AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 8/2017

Thaiboxen Das Geschäft mit den Kampfkindern

Bank ist erst elf, sein Bruder Benz ist 15 Jahre alt. Wie Zehntausende Kinder verdienen sie Geld mit Muay Thai, Thailands Nationalsport. Sie kämpfen, um zu überleben - und träumen von der großen Karriere in Bangkok.

Sandra Hoyn/ DER SPIEGEL

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Sein erster Gegner an diesem Freitagabend ist eine Mücke. Bank tänzelt in kurzer Sporthose durch den Boxring und schlägt seine nackten Fäuste in die Luft. Einmal, zweimal, dreimal. Die Mücke ist schneller.

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Heft 8/2017
Welches Fleisch? Wie viel Fleisch? Künstliches Fleisch?

Bank ist elf Jahre alt, er hat seinen Spitznamen von seinem Vater, weil der hoffte, dass sein Sohn ihn einmal reich machen wird. Die Hälfte seines Lebens hat Bank in diesem Ring mit den zerschlissenen Seilen verbracht.

Der Ring ist in Hua Hin aufgebaut, einem Badeort am Golf von Thailand. Er steht auf vier Betonwänden, gefüllt mit Holzspänen, darauf liegen eine geflickte Plane und ein fleckiger, hellbrauner Teppich, der nach Schweißfüßen riecht. Über dem Quadrat, an einem Holzpfahl, der das Dach stützt, hängt der Skelettschädel eines Wasserbüffels. Er soll Glück bringen. In vier Stunden wird Bank ein paar Straßen weiter in einer Boxhalle unter dem Gegröle Dutzender Menschen einem anderen Elfjährigen gegenüberstehen. Er wird ihm die Fäuste auf die Brust schlagen, den Ellenbogen ins Gesicht stoßen und seine Knie in die Rippen rammen. Er wird das machen, was er am besten kann: Thaiboxen.

Muay Thai, wie es in der Landessprache heißt, ist eine der härtesten Kampfsportarten der Welt, ein unerbittliches Duell der Extremitäten. Ein spitzer Ellenbogen kann die Haut aufreißen wie ein scharfes Messer, ein Tritt gegen den Kopf in Sekundenschnelle bewusstlos machen. Wieso setzen Eltern ihre Kinder dieser Gefahr aus?

In Thailand ist der Sport ein kulturelles Vermächtnis, dessen Ursprung bis ins siebte Jahrhundert reicht. Der Legende nach schlug der thailändische Kämpfer Nai Khanom Tom 1775 zehn birmanische Aggressoren mit Fäusten und Füßen nieder.

Heute sind Thaiboxer Volkshelden. Die besten bekommen für einen Auftritt mehrere Zehntausend Euro. Der Sport ist ein Produkt der Unterhaltungsindustrie geworden, Millionen verfolgen die Kämpfe im Fernsehen. In Bangkoks größten Muay-Thai-Stadien Lumpinee und Rajadamnern ist an einem Kampfabend bis zu eine Million Euro Wettgeld im Umlauf.

Schon mit den jüngsten Thaiboxern wird ein Geschäft gemacht. Bis zu 30.000 Kinder unter 15 Jahren hauen sich mehrmals im Monat auf die Knochen - für ein Preisgeld zwischen 10 und 40 Euro pro Kampf. Sie träumen von einer glitzernden Karriere in Bangkok, der Welthauptstadt des Thaiboxens. Aber die wenigsten Hoffnungen erfüllen sich, nur die besten Kämpfer können von dem Sport leben.

Dreieinhalb Stunden vor dem Kampf sitzt Bank neben dem Ring in einem Korbstuhl und schmust mit einem Stofftier. Die Mickymaus ist das Einzige, was daran erinnert, dass er noch ein Kind ist.

