AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 15/2017

Sexualisierte Gewalt im Olympiastützpunkt "Ich war wie tot!"

Die deutsche Medaillenschmiede Tauberbischofsheim scheint für einige Sportlerinnen ein Ort der Angst gewesen zu sein. Sie werfen jetzt einem Trainer des Fechtzentrums vor, sie jahrelang bedrängt und begrapscht zu haben.

Fechtmasken im Olympiastützpunkt Tauberbischofsheim
Daniel Peter/DER SPIEGEL

Fechtmasken im Olympiastützpunkt Tauberbischofsheim

Von und


Er sei besonders aggressiv gewesen, wenn sie weit weg waren von zu Hause, im Trainingslager oder bei Reisen zu Wettkämpfen. So erzählen es die Fechterinnen.

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Heft 15/2017
Machtmissbrauch, Bestechung - und Spähangriffe gegen Willy Brandt

Sie fuhren nach Bonn oder Inzell, um sich in Sportzentren auf die Saison vorzubereiten, oder weiter bis nach Budapest für einen Weltcup. Sie standen auf der Planche, schwitzten unter den Masken. Abends, im Hotel, waren sie unter sich. Eine kleine Gruppe Sportlerinnen, darunter auch Minderjährige, weit entfernt von ihren Eltern, ihren Freunden und anderen Sportlern.

In diesen Momenten fühlte sich Sven T. offenbar am sichersten. Der Trainer habe dort "jede Gelegenheit genutzt", sagt eine der Fechterinnen. "Beim Einsteigen in den Mannschaftsbus oder abends beim Essen gab er den Athletinnen einen Klaps auf den Po oder kniff sie in den Po. Er machte obszöne Bemerkungen über die Brüste der Athletinnen, über die Größe, über die Form und wie gut sich diese entwickeln würden."

Sven T. soll die Sportlerinnen auch in ihrem Hotelzimmer besucht haben. Gern kurz nach dem Training, wenn die Mädchen gerade aus der Dusche kamen. Dann habe er sie angestarrt - oder Schlimmeres getan. Es sei "erniedrigend und ekelhaft" gewesen, sagt eine Sportlerin. T. habe sie "wie Freiwild" behandelt.

Die Schilderungen der Frauen sind in einem Schriftsatz festgehalten, den Anwälte der Stuttgarter Kanzlei HSGB verfasst haben. Das Dossier ist auf den 13. März 2017 datiert, die Anwälte arbeiten für den Landessportverband Baden-Württemberg, den LSV. Dessen Funktionäre kümmern sich seit fünf Monaten um den Fall Sven T.

Das Dokument fasst die Aussagen von mehreren Sportlerinnen zusammen, die für den Fecht-Club Tauberbischofsheim starten. Auch Eltern und Geschwister von ihnen kommen zu Wort. Sie erheben schwere Vorwürfe gegen Sven T., der seit 25 Jahren als Landestrainer am Olympiastützpunkt (OSP) in Tauberbischofsheim arbeitet. Und gegen Sportfunktionäre vor Ort.

Bei den Anschuldigungen geht es um Macht und Unterdrückung, um niederträchtige Praktiken, um massive Übergriffe sexueller Natur, auf minderjährige Fechterinnen genauso wie auf erwachsene Leistungssportlerinnen. Es geht um Alkoholexzesse im Trainingslager, bei Wettkämpfen und Vereinsfesten.

Und es geht darum, dass Übergriffe offenbar geduldet, mehr noch, vermutlich jahrelang vertuscht wurden von anderen Trainern und von den Chefs des Fechtzentrums. Eine Sportlerin drückt es so aus: "Er konnte machen, was er wollte. Und von Tauberbischofsheim wurde alles gedeckt."

Fälle sexualisierter Gewalt sind nicht selten im Sport. Er ist besonders anfällig, durch die Körperlichkeit, die Nähe und Kumpelhaftigkeit zwischen Athleten und Trainern (SPIEGEL 2/2017).

