AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 37/2017

Die Autobiografie, ein Roman Wie Thomas Middelhoff sein Leben umdichtet

Was für eine Karriere, was für Absturz: Thomas Middelhoff, einst Topmanager, heute Häftling, hat seine Autobiografie verfasst. Er stellt sich darin selbst ein Bombenzeugnis aus - und nennt es Demut.

Angeklagter Middelhoff 2014 vor dem Landgericht Essen: Schreckenswort "Saalverhaftung"
DPA

Angeklagter Middelhoff 2014 vor dem Landgericht Essen: Schreckenswort "Saalverhaftung"

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Ein Mann hat Zeit. Sehr plötzlich sehr viel Zeit. Kein Termin. Kein Wagen wartet, kein Jet. Er war ein Getriebener in der Welt der Gier, der Wirtschaft und des Geldes. Jetzt ist er hier in dieser Zelle ganz mit sich allein. Und da erinnert er sich an den jungen Mann, der er vor vielen Jahren war, und an den Traum, den er damals hatte: Schriftsteller zu werden. "In diesen Träumen sah ich mich in einem kleinen irischen Landhaus an einem Manuskript arbeiten, mit allem, was zu einer solchen jugendlichen Vorstellung dazugehört - inklusive Kaminfeuer und treuem Jagdhund zu meinen Füßen."

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 37/2017
Die Berliner Ruhe trügt - in Deutschland brodelt es

Jetzt ist er 61, und sein Traum geht in Erfüllung. Ohne Irland, ohne Kaminfeuer, ohne Hund. Dafür mit Ameisen und Einsamkeit und jeder Menge Zeit.

Dies ist die Geschichte vom Fall des Thomas Middelhoff, von ihm selbst erzählt. Sie trägt den Titel "A115 - Der Sturz" (Thomas Middelhoff: "A115 - Der Sturz". Langen Müller; 320 Seiten; 24 Euro.). Middelhoff, erst Chef von Bertelsmann, dann Chef von Karstadt, das er in Arcandor umbenannte, verurteilt wegen Untreue in 27 und Steuerhinterziehung in 3 Fällen. Nun sitzt er in einer Zelle im Gefängnis in Essen: A115. Die Nummer der Zelle ist der Titel des Buches. Dieses Buch ist - vor allem in den Passagen, die die Gründe für diesen Fall behandeln - mit großer künstlerischer Freiheit und Erfindungskunst geschrieben. Das macht es für Tatsachensucher und radikale Sachbuchleser weitgehend uninteressant. Für Freunde der Fiktion ist es dagegen sehr interessant.

Denn erstens ist die Figur Thomas Middelhoff ja längst schon deutsche Literaturgeschichte geworden, in dem nur wenig verschlüsselten Schlüsselroman des Schriftstellers Rainald Goetz, "Johann Holtrop", der 2012 erschienen ist und in dem Aufstieg und Fall des Megastars der deutschen Wirtschaft als erbarmungsloser Kältereport geschildert wird.

Dass dieser Mann - Holtrop/Middelhoff - eigentlich ein Schriftsteller ist und früh von einem literarischen Leben träumte, das schrieb auch Goetz damals schon: "Im Inneren seiner Träume sei er immer auch Schriftsteller geblieben", heißt es in "Johann Holtrop". Und dass dieser Mann in der Literatur, in der Kunst das Radikale, das Schöpferische, das Zerstörerische, das Experimentelle gesucht habe und dass ihm aber früh bewusst geworden sei, "dass es mit der Radikalität der Kunst auch gar nicht so weit her sei, wie er sich das in seiner Jugend vorgestellt hatte. Dann habe er die Radikalität in der Welt der Wirtschaft gesucht und gefunden, habe alle Energien darauf geworfen, sich diese Welt zu erobern".

Der Roman erschien zwei Jahre vor dem endgültigen Absturz des Thomas Middelhoff in einem Essener Gerichtssaal im November 2014. Ausgangsmoment von Middelhoffs eigenem Lebensbericht. Man kann wohl sicher sein, dass er den Roman über sich als Johann Holtrop gelesen hat. In seinem Lebensroman erwähnt er das Buch leider nicht. Aber natürlich ist Middelhoffs Buch neben vielem anderen auch ein Gegenbuch zu Goetz.