Bank ist ein drahtiger Junge mit tiefen Augenlidern. Seine Mutter wollte ihn nicht. Sie versuchte, ihn mit Pillen abzutreiben. Es klappte nicht. Bank kam zwei Monate zu früh zur Welt. Der Darm war durch eine Lücke in seiner Bauchwand gedrungen, drückte den Bauchnabel nach außen, bis er ballongroß war. Die Ärzte mussten ihn operieren. Seitdem ist sein Bauchnabel ein dicker Hautknoten.

Bank wuchs bei seinem Vater auf. Der steckte ihm mit sechs Jahren Boxhandschuhe über und machte aus einem schmächtigen Jungen einen starken. Er lehrte ihn, dem Gegner auf die Brust zu schauen, um rechtzeitig zu sehen, wann er zuschlagen wird. Und er bläute ihm ein, niemals Schmerzen zu zeigen, egal wie weh ein Tritt tut. "Punktrichter schauen dir ins Gesicht", erklärte er seinem Sohn, "sie erkennen den Schwächeren sofort."

Banks Vater heißt Biau, 50, er ist ein brummiger Mann, der sich Schwäche nie leisten konnte. Seine Mutter knallte ihm die Hand ins Gesicht, wenn er nicht spurte, sein Vater im Training den Boxhandschuh. Neun Jahre lang war er Profi, bis ihm ein Gegner im Ring das rechte Schienbein brach. Biau ging jeden Tag zu einem Mönch und ließ es salben. Das Bein verheilte. Kämpfen konnte er danach nicht mehr. Er sagt: "Muay Thai war die beste Lebensschule."

Vor 15 Jahren zimmerte Biau aus Holzplatten und Bambusrohren das Boxcamp in Hua Hin und begann, einige Jugendliche und später seine Söhne zu trainieren. Vor ein paar Jahren nahm er vier Kinder aus der Nachbarschaft auf, die keine Eltern mehr haben. Er gab ihnen ein Zuhause.

Box­camp-Be­sit­zer Biau (3.v.l.) beim Hahnenkampf
Sandra Hoyn / DER SPIEGEL

Box­camp-Be­sit­zer Biau (3.v.l.) beim Hahnenkampf

Dafür müssen die heute 12- und 13-Jährigen in die Schule gehen und zwei Regeln befolgen. Nummer eins: Kein Alkohol, keine Zigaretten, keine Drogen. Nummer zwei: Trainiert wird von Montag bis Samstag mit einem Trainer. Er selbst könne nicht mehr, sagt Biau: "der Rücken".

Trainingsbeginn ist um fünf Uhr morgens, zuerst acht Kilometer laufen, die letzten 50 Meter davon im Sprint, es folgen 250 Kniestöße gegen den Sandsack, Schlagübungen und Schattenboxen. Abends das Ganze noch einmal, dazu 100 Liegestütze, 100 Klimmzüge, 300 Rumpfbeugen.

Drei Stunden bevor Bank in den Ring steigen wird, reicht ihm sein großer Bruder eine Schüssel mit Hühnchen und Reis. "Iss endlich", sagt er zu ihm, "sonst schlägst du wie ein Mädchen."

Banks Bruder ist 15, er lässt sich drillen, seit er 7 ist. Er heißt Benz - wie Mercedes-Benz. Sein Vater fand den Namen gut, "weil er für Qualität steht", erzählt er. Als Benz einmal keine Lust auf die Plackerei hatte, stellte ihn Biau vor die Wahl: "Du kannst aufhören und hier nie wieder boxen oder weitermachen und ein Champion werden." Benz hat 105 Kämpfe bestritten und 85 davon gewonnen. Jeden Monat kommen zwei bis drei dazu. Doch seine müden Augen verraten, dass er genug vom Kämpfen hat.

Erst kürzlich musste Benz mit Husten und Fieber in den Ring. Seine Beine waren schwer. Er bekam einen Haken in die Rippen, der ihm die Luft zum Atmen nahm. Er fiel um wie ein vom Blitz getroffener Baum. Sein Vater war sauer, weil er viel Wettgeld verloren hatte.

