AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 36/2017

Islamisten in Deutschland Schlächter von Tabka

Fahnder sind einer Terrorgruppe auf der Spur: Ihre Mitglieder mordeten in Syrien und tauchten dann als Flüchtlinge in Deutschland unter. Etwa 25 Verdächtige sind identifiziert - wo stecken die anderen?

Kampfeinheit Liwa Owais al-Qarni beim Verlassen von Tabka 2013: "Den Rest besorgt"

Kampfeinheit Liwa Owais al-Qarni beim Verlassen von Tabka 2013: "Den Rest besorgt"

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Was er in Syrien getan hatte, würde ihn auch in Deutschland verfolgen, so viel wurde Abdul Jawad al-K. bald klar, nachdem er im Oktober 2014 in Bremen angekommen war. Er hatte in Deutschland Landsleute getroffen, und sie wussten um seine Vergangenheit. "Bei Gott", schrieb al-K. über WhatsApp einem Bekannten, "sie erinnerten sich an Details, die ich selbst vergessen hatte."

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Heft 36/2017
Der Kampf ums Kanzleramt: Worum es geht. Wer es kann.

Dazu gehören die grausamen Einzelheiten eines Massakers auf einem Müllplatz nahe der syrischen Stadt Tabka. Im März 2013 soll al-K. dort zusammen mit Gleichgesinnten 36 Polizisten, Verwaltungsangestellte und Milizionäre des Assad-Regimes getötet haben, auf bestialische Weise. "Sie haben sie halb geköpft und du hast den Rest besorgt", hielten die syrischen Landsleute al-K. vor. Er war damals Kommandeur einer Kampfeinheit der islamistischen Nusra-Front.

Die Enthauptungen auf der Müllkippe werden demnächst Thema vor dem Oberlandesgericht Stuttgart. Ende September beginnt dort der Prozess gegen al-K. und weitere mutmaßliche Mittäter. Die Bundesanwaltschaft wirft ihnen die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vor, Kriegsverbrechen und 36-fachen Mord.

Das Verfahren ist nur möglich, weil beide Seiten, Täter und Bekannte der Opfer, nach Deutschland kamen und dort aufeinandertrafen. Zeugen sollen die Gräueltaten von Tabka minutiös beschreiben können.

Der Prozess legt auch die Frage nahe, wie viele der Menschen, die Schutz suchend aus dem syrischen Kriegsgebiet nach Deutschland kamen, vor allem Täter sind und nicht Opfer. Nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden leben offenbar mehr als 60 Kämpfer der islamistischen Liwa Owais al-Qarni, zu der auch al-K.s Einheit gehörte, in der Bundesrepublik. Sie sollen nach und nach als Flüchtlinge, teilweise mit Aliasnamen getarnt, über die Balkanroute nach Deutschland eingesickert sein.

Die Kampfgruppe gehörte zu den ersten Einheiten, die im Norden Syriens bewaffneten Widerstand gegen das Regime des syrischen Diktators leisteten. Die Truppe war ursprünglich Teil der Freien Syrischen Armee. Ende 2012 lief sie geschlossen zur Nusra-Front über, dem Ableger von al-Qaida in Syrien. 2014 löste sich die Gruppe auf. Viele Mitglieder schlossen sich dem IS und anderen islamistischen Terrormilizen an. Andere verließen das Kriegsgebiet und kamen nach Europa.

Unter dem Kommando der Nusra kämpfte die Liwa Owais al-Qarni in der Provinz Rakka. Ihre Mitglieder sollen an "diversen Massakern an gefangenen Zivilisten und syrischen Soldaten" beteiligt gewesen sein, heißt es in einem vertraulichen Papier der Sicherheitsbehörden. Bei diesen Massakern sollen, so das Dokument, "mindestens 300" Menschen ermordet worden sein.

Bundesweit arbeiten die Behörden daran, an den Gräueltaten Beteiligte, die nach Deutschland kamen, aufzuspüren und zu verhaften. Bei rund 25 Ex-Mitgliedern der Gruppe sind die Vorwürfe so konkret, dass gegen sie ermittelt wird. Neben dem Generalbundesanwalt sind unter anderem auch die Landeskriminalämter (LKA) in Baden-Württemberg und Bayern aktiv. Es gibt Hinweise, dass die Männer in 13 verschiedenen Bundesländern untergekommen sind. Im Mai nahmen Beamte des LKA Sachsen einen Kommandeur der Brigade fest, den Syrer Ahmad A.-A.