Es ist der verzweifelte Versuch, die Macht über sein Bild wiederzuerlangen. Er, "der meistgehasste Manager in Deutschland", wie er sich selbst, die Presse zitierend, gern nennt, will die Welt mit einem neuen Middelhoff bekannt machen. Er will ein neues Bild von sich schaffen. Es ist ein literarisches Projekt.

Dass er im Grunde immer schon eine literarische Figur gewesen ist, das weiß er selbst und schreibt es auf: "Jahrzehntelang bin ich um den Globus gejagt - auch mir selbst hinterher. Ich suchte wie ein Abhängiger die Anerkennung der Medien, den Zuspruch des Mentors, das Lob des Eigentümers. Das Bild von mir, das ich bei anderen oder in der Öffentlichkeit zeichnen wollte, hatte nichts mehr mit dem Menschen zu tun, der ich eigentlich bin."

Ein Mann hat früh ein Bild von sich entworfen, verwandelt sich diesem Bild an, tut alles dafür, die Welt von diesem Selbstbild zu überzeugen - und muss dann erleben, wie dieses Bild ohne ihn weiterlebt. Wie es sich in die Lüfte erhebt, von selbst fliegt, geliebt, gehasst, vor allem von sich selbst geliebt. Er war der Protagonist seiner Zeit, grenzenlos ichverliebt - und es sind die besten Passagen des Buches, in denen er das selbst erkennt: "In der Abgeschiedenheit meiner Zelle erkannte ich, was ich geworden war: ein Narzisst, dessen Handeln in vielerlei Hinsicht hedonistisch bestimmt war. Schritt für Schritt hatte ich mich selbst dabei verloren. Die Person, die mit zunehmender medialer Präsenz aufblühte und deren öffentliches Bild ich in den guten Jahren so sehr geliebt hatte, war nicht mehr ich selbst."

Von Middelhoff genutzte Villa (2009)

Von Middelhoff genutzte Villa (2009)

Er nennt es selbst ein Gift. Er war ein Vergifteter, ein Süchtiger. Ein Junkie. Ein Abhängiger von dem immer noch irrwitzigeren Bild, das er von sich selbst zeichnen lassen wollte. "Wie ein Abhängiger" sei er seinem glanzvollen Image "hinterhergejagt und habe mich schließlich selbst vergiftet".

Das Buch, das Middelhoff schreibt, ist im Grunde ein klassischer Bildungsroman. Die lange Reise eines Mannes zu sich selbst. Und so viel er auch klagt und jammert und sich ermüdend lange und detailverliebt immer wieder selbst rechtfertigt und darauf beharrt, dass er im Grunde wegen nichts verhaftet wurde, wegen einer Verschwörung, Hämebereitschaft der Gesellschaft, Neid, Dummheit und des SPIEGEL (siehe Seite 130), so genau weiß er doch in den hellen Teilen des Buches, dass er im Grunde dankbar ist. Das, was er sich mit dem Schreckenswort "Saalverhaftung" immer wieder als Bruchsekunde seines Lebens in Erinnerung ruft, das war, im literarischen Sinne, der Moment der Erweckung. Beginn der Bildungsreise.

Die jedoch zunächst vom Himmel direkt in die Hölle führt. Der Anfang des Buches ist genial. So geht es los: "Freitag, 14. November 2014, 5.50 Uhr. Es ist noch still im Haupthaus an diesem frühen Herbstmorgen, friedlich still, das Dunkel der Nacht liegt noch über dem Park, dem Bürohaus und dem Reiherbach, nur schemenhaft kann man in der Ferne die Stallungen erkennen." Hören Sie das? Das leise Murmeln des Reiherbachs. Sehen Sie den Park, in der Ferne die Stallungen, so fern, dass wir nur ihre Schemen sehen? Was für ein Park. Diese Stille.

Als er, der König dieses Reichs, von oben herabkommt, ist die Bühne schon für ihn bereitet: "Als ich die offene Küche betrete, ist die Familie schon an dem langen Holztisch vor der Fensterfront zum Park versammelt, jeder an seinem angestammten Platz."

Frühstück. Draußen der wartende Wagen. Der Fahrer. Die Zeitungen liegen bereit. Die Akten für die Fahrt. Die Fahrt zum endgültigen Freispruch.