Kämp­fer Bank (m.)
Sandra Hoyn / DER SPIEGEL

Kämp­fer Bank (m.)

Dabei kennt Benz kaum etwas anderes als Training, er hätte gern mehr Zeit für sich. Er kann seine Freundin nur in der Schule sehen. Wenn seine Kumpel ins Kino gehen, ist er beim Training. Das Training frisst seine Jugend. So klingt es, wenn er erzählt. Aber aufzuhören wäre eine Schmach. Für ihn, für seinen Vater, für sein Boxcamp. Thaiboxer, die im Ring aufgeben, verlieren ihr Gesicht.

Aber der Weg ins Profigeschäft ist lang. Thaiboxpromoter sagen, die wenigsten halten bis Anfang zwanzig durch. Viele erliegen den Frauen und dem Schnaps, sobald sie etwas Geld verdient haben. Ob jemand Karriere macht, hängt auch von dem Glück ab, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein.

Seine Chance hatte Benz im Herbst. Ein Promoter aus Hua Hin hatte ihm einen Kampf in Hongkong verschafft, in einer Arena vor 10.000 Menschen gegen einen Chinesen, der elf Jahre älter war. Benz erhielt 8000 Baht Antrittsprämie, gut 200 Euro, aber er verlor. Seitdem hat er keinen größeren Kampf mehr bekommen. Zumindest habe er mal im Hotel schlafen können, im Einzelzimmer, sagt er: "Luxus".

In Hua Hin schläft Benz zusammen mit seinem Bruder und den vier anderen Jungen in einem fensterlosen Raum mit drei löchrigen Matratzen, drei wackeligen Schränken und einem Regal, in dem eine Dose Rattengift steht.

Die Jüngeren im Boxcamp stören sich nicht an diesem Leben. Sie sind stolz, Thaiboxer zu sein und in einem Camp mit gutem Ruf trainieren zu dürfen. Wenn sie über Biau sprechen, den Mann, der ihnen ein Zuhause geschenkt hat, nennen sie ihn "Papa". Fragt man sie, wofür sie kämpfen, sagen sie: "für Papa".

Um den Kindern Essen und Kleidung kaufen zu können, steigen Biau und sein Halbbruder jeden Morgen auf zwei Jetski und ziehen Touristen auf einem Bananenboot übers Meer. Doch das Geschäft lahmt, seit vergangenen August im Zentrum von Hua Hin und im Süden des Landes mehrere Bomben explodiert sind. Das Geld aus den Kinderkämpfen ist deshalb noch wichtiger geworden. Biau verwahrt es in einer abgegriffenen Gürteltasche aus Kunstleder, die er um seine Brust geschnallt hat, wie einen Talisman. Kinderschutzorganisationen nennen das Preisboxen "Ausbeutung Minderjähriger". Biau nennt es "sich um die Familie kümmern".

Mindestens 800.000 Minderjährige schaffen in Thailand als Prostituierte an, Hunderttausende Waisenkinder arbeiten für Drogenbanden. Boxcamps sind für Kinder eine Alternative jenseits der Kriminalität.

Zweieinhalb Stunden vor dem Kampf zündet Bank ein Dutzend Räucherstäbchen an, er geht auf die Knie und betet vor einem abgewetzten Sandsack für sich und seinen Gegner. Hinter ihm liegt auf einem Holztisch ein buntes Arbeitsheft. Darauf steht in rot-blauen Druckbuchstaben: "Express English".

Bank mag die Schule nicht. Dort muss er still sitzen, was er schlecht kann. Gerade wiederholt er die vierte Klasse. Wenn er an der Tafel das thailändische Wort für "Himbeere" schreiben soll, hofft er, dass ihm die Mädchen in der ersten Reihe die Buchstaben zuflüstern. Seine Tante sagt, Schuld an der Schreibschwäche sei die Frühgeburt. Banks Klassenlehrerin meint, er übe zu wenig und fehle oft: "Thaiboxen wird wohl seine einzige Chance bleiben, Geld zu verdienen."

