AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 33/2016

Luxusleben in Syrien Krieg in Zeiten von Instagram

Mitten im großen Sterben geht in Damaskus das Leben weiter. Online-Tagebücher zeigen eine verstörend mondäne Welt: Menschen, die ausgelassen feiern, viel Geld für das neueste iPhone und ein perfektes Make-up ausgeben. Von Riham Alkousaa


Die Tage sind unerträglich heiß, um die 35 Grad, die Hitze verlangsamt das Leben in Syriens Hauptstadt. Niemand geht vor Sonnenuntergang raus, wenn er nicht unbedingt muss. Am Abend aber kommen sie alle aus ihren Häusern, bevölkern die Cafés, Restaurants und die Parks.

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Heft 33/2016
Warum der Mensch die Meere retten muss

Damaskus ist nach fünf Jahren des Bürgerkriegs mit landesweit wohl weit mehr als 250.000 Toten in verschiedene Sektoren aufgeteilt. Die Altstadt etwa und die Villenviertel in Hanglage sind fest in der Hand des Regimes. Aber manchmal sind es nur wenige Häuserblocks bis zu den umkämpften, zerschossenen Vororten und Vierteln wie Daraja oder Jarmuk im Süden oder Dschubar im Norden, den Gebieten der Aufständischen.

Für die Bewohner der Stadtteile unter Assads Kontrolle ist der Krieg scheinbar weit weg. Doch auch bei ihnen sind Stromausfälle Teil des Alltags geworden, die Leute haben sich daran gewöhnt, sparsam mit den Akkus ihrer Smartphones umzugehen.

Mitten im großen Sterben geht so das Leben weiter, auch wenn die Menschen müde geworden sind - angesichts der horrenden Inflation. Ende 2015 betrug die jährliche Preissteigerung bei Lebensmitteln fast 60 Prozent. Die Frage, wie man zu Brot und Essen kommt, scheint nun manchmal wichtiger als die, wer das Land regiert. Das gilt aber nicht für alle Menschen.

Die Stadt, in deren Präsidentenpalast Assad seinen mörderischen Feldzug führt, Luftschläge auf den Rest des Landes anordnet und Aleppo in Trümmer legen lässt, ist ein relativ sicherer Ort. Syrer vom Land und aus den weiter östlich gelegenen Städten sind hierher geflüchtet. Über 1,7 Millionen Menschen suchten seit 2011 neue Unterkünfte in der Stadt, entweder weil sie hierher geflohen sind oder weil ihr altes Zuhause in Damaskus zerstört wurde und sie ein neues brauchten.

Seit der im Februar beschlossenen, sehr brüchigen Waffenruhe ist es etwas friedlicher geworden, auch wenn es immer wieder zu Gefechten zwischen Rebellengruppen und Assads Soldaten kommt.

Vor allem junge Syrer haben sich im Internet eine bunte Gegenwelt geschaffen. Ihre für manche zynisch anmutenden Instagram-Fotos zeigen ein Damaskus, das wie aus der Zeit gefallen wirkt: glamourös und unbeschwert - eine Stadt, in der man ausgelassen feiert und viel Geld für das neueste iPhone-Modell und ein perfektes Make-up ausgibt.

Raja Mamosh, 29, professioneller Fotograf, arbeitet in Beirut und Damaskus, sein Instagram-Name: @rajamamosh

"Ich habe erst 2014 mit Fotoshootings von Hochzeiten in Syrien begonnen. Durch den Verfall des syrischen Pfunds ist Heiraten in Syrien so billig geworden wie nirgendwo sonst.

80 bis 90 Prozent meiner Kunden sind Paare, die in Dubai, Deutschland, in Kanada oder Schweden leben und nur zum Heiraten nach Syrien kommen. Danach fliegen sie wieder zurück. Ich fotografiere die Brautpaare gern in der Kulisse der Altstadt oder in den Gärten der Luxushotels.

Als Fotograf in einem vom Krieg zerrissenen Land zu arbeiten ist eine Herausforderung und einfach zugleich. An öffentlichen Plätzen wird auf einmal alles ganz leicht, wenn man mit einer Braut erscheint, die Leute freuen sich so für das Hochzeitspaar.