Im Leistungssport kommt hinzu, dass die Trainer oft selbst erfolgreiche Sportler waren und Idole bleiben. Und: Wer wie Spitzenathleten die Kindheit und Jugend dem Sport opfert, ist häufig nicht bereit, seinen Traum aufzugeben. Die Täter machen sich das zunutze, sie drohen den Sportlern, sie nicht bei Wettkämpfen einzusetzen, ihre Karriere zu zerstören, sollten sich die Opfer wehren.

Das ist auch in Tauberbischofsheim geschehen, wenn es stimmt, was die Betroffenen ausgesagt haben. Die Anschuldigungen sind so enorm in ihrer Tragweite, dass der Fall im deutschen Leistungssport einzigartig sein dürfte.

Die Übergriffe sollen sich zwischen 2003 und 2016 ereignet haben. Manche der betroffenen Zeuginnen gehören zu den besten deutschen Fechterinnen, unter ihnen sind Sportlerinnen, die bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen am Start waren. Sie versuchten, sich zu wehren, meldeten die Entgleisungen des Trainers, immer wieder, doch es geschah nichts, was ihnen half.

Vor ein paar Monaten fanden mehrere Fechterinnen den Mut, sich Menschen außerhalb des Fechtzentrums anzuvertrauen. In langen Gesprächen erzählten sie Funktionären des Landessportverbands von den Zuständen in Tauberbischofsheim. Sven T. war beim LSV angestellt. Nachdem der Verband von den Anschuldigungen erfahren hatte, kündigte er dem Trainer.

Erledigt ist der Fall aber noch lange nicht. T. hat schon mit Olympiasiegerinnen wie Anja Fichtel gearbeitet und erhielt in den Neunzigerjahren für seine Arbeit einen Preis der Stiftung Deutsche Sporthilfe. Er hat einen guten Ruf als Fechtfachmann. Nun klagt er gegen die Kündigung, in den kommenden Wochen soll es zu einer Verhandlung vor dem Arbeitsgericht in Heilbronn kommen.

Der SPIEGEL hat die Sportlerinnen um ein Gespräch gebeten, doch nur wenige wollen reden, solange das Verfahren nicht abgeschlossen ist. Und wenn, dann nur anonym. Sie fürchten, dass T.s Kündigung nicht bestehen bleibt und sie wieder mit ihm trainieren müssen. "Der ist bislang mit allem durchgekommen", sagt eine Fechterin.

Fechterinnen beim Training in Tauberbischofsheim
Daniel Peter/DER SPIEGEL

Fechterinnen beim Training in Tauberbischofsheim

Eine Betroffene erzählt, sie habe "große Angst". Personen, die sich mit dem Fall befassen, sprechen von "gezielter Einschüchterung" und "Psychoterror". Einer, der sich vor Ort auskennt, sagt: "In Tauberbischofsheim ist über Jahre ein System entstanden, das an die Mafia erinnert."

Mafia? In Tauberbischofsheim? Einem verschlafenen Kaff im hintersten Winkel Baden-Württembergs? Es klingt bizarr - bis man weiß, was die Fechterinnen zu sagen haben. Vor allem Julia Roth(*).

Der Tag, an dem die Sportlerin ihr Schweigen brach, war der 10. Dezember 2016. Roth saß im Hotel Arkade in Heilbronn, zusammen mit zwei LSV-Funktionären. Einer davon war der Geschäftsführer des Verbands, Ulrich Derad. Er hatte von einem anderen Fechttrainer erfahren, dass es in Tauberbischofsheim Probleme mit T. geben soll. Er wollte wissen, ob da etwas dran sei.

Roth ficht seit vielen Jahren für den FC Tauberbischofsheim, sie hat für den Verein und für Deutschland Medaillen bei nationalen und internationalen Titelkämpfen geholt. Sie redete zwei Stunden lang, sie sagte, dass es gedauert habe, aber jetzt sei sie bereit, über alles zu sprechen. Manchmal schluckte sie einen Kloß im Hals hinunter oder versuchte mühsam, ihre Tränen zu unterdrücken.

