AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 31/2017

Familie Muati in Hamburg Sie möchten deutscher sein als viele Deutsche

Die Muatis aus Syrien sind eine von Hunderttausenden Flüchtlingsfamilien. Sie lieben Regeln, Regen, Rasenmähen. Wie passt das zu den deutschen Nachbarn?

Familie Muati auf ihrer Terrasse in Hamburg-Billstedt
Philipp Schmidt / DER SPIEGEL

Familie Muati auf ihrer Terrasse in Hamburg-Billstedt

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Es war ein Morgen im Mai, Yusra Muati lag in einer deutschen Arztpraxis, ihr Mann Adel hielt ihre Hand, als sie erfuhren, dass sie um das neue Leben, das ihre Familie in diesem Land erwartet, fürchten müssen.

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Heft 31/2017
Wie wir leben, wie wir denken: Ein Heft über Deutschland

Die Ärztin, eine Frau in weißer Bluse, fuhr mit einem Ultraschallgerät über den Bauch der Mutter, auf einem Bildschirm markierte sie einen winzigen Kopf, zwei Hände und zwei Füße. Nach einer Weile sprach sie drei Wörter aus, die Adel und Yusra Muati in Deutschland nie zuvor gehört hatten. Sie sprach von Chromosomen, Trisomie und einem Herzfehler.

Die Eltern sahen auf den Bildschirm, sie verstanden, dass die Ärztin etwas von Auffälligkeiten sagte. Dann erklärte sie ihnen, langsam, in einfachen deutschen Sätzen, dass ihr Kind behindert oder krank sein könnte. Dass es, auch wenn sie sich für die Geburt entschieden, vielleicht nicht stark genug sein werde, die Geburt zu überleben.

An einem Abend im Juli, zwei Monate danach, sitzen Adel Muati, 44, ein Mann mit rundem Bauch, und Yusra Muati, 38, eine Frau mit Kopftuch und wachen blauen Augen, auf einem Sofa in ihrem Wohnzimmer in Hamburg-Billstedt. Die Ärztin in der Praxis, erzählen sie, habe ihnen geraten, das Fruchtwasser untersuchen zu lassen, aber sie sehen darin keinen Sinn. Yusra Muati ist jetzt im sechsten Monat schwanger, ihr Bauch unter den Kleidern zu erkennen. Sie streichelt ihn und sagt, sie habe gehört, dass die meisten Deutsche ein behindertes Kind nicht haben wollten, aber sie würden ihres auf jeden Fall bekommen. "Wir haben den Krieg überlebt", sagt die Mutter, "wie können wir es hier, in Sicherheit, nicht leben lassen?"

Neben ihnen, auf dem Sofa, sitzen ihre vier Kinder Russlan, 20, Amir, 17, Ghofran, 13, und Youssef, 7, im Fernsehen läuft die "Tagesschau", Nachrichten über Bombenanschläge in Syrien. Die Eltern sehen brennende Häuser, sie sehen Bilder aus Damaskus, Bilder ihrer Vergangenheit. Leise, erst auf Arabisch, dann auf Deutsch, sprechen sie von ihrer Zukunft, von ihrem fünften Kind, das ohne Bomben aufwachsen soll.

Die Muatis, Asylantragsnummer 03301 A 2014, Aktenzeichen 587729, sind eine von Hunderttausenden Flüchtlingsfamilien in Deutschland. Sie sind Muslime und stammen aus Syrien, wie die meisten. Sie haben ein befristetes Bleiberecht, wie die meisten. Noch bis vor Kurzem lebten sie in einem Container, nun haben sie eine eigene Wohnung. Sie sind anerkannte Flüchtlinge, aber sie wollen nicht länger nur Flüchtlinge, Menschen mit Nummern und Aktenzeichen, bleiben. Sie wollen in Deutschland Kinder kriegen, Steuern zahlen und ganz normal dazugehören.