Bank sagt, er träume davon, einmal so gut zu werden wie Buakaw Banchamek, den sie in Thailand verehren wie einen Popstar. Der Thaiboxer stammt aus einer armen Bauernfamilie und bekommt für einen Kampf 32.000 Euro. Er hat Millionen Klicks auf YouTube, er ist Filmstar und hat selbst eine Boxschule gegründet.

Biau glaubt, dass sein Sohn einmal Profi wird und es nach Bangkok schafft. Er ermahnte ihn, in der Schule nichts vom Thaiboxen zu erzählen, das gebe nur Ärger. Bank erzählte es trotzdem. In der zweiten Klasse schlugen ihn drei Mitschüler, sie wollten testen, was er kann. Bank verprügelte alle drei. Am Ende musste sich Biau vor den Eltern der Jungen rechtfertigen. Er verstand das Theater nicht. In seiner Welt kämpft man nicht drei gegen einen.

Eine Stunde vor dem Kampf hockt Bank in der Boxhalle in Hua Hin auf einer Matte und streckt seinem Trainer die Arme entgegen. Der bullige Mann mit dem Oberlippenbart zieht vier Rollen Mullbinden und zwei Rollen Tape aus einem Rucksack und beginnt, Banks Fäuste und Handgelenke zu bandagieren. "Fest genug?", fragt er. "Sitzt", antwortet Bank.

Knochenbrüche sind beim Thaiboxen nicht ungewöhnlich. Bank hat sich noch nie ernsthaft verletzt. Die einzige Narbe auf seinem Körper stammt von einem Sturz mit dem Fahrrad, sie zieht sich über seine Oberlippe. Sportärzte sagen, das Gefährlichste beim Muay Thai seien die Schläge auf den ungeschützten Kopf. Ein Medizinerteam aus Bangkok hat herausgefunden, dass die Gehirne von Kindern aus Boxcamps teilweise aussehen wie die von Verkehrsunfallopfern. Die Kampfkinder haben Probleme, sich Dinge zu merken.

Um 21.30 Uhr hämmert in der Boxhalle Techno aus zwei mannshohen Stereoboxen, die ersten Zuschauer setzen sich an die Tische um den Ring. Darunter sind braun gebrannte Touristen, Fünfzig- bis Sechzigjährige in Hawaiihemd oder Leopardenkleid, die für ein Ticket 1000 Baht bezahlt haben, umgerechnet 26,50 Euro - zehnmal so viel wie die Thailänder. Mit verschränkten Armen sitzen sie auf Plastikstühlen und nippen ungeduldig an ihrer Bierflasche. Sie wollen etwas geboten bekommen für ihr Geld.

Das Programm für diesen Abend steht schwarz-weiß gedruckt auf einem kleinen Flyer: Namen und Fotos der Kämpfer für neun Begegnungen, die Hälfte von ihnen sind Jungen und Mädchen im Alter zwischen 8 und 15 Jahren. Eine Altersbeschränkung gibt es nicht, die Eltern müssen nur eine Einverständniserklärung unterschreiben. Gemacht hat das hier keiner.

Banks Trainer kneift die Augen zusammen, er überprüft das Foto des heutigen Gegners auf dem Flyer. Es kann vorkommen, dass die andere Ringecke heimlich ihren Kämpfer gegen einen größeren, schwereren tauscht, erzählt er. "Wo gemogelt werden kann, wird gemogelt." Diesmal hat er keine Bedenken.

Bevor der Ringsprecher den ersten Kampf ankündigt, erklingt die Nationalhymne. Alle in der Boxhalle erheben sich, starren auf das riesige Porträtfoto des kürzlich verstorbenen Königs Bhumibol, das unter der Hallendecke hängt. Bank springt vor einem Spiegel von einem Bein aufs andere und boxt gegen sich selbst.