Sie berichtete von einem Wettkampf, der vor einigen Jahren in einer Stadt in Südeuropa stattfand. Roth war damals ein aufstrebendes Fechttalent, noch keine 18 Jahre alt, Sven T. begleitete sie.

Am Abend nach dem Turnier gab es eine kleine Feier, doch Roth war müde vom Wettkampf. Sie ging in ihr Hotelzimmer, das sie sich mit einer Mannschaftskollegin teilte.

Wenig später habe es an ihrer Zimmertür geklopft. Da sie mit ihrer Mannschaftskameradin rechnete, habe sie die Tür geöffnet. Draußen habe T. gestanden. Der Trainer soll die Fechterin auf das Hotelbett gedrängt und sich auf sie gelegt haben.

Im Dossier der Anwälte heißt es: "Zum Schutz verschränkte die Zeugin ihre Arme vor ihrem Körper. Sie atmete kaum mehr, sondern lag nur passiv da." Beide hätten zwar Kleidung getragen, der Trainer soll sich aber "liegend vor- und zurückbewegt haben, so, als würde er mit ihr den Geschlechtsverkehr durchführen".

T. soll der Fechterin ins Ohr geflüstert haben: "Wie gut du bist, nicht nur im Sport." Und er soll "stark nach Schnaps gerochen" haben. Roth schilderte den Moment so: "Ich war wie tot!"

Erst als ihre Mannschaftskameradin ins Hotelzimmer gekommen sei, so berichtete sie, habe der Trainer von Roth abgelassen. T. sei vom Bett aufgesprungen und habe dabei einen Spiegel zerbrochen. Dann sei er panisch aus dem Zimmer gestürmt.

"Sie schilderte das Fehlverhalten des Trainers mit Genauigkeit, Glaubwürdigkeit und unter hoher Emotionalität", erinnert sich LSV-Chef Derad, "wir haben keine Zweifel an der Richtigkeit der Aussagen, es sind aus unserer Sicht belastbare Vorfälle."

Das Städtchen Tauberbischofsheim liegt rund 40 Kilometer von Würzburg entfernt. 13.400 Einwohner, enge Gässchen, viel Fachwerk. Das Fechtzentrum ist direkt am Ufer der Tauber errichtet, alles befindet sich unter einem Dach: der Olympiastützpunkt, das Fechtinternat, die Vermarktungsagentur des Vereins und die Sporthalle. Knapp 70 Fechter üben jeden Tag auf den 49 Bahnen, rund 15 Trainer sind in Tauberbischofsheim beschäftigt.

Der Fechtverein wurde 1954 gegründet, von Emil Beck, einem Friseur, der zu einer deutschen Trainerlegende aufstieg. Beck machte den Klub zu einem der erfolgreichsten Vereine der Welt, bis heute haben die Fechter aus Tauberbischofsheim 40 Medaillen bei Olympischen Spielen und Paralympics gewonnen.

Allerdings tauchten auch immer wieder Berichte auf, die erahnen ließen, wie hoch der Preis ist, den die Sportler für ihre Medaillen bezahlen müssen. Anja Fichtel, die 1988 bei den Spielen in Seoul zwei Goldmedaillen gewann, erzählte in Interviews von "unerträglichem Druck" in Tauberbischofsheim, von "totaler Überwachung".

Denn im Fechtdörfchen wird offenbar auch abseits der Planche gekämpft, mit allen Mitteln. Man trifft auf Leute, die glaubhaft erzählen, dass sie mal Kritik an den Bossen des Fechtzentrums geübt und wenig später Kot in ihrem Briefkasten gefunden hätten.

Jungen Sportlern muss es in einem solchen Umfeld schwerfallen, Probleme anzusprechen. Beim Gespräch mit dem LSV in Heilbronn sagte Julia Roth, dass sie ihre Erlebnisse lange in eine Schublade im Kopf gepackt habe. Es sei der Versuch gewesen, nicht mehr an das Erlebte zu denken, gleichzeitig sah sie Sven T. nach wie vor in der Trainingshalle. Sie berichtete, dass er noch immer Fechterinnen begrapschen und ihnen auf den Hintern hauen würde.