"Bis unser Kind geboren wird", sagt Adel Muati, "müssen wir hier zu Hause sein." Sie fragen sich oft, ob sie das schaffen.

Die Wohnung der Muatis liegt im Erdgeschoss eines achtstöckigen Hochhauses am Stadtrand, in einem Viertel aus verklinkerten Reihenhäusern. Die Muatis sind erst vor sechs Monaten hier eingezogen, die Möbel haben sie von einer älteren deutschen Dame übernommen. Dreieinhalb Zimmer, sie haben sich zu sechst irgendwie eingerichtet.

Zum Essen und Beten sitzen sie im Wohnzimmer. Eine syrische Familie, barfuß vor einem Kacheltisch mit Spitzendecke und einer Schrankwand aus Wirtschaftswunderjahren. Auf dem Boden liegt ein ausgewaschener Orientteppich, vor den Fenstern hängen gehäkelte Gardinen. Im Flur, unter der Garderobe, stehen sechs Regenschirme, jeder hat seinen eigenen. Die Muatis sagen, sie gingen manchmal, wenn es stürme, mit ihren sechs Schirmen spazieren, als Einzige im Viertel, als wollten sie beweisen, wie gut ihnen Regen und Sturm gefallen.

Draußen, vor ihrem Wohnzimmerfenster, liegt eine kleine Terrasse, darauf stehen weiße Gartenstühle. Manchmal beugen sich oben Nachbarn über die Balkone, schauen prüfend hinab zu den Muatis. Sie sehen dann ein Vogelhaus und rechteckige Blumenbeete, sie sehen, wie der Vater die Rotbuchenhecke schneidet, den Rasen pflegt und an Sonntagen den Grill anzündet.

Die Muatis sind die einzigen Geflüchteten im Hochhaus, aber die deutschen Nachbarn über ihnen sagen, die Muatis, die ganz unten leben, seien deutscher als alle Nachbarn zusammen.

"Deutschland schenkt uns nicht ewig Zeit", sagt Adel Muati. Er glaubt, dass die Deutschen Flüchtlingen höchstens drei Jahre geben, um anzukommen. In diesen drei Jahren, sagt er, bekämen sie von allen Seiten Hilfe, von Nachbarn, vom Jobcenter, vom Staat.

Als Familie mit vier Kindern bekommen sie jeden Monat 1800 Euro. Die Deutschen würden dafür nicht viel verlangen, nur dass sie die Sprache lernen, sich an Gesetze halten, Arbeit finden. "Drei Jahre", sagt Adel Muati, "dann müssen wir es geschafft haben, sonst schaffen wir es nie."

Er und Russlan, der älteste Sohn, sind jetzt seit zwei Jahren und sieben Monaten in Deutschland, sie kamen als Erste. Es war im Herbst 2014, da verließen sie ihre Familie in Damaskus, damit Russlan, der noch ein Junge war, nicht für Assad, den Diktator, in den Krieg ziehen musste.

Sie flüchteten durch halb Nordafrika, wanderten 15 Tage lang durch die Sahara, in Algerien bezahlten sie Schlepper, in einem Holzboot, voll mit 500 Menschen, fuhren sie über das Meer. Sie berichten davon, wie Deutsche von einer lange zurückliegenden Urlaubsreise berichten, als wäre es kein Drama mehr. Sie hätten in Deutschland noch nie von ihrer Flucht erzählt, sagt Russlan, ein junger Mann mit Schirmmütze und leiser Stimme, auch weil hier nie jemand sie danach gefragt habe.

Als sie über die Grenze kamen, Hamburg erreichten, landeten sie in Containern im Nirgendwo, am Rande einer Müllverbrennungsanlage, gleich neben der Autobahn. Sie sprachen dort kein Wort Deutsch, weil sie fast keine Deutschen zu Gesicht bekamen.

