AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 33/2017

Grippemittel Tamiflu Der Irrsinn um ein vermeintliches Wundermittel

Das Grippemittel Tamiflu brachte dem Roche-Konzern Milliarden ein, auch die Bundesregierung bunkerte Millionen Einheiten des Wirkstoffs. Doch der Nutzen ist umstritten: Hände waschen könnte effektiver sein.

Pharmakonzern Roche in Basel
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Pharmakonzern Roche in Basel

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Die begehrten Kapseln waren Verschlusssache in Deutschlands größtem Klinikum, der Berliner Charité. Teilweise lagerten sie in abgeschlossenen Schränken, in denen sonst Opioide wie Morphium, Fentanyl oder Piritramid verwahrt werden. Doch in dem Medikament des Herstellers Roche steckte ein vergleichsweise harmloser Wirkstoff: Oseltamivir, besser bekannt unter dem Handelsnamen Tamiflu - ein Mittel gegen Grippe.

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Heft 33/2017
Wie sich das bedrohte Paradies wandelt

Das Medikament war zeitweise so begehrt, dass es weggeschlossen werden musste. So sollte verhindert werden, dass sich Ärzte und Pflegepersonal privat damit bevorrateten, um im Falle des Falles ihrer eigenen Familie helfen zu können.

Immerhin hatte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 2009 Oseltamivir auf die Liste der "unentbehrlichen" Arzneimittel gesetzt und im gleichen Jahr eine Grippepandemie erklärt. Wirksame Impfstoffe waren erst in der Erprobung, Tamiflu wurde zum rettenden Heilmittel erkoren. Die Medien warnten vor drohenden Massenerkrankungen auch in Europa.

Doch die ganz große Katastrophe blieb aus - und wenn sie gekommen wäre, hätte Tamiflu ("flu" steht im Englischen für Grippe, "tame" für zähmen) wohl wenig genutzt. Zuletzt stufte die WHO Oseltamivir zurück. Der Wirkstoff steht nicht mehr länger auf der Hauptliste essenziell wichtiger Arzneimittel, er wird nur noch als Ergänzungsstoff für Krankenhauspatienten empfohlen. Die WHO begründet die Neueinschätzung damit, nun "zusätzliche Erkenntnisse" zu haben, welche den "geschätzten Umfang der Wirksamkeit" reduziert hätten. Bei Roche fragt man sich, welche neuen Erkenntnisse das sein sollen.
Hat am Ende die WHO nur einen Rückzieher gemacht und eine Fehlentscheidung korrigiert? Die Rückstufung kommt für Fachleute nicht überraschend. Wissenschaftler hatten schon lange daran gezweifelt, dass das Mittel eine schwere Virusgrippe effizient verhindern, therapieren oder auch nur abmildern kann.

Doch wie konnte es überhaupt zu der ursprünglichen Fehleinschätzung kommen? Und welche Rolle spielte dabei der Schweizer Pharmakonzern, dem Tamiflu Milliardeneinnahmen auf Kosten der Steuerzahler bescherte?

Die Abstufung kann Roche egal sein: Das Geschäft ist gemacht. Seit 2016 liefen die Patente für den Molekül-Erfinder Gilead ab, von dem die Schweizer eine Lizenz erworben hatten. Der Wirkstoff darf nun von anderen Herstellern kopiert werden. Das Interesse ist allerdings gering, weil die Nachfrage wohl nie wieder so groß werden dürfte.

"Der Hype um Tamiflu war geprägt von Angst. Es gab sicher den Gedanken, dass der Stoff besser als nichts sein könnte", sagt Thomas Schneider, Infektiologe an der Charité. Doch sehr viel besser als nichts schnitt Oseltamivir in Studien nicht ab. Das Problem: Die Daten einiger Studien waren anfangs nur beschränkt öffentlich zugänglich.

Action Press/Hoffmann-La Roche

Auch andere Ungereimtheiten kamen nur scheibchenweise ans Licht. So hatten zwei von der europäischen Zulassungsbehörde hinzugezogene Experten des belgischen Gesundheitsministeriums und des schwedischen Instituts für Infektionskrankheiten Verbindungen zu Roche. An der Ausarbeitung der WHO-Pandemieleitlinien waren auch Experten beteiligt, die zuvor an einer von Roche finanzierten Studie mitarbeiteten - diese Untersuchung gilt als wichtigstes Werk für den Nutzenbeleg von Tamiflu.

Eine Auswertung von zehn Studien wurde maßgeblich von Roche-Mitarbeitern oder bezahlten Beratern verfasst. Sogar Mitarbeiter einer Agentur für medizinische Kommunikation sollen an einem Manuskript für eine Studie zu Oseltamivir als Ghostwriter mitgewirkt haben. Statistiker unterstellten zudem manchen Studien beträchtliche methodische Mängel.