Nach Roths Bericht begannen die Funktionäre des LSV zu recherchieren, sie suchten weitere Zeugen, vereinbarten Gesprächstermine mit anderen Sportlerinnen und mit Trainern, die früher in Tauberbischofsheim beschäftigt waren. Sie stießen auf einen Sumpf, den sie nicht für möglich gehalten hatten.

Sven T. muss es offenbar genossen haben, seine Macht als Trainer zu demonstrieren. Mehrmals im Monat soll er Fechterinnen im Training zu sich gerufen haben, damit sie Abrechnungen unterschreiben. Er soll sich auf eine Bank gesetzt haben, die Beine breit. Die Unterlagen soll er dazwischen auf der Bank platziert haben. Die Sportlerinnen, so erzählten sie es, hätten vor T. knien müssen, um die Dokumente zu unterschreiben. Mit dem Kopf zwischen seinen Beinen.

Der Trainer soll unersättlich gewesen sein, machte auch Freundinnen von männlichen Fechtern an. Oder Mütter. Eine Sportlerin schilderte einen Vorfall auf einer Weihnachtsfeier. Sie war mit ihren Eltern dort, T. soll an diesem Abend ihrer Mutter an die Brust gefasst und versucht haben, sie zu küssen.

Dazu hörten die LSV-Ermittler immer wieder Berichte aus Trainingslagern. "Ich kam nur mit einem Handtuch bekleidet aus dem Bad, als er plötzlich im Zimmer auftauchte", erzählte eine Sportlerin, "er wollte irgendwas besprechen. Als er mich mit dem Handtuch sah, verließ er das Zimmer aber nicht. Ich konnte mich kaum bewegen, hoffte, dass die Situation ein Ende nehmen würde. Er blieb so lange, bis meine Zimmernachbarin auch aus dem Bad kam und die Situation sich entschärfte."

Ein Trainer, der früher in Tauberbischofsheim gearbeitet hat, bestätigt das Bild, das die Frauen zeichnen. "Nach Siegen, wenn er seine Fechterinnen umarmt hat", sagt er über T., "gingen seine Hände oft auf Wanderschaft, dorthin, wo sie nicht hingehören. Er trank zu viel, er war kein Vorbild, er war ein Täter."

Trotz vieler Zeugen ist die Aufklärung potenzieller Fälle oft schwierig. Laut einer Umfrage der Sporthochschule Köln unter 1800 Spitzenathleten hat jeder Dritte schon Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt gemacht, doch die Taten werden nur selten angezeigt.

Viele Leistungssportler sind abhängig von ihrem Trainer, von ihrem Verein. Nur die wenigsten Betroffenen schaffen es, das Schweigen zu brechen. Oft drängen sich dann dieselben Fragen auf: Wer wusste davon? Wer hat etwas gesehen, gehört, mitbekommen? Und vor allem: Warum konnte das so lange geheim bleiben?

Es sind Fragen, wie sie jetzt auch den Verantwortlichen in Tauberbischofsheim gestellt werden.

Denn schon 2009 gab es einen schriftlichen Hilferuf der Fechterinnen. Nach einem Trainingslager in Inzell verfassten sie gemeinsam ein Schreiben, in dem sie sich über T. beschwerten. "Es war der Versuch, endlich einmal einen Beweis in der Hand zu haben", sagt eine Sportlerin. Zuvor sei ihnen immer gesagt worden, dass man ohne Beweise leider nichts tun könne.

Darum der Beschwerdebrief. Er ist eine DIN-A4-Seite lang, eine Fechterin verfasste ihn per Hand, es geht um die Nacht vor der Rückreise aus dem Trainingslager. Eine Kopie des Briefs liegt dem SPIEGEL vor.

"Sven ist total besoffen", steht dort, "er kann nicht mehr laufen. Er läuft mit Socken (ohne Schuhe) über die Schnellstraße, grabscht alle an, kann nicht mehr reden, ist eklig, stinkend und pervers und vor allem: BESOFFEN!"