Erst nach Monaten, erst als die Mutter mit den anderen Kindern nachkam, zogen sie in eine neu gebaute Unterkunft, ein Containerdorf in Othmarschen, einem Wohnviertel nahe der Elbe. Dort waren keine Autobahnen, nur Anwohner, die sich über Lärm vor ihrem Haus beschwerten.

Es war zu dieser Zeit, als Hunderttausende Syrer nach Deutschland flohen, als Deutsche in München mit Teddybären auf sie warteten, als Deutsche in Dresden ein Flüchtlingsheim anzündeten, da klingelte eine Journalistin an der Tür der Muatis und fragte, ob sie einen Film über sie drehen dürfe. Die Muatis sagen, sie fühlten sich geehrt.

Der Film kam dieses Jahr ins Kino, er lief in München und in Dresden, auf Festivals in Deutschland, Europa und den USA. Er zeigt eine syrische Familie während ihrer ersten Monate in Hamburg, sechs Menschen, die um Anschluss kämpfen. Einen Vater, der Tag und Nacht telefoniert, um einen Job und eine Wohnung zu bekommen. Eine Mutter im Hidschab, die neben Müttern in kurzen Röcken verloren wirkt. Drei Söhne und eine Tochter, die zur Schule gehen, ohne die Sprache zu verstehen.

"Alles Gut", so heißt der Film, obwohl eigentlich nichts gut war. Aber "Alles gut" und "kein Problem", das waren die ersten Worte, die die Muatis in Deutschland lernten. Am Anfang benutzte Adel Muati sie ständig: zur Begrüßung, zum Verabschieden, zum Entschuldigen, zum Dankesagen. Er sagte sie, wenn Vermieter am Telefon auflegten, sobald er seinen Namen nannte, wenn er sich auf Arbeitsstellen bewarb, aber keine Antworten bekam, wenn Asylhelfer sagten, er brauche mehr Geduld.

Er sagt diese Worte noch heute, auch wenn die Familie jetzt eine Wohnung hat, aber er noch immer keinen Job. Auch wenn es immer schwerer fällt, Geduld zu haben.

Die Familie sitzt im Wohnzimmer, Ghofran, ein Mädchen mit weißem Kopftuch, serviert süßen Tee, während der Vater in sechs kiloschweren Ordnern blättert. Auf jedem steht einer ihrer Namen, in jedem sammeln sie Dokumente ihres syrischen und ihres deutschen Lebens, aber nur die deutschen, sagt Adel Muati, seien hier wirklich etwas wert.

In Ghofrans Ordner ist ein Schulzeugnis aus Damaskus abgeheftet, mit fast nur Einsen und einem Foto des Diktators. "Bevor der Krieg kam, wollte ich Ärztin werden", sagt Ghofran. Sie hat jetzt auch ein deutsches Zeugnis, ohne Foto von Assad, aber mit Noten, die noch nicht für ein Studium in Deutschland reichen.

Im Ordner ihres Vaters sind Meisterbriefe und Handwerkerdiplome abgeheftet, mit Stempeln des Regimes. In Damaskus war er Metallgießer, er hatte eine eigene Fabrik mit mehr als 20 Angestellten. Seine Frau Yusra arbeitete als Schneiderin, sie haben sich alle Zertifikate beglaubigen und aus dem Kriegsgebiet nachschicken lassen, aber in Deutschland werden diese nicht so einfach anerkannt, in Deutschland müssen sie von vorn anfangen.

Adel Muati hat eineinhalb Jahre auf seine Arbeitserlaubnis gewartet. Er hat an Fortbildungsmaßnahmen der Handwerkskammer teilgenommen und am Integrationskurs des Bundesamts für Migration. Er hat ein unbezahltes Praktikum bei einer Aluminiumfirma gemacht, er hat ein Zeugnis mit viel Lob bekommen, aber kein Angebot für einen Job.

