AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 17/2018

Nordkorea-Konflikt Warum sich Südkoreas Präsident auf Kim Jong Un einlässt

Südkoreas Präsident Moon treibt die Aussöhnung mit Nordkoreas Diktator Kim Jong Un voran - auch aus persönlichen Gründen. Es geht um seine Mutter.

Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un (r.), südkoreanische Delegation
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Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un (r.), südkoreanische Delegation

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Panmunjom ist ein schauriger Ort, ein Überrest des Kalten Krieges. Hier, am 38. Breitengrad, an der Demarkationslinie zwischen den beiden Koreas, befindet sich die am schwersten bewachte Grenze der Welt. Immer wieder kommt es zu blutigen Zwischenfällen; erst im November schossen nordkoreanische Grenzposten auf einen Kameraden, als er in den Süden floh. Er überlebte schwer verletzt.

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Heft 17/2018
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Moon Jae In, 65, kennt Panmunjom gut, er diente dort als Wehrpflichtiger in einer Spezialeinheit, als nordkoreanische Grenzer zwei US-Soldaten mit Äxten töteten. Das war 1976, der "Axt-Vorfall" brachte die koreanische Halbinsel an den Rand eines Krieges, wie so oft. Und an eben diesem schicksalsträchtigen Ort will Moon, inzwischen Präsident Südkoreas, nun am Freitag den nordkoreanischen Diktator Kim Jong Un empfangen. "Haus des Friedens" heißt das Gebäude, in dem sie miteinander reden wollen.

Es wird der erste Nord-Süd-Gipfel seit 2007 sein. Und das erste Mal, dass ein Herrscher des Nordens die Grenze zum Süden übertritt - wenn auch nur um wenig mehr als 100 Meter. Aber das Treffen ist auch in anderer Hinsicht bemerkenswert: Mit Moon rückt ein Mann in den Blickpunkt, der sich vom Tyrannen Kim krass unterscheidet.

Ein überzeugter Demokrat, ein ehemaliger Menschenrechtsanwalt, der dem weltweiten Trend zu autoritären Herrschern zu widersprechen scheint.

Vor knapp einem Jahr wurde Moon zum Nachfolger von Park Geun Hye gewählt, der zunehmend autoritär regierenden und volksfernen Präsidentin, die gegenüber dem Norden einen kompromisslosen Kurs verfolgt hatte. Fünf Jahre zuvor war Moon ihr noch knapp unterlegen, diesmal aber trug ihn eine Welle des Protestes an die Macht. Die konservative Park war kurz zuvor abgesetzt worden; gerade erst wurde sie wegen Machtmissbrauchs, Nötigung und Bestechung in erster Instanz zu 24 Jahren Gefängnis verurteilt.

Moon ist ein Mann des Volkes, aber er ist kein Populist. Wenn an diesem Staatschef mit den weichen Gesichtszügen und der rundlichen Brille etwas auffällt, dann ist es seine Unauffälligkeit. Es gehe ihm nicht um die eigene Person, hört man von fast allen, die ihn gut kennen, sondern um die Sache: Er will die Teilung der Nation überwinden, deren Folgen er selbst erfahren hat. Denn auch durch seine Familie geht ein Riss.

Ende Dezember 1950, ein halbes Jahr nach Ausbruch des Koreakriegs, flohen seine Eltern in den Süden, auf der SS "Meredith Victory", einem US-Schiff, das mit Flüchtlingen überladen war. Sie kamen auf die Insel Geoje, bekannt für ihre Werftindustrie, die zur Zeit des Wirtschaftswunders aus dem Boden gestampft worden ist. Aber als Moon hier 1953 zur Welt kam, als ältestes von fünf Kindern, war die Armut noch groß. Sein Geburtshaus steht noch, ein graues Häuschen gegenüber einem Reisfeld.

