Südafrika wurde damals als Ausnahmefall gesehen. Heute ist es ein ganz normales afrikanisches Land, das von einer Befreiungsbewegung heruntergewirtschaftet wird. Wie so oft auf dem Kontinent.

Partygänger Khulubuse Zuma (r.) in Durban: "Er sagte, dass er unsere Jobs retten wird"
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Partygänger Khulubuse Zuma (r.) in Durban: "Er sagte, dass er unsere Jobs retten wird"

Rückkehr nach Kapstadt. Endlose Townships säumen die ins Zentrum führende Autobahn N2. Mittendrin Marikana, einer der übelsten Slums des Landes: ein stinkendes Labyrinth aus Holzverschlägen und Blechhütten, kein Strom, keine Wasseranschlüsse, keine Infrastruktur. Und immerzu unerträglicher Lärm, weil die Notunterkünfte in der Einflugschneise des Flughafens liegen. Hier leben 60000 Menschen auf engstem Raum, in der Mehrzahl Landflüchtlinge aus Ostkap; sie haben die Armut der Provinz gegen das Elend der Großstadt getauscht.

In der Sektion B, Hütte Nr. 30130, haust Patrick Mpho. Matratze, Altkleider, Zinkwanne - sein gesamtes Hab und Gut. An der Wellblechwand klebt ein Zettel, darauf die Frage, die er sich jeden Morgen stellt: "Warum muss ich diese tiefe Bitternis durchmachen?"

Mpho, 27, hat keinen Job, er geht oft hungrig schlafen. "Neun von zehn Leuten sind arbeitslos", sagt er. Seit ein paar Monaten sitzt er in einem 15-köpfigen Komitee, das versucht, die desolate Gemeinde irgendwie zu organisieren. "Die Regierung hat uns vollkommen vergessen", klagt Mpho. "Niemand braucht uns, wir sind Menschenmüll."

Am schlimmsten sei die ständige Angst vor den Tsotsis, den Gangstern, die Marikana terrorisieren. Einen Steinwurf entfernt, in einer Kneipe, fand eines Abends Ende September ein regelrechtes Massaker statt. Die Gangster warfen die Frauen hinaus und erschossen vier Männer, insgesamt wurden an jenem Abend elf Personen ermordet.

Es gibt viele Marikanas im neuen Südafrika, Orte ohne Recht und Gesetz, an denen der Staat aufgehört hat zu existieren. Orte, an denen die gnadenlose Verteilungsschlacht der Armut tobt. Tag für Tag werden zahllose Menschen ausgeraubt, vergewaltigt, ermordet. Die Polizei wagt sich nicht mehr in die Gettos, deshalb üben ihre Bewohner immer öfter Selbstjustiz und töten Täter oder Tatverdächtige. In Tausenden Townships rebelliert die Bevölkerung gegen korrupte ANC-Politiker, die ihre Kommunen vernachlässigen und bestehlen. Bei diesen Massenprotesten wird alles kurz und klein geschlagen.

Auch das ist Südafrika: Wenn gestreikt oder demonstriert wird, wenn Studenten auf die Barrikaden gehen oder Alltagsstreitigkeiten ausgetragen werden - die Konflikte verlaufen oft blutig. Die Gewalt hat sich gleichsam in die DNA der südafrikanischen Gesellschaft eingeschrieben; sie ist ein Erbe der 350-jährigen Geschichte weißer Unterdrückung. Und eine Folge der sozialen Verrohung in einem System fortdauernder Ungleichheit. Den Südafrikanern, schwarzen wie weißen, ist die Fähigkeit zum Kompromiss, die sie in den Umbruchjahren so vorbildlich bewiesen hatten, verloren gegangen.

"Hallo, weißer Mann", ruft ein betrunkener Schwarzer. "Dass du dich nach Marikana traust, ist ein gutes Zeichen." Dann folgt ein ungeheuerlicher Satz des Alten: "In den Zeiten der Apartheid war vieles besser."

Zum Abschied führt mich Patrick Mpho zu den öffentlichen Toilettenhäuschen. "Schau nur, alles zugeschissen", sagt er. "Wie der ANC!" Dann kehrt er zurück in seine Hütte, verrammelt die Tür und zündet eine Kerze an. Die Dämmerung bricht an, wer sich um diese Zeit noch draußen herumtreibt, muss um Leib und Leben fürchten.

Nach solchen Besuchen beschleicht mich jedes Mal ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit - und die Wut auf die herrschende Räuberelite. Dennoch will ich den Glauben an dieses Land, das mir zur Heimat wurde, nicht aufgeben.

Weil der Geist Nelson Mandelas trotz allem noch nicht erloschen ist. Er wirkt fort in einer unverwüstlichen Zivilgesellschaft, die sich im Widerstand gegen die Apartheid geformt hat und die korrupte Elite bekämpft. Im kontinentalen Vergleich hat Südafrika auch noch ein paar unschätzbare Vorteile: eine fortschrittliche Verfassung, eine weitgehend unabhängige Justiz und eine freie Presse, die viele Skandale aufdeckt. Gleichzeitig werden die Oppositionsparteien immer stärker.

Entscheidend für die Zukunft der Kaprepublik aber ist der Ausgang der nationalen ANC-Konferenz dieser Tage. Wenn die Partei sich auf ihre Ideale besinnt und Cyril Ramaphosa auf den Schild hebt, dürfen die Südafrikaner zuversichtlich sein. Dieser erfolgreiche Unternehmer gilt als moderat, versteht etwas von Wirtschaft und ist nicht durch Korruptionsvorwürfe belastet - soweit man weiß.

Und wenn Nkosazana Dlamini-Zuma gewählt wird, die ehemalige Präsidentengattin?

"Dann droht der endgültige Absturz", sagt Justice Malala, der langjährige Freund. "Dann kann ich nur sagen: Fürchtet euch. Fürchtet euch sehr."



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