Er will jetzt noch ein Praktikum machen und noch eine Fortbildung. Er geht an vier Tagen die Woche vier Stunden lang zum Sprachkurs. Er schaut im Fernsehen nicht mehr nur Al Jazeera und Al Arabija, sondern deutsche Kochsendungen, "Die Küchenschlacht" und "Das perfekte Dinner", um noch besser Deutsch zu lernen. Er steht jeden Morgen um sechs Uhr auf, macht Frühstück für seine Frau und seine Kinder, dann telefoniert er mit dem Jobcenter und hört Wörter wie "zeitnah", "leider" und "unmöglich". Manchmal, wenn die Kinder in der Schule sind, sitzt Adel Muati in seinem Wohnzimmer wie in einem Wartezimmer. "Ich will nicht länger von Deutschland nehmen", sagt er, "ich will Deutschland etwas zurückgeben."

Er würde auch als Gärtner oder Küchenhilfe arbeiten. Er hat gerade seinen deutschen Führerschein gemacht, sieben Anläufe hat er gebraucht, siebenmal 200 Euro hat es gekostet. Beim ersten und zweiten Mal sagte der Prüfer, er habe den Schulterblick vergessen. Beim dritten und vierten Mal hieß es, er habe nicht rechtzeitig gebremst. Beim fünften und sechsten Mal sah auch der Fahrlehrer keinen einzigen Fehler, aber der deutsche Prüfer, der hinten saß, sagte: Du bist Araber, du bist eine Gefahr für den Verkehr, du musst die Prüfung wiederholen. Adel Muati dachte an das Geld, das er nicht hatte, er fühlte vielleicht zum ersten Mal in Deutschland echte Wut. "Kein Problem", sagte er.

Als Flüchtling müsse man dankbar sein, glaubt Adel Muati, als Flüchtling müsse man froh sein, in einem Land wie Deutschland zu leben. Er blickt hoch zur Decke, in der Wohnung über ihnen läuft Musik. Die Nachbarn hören Herbert Grönemeyer, sie hören dauernd das Lied "Mensch": "Momentan ist richtig / Momentan ist gut / Nichts ist wirklich wichtig / Nach der Ebbe kommt die Flut".

Manchmal, wenn Adel Muati Bewerbungen schreibt oder Kochsendungen schaut, liest er WhatsApp-Nachrichten von Freunden, die immer noch in Syrien sind. Er liest dann von Hungernden und Toten, von Granaten, die vom Himmel fallen. Sein Bruder wurde im Krieg getötet. Seine Mutter, sagt Adel Muati, sei noch immer gefangen in Damaskus, sei zu krank gewesen, um mit ihnen zu fliehen. Er ruft sie jeden Tag an. Er weiß nicht, ob er sie je wiedersieht.

Vor ein paar Wochen während des Ramadan, erzählt Yusra Muati, veranstalteten sie in ihrem Wohnzimmer ein kleines Fest. Sie schmückten den Kacheltisch, auf der Terrasse grillten sie Hackspieße, Auberginen und Kartoffeln. Nach Sonnenuntergang brachten sie ein halbes Dutzend Teller hoch zu ihren Nachbarn. Die Nachbarn bedankten sich, dann schlossen sie wieder ihre Tür.

Die Muatis würden gern viel häufiger mit Deutschen reden. Die Eltern sagen, sie würden auch gern mal etwas wirklich Deutsches probieren, eine echte deutsche Mahlzeit, aber sie wurden noch nie eingeladen. Sie glauben nicht, die Deutschen seien keine guten Gastgeber. Sie glauben, die Deutschen seien einfach sehr beschäftigt und würden deswegen sehr selten kochen.

Manchmal, wenn Adel Muati mit seiner Mutter in Syrien telefoniert, fragt sie: Adel, wie sind die Deutschen.