Aber es ist verdammt schwer, in dieser überlasteten, verstopften Stadt von einem Ort zum anderen zu kommen. Ich mache zwei bis drei Hochzeiten pro Tag mit meinem zwölfköpfigen Team, wir sind bis Ende September ausgebucht. Ich bin auf Instagram seit 2012, vorher war der Dienst in Syrien nicht wirklich verbreitet.

Das Leben sieht auf Instagram besser aus, als es ist; wenn man mehr über die Realität erfahren will, muss man auf Facebook gehen. Instagram ist für Leute mit einem gewissen Lifestyle, die das Nachtleben lieben, die ihre Tage genießen wollen."

Saiid Khoury, 23, Moderator einer Morningshow im Lokalradio, sein Instagram-Name: @saiid_khoury

"Ich stelle meinen gesamten Alltag auf Instagram. Wie ich zur Arbeit gehe, ins Fitnessstudio, wie ich mit Freunden rumhänge. Jetzt, im Sommer, bin ich oft im Schwimmbad. Ich halte so eine Galerie meines Lebens fest, Fotos, die nicht mehr verschwinden können.

Viele Restaurants und Bars haben nach der Waffenruhe neu eröffnet. Das Ausgehviertel heißt Bab Scharki, viele neue Pubs haben dort aufgemacht, selbst während der Woche sind sie voll, es ist ein wenig wie in Beirut. Maximal zehn Prozent der Bevölkerung können sich diesen Lebensstil erlauben. Ich könnte mir das nicht leisten, wenn ich nicht nebenher etwas arbeiten und meine Familie mir nicht helfen würde. Dafür müsste ich doppelt so viel verdienen wie jetzt.

Man sieht viel Übertriebenes in der Stadt: Die Leute fahren die neuesten BMW-Modelle; 85 Prozent der Barbesucher besitzen ein iPhone 6s, das umgerechnet 800 Dollar kostet. Vor dem Krieg konnte man sich mit dieser Summe einen Kleinwagen kaufen. Ich frage mich, woher sie das Geld haben.

Ich erkenne viele Minister unter den Gästen in Bars, ihre Söhne, aber auch Schauspieler und Modemacher. Und dann gibt es solche, die Geld haben ohne erkennbaren Grund. In derselben Straße mit den voll besetzten Restauranttischen kannst du Kinder sehen, die Taschentücher verkaufen, auf dem Boden schlafen und aus dem Müll essen. Solche Szenen haben keinen Platz auf Instagram, es würde im Übrigen auch nichts ändern."

Yasmin Shallah, 25, Lehrerin an einer Privatschule im Süden von Damaskus, wenige Kilometer von dem zerstörten, belagerten Daraja, ihr Instagram-Name: @jasmine.sh.91

"Mein iPhone ist voller Fotos, Selfies mit meinen Vorschulkindern, selbst gemachter Kuchen, Familienfeiern. Es fällt mir schwer, alte Fotos zu löschen, um Platz für neue zu machen, denn die alten zeigen Freunde, die Syrien verlassen haben, und Monumente, die es nicht mehr gibt.

Ich liebe die Omajjaden-Moschee in der Altstadt von Damaskus, es ist meine größte Angst, sie zu verlieren. Ich liebe Details, Bilder voller Farben.

Jeden Morgen gehe ich an diesem blühenden Baum vorbei und halte den Atem an, weil er so schön ist. Eines Tages beschloss ich, ihn zu fotografieren, aber es wurde ein mittelmäßiges Foto. Ich war nicht zufrieden damit.

Als ich nachmittags noch einmal vorbeiging, stand ein Soldat neben dem Baum und wartete auf mich. Er sagte, ich solle ihm folgen. Er nahm sein Walkie-Talkie und sprach hinein: Sie ist bei mir, ich bringe sie. Ich hatte wahnsinnige Angst, gab mich aber entspannt.

Ich wurde einem Offizier gegenübergestellt, er fragte: 'Was hast du heute Morgen am Checkpoint fotografiert?' Ich sagte: 'Sie haben einen wunderschönen Ast hier über sich, ich konnte nicht vorbeigehen, ohne ihn zu fotografieren.'

Als ich ihm das Foto zeigte und noch mehr Fotos von Blumen und Bäumen in Blüte, die ich in den Straßen aufgenommen hatte, ließ er mich gehen."