Politiker Moon vor einem Fernsehauftritt: "Sehr streng gegen sich selbst"
Adam Ferguson

Politiker Moon vor einem Fernsehauftritt: "Sehr streng gegen sich selbst"

"Wir würden sein Geburtshaus gern kaufen und ein Museum daraus machen", sagt der Bezirksleiter auf Geoje. Doch daraus wird vorerst nichts: Kurz nach Moons Wahl sei dessen Ehefrau hergekommen und habe den Wunsch übermittelt, dass hier kein Wallfahrtsort entstehen solle. "Unserer Wirtschaft geht es nicht gut", so der Präsident, "unsere Nation hat andere Sorgen." Typisch Moon. Von Geoje zog Moons Familie bald in die Hafenstadt Busan. Auch dort ging es der Familie nicht besser; der Vater handelte mit Schuhen, die Mutter mit Eiern und Kohlebriketts. Moon besaß nicht einmal Geschirr für das Schulessen, als Schale für den Reis lieh er sich angeblich die Deckel von Imbissboxen der Mitschüler.

Und dann war da noch die Familie im Norden. Moons Großeltern und andere Verwandte waren dort zurückgeblieben, es gab keinen Kontakt. Doch im Jahr 2004, Moon war Sekretär im Präsidentenpalast, nahmen er und seine Mutter an einem der höchst seltenen Treffen von getrennten Familien im nordkoreanischen Ferienort Kumgangsan teil. Moons Mutter und ihre jüngere Schwester sahen sich zum ersten Mal seit über fünf Jahrzehnten wieder. Ein Foto von dem Treffen zeigt Moon, er steht neben den beiden Frauen, die traditionelle Tracht tragen und weinen.

Regierungsmitarbeiter Moon mit Mutter (l.), Tante in Nordkorea 2004: Die Zeit drängt
REUTERS

Regierungsmitarbeiter Moon mit Mutter (l.), Tante in Nordkorea 2004: Die Zeit drängt

Auch deshalb hat Moon es eilig mit der Annäherung an den Norden. Die Zeit dränge, wurde er vor seiner Wahl im vergangenen Jahr zitiert. Seine Mutter ist jetzt 91 Jahre alt, ihr letzter Wunsch sei es, die Verwandte noch einmal zu sehen. Auch im Februar, als er Kim Yo Jong, die Schwester des nordkoreanischen Diktators, in Seoul empfing, erwähnte Moon das aufwühlende Treffen mit seiner Tante im Norden.

Die Hoffnung auf die Aussöhnung treibt ihn an, dafür arbeitet er beharrlich. Doch die Mission, die Moon zu erfüllen hat, scheint fast unmöglich: Er muss Nordkoreas Diktator und den US-Präsidenten dazu bringen, den Streit um das nordkoreanische Atomprogramm friedlich beizulegen, und zwar dauerhaft. Er will den Waffenstillstand, der seit 1953 herrscht, durch einen Friedensvertrag ersetzen. Und so einen Krieg abwenden, den viele Experten vor einem halben Jahr für denkbar hielten.

Für Moon ist es schon ein Erfolg, dass es den Gipfel mit Kim überhaupt geben soll. Zwar plädierte er von Anfang an für Gespräche mit dem Norden. Doch statt auf ihn zu hören, trieben sich Kim und Trump in eine gefährliche Eskalationsspirale. Der eine mit Atom- und Raketentests. Der andere mit Twitter-Tiraden, in denen er auch Moons Entspannungspolitik als "Appeasement" verhöhnte.

Anfang dieses Jahres überraschte Kim die Welt dann mit einer Charmeoffensive - und Moon ergriff die Chance. Als Gastgeber der Olympischen Winterspiele von Pyeongchang empfing er nordkoreanische Sportler und Funktionäre, allen voran die Schwester des Diktators. Nord und Süd schwelgten in Harmonie und bejubelten ihre Sportler; sie besuchten sich gegenseitig mit Sängern und Orchestern.