Und dann geschieht: Schuldspruch. Drei Jahre Haft. Fluchtgefahr. Saalverhaftung. Scham. Schande. Weg mit dem Mann. Es geht eine Wendeltreppe hinab, "die mich in die Tiefe führt". Das BlackBerry darf nicht mehr benutzt werden. Der Kontakt zur Welt. Es sind die Sekunden, in denen Thomas Middelhoff sein eigenes Leben verschwinden sieht. Taschen leer, darin ein silberner Stift "mit zarter Gravur", 80 Cent und der Personalausweis.

Die Verzweiflung, die Angst, die Einsamkeit - er beschreibt das präzise und selbstschutzlos.

Schließlich - vielleicht der dramatischste Moment nach dem Verlust des BlackBerry: das Verschwinden der Manageruniform. Melancholisch, fast zärtlich verabschiedet sich der Stürzende von seiner Rüstung: "Meine Anzugjacke lege ich sorgfältig auf einen kleinen, weiß gekachelten Mauervorsprung. Der Häftling greift nach ihr und stopft sie in einen großen blauen Müllsack. Krawatte und Hemd folgen, und mir ist, als würde mir mit jedem Kleidungsstück auch ein Stück meiner Identität und meiner Ehre genommen."

Von Middelhoff genutzte Jacht (2009)

Von Middelhoff genutzte Jacht (2009)

Middelhoff fährt ein. Der Leser folgt ihm interessiert und staunend. Es ist ja wirklich eine unglaubliche Geschichte, dieses sekundenplötzliche Verlieren von allem. Die Verzweiflung, die Angst, die Einsamkeit - Middelhoff beschreibt das präzise, selbstschutzlos und klar. Der erste Blick in die Zelle. Das Entsetzen. Der Blick aus dem Zellenfenster. Der erste Gang auf dem Hof. Die Angst, erkannt zu werden. Der Respekt einiger Mitgefangener, dass so ein Superverbrecher, den sie regelmäßig im Fernsehen sehen, jetzt bei ihnen auf dem Gang lebt. Dann aber auch schon schnell die Angst vor einigen Mithäftlingen, den verschiedenen Herkunftsgruppen, die ihm "Schutz" anbieten. Als ihm ein paar Leute zu viel "Schutz" angeboten haben, beschließen die Vollzugsbeamten, ihn besser am Hofgang gar nicht mehr teilnehmen zu lassen. Das gemeinsame Duschen. Der Ekel. Immer wieder auch seine Eitelkeit, die langsam, langsam versiegt. Das erste Wochenende ohne Kamm. Der verzweifelte Versuch, irgendwie an einen Kamm zu kommen. Die erste Rasur mit einem Einwegrasierer. Immer wieder der Blick in den Spiegel und das immer neue Entsetzen: "Oh, mein Gott!"

Sein erster Friseurbesuch im Knast. Immer war er besessen von seiner Frisur, der perfekt sitzenden Frisur. "Man mag mir sicherlich in einigen Fällen zu Unrecht Eitelkeit unterstellt haben, in dieser Hinsicht indes bekenne ich mich zu einem gewissen Perfektionsstreben." Sein Leben lang war er "einem Düsseldorfer Salon treu" gewesen, bevor er zu einem Bielefelder Friseur wechselte, "der Senior soll einst Liz Mohn frisiert haben". Jetzt wird ihm ein Mann irakisch-tschetschenischer Abstammung aus Block C empfohlen. Block C, das ist der Block für Pädophile. Der Mann heißt Achmed und lehnt schon an der Zellentür, als Middelhoff ihn aufsucht. Der Kunde erläutert detailliert seine Vorstellung von einem perfekten Haarschnitt. Leider kann der Meister kaum Deutsch. Ein Spiegel scheint am Arbeitsplatz auch nicht bereitzustehen. Als Middelhoff in seine Zelle zurückkehrt, ruft ihm ein JVA-Mitarbeiter zu: "Als Friseur ist der eine Null." Ein anderer sagt nur entsetzt: "Oh - mein - Gott!"

Es gibt einige lustige Stellen dieser Art im Buch, einige, die sogar von Selbstironie des Autors zeugen, einige tragische, einige verrückte, anrührende. Aber wann immer man bereit scheint, so ganz mit dem Protagonisten bei seinem Sturz in den Abgrund zu fühlen, reißt er das Bild wieder ein. Er vergleicht seine Situation allen Ernstes mit der des Theologen Dietrich Bonhoeffer in dessen Todeszelle in der Nazizeit, erkennt Parallelen zwischen dem NS-Justizsystem und dem im heutigen Deutschland. Das regelmäßige Anschalten des Lichts nachts in seiner Zelle erinnere ihn an die Foltermethoden von Guantanamo. Nein, schlimmer, selbst in einem anderen US-Gefängnis seien diese Methoden nach Beschwerden in der Öffentlichkeit sofort eingestellt worden. "Auf so viel Verständnis hoffen Vertreter der deutschen Wirtschaft indes vergeblich."