Bushra Kaadan, 21, Wirtschaftsstudentin an der Universität von Damaskus, ihr Instagram-Name: @bushrakaadan

"Instagram ist wie ein Tagebuch für mich. Ich fühle mich glücklich, wenn ich alte Fotos von mir und meinen Freunden anschaue. Am Donnerstagabend feiern zu gehen ist heilig für mich und meine Freunde. Das kann man auf meinem Account sehen. Wenn ich in Restaurants oder Bars gehe, ist es immer voll. An den Wochenenden verstopfen Autos die Straßen.

Manchmal, wenn der Wert des syrischen Pfunds fällt, fühle ich mich ein wenig betroffen. Aber meinen Eltern geht es gut, es gibt keinen Anlass, sich über Geld einen Kopf zu machen. Mein Vater ist Architekt. Die größte Sorge unserer Familie ist die Gesundheit meiner ältesten Schwester. Sie ist Autistin, braucht spezielle Medikamente. Manchmal sind die in Damaskus schwer zu bekommen, sodass wir sie aus dem Libanon bestellen müssen.

Neulich habe ich 'Money Monster', mit Julia Roberts und George Clooney, gesehen. Ich gehe etwa dreimal im Monat ins Kino. Jeden Tag nach der Schule nehme ich einen Drink mit meinen Freunden, dafür zahle ich etwa drei Dollar. Donnerstags gehen wir in einem Restaurant essen, das kostet umgerechnet ungefähr zwölf Dollar.

An das Leben vor dem Krieg kann ich mich kaum erinnern, ich war ja erst 15 Jahre alt, als er begann. Und nun fühlt es sich an, als ob der Krieg schon seit Ewigkeiten da ist. Meine beste Freundin hat das Land verlassen, das ist sicher die krasseste Veränderung, die es in meinem Leben in den vergangenen Jahren gab."

Milad Hannoun, 35, Make-up-Artist, sein Instagram-Name: @miladhannoun

"Zu Beginn der Krise 2011 hatte ich kaum Arbeit, die Menschen waren ängstlich und haben keine Events mehr organisiert. Sie waren noch nicht an den Krieg gewöhnt. Es dauerte drei Jahre, bis es besser wurde.

2015 war das beste Jahr meiner Laufbahn, so viele Kunden hatte ich noch nie. Auch dieses Jahr lässt sich gut an. Als Make-up-Artist kennt man seine Kundschaft ziemlich gut. Eine bestimmte Gesellschaftsschicht ist verschwunden, sie hat das Land verlassen, dafür ist eine andere Klasse hinzugekommen, ich nenne sie die Nouveaux Riches. Sie haben zuvor nicht in Damaskus gelebt, aber sind hierhergezogen, weil es einer der sichersten Plätze im Land ist. Sie stellen 70 Prozent meiner heutigen Kundschaft. Die Tarife, die ich nehme, mögen der normalen Bevölkerung teuer erscheinen, aber sie sind es nicht. Ich nehme zum Beispiel 75.000 syrische Pfund für ein Braut-Make-up, umgerechnet 150 Dollar, das ist wirklich nicht viel. Vor dem Krieg habe ich nur 25.000 Pfund berechnet, aber das waren damals noch 500 Dollar.

Instagram ist sehr wichtig für meine Arbeit, ich habe über 55.000 Follower. Ich habe dem Dienst meine Bekanntheit zu verdanken, in Syrien und Teilen der arabischen Welt bin ich berühmt. Wenn ich in ein Café komme, merke ich, wie die Leute beginnen, über mich zu tuscheln. Ich bekomme jetzt sogar Anfragen aus London. Ich arbeite auch in Dubai, aber ich würde Syrien nie verlassen. Es gibt hier noch so viel zu tun, und ich habe ein Team von 19 Leuten, das auch von meiner Arbeit lebt."

Nour Kouli, 30, Apothekerin und Gründerin eines Start-ups, ihr Instagram-Name: @candysoapsyria

"Vor zwei Monaten habe ich mit meinen beiden Schwestern ein Unternehmen gegründet. Unsere Idee war, medizinische Seifen herzustellen, die gut riechen und gut aussehen. Wir wollten Pharmazeutik mit Kunst verbinden. Mittlerweile vertreiben wir 25 verschiedene Sorten. Jede Seife ist handgemacht. Unsere Seifen haben spezielle Formen, sie sehen aus wie Cupcakes, wie Rosen oder auch wie Käsekuchen. Manche Kunden stellen sie sich nur als Dekoration hin.