Die Deutschen, antwortet Adel Muati dann, sind großherzig zu Fremden, aber hart mit sich selbst. Sie trennen ihren Müll nach Glas, Plastik und Papier, und sie führen Hunde an einer Leine wie Kamele. Sie lieben Reinlichkeit und Regeln, sie machen sich das Leben lieber schwer als einfach, und sie halten sich gern an Verbote. "Eigentlich", sagt Adel Muati, "wären sie die besseren Muslime."

Er hat Angela Merkel sagen hören, der Islam gehöre jetzt fest zu Deutschland. Er glaubt nicht, dass viele Araber einverstanden wären, wenn jemand sagte, das Christentum gehöre fest zur arabischen Welt, aber er bewundert Angela Merkel für ihren Mut. Er spricht das Wort Kanzlerin französisch aus, "chancelière", aus seinem Mund klingt es nicht nach Transitzonen oder Obergrenzen, sondern nach Weltläufigkeit und Wärme.

Die Muatis kennen auch die AfD und eine Frau mit kurzen Haaren, die davon redete, auf Flüchtlinge zu schießen. Die Partei dieser Frau, verstanden die Muatis, habe Angst, dass noch mehr Araber nach Deutschland kommen, dass Muslime wie sie hier Kinder zeugen, dass deutsche Familien eines Tages aussterben.

Zu einer traditionellen deutschen AfD-Familie, verstanden die Muatis auch, gehöre ein Vater, der bereit ist, ehrlich zu arbeiten, eine Mutter, die sich um Haushalt und Erziehung kümmert, und viele Kinder, die keinen Ärger machen und ihre Eltern respektieren. Die Familie der AfD, verstanden die Muatis, sei eine, die Deutschland über alles liebe. Eine Familie wie ihre, wenn die Herkunft und die Religion nicht wäre.

"Die Kinder werden schneller deutsch", sagt Yusra Muati, sie schaut aus dem Fenster zur Terrasse. Youssef, der sieben Jahre alt ist, spielt mit einem schwarz-rot-goldenen Fußball, er vergesse ständig, was das Wort Imam bedeute, aber er merke sich Wörter wie Kirche, Raketenantrieb oder Mercedes. "Das Kind, das wir erwarten", sagt Adel Muati, "wird noch deutscher sein, als wir es hier je werden."

Wenn man die Eltern fragt, ob sie nach Syrien zurückgehen wollen, sobald der Krieg vorüber ist, so sprechen sie von früher, vom Leben in Damaskus, das noch immer ihre Heimat sei.

Wenn man die Kinder fragt, ob sie ihre Eltern begleiten würden, so reden sie von morgen, von ihrem Leben in Hamburg, wo sie längst Freunde, Hobbys und Träume haben.

Tochter Ghofran
Philipp Schmidt / DER SPIEGEL

Tochter Ghofran

Ghofran, die Tochter, erzählt, dass sie in Damaskus nie auf einem Fahrrad gesessen habe, weil Mädchen in Syrien nicht Fahrrad fahren sollen. Sie habe es erst hier gelernt, erst hatte sie Angst, aber dann, so sagt sie, "fühlte ich mich leicht und frei".

Sie lernt jetzt, im Musikunterricht ihrer Schule, auch Geige spielen, und sie lernt, dass Jungen, nur weil sie keine Mädchen sind, nicht andere Rechte haben. Sie sieht in Hamburg überall Mädchen, die schwimmen, tanzen und einfach machen, was sie wollen. "Ich weiß nicht, ob ich das auch will", sagt Ghofran, "aber ich will noch immer Ärztin werden."

Russlan, ihr Bruder, macht gerade ein Praktikum bei ThyssenKrupp, er beginnt dort eine Ausbildung als Industriemechaniker. Er möchte, sobald er sein erstes Geld verdient, in eine eigene Wohnung ziehen. Er mag deutsche Autos und blonde Mädchen. Er kann verstehen, warum einige Deutsche vor jungen Männern wie ihm Angst haben. Er sieht in Billstedt oft junge Syrer, Albaner oder Türken, sie sitzen vor der Spielhalle City-Play, ihre Großeltern sind schon vor Jahrzehnten hierhergekommen, aber sie selbst sprechen fast kein Deutsch. Russlan hat nie etwas von Köln gehört, er weiß nichts über Antänzer und "Nafris", aber er glaubt, dass Männer, die nichts zu tun haben, Probleme machen.