Zwar schien es oft, als führte Kim aus der Ferne die Regie bei der Wiederannäherung, doch er überließ Moon zeitweise die Rolle des diplomatischen Vermittlers. So waren es Moons Unterhändler, die Trump nach einem Besuch bei Kim in Pjöngjang die Gipfeleinladung überbrachten - die dieser überraschend annahm. Das Aufeinandertreffen der beiden Superegos soll Ende Mai oder Anfang Juni stattfinden. Kürzlich schickte Trump bereits den CIA-Direktor Mike Pompeo auf geheime Mission nach Pjöngjang.

Im Vergleich dazu verblasst der Nord-Süd-Gipfel in Panmunjom wie ein Vorkampf vor einer Boxweltmeisterschaft. Am Ende aber könnte er sich als entscheidend erweisen: Denn Moon will den Diktator davon überzeugen, dass er den USA mit konkreten Schritten für eine atomare Abrüstung entgegenkommen muss. Und er sagt, Kim bestehe nicht mehr wie bislang auf den Abzug der US-Truppen aus Südkorea. Das könnte eine der wichtigsten Bedingungen dafür sein, damit das Treffen zwischen Kim und Trump überhaupt Erfolg haben kann.

Es gibt vermutlich kaum jemanden, der für diese schwierige Aufgabe besser geeignet ist als Moon. Mit Fleiß und Ehrgeiz hat er es einst an eine Universität in Seoul geschafft. Damals war Südkorea eine Diktatur, und Moon demonstrierte gegen das Regime. Die Nachricht von seiner bestandenen Juraprüfung erhielt er hinter Gittern. Wegen seiner Verhaftung war ihm eine Laufbahn als Richter versperrt, er wurde daher Anwalt. Gemeinsam mit dem späteren Präsidenten Roh Moo Hyun betrieb er in Busan eine Kanzlei; sie verteidigten Studenten, Arbeiter und andere Verfolgte des Regimes.

"Er drängt sich nicht in den Vordergrund, er respektiert die Position seines Gegenübers." Das sagt der Anwalt Jung Jae Sung, der Moon seit den späten Achtzigerjahren kennt; jahrelang arbeitete er mit Moon Seite an Seite in ihrer gemeinsamen Kanzlei. "Moon war extrem geduldig, er arbeitete hart und dachte weit voraus", sagt Jung. Er berichtet von einer Klientin, einer Querulantin, vor der andere Kollegen sich am liebsten versteckt hätten. Doch Moon habe ihr stets aufmerksam und freundlich zugehört.

Jung betont überdies den anspruchslosen Lebensstil des ehemaligen Kollegen. "Moon ist sehr streng gegen sich selbst, fast schon zu streng." Von sich aus habe er nie vorgeschlagen, nach Feierabend gemeinsam ins Restaurant zu gehen. "Wenn wir dann allerdings loszogen, dann hat er immer für gute Stimmung gesorgt."

Nachdem sein Anwaltskollege, der linksliberale Roh Moo Hyun, 2002 zum Staatsoberhaupt gewählt worden war, folgte Moon ihm als Stabschef ins Blaue Haus, den Präsidentenpalast in Seoul. 2007 bereitete Moon federführend den Nord-Süd-Gipfel zwischen Roh und Kim Jong Il vor, dem Vater des heutigen Diktators.

Schon damals keimte Friedenshoffnung auf der koreanischen Halbinsel auf. Bei den Pekinger Sechsergesprächen zwischen den beiden Koreas, den USA, China, Russland und Japan hatte das Kim-Regime zuvor versprochen, seine Atomanlage Yongbyon abzuschalten. Und beim von Moon vorbereiteten Gipfel in Pjöngjang 2007 vereinbarten Nord und Süd dann Verhandlungen über einen Friedensvertrag - parallel zur Lösung des Atomproblems auf der Halbinsel. Der Frieden sollte endlich den Waffenstillstand ersetzen, der seit dem Koreakrieg herrscht. Auch ambitionierte Wirtschaftsprojekte wurden angepeilt, darunter eine gemeinsame Fischereizone und der Ausbau von Haeju, einem Hafen an der nordkoreanischen Westküste.

