AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 8/2018

Trotz IS-Niederlage Warum die Kämpfe in Syrien wieder eskalieren

Der "Islamische Staat" ist weitgehend geschlagen, aber damit kehrt nicht Ruhe ein, im Gegenteil: Jede am Kampf beteiligte Partei will sich ein Stück des Landes sichern.

Kämpfer der Freien Syrischen Armee bei Aleppo: Gängige Definitionen von "Verbündeter" und "Gegner" greifen nicht mehr
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Kämpfer der Freien Syrischen Armee bei Aleppo: Gängige Definitionen von "Verbündeter" und "Gegner" greifen nicht mehr

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Was haben ein Geldfälscher aus Syrien, eine irakisch-afghanische Miliz unter iranischem Kommando und ein russischer Kosake gemeinsam?

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Heft 8/2018
Die Schwäche der Volksparteien - die schwache Republik

Mehr, als man ahnen würde: Sie alle gehörten zu einer obskuren, etwa 300 Mann starken Angreiferschar, die am 7. Februar vom US-Militär bombardiert wurde, als sie auf einer Pontonbrücke den Euphrat überquerte und versuchte, eines der größten Gasfelder Ostsyriens für das Assad-Regime einzunehmen. Dieses sogenannte Conoco-Feld nahe der Stadt Deir al-Sor im Osten Syriens hatten im vergangenen September von Kurden geführte Truppen dem "Islamischen Staat" (IS) abgenommen - mithilfe der Amerikaner, deren Special Forces dort stationiert sind.

Es ist eine verwirrende Geschichte, aber sie erzählt viel über die zunehmend unübersichtliche und zugleich gefährliche Lage im syrischen Krieg. Der Vorstoß auf das Conoco-Feld, bei dem etwa hundert der Angreifer durch amerikanische Bomben umgekommen sein sollen, ist nur einer von mehreren Kämpfen ausländischer Streitkräfte in Syrien. Das Land ist zum Schlachtfeld der großen und regionalen Mächte geworden - USA, Russland, die Türkei, Iran, Israel -, die es als Austragungsort für ihre Interessen nutzen. Es droht die Gefahr eines ungewollten Zusammenstoßes. Und zugleich wird dieser derzeit wichtigste globale Konflikt für Außenstehende immer unverständlicher.

Die verschiedenen internationalen Kriegsparteien haben in den vergangenen Wochen fast gleichzeitig massive Angriffe gestartet: Die türkische Armee attackiert seit 28 Tagen im nordsyrischen Afrin die dort herrschende Kurdenmiliz YPG. Die israelische Luftwaffe zerstörte in einer Angriffswelle nach eigenen Angaben knapp die Hälfte der gesamten syrischen Luftabwehr, nachdem sie einen Jet verloren hatte - nach einer Provokation durch eine iranische Drohne.

Und dann war da eben noch dieser mysteriöse Zusammenstoß nahe dem Gasfeld, den manche Berichte als tödlichste Auseinandersetzung zwischen Russen und Amerikanern seit Ende des Kalten Krieges bezeichneten. Unter den getöteten Angreifern sollen sich russische Söldner befunden haben. Die Rede war, je nach Quelle, von bis zu 200 toten Russen - laut lokalen Angaben waren es wohl eher zwischen 10 und 20.

Die Einmischung fremder Mächte in Syrien ist nicht neu. Aber dass ihre Konflikte ausgerechnet jetzt mit solcher Wucht ausgetragen werden, hat vor allem einen Grund: Der gemeinsame Feind ist weg. Seit Herbst 2014 konnten sich alle Mächte auf ein Ziel verständigen - den IS. Und auch wenn dies, wie bei Russland und der Türkei, nur aus vorgeschobenen Gründen geschah, es einte immerhin fast alle Kriegsparteien.

Doch nun ist der IS besiegt, sein "Kalifat" bis auf winzige Flecken und Wüstengebiete verschwunden. Frieden ist damit jedoch nicht eingekehrt. Im Rückblick war der "Islamische Staat" nicht nur ein Monstrum, sondern auch ein Platzhalter. Ihn zu bekämpfen war stets mitgetragen vom Motiv, befreite Gebiete dem eigenen Machtbereich zuschlagen zu können. So sichert sich jeder ein Stück von Syrien.