Auch im Leiden ist der Größenwahn des Thomas Middelhoff ungebrochen. Er war der Superman der deutschen Wirtschaft. Nun ist er ihr Schmerzensmann. Wenn er Mithäftlingen Geschenke zu Weihnachten macht, ist die Dankbarkeit der Beschenkten die allergrößte: "Doch der einsame und zugleich so dankbare Blick des jungen Fabio wird mir als mein Geschenk unvergessen bleiben."

Ex-Manager Middelhoff im Gericht 2014: Im Großsein der Größte
DPA

Ex-Manager Middelhoff im Gericht 2014: Im Großsein der Größte

So oft denkt man beim Lesen: Schenken Sie doch mal was Kleines, ohne es uns stolz zu präsentieren. Und das ist nicht vor allem ein persönlicher, sondern ein literarischer Einwand. Das Büßergewand, das er pflichtgemäß trägt (obwohl er sich keiner Schuld bewusst ist), die Befreiung von den materiellen Gütern dieser Erde, seine Arbeit mit den Menschen in Bethel, die er im Ernst "meine Behinderten" nennt. Er war im Großsein der Größte. Und im Kleinsein versucht er, es auch zu sein. Das ist naturgemäß etwas schwieriger.

Ein Mann stellt sich selbst ein Bombenzeugnis aus und nennt es Demut.

Der neue Anzug passt noch nicht. Immerhin merkt er es immer wieder selbst. Das ergibt dann wirklich geniale Stellen im Buch. Einmal beim Duschen. Das ist die bedrohlichste Situation für den schmalen Herrn zwischen den Muskelhäftlingen. Er versucht, ganz, ganz still zu sein. Einmal, ein einziges Mal, schafft er es nicht. Die Männer reißen Judenwitze. "Witz" schreibt Middelhoff in Anführungszeichen, um zu markieren, dass hier der Spaß für ihn aufhört. Er schreitet ein. Muskelknackis glauben, sie hören nicht richtig. Doch der schmale Herr beharrt auf seinem Einspruch: "Du hast mich richtig verstanden. Solange ich im Raum bin, wirst du nicht solche Witze über Juden reißen." Versteinerte Mienen. Kopfnicken zu den Kollegen. Middelhoff: "Sie werden mich jetzt zusammenschlagen, alle fünf, vielleicht noch mehr, aber meine christlich geprägten Werte und Prinzipien sind nicht verhandelbar. Im Jahr 2000 verlieh mir die United Jewish Association als erstem Deutschen eine Auszeichnung für besondere Verdienste um die jüdische Gemeinschaft in den Vereinigten Staaten."

Der Orden verpflichtet. In letzter Not, so schreibt Middelhoff, wird er von einem Vollzugsbeamten aus der Dusche geführt.

Es hätte ein spannungsreiches, dramatisches, bei allem literarischen Erfindungsreichtum ehrliches Buch werden können. Aber der Wille des Autors, dem eiskalten Monsterbild, das Goetz von ihm gezeichnet hat, und dem Neid- und Hassbild, das in der Öffentlichkeit von ihm existiert, ein weitgehend widerspruchsfreies Wärmebild entgegenzusetzen, ist menschlich ebenso verständlich wie dramaturgisch uninteressant. Ein Mann stellt sich selbst ein Bombenzeugnis aus und nennt es Demut: "Ich kenne die Fallstricke, die Eitelkeit zu knüpfen vermag, sie werden mich nicht mehr fesseln."

So ist das mit Fallstricken - sie fesseln nicht. Sie lassen einen stürzen. Manchmal enthalten schiefe Bilder unerwünschte Wahrheiten. In "Johann Holtrop" schreibt Goetz: "Holtrop hatte natürlich kein Gespür dafür, dass das Porträt, das ihn so übertrieben positiv zeigte, auf andere Leute verlogen, penetrant oder gar richtig abstoßend wirken, ihm dadurch insgesamt sogar schaden könnte."



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