Doch dann brach das Kim-Regime ein Versprechen nach dem anderen; es rüstete atomar weiter auf. "Moon hatte alles persönlich vorbereitet, und später sah er dann, wie sich alles in Luft auflöste", erinnert sich Kim Kyoung Soo, ein damaliger Mitarbeiter von Moon, der jetzt für die Regierungspartei im Parlament in Seoul sitzt.

Kim Jong Un mit Chung Eui Yong, nationaler Sicherheitsberater von Südkorea
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Kim Jong Un mit Chung Eui Yong, nationaler Sicherheitsberater von Südkorea

Aber diesmal, glaubt er, gebe es eine echte Chance für Frieden. "Die damalige Erfahrung hat Moon gelehrt, jeden einzelnen Schritt gründlich vorzubereiten." Vor allem aber habe Moon verstanden, dass Versöhnung nur möglich sei, "wenn wir uns eng mit den USA abstimmen".

Tatsächlich herrschten 2007 erhebliche Unstimmigkeiten zwischen Seoul und Washington. Diesmal fällt dagegen auf, dass Moon den US-Präsidenten fast schon hofiert. Als es im Januar erste Kontakte zwischen Nord und Süd gab, lobte er dafür nicht sich selbst, sondern Trump. Ebenso wie Trump beharrt Moon darauf, dass die Uno-Sanktionen gegen das Kim-Regime in Kraft bleiben, solange es seinem Atomprogramm nicht abschwört.

Doch wird Diktator Kim sich darauf einlassen? Er hat zwar angekündigt, eine Abrüstung sei denkbar - aber kann man ihm glauben?

Die USA und ihre Verbündeten fordern zudem, dass Kim auf sein nukleares Arsenal verzichtet, und zwar vollständig, überprüfbar und unumkehrbar. Kim deutet dagegen nur eine schrittweise Abrüstung an, zeitlich abgestimmt mit Konzessionen der USA. Überdies verlangt er Überlebensgarantien für sein Regime.

Nicht nur, dass diese Differenzen schwer zu überbrücken sein werden, Moon steckt auch in einem geostrategischen Dilemma: Kim ist mittlerweile nicht nur der Führer einer Atommacht. Geschickt nutzt er auch die Rivalität zwischen den Supermächten USA und China, die auf der koreanischen Halbinsel letztlich einen Konflikt über die künftige Machtverteilung im Pazifik austragen. Das wird dadurch deutlich, dass Chinas Staatschef Xi Jinping demnächst wahrscheinlich zu einem Staatsbesuch nach Pjöngjang reisen wird.

Mit der Schutzmacht China im Rücken kann Kim noch selbstbewusster verhandeln. Dagegen kann Moon sich bei Trump keineswegs sicher sein, inwieweit der die Interessen des Südens berücksichtigt.

"Das schlimmste Szenario wäre, wenn die USA sich aus dem Süden der Halbinsel zurückzögen", sagt Park Myung Lim, ein Wegbegleiter von Moon. Der Politologe lehrt an der Yonsei-Universität in Seoul, er hat Moon oft beraten. Auch Park befürwortet die Aussöhnung, blickt den beiden Gipfeln jedoch skeptisch entgegen. Denn er unterstellt den USA, dass es ihnen weniger um das Atomprogramm geht als darum, die Bedrohung von New York oder Los Angeles durch Kims Langstreckenraketen abzuwenden.

"Falls Nordkorea sich mit den USA einigt, die Reichweite seiner Raketen zu beschränken, würde der Atomstreit zu einer lokalen Angelegenheit herabgestuft." Dann müsste der Süden zusehen, wie er mit dem Norden zurechtkommt.

Er fügt hinzu: Selbst wenn Kim der Welt verspreche, auf Atomwaffen zu verzichten, lasse sich diese sogenannte Denuklearisierung kaum überprüfen. "Der Norden hat große Fortschritte bei der Verkleinerung seiner Atomwaffen gemacht, die kann er immer besser verstecken."

Im Video: Südkoreas Präsident - "Er muss sich noch bewähren"

MIKHAIL METZEL / ITAR-TASS / IMAGO


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