Die Anti-IS-Koalition brachte US-Truppen ins Land und machte die Kurden in Nordsyrien mächtig. Sie halten inzwischen ein Viertel des Landes unter Kontrolle und wollen auch, dass das so bleibt. Die Türkei möchte dies verhindern. Und als die kurdisch geführten Truppen im September immer weiter nach Süden vorrückten, brachte das US-Militär deren Kämpfer mit Hubschraubern in die Umgebung von Deir al-Sor, um sicherzustellen, dass niemand anderes die Öl- und Gasfelder dort besetzte. Nun wollen die USA mit derselben Kurdentruppe, die sie vorher gegen den IS aufrüsteten, Irans Machtanspruch in Syrien blockieren.

Und natürlich ist jede ausländische Macht bestrebt, die eigenen Verluste so gering wie möglich zu halten - weshalb vielfach militärische Subunternehmer und Milizen angeheuert wurden, die den verlustreichen Bodenkampf erledigen sollen.

Die Amerikaner nutzen die Kurden für sich, die Türken lassen neben eigenen Soldaten auch Anti-Assad-Rebellen für sich kämpfen, die Iraner befehligen eine bunte Mischung aus irakischen, afghanischen, pakistanischen Rekruten und eigenen Leuten. Sie stützen mit Zehntausenden Kämpfern seit 2013 das Regime Baschar al-Assads. Befehligt, finanziert und ausgebildet werden sie von Irans Revolutionswächtern, die um jeden Preis ihre syrische Verbündeten an der Macht halten wollen. Letztere kamen auch beim Angriff auf das Conoco-Gasfeld zum Einsatz. Eine Truppe wie aus einem dystopischen Katastrophenfilm.


Im Video: "Man hat das Land verpfändet"
SPIEGEL-Korrespondent Christoph Reuter über die Gründe, die zur aktuellen, unübersichtlichen Lage in Syrien führten.

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Zwei lokale Stammesmilizen waren an dem Angriff beteiligt, darunter die des "1000-Lira-Fälschers" Torki Albo Hamad. Einst wegen Mordes in Katar und Urkundenbetrugs in Saudi-Arabien gesucht, war er in seiner syrischen Heimat als Anführer einer Bande von Straßenräubern bekannt. 2013 bot Damaskus ihm Geld und Straffreiheit an, wenn er sich und seine Männer in den Dienst des Regimes stelle.

Aber auch russische Söldner waren dabei, unter ihnen ein etwa 50-jähriger Kosake, der zuvor für ein Foto mit Orden und erhobenem Säbel posiert hatte. Die als "Gruppe Wagner" bekannt gewordene Einheit wurde wohl von syrischen Geschäftsleuten angeheuert.

Es werden parallel mehrere Konflikte auf syrischem Boden ausgetragen, ohne Aussicht auf ein Ende. Und ohne das Ziel eines nachhaltigen Friedens. So wurde international stets eine Verhandlungslösung beschworen, aber die Appelle blieben Floskeln - und haben die beteiligten Mächte erst recht ermutigt, sich militärisch zu nehmen, was sie wollen.

Das liegt daran, dass Assad lieber das Land einäschern wollte, als von der Macht zu lassen - und deshalb von Anfang an einen Krieg um ganz Syrien führen wollte, wozu sein Regime zu schwach war. Assad war daher auf die Unterstützung der Iraner und Russen angewiesen sowie auf das Stillhalten der Kurden. Daraus ist ein Chaos entstanden, für das es kaum noch klare Begriffe gibt. Die gängigen Definitionen von "Verbündeter" und "Gegner" greifen längst nicht mehr. Was das Verhältnis Russlands, Irans, der Kurden, der Türkei, der USA sowie des Assad-Regimes ausmacht, sind Phasen wechselnd dosierter Gegnerschaft wie Zusammenarbeit.

Diese wechselnden Allianzen zeigt auch die Eskalation östlich von Deir al-Sor sehr anschaulich: Eigentlich war wohl alles ganz anders geplant. Denn es gab, wie von mehreren Quellen bestätigt wird, eine Abmachung zwischen den kurdisch dominierten SDF, Russen sowie dem Assad-Regime.