Olympiasieger Behr 1991
picture-alliance/dpa

Olympiasieger Behr 1991

21 Fechterinnen und Fechter haben den Brief unterschrieben. Sie übergaben ihn damals in mehrfacher Ausführung an die Leitung des Klubs, auch Matthias Behr soll ihren Berichten zufolge einen bekommen haben. Behr leitete zu der Zeit das Fechtinternat und ist inzwischen zum Chef des Olympiastützpunkts aufgestiegen.

Doch Behr half offenbar nicht, im Gegenteil. Mehrere Sportlerinnen erzählen, dass sie wegen des Briefs einzeln in das Büro von Behr bestellt worden seien. Behr habe sie "massiv unter Druck" gesetzt.

Im Dossier der Verbandsanwälte heißt es jetzt: "Vom Stützpunktleiter Herrn Behr wurde unmissverständlich, brutal und glasklar formuliert: Wenn ihr diese Behauptungen nicht zurücknehmt, dann sorge ich dafür, dass ihr aus dem Kader fliegt und zusätzlich aus dem Verein geschmissen werdet. Dann könnt ihr eure Karriere als Fechter für immer vergessen."

Und weiter: "Durch diese Einschüchterungen haben die Athletinnen damals die Sache nicht mehr weiterverfolgt."

Hat Behr den Brief der Fechterinnen verschwinden lassen? Hat er die Übergriffe von T. gedeckt, damit der Ruf des Fechtzentrums nicht unter einem Missbrauchsskandal leidet?

Wenn man Behr im Fechtzentrum aufsucht und nach dem Brief fragt, behauptet er, nichts davon gewusst zu haben, niemals einen Brief gesehen zu haben. "Da bin ich überall nicht drin und bin auch nicht verantwortlich", sagt Behr. "Ich weiß nicht, worum es geht in der Sache T." Dabei war der Name des Trainers in dem Gespräch noch nicht gefallen. Offenbar weiß er genau, worum es geht.

Auf die spätere schriftliche Anfrage des SPIEGEL will Matthias Behr dann gar nicht antworten: "Bitte haben Sie Verständnis, dass ich nicht bereit bin, zu solchen Fragen der Presse gegenüber Stellung zu nehmen."

Behr ist in Tauberbischofsheim eine Ikone, in den Gängen des Fechtzentrums hängen von ihm Bilder aus vergangenen Tagen. Bei den Spielen 1976 gewann er die Goldmedaille mit der Mannschaft, zusammen mit Thomas Bach, der damals auch für den FC Tauberbischofsheim startete und heute Präsident des Internationalen Olympischen Komitees ist.

In den Aussagen der Fechterinnen taucht Behr häufig auf, allerdings nicht als kompetenter Chef eines Leistungszentrums für Spitzensportler, sondern als pedantischer Choleriker. Er soll Sportler anbrüllen, wenn sie ihn nicht ordentlich begrüßen. Drohungen seien bei Behr an der Tagesordnung, Termine in seinem Büro "sehr unangenehm".

Eine Fechterin beschrieb die Treffen mit Behr so: "Viele Gespräche vor wichtigen Wettkämpfen wurden immer auf den Dienstag gelegt, er wurde bei diesen Gesprächen immer persönlich und ließ seinen gefährlichen Launen freien Lauf, was manchmal Angst machte." Sie habe einmal ihren Vater zu einem Termin bei Behr mitgenommen. "Als Schutz."

In Tauberbischofsheim heißt es, T. sei Behrs "Adlatus" gewesen, sein persönlicher Spitzel. Der Trainer soll dem OSP-Chef regelmäßig erzählt haben, was in der Fechthalle vor sich geht, was die Sportler treiben, worüber sie reden. Deswegen sei T. wichtig für Behr gewesen.