Thai­bo­xer Benz
Sandra Hoyn / DER SPIEGEL

Thai­bo­xer Benz

Kurz nach 22 Uhr steigt Bank in den Ring, sein Körper glänzt vom Öl. Es soll die Durchblutung fördern. Aus den Lautsprechern dudelt eine Oboe, sie klingt wie die Töne von Schlangenbeschwörern. Die Luft ist warm und verbraucht. Bank weiß: Wenn er heute verliert, verlieren auch sein Vater, der Trainer, die Freunde, alle, die auf ihn Geld gesetzt haben. Verlieren ist keine Option.

Bank tritt aus der roten Ecke in die Ringmitte, zwischen seinen Lippen blitzt der Mundschutz, er verbeugt sich, führt den Wai Khru Ram Muay auf, einen traditionellen Tanz zu Ehren seines Trainers. Um den Kopf trägt er den Mongkon, ein Stirnband, das ihm einen Sieg schenken soll.

Banks Gegner ist aus Kanchanaburi angereist, einem Ort, etwa 230 Kilometer nordwestlich von Hua Hin. Sein Kampfname lautet "Pornmongkol" und bedeutet so viel wie "Geschenk Gottes". Er ist ebenfalls 35 Kilogramm schwer, mit 1,58 Meter drei Zentimeter größer. Sein Trainer sagt: "Wir sind gekommen, um zu siegen."

Die Regeln für Kinderkämpfe sind dieselben wie für Erwachsene. Geboxt wird maximal fünf Runden à drei Minuten, bewertet von drei Punktrichtern. Erlaubt ist alles außer Spucken, Haarereißen, Beißen, Kopfstöße und Schläge oder Tritte in die Genitalien.

"Den packst du", sagt der Trainer und massiert Bank den Nacken. Der Junge steht regungslos da, der Schweiß perlt über sein Gesicht. Später wird er sagen, er habe sich in dem Moment vorgestellt, wie er den anderen "umhaut".

Der Ringrichter gibt den Kampf frei. Bank und sein Gegner tänzeln umeinander herum, ihre Köpfe reichen kaum über das oberste Ringseil. Am äußersten Rand des Rings kauert ein dünner Mann mit Ziegenbart und gibt der Gruppe brüllender Männer hinter sich wilde Handzeichen, die nur sie verstehen. Es sind die Zeichen, die das Wettgeschäft regeln.

Die Anzahl der Finger bestimmt die Höhe des Wettbetrags und die Quote. Wer 1000 Baht auf Bank setzt, kann nur 300 Baht gewinnen, etwa acht Euro. Der Grund für die schlechte Quote ist simpel: Die Männer wissen, dass Bank härter tritt als sein Gegner. Sie begleiten jeden seiner Schläge mit einem lauten "Oii".

Die Männer erzählen, sie seien besessen vom Wetten - "wie alle Thailänder". Sie tippen am liebsten auf Kinderkämpfe, "weil die unberechenbarer sind", sagen sie, "ehrlicher".

Keinen von ihnen interessiert, dass Wetten im Land seit 1935 offiziell verboten ist. Weil es die Behörden auch nicht interessiert. Und so wandern in der Boxhalle in Hua Hin zügig die Geldscheine durch die Reihen. Mittendrin steht Banks Vater Biau und nimmt einen tiefen Zug von seiner Zigarette. Er hat 2000 Baht auf seinen Sohn gesetzt.

Bank provoziert von der ersten Minute an. Immer wieder klopft er sich auf die linke Schulter, um dem Jungen in der blauen Hose zu sagen: Komm, schlag mich doch. Aber die blaue Hose schlägt nur halbherzig. Kurz vor Ende der ersten Runde hat Bank genug vom Abtasten, marschiert auf seinen Gegner zu und knallt ihm den linken Fuß gegen den Kopf. Der Schweiß spritzt, ein lautes "Uuuhhh" geht durch die Boxhalle.