Demnach waren die SDF bereit, freiwillig aus dem Gebiet der Gasfelder abzuziehen und Regimekräfte einrücken zu lassen. Dafür würden die Russen den Luftraum über Afrin für die türkische Luftwaffe sperren, und Assads Führung würde endlich Verstärkung aus den isolierten östlichen Kurdengebieten durchs Regimegebiet nach Afrin passieren lassen.

Mit anderen Worten: Unterstützung für die von der Türkei angegriffenen Kurden im Norden gegen Gebietsgewinne des Regimes im Osten.

Tatsächlich hörten die türkischen Luftangriffe über Afrin ab dem 4. Februar auf; Moskau sperrte den Luftraum für die Türken. Daraufhin setzte die türkische Armee ihre Offensive aus, denn ohne vorherige Luftangriffe wollte man nicht gegen die mit Beton und Bunkern gesicherten kurdischen Verteidigungslinien vorrücken. Und in den Tagen danach kam ein Konvoi von etwa 200 Bussen, Lastern und Pick-ups in Afrin an, beladen mit Kämpfern, Munition und Waffen aus iranischer Produktion.

Doch als es darum ging, den zweiten Teil des Deals im Osten umzusetzen, lief irgendetwas schief.

Dabei hatte eine syrische Oppositions-Website bereits berichtet, dass der Sturm von Assads Einheiten auf das Gasfeld unmittelbar bevorstehe und dass die SDF die Amerikaner informiert hätten. Diese schauten dem Angriff nicht tatenlos zu, sondern ließen ihre Bomber starten. Hatten die Kurden die Amerikaner gar nicht informiert, um sich nicht an ihren Teil der Absprache halten zu müssen? Oder war es dem Pentagon egal, welche Absprachen seine Verbündeten getroffen hatten?

Dass im amerikanischen Feuersturm mehrere Russen umkamen, macht das Chaos komplett. Denn unmittelbar nach dem Angriff hatten US-Verantwortliche wiederholt verkündet, vor und während ihrer Operation mit russischen Stellen in Syrien in Kontakt gestanden zu haben, um eine Kollision zu vermeiden. Aus Moskau wurde nicht widersprochen. Aus dem russischen Verteidigungsministerium hieß es später, die Kämpfer seien "ohne Genehmigung" des Militärs vorgerückt. Aber gänzlich ohne Moskaus Wissen? Wahrscheinlich ist das nicht.

In Moskau war man jedoch offensichtlich schwer verstimmt über die Kurden. Bereits einen Tag nach der so fatal gescheiterten Einnahme des Gasfelds hoben die Russen die Luftraumsperre über Afrin auf. Die türkische Luftwaffe startete ihre Angriffe auf Afrin erneut - und bald darauf nahmen Bodentruppen fünf Dörfer ein.

Aber dass nun die Konflikte zwischen rivalisierenden Mächten ausbrechen, ist nicht das einzig Neue. Auch die beiden großen Verbündeten des Regimes geraten offenbar langsam aneinander. Russland und Iran wollen beide Assads Sieg - aber je näher dieser militärisch rückt, dank Russlands Luftangriffen und Irans Milizen am Boden, desto deutlicher unterscheidet sich, was beide aus diesem Sieg machen wollen.

Moskau will eine "Pax Russica" und die außenpolitische Dividende einfahren: nämlich endlich anstelle Washingtons der wichtigste Spielmacher im Nahen Osten zu sein. Dafür braucht es Ruhe und keinen endlosen Krieg, der daheim irgendwann vielleicht doch unpopulär werden könnte.

Irans Revolutionswächter dagegen wollen Syrien auf Dauer beherrschen und zum nächsten Brückenkopf ihrer schiitischen Expansion machen. Dafür richten sie sich nicht nur militärisch ein, sondern arbeiten daran, sunnitische Syrer zum schiitischen Islam zu konvertieren, und kaufen Fabriken auf. Das ist zwar überhaupt nicht in Russlands Sinn, aber ohne Iran wäre Assad verloren. Und damit wäre wiederum Moskaus Plan Makulatur, das Land eines Tages zu befrieden.

Wer im Westen also die Nichteinmischung fordert, hat vordergründig recht: Es kann in diesem Konflikt keine militärische Lösung geben. Nicht eine. Sondern viele. Nur dass keine davon am Ende das Land retten wird.



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