Ungefähr 30 weitere Mitglieder der Gruppe, die ebenfalls in Deutschland leben sollen, sind noch nicht identifiziert oder gefunden. Bei manchen gibt es Hinweise, andere sind den Behörden schlicht unbekannt. Ziel der Nusra-Front war immer der Kampf in Syrien - nicht wie beim "Islamischen Staat" auch der Terror in Europa. "Aber natürlich bereitet einem der Gedanke Sorge, dass derart verrohte Menschen hier in Deutschland sind", sagt ein Verfassungsschützer.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat eine Projektgruppe mit dem Codenamen "Keto" gegründet. Sie soll den Informationsaustausch zwischen den Bundesländern organisieren. Der "Liwa-Komplex", wie Geheimdienstler die Ermittlungen nennen, sei "womöglich noch umfangreicher als bislang bekannt", so ein Beamter.

Auf die Spur der Kampfgruppe in Deutschland kamen die Ermittler durch Zufall: Ein Mitglied erwähnte seine Zeit bei der Einheit in seiner Asylanhörung. Und dann funktionierte offenbar der Informationsfluss: Die eingeschalteten Beamten merkten schnell, dass sich der vermeintliche Einzelfall zu einem größeren Komplex entwickelte. Sie fanden weitere Zeugen. Einer von ihnen identifizierte Abdul Jawad al-K., den mutmaßlichen Schlächter von Tabka.

Der saß da allerdings bereits im Gefängnis, denn nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft wollte er den Terror auch nach Deutschland bringen - nun gemeinsam mit Anhängern des "Islamischen Staates". Zusammen mit anderen Islamisten soll er im Jahr 2016 einen Terroranschlag auf die Düsseldorfer Altstadt geplant haben, Selbstmordattentäter sollten sich dort in die Luft sprengen. "Wir müssen wissen, ob wir als Märtyrer sterben", schrieb al-K. damals einem seiner mutmaßlichen Mittäter. Inzwischen sieht es für ihn nach einem Leben hinter Gittern aus.



insgesamt 7 Beiträge
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steueragent 02.09.2017
1. Das ist höchst beunruhigend.
Andererseits muss man auch sagen, nach dem zweiten Weltkrieg kamen auch etliche Soldaten zurück, die an Kriegsverbrechen beteiligt waren. Ich glaube, in einem Krieg kann man ganz schnell falsche Dinge tun, das liegt in der Natur der Sache.
Zappa_forever 02.09.2017
2. Hat nicht...
..irgendeine führende Person der Politik behauptet unter den Flüchtlinge seien keine Terroristen oder schwaren Schafe. Jetzt haben wir den Salat. Kriegsverbrecher sind hier wahrscheinlich haufenweise und es ist - qua Sozialisation in einer dirch und durch konservativ-patriarchalischen Gesellschaft - kaum zu erwarten, dass sie hier auf einmal ihre sanfte besonnene Seite entdecken. Aber wir schaffen das ja. Es ist zum...
Worldwatch 02.09.2017
3. Wie viele Identitaeten?
Schlaechter und Mörder-Schergen wie Terroristen können in Deutschland im Dokumentenwirrwarr prima untertauchen. Einem Bericht des ZDF zum Thema 'Falsche Identität, falsche Ausweispapiere' zu Folge, halten sich in der Bundesrepublik allein hunderttausende, ggf. millionen von Ausländern mit gefälschten Identitäten auf. Und nur wenige Gemeinden haben Dokumenten-Pruefgeraete. So ist es leicht für o.g. Verbrecher unterzutauchen. Erst einmal in einer Gemeinde registriert, ist der "Persilschein", mit neuer Identität, nahezu perfekt. Original Ausweispapiere, auch zu EU Mitgliedsstaaten, gibt's auf den entsprechenden Basaren in Türkei, Middle East, u.w.m., je nach "Wunschland" und Qualität, zwischen wenigen hundert bis ein paar tausend Euro.
jamguy 02.09.2017
4.
Zitat von steueragentAndererseits muss man auch sagen, nach dem zweiten Weltkrieg kamen auch etliche Soldaten zurück, die an Kriegsverbrechen beteiligt waren. Ich glaube, in einem Krieg kann man ganz schnell falsche Dinge tun, das liegt in der Natur der Sache.
nur das Die absolut nicht nach hause zurück kommen und wohl auch nicht zurück nach hause können.
kumi-ori 02.09.2017
5.
Tabqa ist mittlerweile befreit. Insofern sehe ich keinen Grund, waurm man diese Personen nicht an die kurdischen Behörden überstellen sollte.
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