AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 10/2018

Protokolle von Tafeln in Deutschland "Als wir angefangen haben, kamen 40. Jetzt sind es 1000"

Die Tafel in Essen nimmt vorerst nur noch Deutsche auf, die Debatte darüber bewegt das Land. Hier erzählen Helfer und Hilfsbedürftige vom Verteilungskampf.

Lebensmittelausgabe bei der Tafel in Essen
DPA

Lebensmittelausgabe bei der Tafel in Essen


Von Imre Balzer, Matthias Bartsch, Annette Bruhns, Anna Clauß, Lukas Eberle, Jan Friedmann, Tobias Lill, Peter Maxwill, Katja Thimm, Steffen Winter und Jean-Pierre Ziegler

Der Mittwochnachmittag dieser Woche, ein Mann ist mit seinem Rollator zur Essener Tafel gekommen. Er hat Gemüse und Obst in seine Tüten gepackt, jetzt macht er vor Töpfen halt, in denen Schnittblumen stehen, Tulpen und Rosen. Der Mann greift sich zwei kleine Sträuße heraus, doch ein paar Frauen, die noch in der Schlange warten, haben aufgepasst: "Nur ein Strauß, nur ein Strauß", rufen sie. Der Mann zuckt zusammen. Bei der Tafel in Essen wird in diesen Tagen genau hingeschaut, selbst bei den Blumen. Wer nimmt was und wie viel? Und halten sich alle an die Regeln?

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Heft 10/2018
Die Wut der Autofahrer - und wie der Verkehr der Zukunft aussehen könnte

Der Verein hat entschieden, vorübergehend nur noch Kunden mit einem deutschen Personalausweis aufzunehmen und mit Lebensmitteln zu versorgen, die von Supermärkten und Restaurants gespendet wurden. Die Begründung: Der Anteil der Ausländer unter den Bedürftigen sei zuletzt auf 75 Prozent gestiegen, das sei zu viel, zudem hätten sich junge ausländische Männer bei der Lebensmittelverteilung rücksichtslos verhalten.

Das hat zu einer bundesweiten Debatte geführt, Spitzenpolitiker aller Parteien äußerten sich. Angela Merkel nannte die Entscheidung des Vereins "nicht gut" und geriet dafür selbst in die Kritik. Die Stimmung bei der Tafel ist angespannt, die Lieferfahrzeuge des Vereins wurden mit Beschimpfungen wie "Nazis" beschmiert. Mitte der Woche entschied der Vereinsvorstand, vorerst daran festzuhalten, keinen weiteren Ausländern zu helfen.
Muss das sein, darf das sein? Wie ist die Lage andernorts? Kommen manche Hilfsbedürfte zu kurz, sind die Helfer überfordert? Und welche Wege haben andere Tafeln gefunden, um einen Verteilungskampf zu vermeiden?

Norbert Reinartz, 75, sorgt als Türsteher bei der Lebensmittelausgabe in Essen für Ordnung:

"Ich arbeite seit zwölf Jahren bei der Tafel in Essen, und ich kann zwei Dinge sagen: Erstens, der Umgangston hat sich zum Negativen verändert. Zweitens, das hat mit den vielen Flüchtlingen zu tun, die jetzt hier sind. Ich merke das in der Schlange, bei den Leuten, die auf ihre Lebensmittel warten. Vor allem die arabischen Männer sind ruppig, sie sagen: Hey, Frau, geh mal zur Seite, jetzt bin ich dran! Einer hat mal ein kleines Kind am Hals gepackt und zur Seite geschubst. Den Typen habe ich nach Hause geschickt. Ich greife durch, nicht allen gefällt das. Einmal hat mich ein Migrant deswegen beschimpft, er nannte mich einen Nazi. Ich finde es richtig, dass wir vorübergehend nur noch Leute mit deutschem Pass annehmen. Es geht darum, wieder ein Gleichgewicht herzustellen zwischen Deutschen und Ausländern. Dass das eine solche Welle ausgelöst, hätte niemand von uns gedacht. Andere Tafeln empören sich jetzt über uns, aber soll ich Ihnen mal was sagen? Ich kenne die Kollegen in anderen Städten. Da denken viele genauso wie wir, sie haben nur nicht den Mut, das zu sagen. Wenn wir in diesen Tagen mit unseren Lieferwagen durch Essen fahren, dann zeigen die anderen Autofahrer mit dem Daumen nach oben. Das Telefon in unserem Büro steht nicht mehr still, selbst aus dem Ausland bekommen wir Anrufe. Gestern rief ein Österreicher an, ich nahm ab. Er sagte zu mir: Macht genauso weiter, haltet durch."