"Tamiflu hätte bei der Datenlage nie auf die WHO-Liste der unentbehrlichen Arzneimittel gelangen dürfen", sagt Wolfgang Becker-Brüser, Arzt und Apotheker sowie Herausgeber des Fachblattes "Arznei-Telegramm". Dass die Verkaufszahlen für Tamiflu explodierten, hält er für ein "Multisystemversagen", die Rückstufung durch die WHO für "längst überfällig".

Roche kostete die Lizenz für Tamiflu Hunderte Millionen Euro. Angesichts seines zweifelhaften Nutzens schienen die Verkaufsaussichten zunächst recht begrenzt zu sein. Doch dann horteten 96 Staaten - darunter Großbritannien, die USA und Deutschland - das scheinbare Wundermittel, um ihre Bevölkerung vor der drohenden Grippepandemie zu schützen. Selbst Firmen bauten Notvorräte für Mitarbeiter auf.

Über elf Milliarden Euro nahm der Baseler Konzern bis Ende 2016 durch die Verkäufe ein, geschätzt etwa die Hälfte davon geht auf prophylaktische Einlagerungen für den Pandemiefall zurück. "Dieses Geld fehlt den Gesundheitssystemen in anderen Bereichen", sagt Arzneimittelexperte Becker-Brüser.

Heute dürften in den Bundesländern noch Millionen Packungen Tamiflu vorrätig sein. In Baden-Württemberg, Berlin, Hessen, Rheinland-Pfalz oder Nordrhein-Westfalen lagert der Wirkstoff auch in Säcken und soll im Bedarfsfall kurzfristig abgefüllt werden. Die Bundesregierung sieht in Tamiflu weiterhin ein "geeignetes Mittel" und bunkert 7,5 Millionen Therapieeinheiten als "Bundesreserve".

Dass das Pulver aber unabhängig von seiner Wirkung jemals zum Einsatz kommt, bezweifelt Charité-Experte Schneider. Er hält die dem Tamiflu-Hype zugrunde liegende Angst vor einer Großseuche für konstruiert. "Wir sehen im Jahr zwei bis drei Patienten mit einer Influenza, die so schwer krank sind, dass sie zu uns kommen. Eine Seuche, bei der große Teile der Bevölkerung betroffen wären, tritt nach meiner Einschätzung nur dann auf, wenn die medizinische Gesamtversorgung massiv abrutscht, etwa durch einen Krieg", sagt der Arzt und Biologe.

Sinnvoller hätte er es gefunden, wenn das Geld in wirklich wirkungsvolle Mittel zur Grippebekämpfung geflossen wäre, etwa in die Entwicklung deutlich besserer Impfstoffe. Auch Investitionen in die Gesundheitserziehung befürwortet er. "Händewaschen, Papiertaschentücher entsorgen und niemanden anniesen dürfte wirkungsvoller als Tamiflu sein", sagt Schneider.



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
GrinderFX 14.08.2017
1.
Schön auf Krankenkassenbeiträgen und Steuerkosten die Leute abgezockt. Und ich muss es bezahlen.
JerryKraut 14.08.2017
2. Nach fast 20
Jahren in der Pharmaindustrie kann ich Ihnen versichern, dass das mit dem Händewaschen auch für viele andere Medikamente gilt. Diese Industrie wird vom Steuer- und Beitragszahler durch die Hintertüre massiv subventioniert - und das seit Jahrzehnten.
ichliebeeuchdochalle 14.08.2017
3.
Diese Postille hat vor Jahren die Panik geschürt, wie so viele. In den zugehörigen Foren haben wir Leser immer und immer wieder auf den Unsinn hingewiesen. Zur Zeit läuft die pharmazeutische Panikmacher-Truppe ja wieder Sturm, diesesmal für die Forderung nach "Zwangs-Impfungen". Unfaßbar, daß sich in einem Industrieland die Bevölkerung über ein paar Tote durch Erkrankung mehr sorgt als über Zehntausende Tabak-Tote oder Abgas-Tote pro Jahr. Bildung schadet der kapitalistischen Profitgier. * Transparenz-Hinweis: Ich bin nicht gegen die Pharmazie, zumal mein Weiterleben seit zwei Jahren von deren Leistung abhängt.
Bernt 14.08.2017
4. Nicht die Bundesregierung sondern die Apotheken mussten bunkern
Die Apotheken wurden genötigt, abhängig vom Umsatz Tamiflu Einheiten einzulagern! Auch die Kosten mussten von den Apotheken getragen werden! Nach überschreiten des Verfallsdatums wurde das Präparat dann (auch von den Apotheken) entsorgt!
Spiegelleserin57 14.08.2017
5. bevor man sich ein Urteil über dieses Medikament ..
erlaubt sollte man erst mal die Leute befragen die dieses Medikament eingesetzt haben. Wer im Vollbild einer Grippe auf der Intensivstation liegt kann froh sein wenn es so ein Medikament gibt. Vermutungen und Unterstellungen bringen die Wissenschaft nicht weiter sondern schaffen nur Vorurteile und böse Unterstellungen. Also bitte erst mal Fakten schaffen!
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