Die größte Herausforderung war es, trotz der Sanktionen Grundstoffe und Substanzen aus dem Ausland zu bekommen. Unsere Preise sind nicht günstig, wir produzieren für eine bestimmte Zielgruppe in Syrien, von der wir wissen, dass sie unsere Produkte haben will. Da wir alle in Malki wohnen, einem Viertel, in dem sehr viele reiche Familien leben, war es für uns einfacher, einen Zugang zu diesen Kunden zu finden.

In Damaskus ist die Gesellschaft nun in zwei Klassen aufgeteilt. Es gibt keine Mittelschicht mehr. Es gibt nur noch die Reichen und die Armen, ich würde denken, ein Drittel ist reich, mindestens zwei Drittel sind arm, vielleicht mehr. Wir verkaufen auch in Basaren, aber nur in solchen, die ein gewisses Niveau haben. Die Wirtschaftskrise, die durch den Krieg verursacht wurde, hat dazu geführt, dass manche Universitätsabgänger nun eigene Unternehmen gründen, aber nicht alle haben Erfolg. Wir können uns nicht beklagen, wir haben vor Kurzem die ersten Bestellungen aus dem Ausland entgegengenommen."

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Koana 16.08.2016
1. Wo liegt der Unterschied?
Ob nun die Party im Adlon zu Berlin, im Riz zu New-York oder im Saddam-Club zu Damaskus steigt, dort feiern die Verbrecher, jene Klasse von Menschen, die im Grunde vom Blut der Opfer leben! Schön, dass sie ihre Bildchen nun so offen verbreiten und damit zeigen, auch noch stolz auf sich zu sein. Wer sich solchen Menschen anbiedert, der ist schlicht um sein Leben gekommen, da er nicht kapiert worum es gehen könnte, würde man mutig und frei diesen Blutsaugern die kalte Schulter zeigen.
Ein_denkender_Querulant 16.08.2016
2. Es ist ein lokaler Krieg
In Damaskus ist kein Krieg. Darum können Flüchtlinge im Einzelfall auch nach Damaskus zurückgeschickt werden. Krieg ist in den syrischen Randgebieten. Da der IS und die vom westen unterstützten Terrorgruppen, äh Freiheitskämpfer, keine weitreichenden Waffen wie Mittelstreckenraketen oder Flugzeuge nutzen, ist Damaskus hinreichend befriedet. Warum sollten kultivierte Syrer nicht feiern? Was geht diesen westlich geprägten Menschenschlag der Krieg von Fundamentalisten in der Wüste etwas an? Dafür bezahlt man Steuern und unterhält eine Armee. Würde man in München nicht feiern, wenn fundamentale Friesen aus den Niederlanden unsere Nordseeinseln angreifen würden?
epigone 16.08.2016
3. Ist doch ganz einfach zu verstehen:
Teile der Gesellschaft haben sich entschlossen, Waffen und Geld von F, GB und USA zu nehmen um selbst an die Macht zu kommen ("Demokratische Opposition", ironischerweise auch aus fundamentalistischen Islamisten bestehend). Was die im Erfolgsfall gemacht hätten, hätte vielleicht dem Westen gefallen, wäre aber wohl kaum demokratisch gewesen. Oder man nimmt die Chancen unter dem Regime Assads wahr und es geht einem meist recht gut (es sei denn, man greift das Regime an). Jeder hat seine Entscheidung getroffen, auch die Kämpfer in Aleppo, die die Waffen nicht niederlegen wollen. Ist weder besonders ungewöhnlich für die Arabische Welt, noch besonders selten. Oder schon den Libanon vergessen?
darthkai 16.08.2016
4. Wahrlich verstörend
Es gibt noch normales, zivilisiertes Leben in vielen, vom schrecklichen Regime kontrollierten, Teilen des Landes. Also noch einiges zu tun für die Freunde Saudi Arabiens. Ab an die Tastaturen, schreiben für mehr Trümmer, schwarze Flaggen und rollende Köpfe auch in Damaskus;)
Winniethepuuh 16.08.2016
5. Damit dürfte das Thema Unterdrückung
durch den Diktator Assad auch geklärt sein. In Damaskus darf man sich noch frei bewegen und feiern, während im Hinterland die Sharia wütet und ganze Bevölkerungsteile hingemetzelt werden. Wer unterstützte da wen noch mal?
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