Helferin Knerndel in Oranienburg: "Immer wieder Tumult"
Carsten Koall/DER SPIEGEL

Helferin Knerndel in Oranienburg: "Immer wieder Tumult"

Viola Knerndel, 61, ist Leiterin der Einrichtung, die in Oranienburg die Tafel betreibt:

"Die Essener Tafel macht es sich zu einfach. Wir hatten auch Probleme mit Flüchtlingen, 2015 und 2016 kamen sie in großer Zahl. Russische, rumänische und polnische Staatsbürger haben wir schon länger, aber mit Syrern und Afghanen kamen neue Probleme. Wir geben unsere Lebensmittel immer ab 13 Uhr aus. Viele der neu Angekommenen standen schon frühmorgens vor unserer Tür. Das hat zum einen unsere Arbeit gestört, zum anderen gab es immer wieder Tumult. Wir vergeben hier nach dem Zufallsprinzip Nummern, in deren Reihenfolge die Menschen drankommen. Doch auch das hat nicht funktioniert. Da brach dann oft Streit aus, wer vor wem stand und wer als Erstes drankommt. In dieser Zeit riefen wir oft die Polizei, um das Ganze zu beruhigen. Wir haben uns zusammengesetzt und überlegt, was wir machen können. Das Ergebnis war, dass wir einen zusätzlichen Ausgabetag eingerichtet haben. Jetzt werden mittwochs nur Flüchtlinge bedient. Einer unserer Mitarbeiter kontrolliert die Ausweise und streicht ab, wer schon mal da war. Seitdem ist Ruhe eingekehrt. Wir haben mit unseren deutschen Besuchern gesprochen, und am Ende fanden alle die Trennung gar nicht so schlecht."

Iris Zink, 45, kommt seit drei Jahren zur Tafel in München-Hasenbergl:

"Ich bin Hartz-IV-Empfängerin, mein Mann arbeitet als Kfz-Mechaniker und stockt auf. Wir haben keine großen Ansprüche, aber das Geld reicht uns nicht, wir haben zwei Kinder. Daher sind wir hier bei der Tafel für vier Leute registriert. Wir dürfen uns Lebensmittel holen, nachdem wir den Ausweis vorgezeigt haben. Der Ausweis ist befristet, ich muss vor Ablauf eine neue Kopie meiner Bescheide vorlegen und bekomme dann einen neuen Ausweis. Wenn jemand mehr bekommt als wir als Familie, fühle ich mich benachteiligt und mache dann auch meinen Mund auf. Bei ausländischen Mitbürgern heißt es manchmal, man sei ein Rassist, aber das bin ich nicht. Wir nehmen eben wahr, wenn es ungerecht zugeht, wenn sich jemand danebenbenimmt oder sich vordrängelt. Leider siegt Frechheit häufig."

Tafel-Chefin Walther in Frankfurt am Main: "Viele unserer Helfer sind Ausländer"
peter-juelich.com/DER SPIEGEL

Tafel-Chefin Walther in Frankfurt am Main: "Viele unserer Helfer sind Ausländer"

Gabriele Walther, 66, leitet die Tafel am Merianplatz in Frankfurt am Main:

"Wir haben unsere Kunden in drei Gruppen eingeteilt, die zeitlich versetzt drankommen. Dabei geht es aber nicht darum, ob jemand Russe, Araber oder Deutscher ist, wir haben andere Kriterien: Die erste Gruppe bekommt ein rotes Ticket, das sind Leute über 80 Jahre, alleinerziehende Mütter oder Menschen mit 100-prozentiger Behinderung. Danach, in der gelben Gruppe, kommen Menschen mit einer geringeren Behinderung dran. Die dritte Gruppe sind alle anderen. Wir achten darauf, dass alte und gebrechliche Menschen auch mal direkt nach vorn kommen können und nicht so lange in der Kälte warten müssen. Natürlich gibt es trotzdem ab und zu Konflikte. Kürzlich war eine Frau hier, die hat uns bedroht und beschimpft, weil sie glaubte, sie hätte größere Rechte als alle anderen, etwas zu bekommen. Das war übrigens eine Deutsche. Viele unserer Helfer hier sind Ausländer, die würden es nicht verstehen, wenn wir sagen würden, wir nehmen nur noch Leute mit einem deutschen Pass auf."