Nach T.s Kündigung will der LSV jetzt durchsetzen, dass der Trainer die Fechthalle nicht mehr betreten darf. Die Verantwortlichen des Klubs tun aber weiter so, als wüssten sie von nichts. Der Deutsche Olympische Sportbund meldete sich wegen des Falls beim FC Tauberbischofsheim, bat um eine Stellungnahme.

Der Geschäftsführer des Fecht-Clubs, Harald Stempfer, antwortete am 24. Februar: Die Behauptung, es habe sexuelle Gewalt durch einen Landestrainer gegeben, habe ihn "überrascht", schreibt er. Von einem "Fall" könne aber nicht die Rede sein, es handle sich lediglich um "einen Verdacht". Es gehe um einen "völlig unpräzisierten Vorgang", man habe "keinerlei Ansatzpunkte".

Auf Anfrage teilt der Anwalt von Sven T. mit, dass sich sein Mandant zu den Anschuldigungen "angesichts des laufenden Gerichtsverfahrens nicht äußern" möchte. Der SPIEGEL erreichte den Trainer aber am Telefon. "Es ist nicht nachvollziehbar, wie menschlich mit mir umgegangen wird", sagt T. Alle Vorwürfe seien unwahr, das mit der Kündigung werde "im Sande verlaufen".

Er scheint sich nicht allzu sehr zu sorgen. Im Dezember bat ihn der Landessportverband zum Gespräch in die Geschäftsstelle nach Stuttgart. Seine Vorgesetzten konfrontierten ihn mit den Berichten der Fechterinnen. T. stritt alles ab. Man habe ihm "eine Falle" gestellt, sagte er.

Der Trainer habe gelächelt, als man ihm die Kündigung über den Tisch reichte, sagen die, die dabei waren.

Als sei er sich sicher, dass ihm in Tauberbischofsheim schon jemand zur Seite stehen werde.



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
mickt 09.04.2017
1. Leider typisches Täterverhalten,
das erst so richtig im Kontext der Weggucker und Rechtfertiger gedeiht. Ich wünsche allen Beteiligten Gerechtigkeit und ein Ende dieses Machtmissbrauchs.
ergo-oetken 10.04.2017
2. Unabhängig davon, wie viele und welche sexuellen Übergriffe Sven T. verübt hat, so scheint er doch...
...mit großer Wahrscheinlichkeit schwerst alkoholkrank zu sein. Beim übermäßigen Alkoholkonsum handelt es sich um eine der am meisten verbreiteten Selbstbehandlungsstrategien von psychisch kranken Männern. Hinter einem als rollenkonform missverstandenen Dominanzgehabe versteckt sich meistens tiefes menschliches Versagen. Bei einem ehemaligen Leistungssportler würde ich sofort an ein nicht verarbeitetes PTBS in Folge selbst erlebter sexueller Gewalt und Ausbeutung denken. Die von den mutmaßlichen Opfern beschriebenen offensiven Demütigungsrituale gegenüber Mädchen und Frauen lassen zudem auf eine zusätzliche frühe (sexuelle?) Misshandlung durch eine weibliche Bezugsperson schließen. Ein Mann, der eine gesunde sexuelle Identität entwickelt hat, verhält sich anders. Und so viel menschliches Elend und Versagen soll im LSV niemandem aufgefallen sein? Oder empfehlen sich männliche Kader gerade durch diesen Hang zu primitiver Übergriffigkeit? Haben die Sponsoren eigentlich schon reagiert? ---Zitat--- Das Tauberbischofsheimer Fechtzentrum erhält Zuwendungen vom Bundesministerium des Innern und vom Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg. Daneben gibt es eine Reihe von Sponsoren. Aktueller Premiumpartner ist Samsung. Daneben zählen größere Unternehmen aus der Region wie die Würth-Gruppe sowie lokale Unternehmen wie beispielsweise die Sparkasse Tauberfranken, die Michael Weinig AG oder die Distelhäuser Brauerei zu den Sponsoren. ---Zitatende--- https://de.wikipedia.org/wiki/Fecht-Club_Tauberbischofsheim#Sponsoren Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer von schwerem sexuellen Missbrauch wurden
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