In der Kampfpause greift der Trainer Bank mit beiden Armen um die Brust und wuchtet ihn kurz nach oben, damit er seine Beine ausschütteln kann. Als Bank wieder steht, brüllt er ihn an: "Du musst mehr tun, sonst kommt der noch."

Ge­win­ner Bank beim Einsam­meln des Trinkgelds
Sandra Hoyn / DER SPIEGEL

Ge­win­ner Bank beim Einsam­meln des Trinkgelds

Drei weitere Runden braucht Bank, um seinen Gegner mürbezumachen. Überfallartig tritt er ihm mit dem Schienbein gegen Oberschenkel und Wade. Er klammert und stößt dem anderen dabei abwechselnd die Knie in die Rippen, sodass man sich fragt, was Knochen eigentlich aushalten.

In der fünften Runde trifft Bank seinen Gegner mit dem Fuß unter der Gürtellinie. Der sackt zusammen, kniet auf dem Ringboden, das Gesicht schmerzverzerrt. Der Ringrichter unterbricht den Kampf, ermahnt Bank und schickt ihn in die Ecke.

Eine Minute später zwingt Bank den Jungen mit zwei kurzen, gezielten Tritten gegen die linke Wade erneut in die Knie. Der Ringrichter bricht den Kampf ab, Bank gewinnt durch technischen Knock-out. Die Menge johlt, beklatscht den Sieger, der dreckig gesiegt hat. Aber das interessiert niemanden.

Noch während sein Gegner am Boden liegt, fällt Bank vor ihm nieder, verbeugt sich, zollt ihm Respekt. Danach bekommt er von seinem Trainer einen 100-Baht-Geldschein zwischen die Lippen geklemmt. Eine symbolische Aufforderung an die Zuschauer, es ebenso zu tun.

Erschöpft schleicht Bank durch die Stuhlreihen der Touristen, um Trinkgeld einzusammeln. 1000 Baht kassiert er, noch einmal so viel wie das Preisgeld. Das meiste davon muss er an seinen Vater abgeben, der davon auch den Trainer bezahlt.

Bank wünscht sich ein Fahrrad, aber daraus wir so schnell nichts. Biau baut ein neues Boxcamp außerhalb der Stadt mit modernen Fitnessgeräten und einem größeren Zimmer für die Kinder. Neulich sind die Arbeiter von der Baustelle abgehauen mit dem Lohnvorschuss von 100.000 Baht, rund 2650 Euro.

"Money, money, money", sagt Biau, nie habe er genug davon. Bank, Benz und die anderen Jungs werden noch eine ganze Weile kämpfen müssen.

In Thailand treten schon Kinder gegeneinander an und boxen um ihre Zukunft - sehen Sie im Video, wie die Kämpfer trainieren

Sandra Hoyn / Der Spiegel

Über den Autor: Matthias Fiedler, Jahrgang 1984, ist seit 2013 freier Mitarbeiter des SPIEGEL, er war beeindruckt von der Disziplin der Kinder im Boxcamp. Jeden Morgen um 4.50 Uhr klingelte der Wecker, dann ging es zum Joggen. Der Trainer rannte nicht mit, sondern fuhr auf einem Motorroller nebenher. Auch um mit der Hupe die bellenden Straßenhunde zu vertreiben.



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stefan.p1 24.02.2017
1. Wieso setzen Eltern ihre Kinder dieser Gefahr aus?
Weil die Kinder es wollen! Vergleichbar mit Fußballer in Deutschland sind die Vorbilder der Thais Kampfsportler. Und genauso wie in Deutschland, wo Sonntags auf dem Platz die fanatischen Eltern ihre Kinder beim Fußball bis zur Erschöpfung antreiben, gibt auch in Thailand Eltern die es mit der "Sportförderung" ihrer Sprösslinge übertreiben. Und ob ein scharf geschossener Ball an den Kopf ungefährlicher als ein Ellbogenchek ist möchte ich hier mal bezweifeln.
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