Bernhard Matheis, 62, ist Oberbürgermeister von Pirmasens:

"Ich habe großes Verständnis dafür, dass man eine Atempause braucht, wenn ein Hilfssystem zu kollabieren droht. Bei uns in der Stadt war es ähnlich: Wir leben seit Jahren mit einer hohen Arbeitslosigkeit. Weil wir außerdem freie Wohnungen haben und die Mieten günstig sind, kamen 2016 und 2017 so viele anerkannte Flüchtlinge, dass wir das nicht mehr verkraftet haben. Insgesamt leben hier mehr als 1300 Flüchtlinge. Nach dem Verteilungsschlüssel hätten wir weniger als die Hälfte aufnehmen müssen. Pirmasens hat eigentlich ein leistungsfähiges soziales Netz. Doch Kindergärten, Schulen, Ehrenamtliche, Stadtverwaltung und soziale Träger standen vor dem Kollaps, deshalb haben wir alle zusammen bei der Landesregierung eine Zuzugssperre für weitere anerkannte Flüchtlinge in unserer Stadt eingefordert. Wenn man ein grundsätzlich funktionierendes System permanent überlastet, dann bricht es irgendwann zusammen. Wir haben hier in Pirmasens unsere Konsequenzen daraus gezogen. Ich kenne die konkreten Hintergründe in Essen nicht, aber ich gehe davon aus, dass das dort genauso verantwortungsvoll passiert ist."

Abd, 21, kam vor drei Jahren aus Syrien nach Deutschland und geht zur Tafel in Hamburg-Harburg:

"Ich habe im Park eine deutsche Omi kennengelernt. Seitdem ist sie auch meine Omi, wir sind wie eine Familie. Wegen ihrer Rückenprobleme kann sie nicht selbst zur Tafel gehen. Deshalb bringe ich ihr immer etwas von hier mit, Bohnen, Pilze, Nüsse. Zuckerschoten liebt sie besonders. Sie wird in drei Wochen 80 Jahre alt, ihre Rente ist schlecht, es gibt ja auch viele arme Deutsche. Ich verstehe, dass manche vor Leuten wie mir Angst haben, denn es sind ja auch muslimische Terroristen hierhergekommen. Ich baue aber keine Bomben, ich baue nur Schneemänner."

Vorsitzender Seibert in Tübingen: "Unser System drohte zu kollabieren"
Thomas Klink - Fotografie/DER SPIEGEL

Vorsitzender Seibert in Tübingen: "Unser System drohte zu kollabieren"

Reinhardt Seibert, 70, Pfarrer im Ruhestand, steht der Tübinger Tafel vor:

"Nach der Flüchtlingskrise hatten wir ähnliche Zustände wie in Essen: Beim Auslosen der Reihenfolge am Einlass in den Verkaufsraum kam es regelmäßig zu Rangeleien. Migranten haben sich vorgedrängelt oder mehrmals in den Lostopf gegriffen. Die Einheimischen fühlten sich bedrängt. Für die Mitarbeiter war es schwer, den Überblick zu behalten. Unser handschriftliches Karteikartensystem drohte zu kollabieren, weil viele Nachnamen der neuen Tafelbesucher aus dem arabischen Raum mit der Vorsilbe al anfingen. Mit der Einführung von digitalen Berechtigungskarten hat sich vieles verbessert. Immer noch sind 75 Prozent unserer Kunden Migranten, die Mehrheit davon Flüchtlinge aus Syrien. Jeder Besitzer einer Karte bekommt einmal pro Woche ein Zeitfenster von 15 Minuten zum Einkaufen zugewiesen. So sind nie mehr als 10 bis 15 Leute auf einmal im Laden. Wer an einem Tag zu den ersten Kunden gehört, ist in der nächsten Woche in der Spätschicht dran. Das ist gerecht und funktioniert."