Er selbst geht jeden Tag, nach Feierabend, zum Sprachkurs oder zum Tischtennisverein, fünfmal die Woche trainiert er bei McFit. Er hält seiner Lehrerin die Tür auf. Er wäscht seine Wäsche, er bügelt, er kocht, er putzt, er bietet Frauen im Bus seinen Sitzplatz an. Er habe das alles auch schon in Syrien gemacht. "Gutes Benehmen ist nicht unbedingt deutsch", sagt Russlan, "es ist einfach gutes Benehmen."

In fünf Monaten werden sein Vater und er drei Jahre in Deutschland sein. In ein paar Monaten bekommen die Muatis ein Kind, dessen Geburtsort Hamburg heißen wird.

Ihre Aufenthaltserlaubnis läuft noch bis März, wahrscheinlich wird ihr Bleiberecht um zwei bis drei Jahre verlängert. Um zu testen, wie integriert sie sind, hat Adel Muati vor ein paar Monaten den Einbürgerungstest des Bundesamts für Migration gemacht, eine Prüfung, die Einwanderer eigentlich erst nach acht Jahren absolvieren.

Sie trägt den Titel "Leben in Deutschland" und umfasst 33 von insgesamt 310 Fragen, die deutschen Behörden für ein Leben in diesem Land offenbar wichtig erscheinen: Zu welchem Fest tragen Deutsche bunte Kostüme und Masken? Was war am 8. Mai 1945? Dürfen Tom und Klaus heiraten? Dürfen Tim, 25, und Anne, 13, als Paar zusammenleben? Was ist das Schengener Abkommen? Was bedeutet ein Trennungsjahr? Wer schrieb den Text zur deutschen Nationalhymne?

Adel Muati hat den Test mit 24 von 33 Punkten bestanden. Er weiß jetzt, wann Karneval ist, wer Elsass-Lothringen regierte und wer Hoffmann von Fallersleben war. Er hat nach Paragraf 3, Absatz 1 der Integrationskursverordnung gute Kenntnisse über das Leben in Deutschland nachgewiesen. Er hat das Ergebnis in seinen Lebenslauf eingetragen wie einen Beweis, dass seine Familie es hier schaffen kann.

Wenn er an das ungeborene Kind denke, sagt Adel Muati, spüre er trotzdem ein Ziehen in der Brust. Es sei nicht, weil es behindert zur Welt kommen könnte, sondern weil der Krieg vielleicht noch Jahre dauern werde. Es sei, so sagt Adel Muati, weil ihr Kind nicht auf dem Basar von Damaskus spielen und syrisches Eis probieren könne, weil seine Großmutter es vielleicht niemals in den Arm nehmen werde. Weil ihm Deutschland, wie allen Geflüchteten und Angekommenen, eine Heimat ohne Wurzeln wäre.

Vor ein paar Tagen waren die Eltern noch mal zur Untersuchung. Wieder lag Yusra Muati in der Praxis, wieder hielt Adel Muati ihre Hand, wieder sahen sie Ultraschallbilder ihres Kindes. Es sei wahrscheinlich ein Mädchen, sagte die Ärztin, wahrscheinlich habe es eine Trisomie, und wahrscheinlich, das sagte die Ärztin auch, trage es von Geburt an ein Loch in seinem Herzen.

Die Muatis sahen einander an, sie blieben ganz ruhig. "Inschallah", sagte Yusra, wenn Gott will. "Alles gut", sagte Adel, kein Problem.