Helferin Manger-Scheller in Hamburg "Hamstern ist nicht erlaubt"
Ulrike Schacht/DER SPIEGEL

Helferin Manger-Scheller in Hamburg "Hamstern ist nicht erlaubt"

Annette Manger-Scheller, 71, engagiert sich bei der Tafel in Hamburg-Harburg:

"Wir müssen uns an die eigene Nase packen: Sind wir konsequent genug darin, das Einhalten unserer Regeln durchzusetzen? Viele unserer neuen Kunden sind echte Überlebenskünstler, Menschen, die sich auf der Flucht durchsetzen mussten gegen Schlepper, Diebe, Polizisten. Denen müssen wir klar zeigen, dass die Tafel ein System ist, von dem sie nur profitieren, wenn sie sich an die Spielregeln halten. Das fängt an beim Anstellen und endet damit, pünktlich vor Ausgabeschluss zu kommen. Sobald wir jemandem zugestehen, noch nach den Öffnungszeiten Lebensmittel zu bekommen, steht da beim nächsten Mal eine ganze Gruppe von Trödlern. Ein Problem ist auch, dass viele unserer Kunden nur die Bedürfnisse der eigenen Familie sehen. Auch ihnen müssen wir klarmachen, dass bei uns alle gleich viel bekommen. Hamstern ist nicht erlaubt. Und ja, auch bei uns bleiben immer mehr ältere deutsche Frauen der Tafel fern, langjährige Kundinnen. Sie sagen nicht, warum sie nicht mehr kommen. Das ist bedrückend."

Soziologe Selke "Ein Paralleluniversum"

Soziologe Selke "Ein Paralleluniversum"

Stefan Selke, 50, ist Professor für Soziologie an der Hochschule Furtwangen und hat für ein Buch ein Jahr lang bei einer Tafel mitgearbeitet:

"Die Tafeln haben sich eigene Rechtsräume geschaffen. Sie knüpfen Hilfe an bestimmte Bedingungen, dabei sollte Hilfe bedingungslos sein. Das ist ein neofeudales System und verstößt gegen das Gleichbehandlungsgebot. Natürlich dürfen sich Tafeln wie Schwimmbäder oder Campingplätze Hausordnungen geben, die die Bedürftigen befolgen sollten. Aber das ist etwas anderes, als willkürliche Regeln für den Zugang zu schaffen, ohne dass die Betroffenen sich dagegen wehren können. Verteilungskämpfe und Differenzen zwischen einzelnen Gruppen gehören seit 25 Jahren zur Geschichte der Tafeln, zum Beispiel früher zwischen Einheimischen und türkischen Zuwanderern oder den Spätaussiedlern aus Russland. Die Tafeln schaffen sich solche Konflikte selbst, indem sie sich als unverzichtbar inszenieren. Viele Bedürftige unterscheiden nicht mehr zwischen einem privaten Almosensystem und staatlicher Fürsorge. Sie glauben, sie hätten ein Recht auf die verteilten Güter. Die Politik hat zugelassen, dass hier ein Paralleluniversum entstanden ist. Die ursprüngliche Idee der Tafeln war, das Überflüssige umzuverteilen. Doch davon haben sich die Tafeln entfernt. Nun kaufen einige selbst Lebensmittel dazu. Die Tafeln haben sich eine Monopolstellung erarbeitet und sind auf Wachstum aus. Da ist es logisch, dass auch der Rückgriff auf die Tafeln wächst. Viele sind inzwischen überlastet."

Kundin L., Sohn in München "Als Schlampe beschimpft"
Peter Schinzler/DER SPIEGEL

Kundin L., Sohn in München "Als Schlampe beschimpft"

Corinna L., 32, alleinerziehende Mutter eines vierjährigen Sohns, ist Kundin bei der Tafel in München:

"Seit zwei Jahren gehe ich immer seltener zur Tafel. Vor allem wegen der Flüchtlinge sind die Schlangen viel länger geworden. Wir haben alle eine feste Nummer, manchmal dauert es bis zu zwei Stunden, bis sie aufgerufen wird. Und die Schlange geht weit in den Hof hinaus. Wenn es so kalt ist wie jetzt, kann ich mit einem kleinen Kind nicht ewig warten. In der Schlange sind viele junge Männer aus fremden Ländern. Einzelne pöbeln einen auch an. Ich wurde schon mehrmals angemacht, mit anzüglichen Sprüchen, ich wurde als Schlampe beschimpft. Unter den Wartenden ist manchmal fast kein Deutscher mehr. Es wird viel gedrängelt, der Umgang ist rau. Wenn mein Sohn schreit, kommen auch heftige Kommentare. Ein Mann sagte einmal: In meiner Heimat wird nicht lang rumgemacht, sondern dem Kind eine verpasst. Natürlich sind nicht alle Flüchtlinge so, aber ein Teil schon."

Dieter Kruse, 76, ist Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins, zu dem die Tafel in Bottrop gehört:

"Als ich das aus Essen hörte, dachte ich: Das hätten die anders lösen können. Wir hatten im vergangenen Herbst ähnliche Probleme: Die älteren Frauen und die Mütter mit Kindern fühlten sich in der Ausgabeschlange zunehmend unwohl. Sie wirkten mit ihren Rollatoren oder Kinderwagen in dem Pulk kräftiger junger Männer tatsächlich wie verloren. Wir haben uns entschieden, diese Frauen an einem Tag in der Woche vor der üblichen Zeit zu uns zu bitten. Sie müssen jetzt nicht mehr warten und sind unter sich - das klappt. Menschen nur wegen ihrer Herkunft, Hautfarbe oder Religion auszugrenzen widerspricht dem Grundgesetz. Das ist in diesem Punkt doch ganz eindeutig: Wir Menschen sind alle gleich."

Andrea Weigler, 33, Sozialarbeiterin, leitet die Tafel-Ausgabe in Düsseldorf-Flingern:

"Ich hoffe, dass die Debatte dazu führt, dass wir mehr über Armut diskutieren. Ich höre oft: Niemand muss zur Tafel, Hartz IV reicht doch. Das stimmt aber nicht. Es gibt Menschen, die wirft schon eine Stromnachzahlung von 60 oder 70 Euro komplett aus der Bahn, und dann müssen sie zu uns kommen. Ich finde die Entscheidung der Essener Tafel nicht gut. Mich hat es trotzdem geärgert, dass die Kollegen von Bundessozialministerin Katarina Barley kritisiert wurden. Ich dachte mir: Die SPD war lange genug in der Regierung, was hat sie bei der Armutsbekämpfung getan? Wir sollten jetzt darüber reden, ob 416 Euro Grundsicherung für eine alleinstehende Person genug sind, und darüber, ob ein bedingungsloses Grundeinkommen nicht doch sinnvoll wäre."

Margareta Schmidt, 64, Rentnerin, besucht die Lebensmittelausgabe in Hamburg-Jenfeld:

"Was in Essen passiert ist, war kein Rassismus, sondern ein Hilferuf. Es gibt eben Menschen, die nach Deutschland kommen und machen, was sie wollen. Deswegen finde ich die Entscheidung der Essener Tafel gut, auch wenn ich mit meinem polnischen Pass selbst betroffen gewesen wäre. Ich würde dann halt woanders hingehen. Ich lebe zwar seit den Achtzigern hier, aber fühle mich nicht als Deutsche. Ich bin hier Gast und dankbar, in diesem Land leben zu können. Wenn das Essen bei der Tafel nicht für alle reicht, dann sind zuerst die Deutschen dran."

Tafel-Leiterin Rauschenbach in Freital "Es gibt auch Lachsforelle"
Sven Doering/DER SPIEGEL

Tafel-Leiterin Rauschenbach in Freital "Es gibt auch Lachsforelle"

Karin Rauschenbach, 50, ist Chefin der Tafel in Freital:

"Als wir vor dreieinhalb Jahren angefangen haben, kamen 40 Bedürftige. Jetzt sind es gut 1000. Flüchtlinge machen bei uns etwa 20 Prozent aus, auch bei uns war das nicht immer einfach. Es kam ein Asylsuchender, der in der Schlange 30 Bekannte nach vorn geschleust hat. Das sorgt für Unmut, da muss man sofort reagieren. Ich habe Nummern ausgeteilt, das haben die schnell begriffen. Heute geht es auch ohne. Einer kam mal und wurde aggressiv. Frau Merkel habe gesagt, man müsse ihm helfen, schrie er. Ich habe ihm gesagt, er könne gern zu Frau Merkel gehen, aber hier laufe es nach unseren Regeln. Einheimischen, die wegen der Ausländer gemeckert haben, habe ich das Schild an der Tür gezeigt. Dort steht: Freitaler Tafel, und nicht: Deutsche Tafel. Hier ist jeder willkommen, und das Schweinefleisch nehmen die schon niemandem weg. Wir haben das Essen umgestellt und jetzt viel Frischfisch im Angebot. Es gibt auch Lachsforelle und Oktopus. Inzwischen sitzen die Einheimischen mit den Flüchtlingen bei uns an einem Tisch und spielen Karten."



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