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Seite 1
Spiegelsicher 02.08.2017
1. Das bitte in das Stammbuch jedes CDU-Abgeordneten, ...
... jeder Feministin, jeder GRÜNIN und überhaupt jedes Wohlstandsdeutschen: "Sie streichelt ihn [ihren Bauch] und sagt, sie habe gehört, dass die meisten Deutsche ein behindertes Kind nicht haben wollten, aber sie würden ihres auf jeden Fall bekommen. "Wir haben den Krieg überlebt", sagt die Mutter, "wie können wir es hier, in Sicherheit, nicht leben lassen?" Die Süssmuth-Praxis, die wir uns seit den 1980ern leisten, werden wir vielleicht einmal genauso erklären müssen, wie unsere Vorfahren ihre persönliche Vorstellung von "unwertem Leben" erklären mussten - und nicht konnten. Sehr klare und buchstäblich gesunde Ansichten dieser Familie, da ist noch nicht die Scheinheiligkeit und Dekadenz der Wohlstandsverwahrlosung eingekehrt. Ein guter und klarer Artikel. Danke dafür!
Sportzigarette 02.08.2017
2.
Zitat von Spiegelsicher... jeder Feministin, jeder GRÜNIN und überhaupt jedes Wohlstandsdeutschen: "Sie streichelt ihn [ihren Bauch] und sagt, sie habe gehört, dass die meisten Deutsche ein behindertes Kind nicht haben wollten, aber sie würden ihres auf jeden Fall bekommen. "Wir haben den Krieg überlebt", sagt die Mutter, "wie können wir es hier, in Sicherheit, nicht leben lassen?" Die Süssmuth-Praxis, die wir uns seit den 1980ern leisten, werden wir vielleicht einmal genauso erklären müssen, wie unsere Vorfahren ihre persönliche Vorstellung von "unwertem Leben" erklären mussten - und nicht konnten. Sehr klare und buchstäblich gesunde Ansichten dieser Familie, da ist noch nicht die Scheinheiligkeit und Dekadenz der Wohlstandsverwahrlosung eingekehrt. Ein guter und klarer Artikel. Danke dafür!
Die "Süssmuth.Praxis" ?! Man kann denen, die diese Abtreibungen ermöglicht haben, gar nicht genug danken! Es ist das Recht aller Eltern, allein zu entscheiden, ob sie ein behindertes Kind bekommen wollen oder nicht Ich habe in meinem Freundeskreis 2 Mütter, die sich für die Geburt eines behinderten Kindes entschieden hatten und dies nun bitterlich bereuen, auch wenn sie es nicht zugeben. Und kommen Sie jetzt nicht mit Gott gegeben Leben, denn da es den nicht gibt, ist es einzig die Entscheidung der Eltern und das ist gut so. Als Vorbild taugt diese Familie nicht, auch wenn Sie das gern so hinstellen wollen.
Spiegelsicher 02.08.2017
3. Bemerkenswert, ...
... mit keinem einzigen Wort habe ich in meinem Post auch nur andeutungsweise Bezug auf Gott genommen. Bezeichnenderweise ist es aber gerade Ihr dann folgendes Posting, welches es nahelegt, dass essentielle Fragen eher nicht im naiven Prämissen-Zirkelschluss ("denn da [sic!] es den nicht gibt") des gerade herrschenden Zeitgeistes beantwortet werden. Wenn Sie wirklich meinen, dass bei der Zeugung menschlichen Lebens und insbesondere der Entstehung neuen menschlichen Bewusstseins (für das die Wissenschaft bis heute keinerlei Erklärungsansatz gefunden hat) nur Papa und Mama am Start sind dann weiß ich eins - nämlich dass Ihnen *die Familie Muati*, mit der Einbeziehung des Kind selbst, im Verständnis einfachster, aber gerade deshalb essentieller Zusammenhänge um Meilen voraus ist. Sorry, aber anschaulicher als mit Ihrem Post, hätten Sie meine These von der geistigen Wohlstandsverwahrlosung doch gar nicht belegen können.
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